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Zum GBS-Projekt Sentience Politics: Lieber Beda Stadler!

on 31. März 2014

Der vorliegende Post stellt das GBS-CH-Projekt Sentience Politics vor, bettet es im Themen- und Positionenspektrum der GBS ein und äussert sich allgemein zum Ansatz und zu den Zielen der GBS als Think Tank sowie als gesellschaftlich-politischer Akteur. Er ist zugleich ein offener Brief an Professor und GBS-Beiratsmitglied Beda Stadler, der sich gegenüber der Basler Zeitung und in der NZZ am Sonntag zum Projekt Sentience sowie zur GBS Schweiz geäussert hat.

sentience politics

  1. Lieber Beda!
  2. Tierrechte in der GBS
  3. Allgemeiner: Politische Rationalität in der GBS
  4. „Das Verhalten der Mehrheit ändern“?
  5. „Religiöser Eifer“?
  6. „Verbotskultur“?
  7. Selbst-Nudging für mehr Freiheit!
  8. „Lustfeindlichkeit“? Nein: Lust für alle!
  9. Das Ziel der GBS: Heidenspass statt Höllenqual für alle im Diesseits!

1. Lieber Beda!

Vielen Dank für deine Inputs zum Projekt Sentience sowie zur GBS Schweiz allgemein – wir hoffen, dass sich daraus eine ebenso rationale wie anregende Debatte ergibt!
Du bezeichnest die GBS Schweiz als „unabhängig von der eigentlichen [deutschen] Stiftung und eine Art Fanclub“. Naja: Wie du weisst, sind wir rechtlich in der Tat als unabhängiger (gemeinnütziger) Verein organisiert, vertreten die GBS hierzulande aber dennoch offiziell.

Dein Statement diente dazu, das aktuelle Ziel von Sentience Politics – weniger Fleisch, mehr Pflanzliches – und die Gründe dahinter zu relativieren und sie von der deutschen Stiftung und deiner Person etwas zu distanzieren. Diese Gründe sind insbesondere (vgl. das Sentience-Positionspapier): Klimawandel, Ressourceneffizienz (besonders hinsichtlich des Welthungers und der globalen Wasserknappheit), Gesundheit sowie Tierwohl und Tierrechte.

2. Tierrechte in der GBS

Bleiben wir zunächst bei den Tierrechten: Die deutsche GBS hat das Great Ape Project (GAP) im deutschen Sprachraum lanciert. Es fordert Grundrechte für Menschenaffen und spricht sich explizit gegen den Speziesismus aus, d.h. gegen die Ungleichbehandlung bzw. Diskriminierung einzig aufgrund der biologischen Artzugehörigkeit. Geleitet wird das Projekt von Dr. Colin Goldner, der ebenfalls im GBS-Beirat sitzt, Veganer ist und das GAP als antispeziesistischen Türöffner versteht. Auf der Webseite des GAP liest man zudem auch: «Was können Sie tun? … 11. Boykottieren Sie Zoos, Tierparks, Menagerien etc.; auch Zirkusse, Sport- und Freizeitveranstaltungen, in denen Tiere eingesetzt werden. 12. Reduzieren Sie Ihren Konsum von Fleisch bzw. aus Tieren hergestellter Produkte (am besten: werden Sie VeganerIn). Und: Boykottieren Sie Produkte mit industriell hergestelltem Palmöl.»

Lieber Beda, wenn dich Journalisten danach fragen, wie du zu diesem GBS-Projekt stehst, distanzierst du dich dann auch? Das ist nicht der „Fanclub“ – das ist, hochoffiziell, die deutsche GBS, in deren Beirat du sitzt. Du weisst so gut wie wir, dass nicht alle GBSlerInnen die zitierten GAP-Passagen teilen. Die GBS versteht sich als offener Think Tank – und das ist gut so. In ihrem Beirat versammelt sie Leute, die zu kontroversen Themen unterschiedliche Ansichten einbringen. Die GAP- und Sentience-Positionen sind aber gut vertreten: Autorin und Beiratsmitglied Karen Duve etwa teilt in ihrem Buch Anständig essen die Anliegen von Sentience Politics. GBS-Pressereferent und Autor Philipp Möller ist Veganer. Auch Vorstandssprecher Michael Schmidt-Salomon unterstützt in seinen Büchern den Anti-Speziesismus: Das Manifest des evolutionären Humanismus etwa enthält ein ganzes Kapitel dazu. Es ist überschrieben mit: „Macht euch die Erde untertan“? Warum wir uns vom Speziesismus verabschieden sollten. Auch in seinem neusten Buch Hoffnung Mensch äussert sich Schmidt-Salomon entsprechend. Auf Seite 254f schreibt er:

Immer mehr Menschen sehen ein, dass es keinen plausiblen Grund dafür gibt, die Interessen von Lebewesen bloss deshalb zu ignorieren, weil sie nicht zu unserer Spezies gehören. Schliesslich sind wir keineswegs die einzigen empfindsamen Tiere auf diesem Planeten. Einige unserer tierlichen Verwandten (insbesondere die Grossen Menschenaffen, aber auch Delfine, Wale, Elefanten, möglicherweise auch Schweine) besitzen sogar ein Bewusstsein ihrer selbst, weshalb wir sie als Personen mit entsprechendem Rechtsstatus behandeln müssten.

(…) Möglicherweise werden künftige Generationen dem Speziesismus unserer Tage mit der gleichen Fassungslosigkeit begegnen, mit der wir heute auf den Rassismus und Nationalismus vergangener Epochen zurückblicken.

