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Zwischen Einstein und Ramanujam – Wie in jedem Kind ein Genie schlummert

und on 16. August 2013

Wie nicht anders zu erwarten, scheiden sich auch in der Bildungspolitik die Geister. Eine grosse Mehrheit der EntscheidungsträgerInnen internationaler Politik sind der Meinung, dass man die Kinder einfach in ein Schulzimmer zu setzen braucht, eine gut ausgebildete Lehrperson hinzufügt und sich der Rest dann von selbst erledigen wird.

Die Supply Wallahs

Banerjee und Duflo nennen Personen mit dieser Ansicht „Supply Wallahs“ – die Verfechter der Angebotsseite. Diese Position ist wiederum in den Millennium-Entwicklungszielen der UNO wiederzufinden:

Primärschulbildung für alle: Bis zum Jahr 2015 ist sichergestellt, dass Kinder in der ganzen Welt, Mädchen wie Jungen, eine Primärschulbildung vollständig abgeschlossen haben.

Diese Sichtweise scheint sich durchgesetzt zu haben, denn in fast allen Ländern ist die Schule kostenlos (zumindest auf Primarschulstufe) und die meisten Kinder sind auch eingeschrieben. So haben Banerjee und Duflo in ihrem Datensatz von 18 Ländern sogar unter den extrem armen Menschen eine Immatrikulationsrate von über 80 Prozent in der Hälfte der Länder vorgefunden.

Die Milleniumsziele und viele bildungspolitische Massnahmen der Supply Wallahs gehen davon aus, dass die Qualität der Bildung und die des Lernens mit der schulischen Einschreibung und einem Abschluss Hand in Hand gehen. Leider präsentiert sich die Realität ein bisschen komplizierter.

Wie schlecht dürfen LehrerInnen sein?

Die Konklusion einer Studie der Weltbank über die Abwesenheitsraten von Lehrpersonen in Bangladesch, Ecuador, Indien, Indonesien, Peru und Uganda hat gezeigt, dass diese im Durschnitt an einem von fünf Tagen nicht anwesend sind. In Indien und Uganda ist diese Zahl noch höher. In Indien hat sich herausgestellt, dass sogar Anwesenheit der LehrerInnen diese oftmals noch anderen Aktivitäten nachgehen und sich nicht auf den Unterricht konzentrieren. Insgesamt verbringen Lehrpersonen in Indien nur die Hälfte ihrer vorgesehenen Zeit vor ihren Schulklassen. Die Folgen davon sind unschwer zu erörtern.

Pratham untersuchte diesbezüglich 700’000 Kinder in verschiedenen, zufällig ausgesuchten indischen Dörfern (über 1’000 Kinder pro Dorf) auf ihre schulischen Fähigkeiten. Fast 35 Prozent der sieben- bis vierzehnjährigen Kinder konnten keinen einfachen Absatz und knapp 60 Prozent keine einfache Geschichte lesen. Dasselbe trifft auf mathematische Kenntnisse zu. Ähnliche Resultate wurden unter anderem in Pakistan und Kenia vorgefunden.

Die Demand Wallahs

Eine zweite Position präsentiert einen anderen Lösungsvorschlag, welcher nicht das Angebot in den Vordergrund rückt, sondern sich auf die Nachfrage fokussiert. Diese sogenannten „Demand Wallahs“ weisen darauf hin, dass durch die alleinige Bereitstellung von Schulen kein grosser Nutzen entsteht, solange nicht gleichzeitig auch eine Nachfrage nach Schulbildung vorhanden ist. Ihrer Meinung nach ist die Qualität der Bildung in gewissen Ländern so gering, weil sich die Eltern nicht genügend um die schulischen Aktivitäten ihrer Kinder kümmern, solange sie keinen Vorteil darin erkennen. Wenn der längerfristige finanzielle Nutzen aus der Schulbildung sichtbar ist, wird automatisch auch die Nachfrage nach Privatschulen oder – wo diese zu teuer sind – die Nachfrage nach öffentlichen Schulen steigen und das Angebot quantitativ als auch qualitativ zunehmen.

Betrachtet man dabei Indien in Bezug auf die Grüne Revolution oder die Verlagerung der Call Centers in diese Region, so hatte die Nachfrage eindeutig einen Einfluss auf die Schulbildung in diesen Gebieten. Sie stieg in jenen Regionen an, in welchen die Menschen eine bessere Ausbildung benötigten, um auf dem neu entstandenen Arbeitsmarkt erfolgreich mithalten zu können. Weiter konnte Robert Jensen einen Zusammenhang zwischen dem Anstieg an Call Centern und dem Anstieg der Immatrikulierungsrate von Mädchen erkennen, da die Nachfrage nach Frauen in diesem Beruf sehr gross war und diese in diesen Positionen weniger diskriminiert wurden.

Daraus folgern Demand Wallahs, dass staatliche Investitionen indirekt die Nachfrage nach Bildung vergrössern können durch mehr wirtschaftliche Attraktivität. Da so die Bildung ein konkretes Ziel verfolgt, steigt der Druck auf Lehrpersonen; ein kompetitiver Markt von privaten und öffentlichen Schulen sorgt zudem für eine weitere Verbesserung der schulischen Zustände.

