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Zum GBS-Projekt Sentience Politics: Lieber Beda Stadler! Replik II

on 13. April 2014

sentience politics

  1. Veganismus und Wortschwall
  2. Roadkill, Bienen und Bären
  3. Auch aus deinen Prämissen folgt, dass es wichtig wäre, pflanzliche Alternativen zu fördern
  4. Weniger Natur, bitte!
  5. Kritik der Intuitionen unseres (unverlässlichen) Gehirns & Nudging
  6. Macht, Kritik und Humor

Lieber Beda,

vielen Dank für deine ausführliche Antwort! Im GBS-AutorInnenteam und bei der Leitung von Projekten/Ressorts gibt es einige sehr aktive Frauen – die von dir angesprochene Facebook-Seite ist also nicht repräsentativ. Es trifft aber zu, dass es wünschenswert wäre, wenn sich bei uns mehr Frauen engagieren würden. Wir verfolgen dieses Ziel aktiv und haben uns darüber gefreut, dass sich nach unserem Launch-Event insbesondere auch Frauen gemeldet haben, die für uns bloggen oder sich anderweitig einbringen wollen. Unsere Mädels auch als „Jungs“ anzusprechen, wie du es für nötig hältst, ist jedenfalls keine zielführende Strategie.

1. Veganismus und Wortschwall

Es gibt durchaus Leute, die bei der GBS Schweiz aktiv sind und Fleisch oder andere Tierprodukte konsumieren. Der Speziesismus wird an sich aber von praktisch allen abgelehnt, zumal die argumentative Lage klar scheint. Weil es aber neben dem persönlichen Konsum auch andere Ebenen gibt, auf denen man positiven Impact generieren kann; weil der Konsumaspekt manchen leichter fällt als anderen (das soziale Umfeld spielt hier eine grosse Rolle); und weil es keine metaphysischen «Bonuspunkte» gibt, wenn man keine Ausnahmen macht, konsumieren bei Weitem nicht alle von uns immer vegan. Dass der hohe Stellenwert von Tierethik und Veganismus manche in der GBS auch abschrecken könnte, ist ein Problem, dessen wir uns bewusst sind. Wir denken aber, dass die guten Argumente in der Tat auf unserer Seite sind und dass somit selbst kritisch eingestellte Personen – sofern sie einigermassen interessiert und offen sind – eher zum Denken angeregt als abgeschreckt werden. Zudem arbeiten wir auch an Projekten, die nicht direkt mit der Tier-Thematik zu tun haben, weil es uns um eine rationale Gesamtperspektive geht, um gesellschaftliche und globale Prioritäten, bei deren Ermittlung die Konklusionen eben nicht schon apriori feststehen sollen. «Veganismus» ist keine Ethik oder Weltanschauung, sondern eine mögliche Implikation einer tieferliegenden Einstellung, derzufolge es ein sinnvolles und sinngebendes Ziel ist, das unnötige Leid in der Welt zu mindern. Der Vorwurf, dass Adriano zu viel schreibt, ist angekommen. Als (partielle) Verteidigung muss jedoch betont werden, dass stets weniger Wörter erforderlich sind, Ideen einseitig darzustellen und dadurch lächerlich zu machen, als entscheidende Punkte richtigzustellen und differenziert zu untermauern. Weil deine kurzen Artikel doch eine beträchtliche Anzahl Seitenhiebe enthalten – die unsere Anliegen teilweise irreführend darstellen – ist es kein Leichtes, sich kurz zu halten. Weiter wollten wir den Blogpost gerade auch dazu nutzen, das GBS-Projekt Sentience Politics vorzustellen. Und nicht zuletzt ist die Förderung allgemeiner politischer Rationalität unser Kerngeschäft: Aktuell wird die Komplexität politischer Fragen von den meisten Diskursteilnehmern ganz massiv unterschätzt. Politische Fragen haben immer ethisch-normative Komponenten – wer klare politische Aussagen macht, ist also implizit darauf festgelegt, die Ethik hinreichend gelöst zu haben. Und politische Fragen haben deskriptive, empirisch-wissenschaftliche Komponenten – wer also politisch klar Stellung bezieht, ist darauf festgelegt, die relevanten wissenschaftlichen Teilfragen hinreichend gelöst zu haben. Viele politische Diskursteilnehmer leiden an einem massiven Overconfidence-Bias. Das zeigt sich u.a. darin, dass sie glauben, nach der Lektüre einiger Kurztexte (deren Argumentationsniveau die Stammtischhöhe oft kaum übersteigt) kompetent zu sein, zu politischen Fragen Stellung zu beziehen. Und das ist ein Riesenproblem – ein Meta-Problem, das den meisten gesellschaftlichen Problemen zugrunde liegt.