(…) Im Unterschied zum moralischen Dualismus, der wertend zwischen Mitgliedern der eigenen und Mitgliedern fremder Gruppen unterscheidet [vgl. In-group-Bias], akzeptiert das einheitliche (monistische) Denken keine unterschiedlichen Ethiken für unterschiedliche Gruppen, sondern wendet ein und dasselbe ethische Prinzip – das Prinzip der gleichen Berücksichtigung gleicher Interessen – gleichermassen auf alle Individuen aller Gruppen an.

(…) Wer ethisch denkt, sollte die Interessen eines jeden fühlenden Wesens berücksichtigen, das von einer Handlung betroffen ist.

In einem Gastkommentar in der NZZ am Sonntag schreibst du, Beda, zudem: «Wir müssen die Tierhaltung neu überdenken. Aber das hat nichts mit der Frage zu tun, ob wir als Tiere das Recht haben, Tiere zu töten. (…) Wir können den Wölfen ja auch keine Fruchtkörbe hinstellen.»

Willst du die Natur nun – wie die Naturreligiösen, die du zu Recht kritisierst – ernsthaft als moralischen Massstab verwenden? Die darwinistische Natur ist für die empfindungsfähigen Wesen, die sie produziert, oft ein riesiges Übel. Zum Glück sehen wir das ein und davon ab, die Gesellschaft darwinistisch zu organisieren. „Natürlich => gut“ ist ein elementarer Fehlschluss. Wenn wir, wie die Wölfe, keine Wahl hätten, dann sähe die rationale ethische Analyse unseres Fleischkonsums auch anders aus. Aber wir haben eine Wahl. Wir sind Omnivoren und können uns gesund und gut fleischlos ernähren. Dazu schreibst du: «Die hehre philosophische Haltung [des Veganismus] erträgt es allerdings nicht, wenn man darauf hinweist, dass wir Menschen Allesfresser sind.» Wir können dir nicht folgen. Die Sache ist ganz simpel: So wie der Mensch „omnivor“ ist, ist er zum Beispiel auch „omnisexuell“. Wir können uns auf alle möglichen Arten sexuell betätigen, müssen und sollen aber nicht. Denn es gibt auch Arten, die andere (gegen ihren Willen) schädigen. (Die Natur wäre hier einmal mehr ein verheerender Ratgeber, wie das Buch „A Natural History or Rape: Biological Bases of Sexual Coercion“ zeigt.) Von ihnen sollten wir absehen. Warum gilt dieses vernünftige Prinzip nicht für jeden Bereich, in dem wir „omni“ sind? Wenn wir irgendwo „omni“ sind, d.h. zwischen verschiedenen Optionen wählen können, dann sollten wir von denjenigen absehen, die dazu führen, dass andere geschädigt werden. Und unter den übrigen Optionen wählen wir beliebig-ausgiebig.

Zur Frage, ob wir das Recht haben, Tiere zu schädigen, existieren ja auch bereits einige Gesetze. Sie besagen ungefähr: Wir dürfen Tiere nicht unnötig bzw. nicht ohne vernünftigen Grund schädigen. Im wissenschaftlich-medizinischen Labor lautet eine Konsequenz davon: Es ist verboten, im Tierversuch Tiere zu schädigen, wenn Alternativen verfügbar sind. Und der Staat anerkennt eine Pflicht, die Alternativen zu fördern. Es wäre logisch inkonsistent, dies in der Küche plötzlich anders zu sehen: Wenn Alternativen verfügbar sind, sollten sie gefördert werden und zur Anwendung kommen. Alles andere ist mit dem anerkannten Tierschutzprinzip „keine unnötige Tierschädigung“ nicht kompatibel. Von besonderer Irrationalität zeugt die Tatsache, dass die Anwendung der Alternativen zur Tierschädigung in einem Bereich vorangetrieben wird, wo es um Menschenleben geht (medizinisches Labor), während sie in einem Bereich, wo höchstens etwas Gaumenspass auf dem Spiel steht, völlig ausbleibt (Küche).

3. Allgemeiner: Politische Rationalität in der GBS

Bisher ging es vor allem um die nicht-menschlichen Tiere. Das liegt keineswegs daran, dass Sentience Politics einen engen Tierfokus hätte. Das Tierthema erregt als Politikum einfach die meiste Aufmerksamkeit. Aus der Formulierung, Sentience gehe es „um das Wohl aller empfindungsfähigen Wesen“, folgt kein enger Tierfokus. Menschen sind auch empfindungsfähige Wesen und wenn es uns nicht gelingt, die dringlichsten globalen Probleme zu lösen, laufen wir Gefahr, dass sie (weiterhin) massiven Schaden nehmen.

Im Buch Keine Macht den Doofen schreibt Schmidt-Salomon u.a. über die „Ökologiotie“ (ökologische Idiotie) der Menschheit. Dazu gehören der irrationale Umgang mit beschränkten Ressourcen und die Unterschätzung der Gefahr, die der Klimawandel für die globale Stabilität und Kooperation darstellt. (Wir sollten die Worst-Case-Szenarien auch dann sehr ernst nehmen, wenn sie sehr unwahrscheinlich sind, wie dieses Kurzvideo eindrücklich erklärt. Unsere Unfähigkeit, in Erwartungswerten – Wahrscheinlichkeit mal Schadenausmass – zu denken, ist eine der folgenschwersten Irrationalitäten.) Im Kontext der Klima- und Ressourcenpolitik ist beispielsweise oft vom Verkehr die Rede. Der Ernährungsbereich hingegen wird kaum je ernsthaft thematisiert, ja nicht einmal als wirkliches Politikum aufgefasst. Das scheint völlig irrational: FAO-Studien zeigen, dass die „Nutztier“-Haltung ebenso klimaschädlich ist wie der gesamte (!) globale Verkehr. Und das CH-Bundesamt für Umwelt schreibt, dass der Ernährungsbereich in der Schweiz der Hauptfaktor aller Umweltbelastungen ist. Wenn es unser Ziel ist, Klima- und Ressourcenprobleme zu lösen, dann ist es hochgradig irrational, z.B. den Verkehr zu priorisieren, über den Ernährungsbereich aber kaum ein Wort zu verlieren. Denn letzterer ist ein plausibler Kandidat für den Bereich, in dem mit dem geringsten Aufwand der grösste positive Impact zu holen ist. (Zum geringen kulinarischen Aufwand vgl. das Video unter Abschnitt 5 – die vegane Currywurst besteht den Blindtest bereits.)

