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Wie man mit dem Studium etwas bewirkt

on 4. Oktober 2013

Wer «etwas bewirken» will, will in der Regel nichtirgendetwas bewirken, sondern etwas Gutes. Worin das Gute genau besteht, ist eine philosophisch strittige Frage. Unstrittig ist zum Beispiel aber, dass es gut ist, Leid zu verhindern – das kommt offensichtlich denjenigen zugute, die ansonsten gelitten hätten. Welche Studienrichtungen und späteren Laufbahnen empfehlen sich nun, wenn ich möglichst viel Leid verhindern will? Medizin vielleicht? Oder Studienwege, die mich auf eine Tätigkeit in der Entwicklungshilfe vorbereiten?

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Direct Benefiters

Das relativ junge Gebiet der «Ethics of Career Choice»bezeichnet Ärztinnen oder Entwicklungshelfer als «Direct Benefiters» – sie arbeiten direkt am Leid beziehungsweise an seiner Beseitigung. Doch bewirken Einzelpersonen in diesen Berufen (im Grenznutzen) auch wirklich etwas? Macht ihre Arbeit einen Unterschied? Verläuft die Welt aufgrund ihrer Studien- und Berufswahl im relevanten Sinne anders? Das ist leider oft unklar.

Ersetzbarkeit

Es stellt sich nämlich die kontrafaktische Frage nach der Ersetzbarkeit: Würde, was ein konkreter Arzt oder eine konkrete Entwicklungshelferin tut, auch dann getan, wenn die entsprechenden Personen ihre Stellen nicht angenommen hätten? Vermutlich ja, denn für die meisten Ärztinnen und Entwicklungshelfer scheint zu gelten: Wären sie nicht Ärztin oder Entwicklungshelfer geworden beziehungsweise hätten sie die entsprechenden Ausbildungen nicht absolviert, dann hätteeine andere Person ihre Stelle inne und die Arbeit würde auch ausgeführt.

Mit anderen Worten: Ob ein Arzt im relevanten Sinne Leid reduziert – also etwas bewirkt – hängt davon ab, was geschehen würde, wenn er die Stelle nicht innehätte. Würden dann gewisse Patienten nicht behandelt? Gäbe es dann mehr Leid? Vermutlich nicht, denn wenn er nicht Medizin studiert hätte, wäre eine andere Person nachgerutscht. Seine Arztstelle wäre nicht unbesetzt und seine Patienten nicht unbehandelt geblieben. Wenn diese Überlegung korrekt ist – und das scheint sie im Kern zu sein – dann hat dies zur vielleicht paradoxen und ernüchternden Folge, dass «Direct Benefiters» in der Regel ersetzbar sind und daher oft nichts bewirken, was sich ansonsten nicht auch ereignet hätte.

Indirect Benefiters?

Sollten wir also Studien- und Berufswege ins Auge fassen, die uns zu «Indirect Benefiters» werden lassen? Sind die entsprechenden Tätigkeiten weniger ersetzbar? – Spannende Frage. Ihre Erörterung wird in einem späteren Blog-Post wohl aber mehr bewirken.

Dieser Artikel wurde ursprünglich bei NZZ Campus publiziert.
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