2. Roadkill, Bienen und Bären

Zunächst freut es uns sehr, dass du damit einverstanden bist, dass auch nicht-menschlichen Tieren kein Leid zugefügt werden sollte. Und hoffentlich wird es dich im Gegenzug auch freuen, dass wir keinesfalls die stereotypen, regel-fetischistischen («deontologischen») Veganer sind, für die du uns zu halten scheinst. Wir haben einen nicht-deontologischen, d.h. konsequentialistischen bzw. utilitaristischen Ansatz, der entsprechend pragmatisch ist. (Der Philosoph und Moralpsychologe Joshua Greene bezeichnet den Utilitarismus in seinem neusten Buch «Emotion, Reason, and the Gap Between Us and Them» als «universalen Pragmatismus».)

Die VeganerInnen in unserem Umfeld hätten nichts dagegen einzuwenden, ein Reh, das von einem Auto überfahren wurde, zu essen. Wenn eine Katze unheilbar krank ist und nur noch leiden würde, dann ist ein möglichst schmerzloser Tod der Alternative sicherlich vorzuziehen. (Das gilt natürlich nicht nur für Katzen, sondern für alle leidensfähigen Wesen.) Und wenn wir von einem Bären angegriffen werden, dann würden wir zur Not auch versuchen, uns mit Gewalt zu wehren – so wie wir uns auch gegen einen Menschen wehren würden und dürften, selbst wenn dieser unzurechnungsfähig wäre und/oder uns aus existentieller Not angriffe.

Wir sind auch der Meinung, dass es inkonsistent wäre, aus tierethischen Gründen auf Honig zu verzichten, während man weiterhin Produkte konsumiert, bei deren Herstellung weitaus mehr Insekten zu Schaden kommen. Es ist völlig kontraproduktiv, wenn in Bezug auf das Leid in den Tierfabriken weniger unternommen wird, nur weil das Tier-Thema mit den Bienen in Verbindung gebracht wird. Der Veganer Michael Greger hat es in seinem Artikel «Why Honey is Vegan» gut auf den Punkt gebracht: «Honey hurts more than just bees. It hurts egg-laying hens, crammed in battery cages so small they can’t spread their wings. It hurts mother pigs, languishing for months in steel crates so narrow they can’t turn around. And the billions of aquatic animals who, pulled from filthy aquaculture farms, suffocate to death. All because honey hurts our movement.»

Wir bestreiten nicht, dass Bienen über einen geringeren Bewusstseinsgrad verfügen als z.B. Delphine. Anders als bei Fischen ist es bei den Insekten zudem grundsätzlich umstritten, ob sie über Bewusstsein verfügen. Wenn es bessere Alternativen gäbe, könnte man durchaus in Erwägung ziehen, den Bienenhonig aus ethischen Sicherheitsgründen zu vermeiden. Aber da es in der Tat unklar ist, ob bei der Herstellung der Honig-Alternativen nicht noch mehr Insekten zu Schaden kommen, und weil die Gesellschaft noch nicht einmal akzeptiert, dass man andere Säugetiere nicht völlig unnötig schädigen sollte, macht es kaum Sinn, in der Honig-Frage stark für die eine oder andere Richtung zu argumentieren bzw. sie überhaupt zu thematisieren. Sesshafte Muscheln würden viele von uns auch essen, weil sie höchstwahrscheinlich nicht empfindungsfähig sind. Und will man heute etwas gegen das potentielle Insektenleid tun, das quantitativ ins Gewicht fällt, befasst man sich wohl am besten mit der wissenschaftlichen Entwicklung humanerer Insektizide.