Allgemein besteht Rationalität wesentlich darin, mit unseren limitierten Ressourcen (Geld, Zeit, Arbeitskraft) den höchstmöglichen Zielerreichungsgrad herauszuholen. Gerade auch ethisch-politisch müsste das Vorgehen daher wie folgt aussehen:

1. Welches sind die grössten Probleme und wie gut sind sie lösbar?
2. Mit welchen Mitteln können wir den höchsten Problemlösungsgrad erzielen? Gibt es z.B. Mittel bzw. Synergiepunkte, die geeignet sind, mehrere Probleme gleichzeitig zu lösen? Gibt es systematisch vernachlässigte Problembereiche? (Die Ressourcen, die in die Lösung eines Problems fliessen, haben in der Regel einen abnehmenden Grenznutzen.)

Dieses Vorgehen folgt aus der Anwendung basaler Rationalität. Leider trifft man es bis anhin kaum an. Es liegt aber dem Projekt Sentience Politics zugrunde: Die Probleme, der Fleischkonsum wesentlich mitverursacht oder verschärft, sind zahlreich-beträchtlich: Klimawandel, Ressourcenverschwendung, Welthunger und Weltwasserknappheit, „Zivilisationskrankheiten“ sowie das unnötige Leid sogenannter “Nutztiere”. (Global werden 60 Milliarden Tiere pro Jahr geschlachtet, in der Schweiz sind es 50 Millionen.) Und der Ernährungsbereich wird vergleichsweise stark vernachlässigt.

4. „Das Verhalten der Mehrheit ändern“?

Beda, du lässt dich im Artikel der Basler Zeitung wie folgt zitieren: «Die Initianten wollen das Verhalten der Mehrheit ändern. Ich frage mich, wieso immer wieder versucht wird, anderen die eigene Lebensweise aufzuzwingen.»

Diese Bemerkung ist nicht nachvollziehbar. Versuchst du nicht ebenfalls, das Verhalten anderer (oft der Mehrheit) in vielerlei Hinsicht zu ändern? Und ist dies nicht geradezu die raison d’être der GBS? Wir wollen das Denken anderer – oft der gesellschaftlichen Mehrheit – in rationaler Richtung verändern. Warum? Weil irrationales Denken Verhaltenskonsequenzen hat, nämlich schlechte bis katastrophale. (Zur Verbindung von Denken und Verhalten sind Sam Harris‘ Werke besonders interessant.) Du, Beda, versuchst beispielsweise in den Bereichen Religion, Gentechnologie, Alternativ“medizin“, Impfen oder Doping das Verhalten vieler anderer zu ändern. Ist daran etwas schlecht? Nein, denn du hast Recht. Du hast die guten Gründe auf deiner Seite. Würde man dir vorwerfen, du wollest „anderen bloss deine eigene Lebensweise aufzwingen“, würdest du zu Recht entgegnen: Nein, es geht nicht im Geringsten um meine persönliche Lebensweise. Es geht um die guten Gründe, d.h. darum, dass sich die Punkte, in denen ich andere (und vielleicht mich selbst! – vgl. Abschnitt 7 zum Selbst-Nudging) ändern will, tatsächlich schlecht auswirken. Es ist nicht so, dass Religion, Anti-Gentech, Alternativmedizin oder Anti-Impfen bloss deinem persönlichen Geschmack, deiner persönlichen Lebensweise zuwiderlaufen. Nein: Sie sind objektiv irrational und wirken sich objektiv schlecht aus. Und du hast Recht damit.

Also, lieber Beda: Wo genau ist dein Argument dagegen, zu versuchen, das Verhalten anderer dahingehend zu ändern, dass sie weniger Fleisch und mehr Pflanzliches konsumieren? Wenn es legitim (und geboten) ist, das Verhalten anderer in denjenigen Bereichen zu ändern, in denen du besonders aktiv bist, dann scheint es erst recht legitim (und geboten), das Verhalten anderer in dem Bereich zu ändern, für den sich die GBS-Projekte Sentience oder GAP interessieren. In beiden Fällen erfolgt dies aus guten Gründen.

5. „Religiöser Eifer“?

Der Zeitungsartikel endet wie folgt: «Es ist nicht bewiesen, dass eine vegane Ernährung gesünder ist», sagt der Immunologe Stadler. Mit reli­giösem Eifer werde aber versucht, die Menschheit davon zu überzeugen. «Veganer haben die guten Gründe und wir das bessere Essen.»

