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Correspondence Bias – Jemand muss ja schuld sein

on 7. Dezember 2013

Es ist 7 Uhr morgens, man ist unterwegs zur Arbeit oder zur Universität und der Pendelverkehr in vollem Gange. Die Verhaltensregeln sind mehr oder weniger bekannt und doch geschieht es immer wieder einmal: Beim Aussteigen wird man unsanft angerempelt. „So eilig kann es kein Mensch haben, als dass er so wenig Rücksicht nehmen kann – was für eine aggressive und rücksichtslose Personl!“, schliesst man rasch.

Wir erklären das Verhalten anderer Menschen meist damit, dass diese gemäss ihrer Persönlichkeit und ihren Einstellungen handeln, dass ihr Verhalten also mit ihrer Persönlichkeit korrespondiert, anstatt dass wir das Verhalten als Resultat der spezifischen Situation deuten, in der sich diese Menschen befinden.

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Die Tendenz, menschliches Verhalten internal (also aufgrund ihrer Persönlichkeit) anstatt external zu attribuieren, wird als Correspondence Bias bezeichnet – ein Bias unter vielen. Dieser Tendenz liegt zugrunde, dass Menschen externale bzw. situative Einflüsse auf das Verhalten anderer systematisch unterschätzen. Sie ist so ausgeprägt, dass sie auch als „fundamentaler Attributionsfehler“ bezeichnet wird.

Castros Cuba

In einem berühmten Experiment von Edward Jones und Victor Harris aus dem Jahre 1967 – zur Zeit des kalten Krieges – wurden Studierende einer Einführungsveranstaltung des Psychologiestudiums dazu aufgefordert, einen von einer/m Mitstudierenden verfassten Essay über die Bedeutung Fidel Castros für Kuba („Castros Cuba“) zu lesen. Anschliessend wurden sie angewiesen, auf einer Skala die vermutete wirkliche Meinung der Essay-AutorInnen über Castro anzugeben. In der Experimentalgruppe wurde den Versuchspersonen mitgeteilt, dass die AutorInnen in ihrer Position frei waren. Sie konnten also gemäss ihrer wirklichen Meinung schreiben. Dementsprechend fiel es den Versuchspersonen leicht, zu erkennen, welche Meinung die AutorInnen vertraten.

Für die Kontrollgruppe änderte sich eine Bedingung grundlegend: Den Versuchspersonen wurde mitgeteilt, dass den AutorInnen eine zufällig zu vertretende Position zugewiesen wurde. Ihre eigene Haltung deckte sich als gegebenenfalls nicht mit der Position, die sie im Essay vertraten. Die Resultate waren schockierend. Obwohl die Versuchspersonen wussten, dass den AutorInnen gesagt wurde, welche Meinung sie in den Texten zu vertreten hätten, nahmen sie auch hier mehrheitlich an, der im Text vertretene Standpunkt entspreche der tatsächlichen Haltung der AutorInnen. Sie attribuierten deren Verhalten wider besseres Wissen internal!

Aus der Sozialpsychologie weiss man, dass soziale Situationen einen grossen Einfluss auf das Verhalten der Menschen haben können. Dennoch unterschätzen wir externale Einflüsse selbst dann, wenn sie offensichtlich sind.

Ursachen

Die Ursache bleibt im Dunkeln, doch das Ergebnis ist bekannt.

Ovid

Ein Grund für den Correspondence Bias ist die Richtung unserer Aufmerksamkeit. Wenn wir eine Verhaltensweise interpretieren, richtet sich unsere Aufmerksamkeit unmittelbar auf die Person. Dabei bleiben situative Ursachen für das Verhalten der Person (etwa Geschehnisse des Tages, familiäre Umstände, gesundheitliche Einschränkungen) oft unberücksichtigt, weil sie meist kaum ersichtlich sind. Aber selbst wenn sie es sind und wir sie in unser Urteil einbeziehen wollten, so könnten wir doch kaum ihren Einfluss auf die handelnde Person einschätzen, der überdies oft individuell unterschiedlich ist. So machen wir es uns einfach und fokussieren nur auf die Person, die dann meist schlecht wegkommt. Jemand muss ja schuld sein.

Bei Verhaltensattributionen wird entsprechend der Ankerheuristik zuerst von einem persönlichkeitsbedingten Verhalten der Person ausgegangen. Es wird ein Zweiphasen-Prozess durchlaufen, bei dem zuerst das Verhalten der handelnden Person internal attribuiert wird und dann entsprechend der Situation, soweit bekannt, angepasst wird. Bei Ablenkung, fehlender Motivation oder etwa Müdigkeit bleibt dieser zweite Schritt häufig aus. Da nun der Anker bereits gesetzt ist und die Attribution nicht angepasst wird, führt dies häufig zu einer, mitunter extremen, internalen Attribution, dem Correspondence Bias.

Mögliche Folgen

In der Fehlerforschung zur Untersuchung und Prävention von Unfällen (z.B. Arbeitsunfälle, Verkehrsunfälle) ist der Correspondence Bias ein Hindernis dafür, die Unfälle nach einer systemischen Sichtweise zu beurteilen. Ein systemischer Ansatz wäre aber wichtig, weil er es ermöglicht, alle relevanten Faktoren für geschehene oder mögliche zukünftige Unglücke zu berücksichtigen.

Auch in anderen Bereichen, wie etwa in der Geschichtswissenschaft, kann der Correspondence Bias eine systemische Perspektive behindern, was in Kombination mit dem Rückschaufehler besonders problematisch ist. In Geschworenenprozessen kann er dazu führen, dass Angeklagte (zu Unrecht) zu einer (zu) hohen Strafe verurteilt werden, insbesondere wenn sie perzeptuell salient sind.

Kehren wir schliesslich zum flegelhaften Pendler zurück: Es mag sein, dass diese Person wirklich ein durch und durch aggressiver und rücksichtsloser Mensch ist. Vielleicht hatte er es aber nur sehr eilig oder es ging ihm nicht besonders gut – Gründe, wie sie die meisten von uns hin und wieder zu einem sozial negativen Verhalten verleiten. Möchten wir dann für eine schlechte Person gehalten werden?

Quellenangabe
Aronson, A., Wilson, T.D., Akert, R.M. (2008). Sozialpsychologie. München: Pearson.
Badke-Schaub, P., Hofinger, G., Lauche, K. (2012). Human Factors: Psychologie sicheren Handelns in Risikobranchen. Berlin Heidelberg: Springer.
Gilbert, D.T. & Malone, P.S. (1995). The Correspondence Bias. Psychological Bulletin 1, 21-38.
Jones, E.E., Harris, V.A. (1967). The Attribution of Attitudes. Journal of Experimental Social Psychology 3, 1-24.