Einige von uns – hier besteht kein Konsens – sind im Übrigen sogar der Meinung, dass es an sich kein Übel darstellt, wenn ein Tier (ohne oder allenfalls auch mit Zukunftsbewusstsein) stirbt. Der Hedonist Epikur lehrte: «Der Tod geht uns nichts an; denn solange wir existieren, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr.» Wenn ein Mensch schmerzlos im Schlaf getötet würde, dann bekäme er davon zu keinem Zeitpunkt etwas mit, hätte also nie ein gefühltes Problem, würde nie ein Problem empfinden. Alles, was für ihn schlecht sein könnte, wäre die Tatsache, dass all seine Wünsche und Zukunftspläne nicht mehr in Erfüllung gehen können. (Die strittige Frage ist hier, ob und inwiefern dies an sich ein Problem darstellt.) Du hast Peter Singer erwähnt und dabei suggeriert, dass seine Position sich stark von der unseren Position unterscheide. Das trifft in Bezug auf die Tierethik nicht zu: Die meisten von uns fingen an, ihren Konsum von Tierprodukten zu verändern, nachdem sie sich mit Singers Werken auseinandergesetzt hatten.

Selbst wenn man der Meinung ist, dass ein komplett schmerzfreier Tod (bei Wesen ohne Zukunftsbewusstsein, oder allgemein) theoretisch kein Übel darstellt: In der Praxis ist es kaum möglich, Tiere (rentabel…) schmerzfrei auszubeuten und zu töten. Die Haltung «Lasst uns aushecken, wie wir sie möglichst schmerzfrei ausbeuten und töten können» ist so oder so schlecht und nicht zu fördern, weil sie zwangsläufig grosses Leid erzeugt. Aus dem Positionspapier von Sentience Politics: «Bei 4-9% der Rinder muss nachgebolzt werden, bei 0.1-1% der Schweine versagt die Kohlendioxidbetäubung [54, 55].» Abertausende Tiere sind also jährlich noch bei Bewusstsein, wenn sie aufgeschlitzt oder verbrüht werden. Hinzu kommt, dass es sich kaum vermeiden lässt, dass der Transport zum Schlachthaus mit massivem Stress für die Tiere verbunden ist. Nicht zuletzt ist die Haltung der allermeisten «Nutztiere» auch in der Schweiz ein Leben lang trist.

Du schreibst, dass wir primär diskutieren sollten, ob es unter gewissen Umständen gerechtfertigt ist, ein Tier zu töten. Das trifft aus den genannten Gründen nicht zu. Und im konkreten Kontext der Sentience-Initiativen trifft es erst recht nicht zu. Die gängige Tierhaltung ist mit massivem unnötigem Leid verbunden und daran ändert sich höchstens dann etwas, wenn die Gesellschaft bereit ist, die Nachfrage nach Tierprodukten zu reduzieren. Darum geht es bei unseren Initiativen.

Wir bitten dich auch, in deiner künftigen Argumentation das Principle of Charity zu berücksichtigen, das ein elementares Rationalitätsgebot ist: Interpretiere die Aussagen und Argumente deines Gegners in ihrer stärksten Form. Es ist leicht (und uninteressant bzw. irrelevant), eine Position in ihrer schwächsten Form abzuschiessen. Zugleich ist es irrational, denn wenn wir uns anderen Positionen nicht in ihrer stärksten Form stellst, werden wir die besten verfügbaren Argumente – und damit die besten Gelegenheiten, uns von unseren Irrtümern zu befreien – verpassen. Du gehst bis anhin völlig unbegründet davon aus, hinter unserem Veganismus stecke ein regelfetischistisch-inkonsistentes Schwarz-Weiss-Denken. Den Punkt drückst du oft mit dem Hinweis auf Honig aus. Dieser Punkt verfehlt das Wesentliche komplett: Wir haben ein Hauptziel, das darin besteht, das unnötige Leid da draussen zu mindern. Es ist uns damit ernst, weshalb wir z.B. unsere Ernährung umstellen. Und gerade weil es uns damit ernst ist, sind wir wissenschaftlich informiert und wissen, dass es zum aktuellen Zeitpunkt aus den genannten Gründen kaum Sinn macht, sich zu bemühen, Honig zu vermeiden. Wir verfolgen das erwähnte Ziel und überlegen uns dann pragmatisch, welche Handlungen hier und heute (privat und gesellschaftlich) am zielführendsten sind, d.h. den grössten positiven Impact generieren.