Hier klingt der altbekannte „Missionierungsvorwurf“ an. Er scheint konfus: Religiöse Missionierung ist nicht deshalb schlecht, weil versucht wird, die Menschheit von etwas zu überzeugen. (Das versucht die GBS ja auch: Sie will die Menschheit vom evolutionären Humanismus überzeugen!) Religiöse Missionierung ist schlecht, weil für die Religion aller Wahrscheinlichkeit nach keine guten Gründe sprechen, im Gegenteil. Wenn die Religion für Vernünftiges und Wichtiges missionierte, müsste man ihr danken – und man könnte ihr in diesem Fall etwas vorwerfen, wenn sie es nicht täte und der Menschheit damit Vernünftiges und Wichtiges vorenthielte. (Dies entspricht natürlich dem Selbstverständnis religiöser Missionare.) Den historischen Missionaren der Aufklärung und der Menschenrechte beispielsweise ist zu danken. Oder würde Beda den historischen Aktivisten, die sich gegen die rassistische Sklavenhaltung engagiert haben, etwa auch „Missionierung mit religiösem Eifer“ vorwerfen? „Missionierung“ bzw. aktive Überzeugungsversuche sind an sich nichts Schlechtes. Es hängt davon ab, wofür „missioniert“ wird. Für Gutes und Wichtiges zu werben, ist gut und wichtig. Was die „Missionierung“ für Rationalität, für Wissenschaftlichkeit, für Menschen- und Tierrechte angeht, wird man kaum bestreiten können, sie sei gut und ungemein wichtig – gerade aus GBS-Perspektive.

Was weiter verwirrt, lieber Beda: Du gibst zu, dass die Veganer die „guten Gründe“ haben, vergleichst sie dann aber trotzdem mit den Religiösen, die ja keine guten Gründe anführen können. Zudem gibt es die GBS doch gerade deshalb, weil in öffentlichen Diskursen die guten, rationalen Gründe viel zu selten zur Sprache kommen, geschweige denn gewinnen. Wie ist deine öffentliche Positionierung als GBS-Beiratsmitglied vor diesem Hintergrund zu verstehen? Du sagst, die guten Gründe befänden sich auf dieser Seite, schlägst dich aufgrund des guten Essens aber auf jene? Aber damit nicht genug: Es ist zu allem Übel auch noch zweifelhaft, ob die andere Seite das bessere Essen hat. Ich hatte bereits erwähnt, dass z.B. die Currywurst den Blindtest bereits besteht. Die Soldaten der Bundeswehr jedenfalls haben nicht gemerkt, dass ihnen rein pflanzliche Wurst serviert wurde:

In einem Experiment an der Uni Bochum haben 90% nicht gemerkt, dass ihr „Rindsgulasch“ vegan war. Es gibt vegane Gourmet-Küche. Die Grossverteiler und Reformhäuser bieten mittlerweile eine Vielzahl hervorragender Fleisch- und Käsealternativen an. Vegane Kochbücher boomen. Es ist bedeutend einfacher, als man zunächst denkt, sich auch rein pflanzlich genussvoll zu ernähren. Wenn wir die entsprechenden Produkte lebensmitteltechnologisch weiterentwickeln und uns an sie gewöhnen, wird kein Mensch jemals irgendetwas vermissen. Exotisches Fleisch (Schimpanse, Wal, auch Hund und Katze) vermisst in unseren Breitengraden auch keiner. Und ist man an Soja-, Hafer- oder Mandelmilch gewöhnt, schmeckt Kuhmilch plötzlich komisch. Wir laden dich sehr gerne zum empirischen Test- bzw. Falsifikationsessen ein, lieber Beda! Selbst wenn die pflanzliche Ernährung aber noch einen Verzicht bedeutet: Erstens, so what? Diesem Verzicht stehen wesentlich wichtigere Dinge gegenüber. (Siehe dazu Abschnitt 8: „Lustfeindlichkeit“? Nein, Beda: Lust für alle!) Und zweitens arbeiten wir ja mit den Sentience-Initiativen gerade daran, dass sich der Verzicht dem Nullniveau annähert.

Mit dem Begriff des „religiösen Eifers“ suggerierst du weiter, wir hätten ein Schwarz-Weiss-Denken. Das trifft in mehrfacher Hinsicht nicht zu: In der Gesundheitsfrage behaupten wir z.B. nicht, vegan sei gesünder. (Gesünder als? Gesünder als die aktuelle Durchschnittsernährung? Gesünder als die gesündeste Ernährung mit Tierprodukten? Zudem kann man sich natürlich auch pflanzlich sowohl gesund als auch ungesund ernähren.) Was wir behaupten: Vegan ist gesund (und bereitet kaum Mehraufwand). Man kann sich vegan ausgewogen ernähren und alle Nährstoffe aus pflanzlichen Quellen beziehen. Was wir auch behaupten: Relativ zur aktuellen Durchschnittsernährung den Anteil pflanzlicher Menüs zu erhöhen, ist unbestritten gesünder (als bei der Durchschnittsernährung zu bleiben). Institutionen wie das hiesige Bundesamt für Gesundheit, die australische Gesundheitsbehörde oder die amerikanisch-kanadische Academy of Nutrition and Dietetics – die grösste ernährungswissenschaftliche Organisation der Welt – stimmen uns in diesen Punkten zu, wie hier im Abschnitt 4 nachzulesen ist.

Im Sinne einer redlichen und relevanten Diskussion über die Sentience-Initiativen bitten wir dich, uns künftig nicht mehr zu unterstellen, wir würden unbewiesene Gesundheitsbehauptungen vertreten. Ebenfalls bitten wir dich, vermehrt auf die Erhöhung des pflanzlichen Anteils an unserer Ernährung Bezug zu nehmen – denn darüber wird abgestimmt, nicht über den Veganismus. Die Sentience-Initiativen werden auch von vielen FleischesserInnen unterstützt, die der Meinung sind, eine Abkehr vom aktuell rekordhohen Fleischkonsum sei wünschenswert.

6. „Verbotskultur“?

