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Eine Welt ohne Armut – Utopie oder Möglichkeit?

und on 31. Juli 2013

Bei jeder dritten Geburt in Subsahara-Afrika stirbt die gebärende Mutter.

Jedes Jahr sterben 9 Millionen Kinder vor ihrem fünften Geburtstag.

In fünfundzwanzig Ländern liegt die Lebenserwartung eines Menschen unter fünfundfünfzig Jahren.

Wir alle haben Informationen wie diese schon zigmal in irgendeinem Zusammenhang gehört. Uns allen sind diese Statistiken bekannt und wir wissen, dass an gewissen Orten auf der Welt solche Zustände anzutreffen sind. Dennoch schrecken wir nicht zusammen, wenn wir damit konfrontiert werden. Niemand zückt sogleich freien Herzens die Brieftasche und spendet Geld an eine oder mehrere Hilfsorganisationen. Zugegeben, nicht gerade niemand, aber zumindest nicht viele, geschweige denn genug Menschen.
Für dieses Verhalten gibt es diverse Erklärungen. Die folgende ist sicherlich die populärste von allen: Wir glauben, dass eine Spende nur ein sogenannter Tropfen auf den heissen Stein ist und dieser oftmals schon vor dem Auftritt vaporisiert wird.

Hier soll aufgezeigt werden, dass der Kampf gegen die Armut  nicht eine unlösbare Herausforderung darstellt. Denn durch das genaue Verständnis und die Identifikation der konkreten Charakteristika ist eine Lösung des Armutsproblems möglich. Die Betrachtung der empirischen Erhebungen der letzten zwanzig Jahre lässt diesbezüglich durchaus Zuversicht zu. So ist die Anzahl an Menschen, welche in Entwicklungsländern in extremer Armut leben mussten – sprich mit maximal 1$ pro Tag – zwischen 1990 und 2010 von 43 auf 21 Prozent gesunken und auch die globale Armutsrate hat sich innerhalb dieser zwei Jahrzehnte halbiert.

Doch auch wenn die letzten Zahlen ein positives Bild hinterlassen, so leiden jeden Tag noch immer Millionen von Menschen unter den Folgen von Armut und es ist noch ein langer Weg hin zu einer Welt, in der so wenig Menschen wie möglich um ihr Überleben kämpfen müssen.
Eine Möglichkeit diesen Prozess effizient voranzutreiben ist die Änderung der wissenschaftlichen Herangehensweise an dieses Thema. Auch heute streiten sich die meisten ExpertInnen über „grosse“ Fragen wie

Viel zielführender wäre es jedoch interventionsbezogene Fragen zu stellen wie beispielsweise

Auf der einen Seite steht Jeffrey Sachs, US-Ökonom und seit 2002 Sonderberater für die Millennium Goals, welcher auf all diese Fragen eine abschliessende Antwort hat: Arme Länder sind deshalb arm, weil sie in heissen, unfruchtbaren, malariainfizierten, landumschlossenen Gebieten liegen und sich somit in einer Poverty Trap befinden, aus deren Fängen sie sich ohne (finanzielle) Hilfe nicht eigenständig befreien können. Ohne ausländische Hilfe, ohne einen Kick-Start kann weder Demokratie noch ein freier Markt viel für die Verbesserung dieser Länder tun. Sofern aber die reichen Länder jährlich 200 Milliarden in Entwicklungshilfe investierten, könnte die Armut zwischen 2005 und 2025 vollständig eliminiert werden.

Auf der anderen Seite – genau so lautstark wie Sachs – gibt es  die Advokaten der Anti-Aid-Bewegung, zu denen William Easterly gehört. Ihrer Meinung nach wird Entwicklungshilfe zu längerfristig schlechteren Konsequenzen führen, da sie verhindert, dass die betroffenen Menschen nach eigenen Lösungen suchen. Ausserdem führt sie zu vermehrter Korruption in den lokalen Institutionen. Die effizienteste Lösung bestehe darin den Menschen freien Zugang zu Märkten zu gewähren und durch die richtigen Anreize Selbsthilfe zu unterstützen. Nach Easterly gibt es folglich keine Poverty Traps.