3. Auch aus deinen Prämissen folgt, dass es wichtig wäre, pflanzliche Alternativen zu fördern

Du schreibst: «Im Weiteren schlägst du [Adriano] mir Dinge um die Ohren, die ich nie gesagt habe, die ich nie in der Art gemeint habe, sondern ganz im Gegenteil, ich habe ausdrücklich gesagt, wir müssen unsere Tierhaltung überdenken.» OK: Wie setzt du dich dafür ein, dass die Tierhaltung in der Schweiz zunehmend überdacht wird? Uns scheint, die Sentience-Initiativen stellen einen hervorragenden Ausgangspunkt für eine sachliche Diskussion zum Thema dar. Warum aber wird primär über den Veganismus diskutiert, wenn es in der Sachvorlage darum geht, den Anteil an pflanzlicher Ernährung zu erhöhen? Warum wird der «staatliche Zwang» betont, obwohl die Wahlfreiheit der KonsumentInnen bestehen bleibt bzw. sogar erhöht wird und obwohl der Staat zurzeit Milliardensubventionen in die Milch- und Fleischindustrie buttert, so dass wir über das Preisniveau stark in die Richtung der Tierprodukte genudgt werden? Deine Position scheint uns auch widersprüchlich: Du schreibst, man müsse keine Massnahmen ergreifen, um (unter Beibehaltung der individuellen Wahlfreiheit) den Konsum von Tierprodukten zu reduzieren, weil das Problem primär bei der Art der Tierhaltung liege. Nun ist es aber so, dass sich die aktuelle Nachfrage nach Tierprodukten mit besserer Tierhaltung realistischerweise niemals decken liesse! Die Leute müssten zuerst bereit sein, weniger Tierprodukte zu konsumieren – doch dazu sagst du, das sei nicht nötig. So wird sich nichts ändern. Die Tierhaltung wird sich nicht verbessern, wenn es dabei bleibt, dass alle nur sagen, dass etwas getan werden sollte. Aber gerade weil eigentlich eine Mehrheit dafür wäre, die Tierfabriken bzw. Massentierhaltungen abzuschaffen (aus denen die Tierprodukte aktuell grossmehrheitlich kommen), macht eine demokratische Initiative zum Selbst-Nudging Sinn. So haben alle die Möglichkeit, sich für Massnahmen aussprechen, die es strukturell erleichtern, die eigenen ethischen Haltungen bzw. Ziele auch zunehmend umzusetzen bzw. zu erreichen. Also: Worin genau besteht dein Problem mit den Sentience-Initiativen? Aus deinen eigenen Prämissen folgt, dass man die Initiativen annehmen sollte. Was übersehen wir? Falls wir nichts übersehen, werden wir dich selbstverständlich gerne in die Liste der UnterstützerInnen von Sentience aufnehmen. (Das wär‘ doch mal was – ein politischer Rationality Stunt!)