Weiter enthält auch unsere ethisch-politische Forderung keinerlei Schwarz-Weiss-Denken. Die Sentience-Initiativen fordern ja keineswegs Veganismus, sondern die Erweiterung des vegetarischen Angebots sowie die Einführung eines veganen Menüs in den Kantinen öffentlicher Institutionen. Das hat den Effekt, dass der Fleischanteil an unserer Ernährung reduziert und der Pflanzenanteil erhöht wird, was unbestritten gesund ist.

Zu betonen ist, dass die Initiativen kein Konsumverbot, keine Einschränkung der individuellen Wahlfreiheit nach sich ziehen. Darauf haben wir explizit geachtet. Aus zwei Gründen: Erstens ist es natürlich auch ein wichtiges Ziel, möglichst niemandes Konsumfreiheit einzuschränken. Wenn andere Ziele erreicht werden können, ohne dass jemandes Konsumfreiheit eingeschränkt wird, ist dies rational vorzuziehen – denn dann ist der Zielerreichungsgrad höher. Und zweitens soll das Anliegen realpolitisch eine Chance haben bzw. andere Ansichten auch möglichst gut berücksichtigen.

Man könnte einwenden, die Initiativen würden die Freiheit der Betreiber öffentlicher Kantinen einschränken. Diese Freiheit ist aber ohnehin dadurch eingeschränkt, dass öffentliche Institutionen einer demokratischen Kontrolle unterstehen, die mit Auflagen verbunden sein kann. Kann sich ein Betreiber mit den Auflagen nicht anfreunden, wird der Auftrag halt an einen anderen vergeben. Und selbst wenn die Freiheit weniger Kantinenbetreiber nennenswert eingeschränkt wäre: Die Wahlfreiheit der zahlreichen KonsumentInnen (sowie aller BürgerInnen, die demokratisch über das Anliegen befunden haben) sind zusammen viel gewichtiger.

Fundamentaler noch: Wann sind staatliche Massnahmen legitim? Gerade aus einer liberalen Sicht, der es um die Freiheit geht? Der Philosoph und Ökonom John Stuart Mill hat in diesem Zusammenhang das Schadensprinzip vorgeschlagen. Es besagt: Eine Einschränkung der Entscheidungsfreiheit darf und muss dann in Betracht gezogen werden, wenn es um Entscheidoptionen geht, durch die andere geschädigt werden. In diesem Fall kann die Einschränkung – die für die Eingeschränkten eine Schädigung bedeutet – das geringere Übel sein, indem sie grössere Schäden bzw. Einschränkungen verhindert. Kurzum: Wenn es um die Freiheit geht, dann muss die Freiheit des einen dort enden, wo die Freiheit des anderen beginnt.

Lieber Beda, wenn du dich nicht für die Aufhebung aller Gesetze überhaupt aussprichst, dann wirst du auch so etwas wie das Schadensprinzip unterstützen müssen, um begründen zu können, warum bestimmte Gesetze legitim sind. Wenn wir das Schadensprinzip nun auf den aktuellen Fleischkonsum anwenden, ist die Sache sehr klar: Über die Klimabelastung und den Ressourcenverschleiss werden andere geschädigt – die Kausalkette ist indirekt, aber sie existiert. Und die massive Schädigung der nicht-menschlichen Tiere erfolgt sehr direkt.

Die Einschränkung der Wahlfreiheit der Kunden ist immer ein Übel – aber sie wäre hier als das geringere im Prinzip gerechtfertigt. Wenn es jedoch einen Weg gibt, die Probleme anzugehen, der die Wahlfreiheit nicht beschränkt (sondern sie gar noch erhöht!), dann ist dieser besser und effizienter, d.h. rationaler. Einen solchen Weg gibt es und wir wollen ihn beschreiten:

7. Selbst-Nudging für mehr Freiheit!

Die Kognitionspsychologie hat gezeigt, dass wir uns oft nicht so verhalten, wie wir uns eigentlich verhalten möchten (um unsere Ziele zu erreichen!). Willensschwäche ist eine Hauptquelle irrationalen Entscheidverhaltens. Rationaler zu werden, lohnt sich für alle, denn (per definitionem) führt dies dazu, dass wir unsere eigentlichen Ziele – die ja der Grund sind, weshalb wir jeden Morgen aufstehen – besser erreichen. (Beda bemerkt in der NZZ am Sonntag: Weil es keinen Gott, sondern den absichtslosen Evolutionsprozess gebe, müssten wir uns den Lebenssinn selber geben. Das würde aber auch dann zutreffen, wenn es einen Gott gäbe: Es wäre immer noch uns überlassen, ob wir uns Gottes Ziele zu eigen machen – oder andere.) Daher zahlt es sich aus, sich wissenschaftlich fundierte Tools zur Überwindung von Willensschwäche anzueignen. Die Neuropsychologin Molly Crockett erläutert in diesem Kurzvortrag, inwiefern die Entscheidungen, die wir treffen – verhalten wir uns zielführend oder nicht, z.B. aufgrund von Willensschwäche? – oft vom Entscheidungskontext abhängen. Diese Tatsache können wir strategisch ausnutzen: Wenn es mir gelingt, meine Entscheidungskontexte in geeigneter Weise zu verändern, werde ich rationaler entscheiden, d.h. meine Ziele häufiger und besser erreichen. Entsprechende Veränderungen von Entscheidungskontexten nennt man „Precommitment“ oder „Nudge“:

