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Wie man die Wissenschaft repariert – eine Standortbestimmung

on 28. Februar 2013

Im Jahre 2005 wiesen verschiedene Analysen1 darauf hin, dass der Grossteil von publizierten Studienresultaten der medizinischen Forschung fehlerhaft ist. Ein Bericht2 von 2008 zeigt, dass etwa 80 Prozent der akademischen Artikel in Fachzeitschriften statistische Signifikanz mit umgangssprachlicher Signifikanz verwechselten. Vor diesem grundlegenden Fauxpas in der Statistik warnt schon die Einführungsliteratur. 2011 zeigte eine ausführliche Untersuchung3, dass die Hälfte der veröffentlichten Papers der Neurowissenschaften simple statistische Fehler enthält. Im Jahr 2011 publizierte der anerkannte Psychologe Daryl Bem in einem führenden Journal eine Studie4, die behauptete, Beweise für Präkognition zu liefern. Präkognition ist die angebliche Fähigkeit, ein Ereignis oder einen Sachverhalt für die Zukunft vorherzusagen, ohne dass dafür zu diesem Zeitpunkt rationales Wissen zur Verfügung stand. Die Redaktion begründete die Veröffentlichung des Artikels damit, dass er klar und deutlich formuliert war und die gewohnten Standards für statistische und experimentelle Methoden befolgt wurden.

Der Wissenschaftsjournalist Jonah Lehrer fragt: „Is there something wrong with the scientific method?„. Beispiele wie das oben genannte weisen darauf hin: Yes, there is.
Das überrascht nicht. Was jetzt gerade als „Wissenschaft“ bezeichnet wird, ist mit höchster Wahrscheinlichkeit nicht die allerbeste Methode, um die Geheimnisse unseres Universums zu lüften. Es kann jedoch mit Sicherheit gesagt werden, dass aus allen möglichen Methoden ein Repertoire zusammengestellt wurde, welches sich nicht als höchst unnütz erwiesen hat.

Ein Blick in die Wissenschaftsgeschichte zeigt, dass die wissenschaftliche Methode einer stetigen Weiterentwicklung unterworfen war: Schon im antiken Griechenland gab es Wissenschaftler (damals eine reine Männerdomäne), jedoch testeten nur wenige ihre Hypothesen mit mathematischen Methoden. Ein Grundstein legte Ibn al-Haythams „Schatz der Optik“ im 11. Jahrhundert. Im selben Jahrhundert betonte Al-Bjruni, wie wichtig es sei, Untersuchungen zur Reduktion von Fehlern oftmalig zu wiederholen. Galileo verschaffte der Mathematik mehr Aufmerksamkeit seitens der Wissenschaft, Bacon beschrieb die eliminative Induktion, Newton vereinigte die Gesetze der Schwerkraft von Galileo mit den Gesetzen der Planetenbewegung nach Kopernikus, Peirce klärte die Rollen von Induktion, Deduktion und Abduktion, und Popper etablierte die Bedeutung von Falsifikation. All diese Erkenntnisse haben die wissenschaftliche Methode massgeblich verändert und bewiesen, dass es sich dabei nicht um ein statisches Vorgehen, sondern eine prozesshafte Arbeitsweise handelt, die äusserst flexibel ist und sein soll.

In jüngster Zeit kamen weitere Methoden hinzu, die zur Qualitätssteigerung wissenschaftlicher Forschung und Arbeit beitragen. Errungenschaften wie Peer Review, Kontrollgruppen, Randomisierung, Verblindung und verschiedene statistische Tools5 fliessen in das Konzept der wissenschaftlichen Methode ein und verändern dieses so fortwährend. In vielerlei Hinsicht erweist sich die Wissenschaft heute als besser denn je zuvor, dennoch hat sie weiterhin mit grossen Problemen zu kämpfen: Ein Grossteil der wissenschaftlichen Forschung wird mangelhaft durchgeführt. Die gute Nachricht: Viele Schwierigkeiten und meist auch entsprechende Herangehensweisen sind bekannt.

Die folgende Serie legt eine Auswahl der grundlegenden Probleme und deren Lösungsansätze dar.

Serie: Wie man die Wissenschaft repariert

  1. Wie man die Wissenschaft repariert – eine Standortbestimmung
  2. Publication Bias: Ungeschick oder Absicht?
  3. Experimenter Bias: Sieben Abschnitte der Fehlbarkeit
  4. Schlechte Statistik – Das Ende einer Ära