4. Weniger Natur, bitte!

Mit guter Wahrscheinlichkeit wird In-vitro Fleisch in 20 Jahren marktreif sein. Dann werden wir hoffentlich alle Fleisch aus der Petri-Schale essen können, für das kein Tier leiden musste und das auch punkto Ressourceneffizienz bedeutend besser abschneidet als das Fleisch aus der «Natur» (d.h. aus der Tierfabrik). Wir befürworten die Förderung des In-vitro Fleisches stark – sie könnte als weiteres Mittel einen wichtigen Beitrag zur Problemlösung leisten. Wir befürchten aber, dass viele Fleischesser aufgrund einer irrationalen Natürlichkeitsideologie selbst bei freier Verfügbarkeit hochwertigen In-vitro Fleisches nicht auf diese Alternative umsteigen würden. Angesichts unserer geteilten Ansichten zur Biotechnologie scheint es mir wahrscheinlich, dass wir uns zumindest in dem Punkt einigen können, dass tierleidfrei hergestelltes In-vitro Fleisch eine einwandfreie Option wäre (aktuell wird meist noch ein Kälberserum verwendet) – und dass es wichtig ist, den grassierenden Natur-Bias zu kritisieren. U.a. aufgrund dieses Bias ist es aber auch wahrscheinlich, dass zur Förderung des In-vitro-Fleisches ebenfalls Sentience-Initiativen nötig wären.

Was ernährungstechnisch verwirrt, ist, dass du den Konsum veganer B12-Zuckertäfeli kritisierst. (Kritisierst du demnächst auch die übliche Jod-Anreicherung des Salzes, ohne die der Jod-Mangel verbreitet wäre?) Es macht doch überhaupt keinen Unterschied, ob du eine Pflanze mittels Gentech dazu bringst, die Nährstoffe selbst herzustellen, oder ob du Bakterien dazu anregst, dir die Nährstoffe zu liefern. Warum zum Kuckuck sollte es peinlich sein, Fleisch nachzuäffen? Es behauptet ja niemand, dass Fleisch nicht gut schmeckt. Man soll das essen, was am meisten schmeckt, solange man damit nicht anderen schadet. Daher ist es nicht peinlich, sondern rational, Fleisch pflanzlich nachzuäffen. (Der Zielerreichungsgrad ist dann am höchsten: weniger Tierleid; bessere Ressourceneffizienz; gleicher kulinarischer Genuss; leichterer Umstieg von den Tier- auf die Pflanzenprodukte.) Neue B12-Pflanzen wären natürlich sexy, aber wir verstehen nicht, inwiefern dies weniger aufwändig wäre, als einmal pro Jahr eine Ladung leckerer B12-Zuckertäfeli zu kaufen und sie dann wöchentlich einzuwerfen.

5. Kritik der Intuitionen unseres (unverlässlichen) Gehirns & Nudging

Nudging lässt dir die Nackenhaare zu Berg stehen – OK. Aber inwiefern ist das ein rationaler Grund, es in Fällen nicht zu befürworten, wo viel auf dem Spiel steht? Offensichtlich ist es kein hinreichender Grund, da du selbst angibst, es zumindest im Fall der Organspende zu befürworten. Dieser Punkt muss betont werden. Apropos «Staatskritik» und so: Haben alle zur Kenntnis genommen, dass sich Beda punkto Organspende für ein staatliches Nudging in eine gute Richtung ausspricht? Wir glauben, viele würden dies als bedeutend heikleres Nudging empfinden als das Nudging, das Sentience Politics vorschlägt. Beda ist mit den Konsequenzen das aktuellen Nudgings (in Richtung «Organspende nein») halt zu gut vertraut. Er kann sich die Schadensfolgen in diesem Bereich gut vergegenwärtigen. Darum ist er dafür, dass der Staat das Nudging umdreht und dass wir neu Richtung «Organspende ja» genudgt werden. Die GBS CH folgt ihm, denn die Argumentation scheint rational stichhaltig zu sein. 

Unsere These: Wäre Beda mit den Schadensfolgen des Tierkonsums so eng vertraut wie mit den Schadensfolgen der Nicht-Organspende, wäre er viel eher bereit, das Nudging auch im Bereich der Ernährung durch einen kleinen staatlichen Switch umzudrehen. Aktuell werden wir ja massiv in Richtung Tierprodukte genudgt, u.a. aufgrund der staatlichen Milliardensubventionen, welche diese erhalten. Aber zurück zu den Nackenhaaren: Mit den unreflektierten «Bauchgefühlen» bzw. Intuitionen unseres Gehirns (die nachweislich unzuverlässig sind) sollten wir in der Ethik vorsichtig umgehen. Das von dir erwähnte Video der Neuropsychologin Molly Crocket zeigt schön auf, dass moralische Intuitionen von zufälligen Faktoren abhängen können. Gerade weil Intuitionen oft nicht von guten Gründen gedeckt sind, ist es sinnvoll, sie kritisch zu hinterfragen.