Ein Beispiel: Ich habe seit längerer Zeit die feste Absicht, eine Programmiersprache zu lernen; oder ein Musikinstrument; oder eine Sportart. Aber es ist mir bisher jeweils nicht gelungen, das Training dann wirklich durchzuziehen. Wenn ich nichts ändere, ist die Wahrscheinlichkeit folglich sehr hoch, dass es auch beim nächsten Anlauf nicht klappen wird (so dass ich’s gleich bleiben lassen sollte, wenn ich nichts ändere). Eine zündende strategische Idee könnte dann lauten: Wenn ich mir einen Trainingspartner suche, mit dem ich die Trainingsdaten dann verbindlich festlege, macht die Sache erstens mehr Spass und ich setze mich zweitens bewusst einem leichten sozialen Druck aus. Beides kann die Wahrscheinlichkeit, dass ich das Training nun durchziehen, d.h. meinen eigentlichen Willen umsetzen werde (= Freiheit), signifikant erhöhen. Der Trainingspartner wirkt also als „Nudge“. Noch ein Beispiel: Ich will abnehmen, um mehr Spass im Leben zu haben. Entscheidungskontext_1: Zuhause liegen Süssigkeiten rum und ich muss dann konstant etwas Willensstärke aufwenden, um so zu entscheiden, dass ich meine eigentlichen Ziele erreiche. Irgendwann wird mein „Willensmuskel“ erlahmen. Entscheidungskontext_2: Ich kaufe Süssigkeiten gar nicht erst, so dass ich nur einmal konkrete Willensstärke aufbringen muss (im Supermarkt). Zudem steht ein Hometrainer in der Wohnung rum, was es wahrscheinlicher macht, dass ich mich sportlich betätige. Weitere Beispiele: Facebook hält mich vom konzentrierten arbeiten ab, das ich eigentlich präferiere und durchziehen will. Facebook schränkt also meine Freiheit ein, meinen eigentlichen Willen umzusetzen. Das „Precommitment“ bzw. der „Nudge“: Ich richte mir ein 50-Buchstaben-Passwort ein und logge mich aus. Diese zusätzliche Hürde bewirkt, dass ich konzentrierter arbeiten kann.

Die Kognitionswissenschaft hat gezeigt, dass wir im Wesentlichen über zwei Denk- bzw. Entscheidsysteme verfügen: ein „System 1″ und ein „System 2″ (vgl. dazu die Forschung des Nobelpreisträgers Daniel Kahneman, zusammengefasst in seinem Buch Thinking, Fast and Slow.) Das System 1 ist gewissermassen unser Autopilot: Es funktioniert intuitiv, schnell und macht die Denkschritte nicht explizit – „Bauchgefühl“ beschreibt es nicht schlecht. Das System 2 hingegen ist reflektiert, langsamer und explizit, ein manueller Modus sozusagen. Was unsere Willensinhalte angeht, kann es sein, dass sich das System 1 vom System 2 unterscheidet und verselbständigt. Ich kann z.B. den Willen haben, programmieren zu lernen und regelmässig zu trainieren. In der konkreten Entscheidsituation verzichte ich dann aber doch auf das (anstrengende) Training. System 2 hat den Willen, zu trainieren; System 1 hingegen sträubt sich. System 2 hat auch den Willen, System 1 – wenn möglich – anderes funktionieren und mit System 2 übereinstimmen zu lassen. Wenn ich könnte, würde ich eine Pille schlucken, die bewirkte, dass ich in allen konkreten Entscheidsituationen für das Training genügend viel Willensstärke aufbringe. Das heisst: Die Divergenz von System 1 und System 2 bedeutet Unfreiheit. Der Autopilot (System 1) bevormundet mich bzw. meinen eigentlichen Willen (System 2).

Die politische Anwendung des „Precommitment“ bzw. „Nudging“ als Rationalitäts-Tool haben die Autoren Richard Thaler und Cass Sunstein in ihrem Buch Nudge: Improving Decisions about Health, Wealth, and Happiness skizziert. Wollen wir öffentliche Toiletten sauberer halten, können wir in Urinalen ganz einfach das Abbild einer Fliege anbringen – es landet dann 80% weniger Urin auf dem Boden. Wird an einem Kantinenbuffet Obst erhöht in Griffnähe präsentiert, Süssgebäck dagegen weiter entfernt, greifen die Kunden öfter zum Obst. Ein Spiegel hinter dem Buffet hat denselben Effekt. Oder auch: Die Organspender-Raten variieren von Land zu Land stark – meist liegen sie unter 20% oder aber über 80%. Dieser Effekt kommt dadurch zustande, dass in manchen Ländern eine Opt-in-Regelung besteht, während man sich in anderen mit einem Opt-out von der Organspende abmelden muss.

Unglücklicherweise sprechen die Nudge-Autoren Thaler und Sunstein insbesondere von einem „libertären Paternalismus“, der damit einhergehe. „Libertär“, weil die Wahlfreiheit faktisch erhalten bleibt; „Paternalismus“, weil es doch den Anschein macht, man werde von einer Instanz, die vorgibt, es besser zu wissen, bevormundet und damit in der Freiheit eingeschränkt, wenn sich die Instanz irrt. „Nudging“ muss mit Paternalismus aber nicht das Geringste zu tun haben, ganz im Gegenteil:

Erstens muss man sich darüber klar werden, dass es kaum Entscheidsituationen ohne Nudging gibt. Wenn man sich zur Organspende anmelden statt von ihr abmelden muss, dann wird man in die Richtung genudgt, nicht Organspender zu sein. Wer sich bewusst für einen bestehenden Nudge entscheidet, statt einen neuen einzuführen, kann seine Hände also keineswegs in „Unschuld“ waschen. Denn wer sagt denn, dass die Entscheidoption „Organspende nein“ eher dem eigentlichen, dem System-2-Willen der meisten Menschen entspricht? Ein Nudge Richtung „Organspende nein“ schränkt die Freiheit derjenigen ein, deren System-2-Willen unter vollständiger Information „Organspende ja“ lautet. – Im Kontext der Sentience-Initiativen: Weil die Tierwirtschaft ökonomisch kaum tragfähig ist, erhält sie Milliardensubventionen vom Staat. Sie tragen (neben weiteren Faktoren) dazu bei, dass wir aktuell massiv in Richtung Tierprodukte genudgt werden.