Wem sollen wir nun glauben? Um darauf eine Antwort zu finden, brauchen wir empirische Daten. Doch jene Daten, welche heutzutage für die Beantwortung dieser Frage herangezogen werden, ergeben je nach Land und Region ein anderes Resultat.
Wenn es also tatsächlich keine allgemein gültigen Beweise für oder gegen den Nutzen von Entwicklungshilfe gibt, sollen wir uns gleichwohl der Thematik Weltarmut widmen?

In ihrem Buch „Poor Economics – a Radical Rethinking of the Way to Fight Global Poverty“ zeigen Abhijit Vinayak Banerjee und Esther Duflo Beispiele von Hilfeleistungen auf, die zu guten oder schlechten Konsequenzen führten. Die „grossen“ Fragen klammern sie dabei vollkommen aus. Denn es ist nicht klar, inwiefern deren Beantwortung bei der Bekämpfung globaler Armut überhaupt eine Rolle spielt. Die Frage beispielsweise, ob ausländische Hilfe überhaupt nützlich ist, ist gar nicht ausschlaggebend, da diese nur einem sehr kleinen Anteil der finanziellen Ausgaben zugunsten armer Menschen entsprechen.

Es ist nicht wichtig woher das Geld kommt, sondern wohin es geht!

Ein Beispiel: Für ungefähr 10$ ermöglichen Sie es, dass ein Malaria-Netz einer Familie abgegeben und dessen Verwendung erklärt wird. Doch zu welchem Preis sollten Regierungen oder NGOs den Familien diese Netze nun verkaufen? Die Antwort auf diese Frage ist nicht immer klar ersichtlich. Licht ins Dunkel liefert hier die Beantwortung der folgenden drei Unterfragen:

  1. Würden die Menschen Netze kaufen, wenn sie den vollen Preis (oder zumindest einen beachtlichen Anteil davon) bezahlen müssten?
  2. Benutzen die Menschen die Netze sachgemäss, wenn diese gratis oder zu einem subventionierten Preis angeboten werden?
  3. Würden die Menschen in Zukunft weiterhin Netze kaufen wollen, wenn diese kostenfrei oder subventioniert angebotenen Netze künftig teurer würden?

Um diese Fragen überhaupt beantworten zu können, brauchen wir Vergleichsgruppen, welchen verschiedenen Subventionierungsgrössen zugewiesen wurden, um allfällige Unterschiede aufzudecken. Dabei ist es wichtig, dass für diese empirische Untersuchung die Individuen zufällig zugeteilt werden und keinen bestimmten Kriterien unterliegen (wie beispielsweise die Höhe des Einkommens, das Alter u. a.). Ein solches Studiendesign nennt sich RCT; Randomized Controlled Trial.

Das so gesammelte neue Wissen würde der aktuellen Debatte mehr Substanz geben und uns in der Ausgestaltung der besten politischen Strategie unterstützen. Ein wichtiger Bestandteil einer datengestützten Ausrichtung von Spendengeldern liefert Giving What We Can (GWWC), ein internationaler Verein, der sich zum Ziel gesetzt hat, die Weltarmut zu bekämpfen. Neben aufklärerischer Arbeit im Bereich der Spenden evaluiert GWWC Hilfsorganisationen und gibt Empfehlungen ab. Auf Platz 1 befindet sich derzeit die Against Malaria Foundation (AMF). Die Stiftung AMF sammelt Geld für Malaria-Netze, deren Verteilung und Nutzung und überprüft selbst deren Anwendung und Reichweite.

Der Weg in eine Welt ohne Armut mag ein weiter sein, doch mit der richtigen Methodik ist er schnell zurück gelegt. Die folgende Serie basiert auf dem Buch „Poor Economics“ von Abhijit Vinayak Banerjee und Duflo Ester und soll mit falschen Problemstellungen aufräumen und Lösungsansätze präsentieren.