Du schreibst, du möchtest den Staat nur dort, wo es um «echte Solidarität» geht. Was soll das heissen? Und warum sollte eine wahlfreiheitserhaltende Massnahme, welche auf einen Schlag viele gravierende Probleme eindämmt, nicht auch darunter fallen?

Seien wir doch ehrlich: Diese kategorische Ablehnung jeder Massnahme, die mit «Väterchen Staat» zu tun hat, ist doch Schwachsinn, der nur als Diskussionsstopper fungiert! Statt dass ein sinnvoller Dialog zu den Sachfragen entsteht, verkommt die Diskussion zu einem fehlgeleiteten Grabenkampf um den «Paternalismus». Um es nochmals festzuhalten: 1) Bei Sentience geht es um Initiativen, d.h. es wird demokratisch entschieden. Der «Staat» ist hier die Mehrheit des Volkes, d.h. der Betroffenen selbst. 2) Die Wahlfreiheit der KonsumentInnen wird nicht eingeschränkt. 3) Der einzige Grund, weshalb Tierprodukte nicht extrem teuer sind, besteht darin, dass uns der Staat (ohne reflektierte direktdemokratische Genehmigung) durch Milliardensubventionen in die Richtung von mehr Tierleid, mehr Umweltschäden und mehr Zivilisationskrankheiten nudgt. Warum also wäre es nicht vorzuziehen, uns selbst bewusst in die Gegenrichtung zu nudgen?

Angesichts dieser Tatsachen scheint es evident, dass jemand, der – wie du – die aktuelle Tierhaltung für problematisch hält, die Sentience-Initiativen unterstützen müsste.

Was man auch beachten sollte: Die kulinarische Qualität der pflanzlichen Alternativen steigt kontinuierlich, wenn mehr und mehr Köche und Lebensmittelhersteller sich mit ihnen auseinandersetzen. Es spricht nichts dagegen, dass vegane Menüs in Zukunft auch für schlemmende, kulinarisch anspruchsvolle Omnivoren vermehrt eine valable Alternative darstellen können.

Weiter schreibst du: «Nun lieber Mannino, nice try, wenn du mich bittest zwischen Veganismus und dem Ziel von Sentience zu unterscheiden. Du weisst haargenau, dass mit unserem Ja/nein-System bei den Abstimmungen kein Mensch so differenziert wählen wird. Genau deshalb wählt ihr ja diesen Weg, darauf hoffend, dass die Anzahl Trittbrettfahrer mit ganz anderen Überzeugungen ebenfalls für euch stimmen werden.» Wir verstehen diesen Punkt nicht. Es existieren schon viele Nicht-Veganer und Nicht-Vegetarier, die sich für die Initiativen aussprechen. Natürlich wird es einzelne Leute geben, welche die Initiativen ablehnen, nur weil das Wort «vegan» vorkommt. Aber man kann den WählerInnen in Basel und Bern durchaus mehr zutrauen.

6. Macht, Kritik und Humor

In einem Facebook-Kommentar zu deiner Replik hast du geschrieben: «Eine Denkfabrik denkt und will keine Macht. Die Stiftung ist nicht mal ein Verein und will keine Polizeigewalt. Die GBS Regionalgruppen sind völlig autonom. Ich bin in keinem einzigen Verein und mache im GBS Beirat mit, weil es für mich der fast einzige Ort ist, wo ich mich zu hause fühle und mich nicht ständig rechtfertigen muss. Der evolutionäre Humanismus erträgt viele Mutationen. Die Selektion wird zeigen welche Ideen im neuen Zeitgeist überleben werden.»