Zweitens gibt uns die direkte Demokratie ja Möglichkeiten an die Hand, uns selbst in unserem Sinne zu nudgen! Nicht eine andere Instanz setzt dann einen neuen Nudge (oder bleibt bewusst beim alten), nein: Wir selbst – mit unserem System 2 – können uns für den einen oder anderen Nudge entscheiden und unser System 1 daher in die gewünschten Bahnen lenken, statt von ihm bevormundet zu werden. Insofern ist strategisches Selbst-Nudging nicht „Paternalismus“, sondern die ultimative Form der Selbstbestimmung.

Ein allgemeines Beispiel für die Divergenz von System 1 und System 2 ist die gut belegte Tatsache, dass sich das Marktverhalten (System 1) vieler Menschen von ihren eigentlichen Präferenzen (System 2) unterscheidet. Im Kontext der Sentience-Initiativen ist besonders relevant, dass die Massentierhaltung in Umfragen von einer Mehrheit der Befragten abgelehnt wird. Im Marktverhalten dieser Befragten schlägt sich dies aber nicht nieder: Wenn wir die Massentierhaltung abschaffen wollen, müssen wir den Anteil pflanzlicher Produkte an unserer Ernährung stark erhöhen. Für all diejenigen, deren System 2 die Massentierhaltung ablehnt, ist es also rational und freiheitssteigernd, sich selbst – z.B. via direktdemokratische Abstimmung – in eine pflanzlichere Richtung zu nudgen. Das kann ganz einfach dadurch erfolgen, dass das hochwertige pflanzliche Angebot (z.B. die pflanzlichen Fleischalternativen) erweitert und augenfälliger platziert wird. So schlagen es die Sentience-Initiativen vor.

8. „Lustfeindlichkeit“? Nein: Lust für alle!

Bedas NZZ-Kommentar endet mit den Worten: «Da die Evolution keinen Lebenssinn vorgibt, muss man sich selber einen Sinn geben. Für mich gehört dazu, Spass am Leben zu haben. Dazu gehören nun mal ganz unvernünftige Dinge, die mir der Staat bereits jetzt abgewöhnen will: etwa ein Glas Wein zu viel, eine deftige Wurst, die Zigarette danach, und vielleicht sogar mal einen Sonnenbrand. Jetzt fehlt eigentlich nur noch, dass man den Passiv-Duft der Bratwurst verbietet.»

Zur Konfusion um den Lebenssinn habe ich mich bereits geäussert. Was den Rest angeht, lege ich dir in diesem Abschnitt meinen NZZ-Blogpost zur Frage „Bin ich ein (lustfeindlicher) Tugendterrorist?“ bei:

NZZ Campus hat im Sommer «All Your Guilty Pleasures» der ZHdK-Absolventin Sabina Bösch vorgestellt – eine Plattform wider die Genussfeindlichkeit und den Leistungsdruck unserer Gesellschaft, wo die User ihre alltäglichen Verfehlungen, Exzesse und Ausschweifungen zelebrieren können. Man wendet sich gegen den Tugendterrorismus.

Was ist Tugend?

Tugend ist nicht Laster. Und die Hauptlaster der Moderne sind nach Bösch desidia (Undiszipliniertheit), intoxicatio (Rausch), luxuria (Verschwendung), procrastinatio (Vertagung) und scorretta (unkorrektes Verhalten). Konkret sind beispielsweise lasterhaft: Fleisch essen; Unmengen an Süssigkeiten bingen; rauchen; rauschfeiern; stundenlang snoozen; Klatschmagazine in der Öffentlichkeit lesen.

Philosophisch-politischer Hedonismus

Der Kulturphilosoph Robert Pfaller stösst mit seinem Buch «Wofür es sich zu leben lohnt. Elemente materialistischer Philosophie» in dasselbe Horn. Aus der Kurzrezension der NZZ: «Wo findet sich das gute Leben? (…) Eine Gruppe schön gekleideter Freunde und Freundinnen, die in einem feinen Lokal einen runden Geburtstag feiern und es sich gutgehen lassen, die scherzen und lachen, Zigaretten rauchen, zu viel vom köstlichen Wein trinken, auch das kalorienreiche Dessert nicht verschmähen, die mit Blicken und Worten schäkern, den letzten Cognac teilen. – Ist das nicht ein bisschen wenig für ein gutes Leben? Eben nicht (…). In unserer genussfeindlichen Zeit, die das Nikotin, die Erotik, das Fett, das Fleisch und was der Sünden noch sind mit staatlicher Hilfe aus dem öffentlichen Raum verbannt, ist so ein Fest nachgerade ein subversiver Akt.»

Cheers! Was mich aber verwirrt: Dass oft gesagt wird, man würde die Tugend und die Vernunft damit hinter sich zurücklassen. Das scheint unmöglich, denn die Ethik ist unausweichlich: Sie befasst sich mit der Frage «Was soll ich tun?» oder «Was ist zu tun gut?» und liegt daher (zumindest implizit) allen Entscheidungen zugrunde, die wir treffen. Bösch und Pfaller weisen nicht die Tugend und die Vernunft zurück, sondern sie behaupten, es sei tugendhaft und vernünftig, sich an der Tafel der Lüste gütlich zu tun. Mit dieser frohen Tugendbotschaft terrorisieren sie die Welt.