Darf schulische Ausbildung nur eine Investition sein?

Es ist wohl unbestritten, dass der ökonomische Nutzen der Schulbildung eine wichtige Rolle für Eltern spielt, aber es gibt auch viele andere Dinge, welche ebenso in die Entscheidung der Eltern miteinfliessen. So zum Beispiel deren Hoffnungen bezüglich der Zukunft oder deren Erwartungen und Grosszügigkeit gegenüber ihrem Kind.

Hier würden Supply Wallahs aufhorchen und darauf hinweisen, dass genau dies der Grund ist, weshalb man Schulen auch ohne die nötige Nachfrage errichten soll. Man dürfe nicht den Eltern alleine die Entscheidung überlassen, ob ihr Kind nun ausgebildet sein sollte oder nicht. Diese könnten nur schon aus finanziellen Gründen (z.B. Geiz oder auch, weil sie ihre Kinder lieber auf der eigenen Farm arbeiten lassen wollen) ihren Kindern die Schule verunmöglichen. Die Regierung solle deshalb für alle Familien freien Zugang zu Bildung ermöglichen und den Eltern Anreize schaffen.

Es hat sich in verschiedenen Studien herausgestellt, dass das Einkommen der Haushalte eine wichtige Rolle spielt. So hat ein Kind aus einem armen Haushalt im Durchschnitt eine geringere schulische Ausbildung als ein Kind aus einer reicheren Familie. Dies trifft auch dann zu, wenn der langfristige ökonomische Nutzen derselbe ist. Da die Anzahl der Kinder oftmals vom Einkommen abhängig ist, steigen die Ausgaben pro Kind in einer reicheren Familie verhältnismässig zum Gesamtkonsum schneller an. Oder etwas provokanter ausgedrückt: Ein talentiertes Kind aus einer armen Familie hat nicht dieselben Bildungs- und Karrierechancen wie ein weniger talentiertes Kind aus einer reicheren Familie.

Die Schule ist entscheidend

Wie zu Beginn des Textes erwähnt, so hat eine weltweite Studie über die Abwesenheitsrate von Personen im Bildungs- und Gesundheitswesen gezeigt, dass Lehrpersonen in Privatschulen in Entwicklungsländern im Schnitt öfters anwesend sind, als deren KollegInnen in öffentlichen Schulen und die indische Research-Organisation ASER hat herausgefunden, dass knapp 50 Prozent der SchülerInnen an öffentlichen Schulen in der fünften Klasse nicht in der Lage sind, die ihnen vorgelegten Texte zu lesen; im Gegensatz zu 32 Prozent der SchülerInnen aus Privatschulen. Auch in Pakistan zeigen Studien das selbe Bild: So sind Kinder aus Privatschulen in der dritten Klasse den Kindern aus öffentlichen Schulen im Englisch um eineinhalb Jahre voraus. Im Fach Mathematik sogar um zweieinhalb Jahre. Das ist nicht alleine darauf zurückzuführen, dass vor allem reiche Familien ihre Kinder in Privatschulen schicken; zum einen sind die Kosten der Privatschulen dank der grossen Nachfrage stark gesunden; zum anderen ist der Leistungsunterschied zwischen Privat-SchülerInnen und jenen an öffentlichen Schulen fast zehn Mal grösser als der Unterschied zwischen SchülerInnen der reichsten und der tiefsten sozioökonomischen Schicht.

Kinder in Privatschulen lernen mehr, doch auch sie könnten noch effizienter unterrichtet werden. Woran liegt es, dass auch viele Privatschulen den Anforderungen nicht gerecht werden? Der Markt scheint auch hier nicht so zu funktionieren wie er eigentlich sollte. Vielleicht liegt zu wenig kompetitiver Druck auf den Schulen oder die Eltern sind diesbezüglich nicht genügend informiert. Einzigartig ist auf jeden Fall folgender Kernpunkt: Es besteht ein grosser Unterschied bezüglich der Erwartung von Seiten der Gesellschaft an das Bildungssystem und dem tatsächlichen Resultat, welches private und die öffentliche Schulen anbieten.

Die Rolle der Eltern und des Umfeldes

In einer Studie in Madagaskar zeigte sich, dass die Eltern falsche Informationen bezüglich dem abgeschlossenen Bildungsniveau und dem zu erwartenden Einkommen besitzen. Bei einem Abschluss auf Primarschulebene erwarten sie eine Erhöhung von 6 Prozent, für jedes Jahr auf der Sekundarstufe eine Erhöhung von 12 Prozent und für jedes Jahr in der Maturitätsstufe eine Erhöhung von 20 Prozent. In Marokko fand man ähnliche Werte. Banerjee und Duflo konnten aufzeigen, dass sich das zukünftige Einkommen für jedes investierte Jahr mehr oder weniger proportional erhöht. Dies trifft auch auf Menschen zu, welche danach keinem Beruf im formellen Sektor nachgehen. Die Eltern sehen also eine Armutsfalle wo gar keine ist. Diese falsche Ansicht sorgt oftmals dafür, dass sich arme Eltern mit mehreren Kindern auf ihr „hoffnungsvollstes“ Kind fokussieren und das meiste Geld in die bestmögliche Ausbildungsstufe dieses  Kindes investieren, anstatt das Geld auf die Ausbildung aller Kinder zu verteilen und somit deren Grundbildung zu sichern.