Was den evolutionären Humanismus als offenen Ideenkomplex betrifft, der Mutation und (möglichst vernünftige) Selektion begrüsst, hast du natürlich vollkommen Recht. Und ja: Eine Denkfabrik denkt. Aber ein wesentlicher Zweck des Denkens besteht, danach darauf hinzuwirken, dass die Welt im Lichte der vernünftigen Denkresultate verändert wird. Insofern trifft es nicht zu, dass die GBS «keine Macht» will. Sie will in vielen Bereichen gesellschaftliche Macht aufbauen, um dort dann die vernünftigen Denkresultate umsetzen zu können. Nehmen wir einige deiner Hauptthemen als Beispiel: In den Bereichen Religion, Alternativmedizin, Impfen oder Gentech wollen wir gesellschaftlich mächtiger werden, um die Unvernunft durch Vernunft ersetzen zu können. Wenn du tagtäglich deine Meinung aufgrund neuer Überlegungen änderst, dann seist du gelobt. Dies ist aber kein Grund, guten Inputs von aussen nicht offen gegenüberzustehen bzw. sie nicht aktiv zu suchen. Von guter Kritik kann man nicht genug bekommen, weil es für das Erreichen der eigenen Ziele (z.B: «kein unnötiges Tierleid») essentiell ist, dass die eigenen Ansichten wissenschaftlich-rational begründet sind. Der liebe Mannino vertritt so viele Positionen, die stark vom Mainstream abweichen, dass er in der Vergangenheit sehr oft die Meinung stark geändert bzw. die metaphorische Lotterie gewonnen haben muss. Der Ausdruck «Lotterie gewinnen» mag etwas unpassend sein; besser ist vielleicht der Spruch Michael Schmidt-Salomons: «Kritik ist ein Geschenk, ich habe nicht mehr zu verlieren als meine Irrtümer!» – und mit jedem überwundenen Irrtum gewinnt man, weil ein höherer erwarteter Zielerreichungsgrad resultiert. Beda, wir können dir versichern, dass Kritik gerade auch innerhalb der GBS-Schweiz sehr geschätzt wird und dass wir alle aktiv bestrebt sind, unsere Ansichten radikaler Kritik auszusetzen, um sie im Lichte besserer Argumente zu verändern bzw. upzudaten. In diesem Sinne: Vielen Dank für deine Teilnahme an dieser Diskussion!

Nicht zuletzt: Du befürchtest ja, wir hätten’s nicht so mit dem Humor, hätten argumentativ zwar Biss, seien aber verbissen. Nun: Gewiss bist auch du der Meinung, dass Humor nicht immer und überall angezeigt ist. Stell dir einen historischen Rassisten und Sklavenhalter vor, der dem «verbissenen» Anti-Rassisten «Humorlosigkeit» vorwirft. Zu Recht würde der Anti-Rassist entgegnen: Hier wird Humor gerade mit Zynismus verwechselt. Und zu Recht würde er auf Michael Schmidt-Salomons Buch «Hoffnung Mensch» verweisen, das den Zynismus schlachtet, seziert, verzehrt, verdaut und schliesslich in der Form ausgibt, die dem Zynismus angemessen ist. Und wie ich in der ersten Replik bereits erwähnt habe, schreibt Schmidt-Salomon in dem Buch u.a. auch: «Möglicherweise werden künftige Generationen dem Speziesismus unserer Tage mit der gleichen Fassungslosigkeit begegnen, mit der wir heute auf den Rassismus und Nationalismus vergangener Epochen zurückblicken.» Manche Dinge sind nicht lustig. Das merkt man spätestens dann, wenn man selbst wirklich leidet. Die aktuelle Gesellschaft hat kein Bewusstsein dafür, wie dringlich die Minderung des Leides in der Welt ist. Und es ist in der Tat auch fast ein Ding der Unmöglichkeit, sich wirklich zu vergegenwärtigen, wie schlimm es vielen bewussten Wesen – Menschen und anderen Tieren – ergeht, wenn es ein vergleichsweise gutes Los gezogen hat. Humor ist keine effektive Strategie zur Lösung dieses Problems.

Evolutionär-humanistische Grüsse,

Die GBS Schweiz

Serie: Zum GBS-Projekt Sentience Politics

  1. Lieber Beda Stadler!
  2. Beda Stadlers Replik
  3. Lieber Beda Stadler! Replik II