Hedon-Talibanismus

Und ich bin an Bord! Vermutlich bin ich sogar ein radikalerer Hedon-Taliban als die genannten Lustapostel: Ich sympathisiere mit der philosophischen Ansicht, dass in der Welt letztlich nichts von Bedeutung ist ausser die Lust. Oder (vielleicht präziser): Nichts ist wichtiger als die Vermeidung von Unlust. Mit anderen Worten: Gegen eine Welt voller Lustmaschinen wäre nichts einzuwenden. (Vor der entsprechenden Technologie fürchte ich mich allerdings, weil sie nicht nur Lust, sondern – trotz bester Absichten – auch immense Unlust erzeugen kann.)

Wenn die Lustmaschine sehr kontraintuitiv klingt, ist das zumindest zum Teil dem Status-quo-Bias geschuldet: Fragt man die Leute nämlich umgekehrt, ob sie einbisheriges Leben in der Lustmaschine aufgeben würden, so scheint dieses gegenüber dem realen Dasein schon sehr viel attraktiver. Und wenn man’s sich überlegt: Was ist das Ziel all unserer Aktivitäten? Was ist ein vernünftiges letztes Ziel? Was (wenn überhaupt etwas) kann einem Leben Sinn verleihen? – Hat nicht alles letztlich mit der Vermeidung von Unlust und der Produktion von Wohlbefinden oder Lust zu tun?Wer sollte sich für etwas interessieren, das für niemanden fühlbare Konsequenzen hat?

Egoismus oder Altruismus – das ist die Frage

Berauschen wir uns also mit Bösch und Pfaller! Wenn es da nicht einen Haken gäbe: Was zum Kuckuck sucht etwa der Fleischkonsum neben der Erotik und dem Wein? Mein Hedonismus ist altruistisch: Rausch für alle! Das ist wahre Tugend. Der Fleischkonsum lässt jährlich 60 Milliarden fühlende Wesen leiden und ist damit die wohl grösste leicht vermeidbare Quelle von Anti-Rausch auf diesem Planeten. Den nicht-menschlichen Tieren haben wir krasse Unlustmaschinen bereitet.

Zwischen lustfeindlicher Bevormundung und dem Verbot von Praktiken, die anderen extremes Leid zufügen, besteht ein fundamentaler Unterschied. Gerade Pfaller, der die «Entsolidarisierung» unserer Gesellschaft beklagt, müsste es besser wissen. Ein egoistischer Hedonismus könnte jedes Verbrechen rechtfertigen – solange ich Lust daraus ziehe und keine unlustigen Konsequenzen zu befürchten habe.
Wenn das nicht die Idee der Lustphilosophie ist, dann muss sie altruistisch sein. Und dann sind desidia, luxuria und procrastinatio indirekt vielleicht doch grosse Laster – zumindest sofern und solange es an der Beseitigung riesiger Unlustunmengen zu arbeiten gilt.

9. Das Ziel der GBS: Heidenspass statt Höllenqual für alle im Diesseits!

Beda, du siehst: Es ist ein völlig ungültiges Strohmann-Argument, wenn du behauptest, du würdest den Spass und die Lust verteidigen, während wir „Genussverächter“ seien. Der tatsächliche Graben verläuft nicht zwischen Hedonismus und Anti-Hedonismus, sondern zwischen Altruismus und Egoismus: Unser Hedonismus ist altruistisch. Wir fordern: Spass und Lust für alle! Für alle empfindungsfähigen Wesen, die es gibt und jemals geben wird. Dein Hedonismus hingegen ist egoistisch – und tut so, als wärst du das einzige Wesen, das Spass haben und Leid empfinden kann. Insofern steht er in einer tiefen Spannung zu einem Grundpfeiler des Humanismus, wie ihn die GBS vertritt und weiterentwickelt.

Die GBS fordert: Heidenspass statt Höllenqual für alle im Diesseits! Michael Schmidt-Salomons „10 Angebote des evolutionären Humanismus“ beginnen entsprechend wie folgt:

1. Diene weder fremden noch heimischen „Göttern“, sondern dem großen Ideal der Ethik, das Leid in der Welt zu mindern!

Das Projekt Sentience Politics ist nichts anderes als der Versuch, dieses erste Angebot des evolutionären Humanismus rational und konsequent umzusetzen. Wir sind uns bewusst, dass wir damit hier und da Anstoss erregen. Von Schmidt-Salomon haben wir aber auch gelernt: «Wer Anstösse geben will, muss anstössig sein!»

Ganz fundamental ist zudem das sechste Angebot des evolutionären Humanismus:

6. Immunisiere dich nicht gegen Kritik! Ehrliche Kritik ist ein Geschenk, das du nicht abweisen solltest.

Der Weg zu Sentience Politics führte bei uns über viele Schlaufen der Kritik und der Falsifikation. Falsifiziert zu werden bedeutet: gewinnen. „Being proven wrong is like winning the lottery.“ Denn jede irrationale Überzeugung, die man hat, und jedes irrationale Entscheidungsmuster, das man an den Tag legt, führt per definitionem dazu, dass man seine eigentlichen Ziele (System 2) nicht oder sub-optimal erreicht.

Lieber Beda, durch wie viele Kritik- und Falsifikationsschlaufen bist du in Sachen Sentience schon gegangen?

Serie: Zum GBS-Projekt Sentience Politics

  1. Lieber Beda Stadler!
  2. Beda Stadlers Replik
  3. Lieber Beda Stadler! Replik II