In Kolonialzeiten hatten Schulen vor allem den Zweck lokale Eliten auszubilden und die Distanz zwischen diesen und der restlichen Bevölkerung zu erhöhen. Auch heute findet man in vielen Ländern diskriminierende Verhältnisse im Bildungssystem. Kinder aus traditionell benachteiligten Bevölkerungsgruppen (in Indien beispielsweise entsprechend der Kastenzugehörigkeit) erhalten nicht dieselbe Aufmerksamkeit. Mädchen noch viel mehr als Knaben. Daraus resultiert eine doppelten Armutsfalle, da Eltern als auch Lehrer nicht in Kinder investieren, welche nicht alle Erwartungen und Kriterien erfüllen. Diese Haltung hat natürlich auch Auswirkungen auf das Selbstvertrauen des Kindes, welches dadurch extrem geschwächt wird und das schlechte Abschliessen in der Schule auf eigenes Verschulden und nicht dasjenige der Eltern und Lehrpersonen zurückführt.

Der Grund, weshalb private Schulen gegenüber öffentlichen Schulen in Bezug auf die Leistung eines durchschnittlichen Kindes nicht wirklich merklich besser abschneiden, liegt in der Gestaltung des Bildungssystems. Dieses legt den Fokus auf einen kleinen Anteil der SchülerInnen und konzentriert sich auf die Bildung einer Elite, anstatt allen Kindern die bestmögliche Ausbildung anzubieten. Viele talentierte SchülerInnen werden deshalb vernachlässigt und haben keine Chance auf eine vollständige Ausbildung.

Wie bekämpfen wir also diese Missstände?

Erfolgreiche Versuche in verschiedenen Ländern, unter anderem auch den USA, zeigen Mittel, wie gegen diese Probleme vorgegangen werden kann.

  1. Der Fokus sollte vor allem auf der Bildung von Grundkenntnissen liegen und der Verpflichtung gegenüber der Idee, dass jedes Kind diese Kenntnisse erlangen kann, unabhängig von Geschlecht oder ethischer Zugehörigkeit. Charter Schools in den USA oder die Schulprogramme von Pratham in Indien sind auf diesen Prinzipien aufgebaut und weisen einen grossen Erfolg auf in ihrer Umsetzung.
  2. Es ist wichtig Aushilfskräfte auszubilden und in den schulischen Prozess zu integrieren. So haben freiwillige junge Aushilfskräfte (oftmals StudentInnen) im indischen Bundesstaat Bihar zu einer grossen Verbesserung der schulischen Leistung beigetragen, nachdem sie über 7 bis 10 Tagen eine kurze pädagogische Ausbildung absolviert hatten.
  3. In Kenia hat sich herausgestellt, dass die beste Methode für effizientes Lernen in der Unterteilung der Kinder nach ihren Fähigkeiten und Kenntnissen liegt. So können sie ihrem eigenen Tempo folgen und am besten ihr Potential entfalten. Eine andere Möglichkeit läge in der Auflösung der festgefahrenen Klassenstufen. So könnten SchülerInnen jene Fächern, in welchen sie Probleme bekunden, eine Klassenstufe tiefer absolvieren und dennoch in ihrer Hauptklasse bleiben.
  4. Die oben schon erwähnte Studie aus Madagaskar sowie eine aus der Dominikanischen Republik konnten einen signifikanten Zusammenhang zwischen der Haltung der Eltern gegenüber der schulischen Bildung und der Leistung ihrer Kinder erkennen. Die Weitergabe von Informationen über den Nutzen der Schule an Eltern ist die mit Abstand günstigste Möglichkeit die herrschenden Zustände zu verbessern, da dies für die Lehrkräfte mit wenig Aufwand verbunden ist.
  5. Da es in Entwicklungsländern nicht so einfach ist gut ausgebildete und motivierte Lehrkräfte zu finden, bietet der Gebrauch von technologischen Hilfsmitteln eine zusätzliche Möglichkeit den Unterricht ausgewogener zu gestalten. Banerjee und Duflo konnten mit einem entsprechenden Experiment, welches in Indien durchgeführt wurde, eine Verbesserung der schulischen Leistung erkennen.

Eine Vereinfachung des Lehrplans auf den Fokus der Kernkompetenzen, sowie eine Schulbildung, welche die Bedürfnisse und Talente jedes einzelnen Kindes berücksichtigt, würde die Bildungsverhältnisse in den Entwicklungsländern stark verbessern. Das Genie, welches in jedem Kind steckt, kann sich nur dann entfalten, wenn diskriminierende Einschränkungen in der Schule dessen Selbstvertrauen nicht zerstören. Die Schule soll den Kindern dienen und nicht umgekehrt!