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Was ist ein Gedankenexperiment?

on 11. Januar 2014

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In der Philosophie trifft man überall auf Gedankenexperimente – in der Ethik ticken die Bomben, in der Sprachphilosophie finden intergalaktische Treffen statt und bei Thomas von Aquin erstehen die Kannibalen von den Toten auf. Was hat es damit eigentlich auf sich?

Sehen wir uns drei Beispiele an…

 

1. Ticking bomb scenario

Stell dir vor, dass du eine Passagierin in einem Flugzeug bist, auf dem auch ein Terrorist an Bord ist. Er verkündet, er habe eine Zeitbombe  im Flugzeug versteckt und nur er kenne den Zahlencode, der sie entschärft. Dürfen die anderen Passagiere den Terroristen foltern, um den Zahlencode zu erfahren, wenn dadurch hunderte Leben gerettet werden können?

2. Putnams Zwillingserde

Manche Sprachphilosophen vertreten die Ansicht, dass die Bedeutung eines Ausdrucks grob gesprochen dadurch bestimmt wird, was im Kopf des Sprechers vorgeht. Stellen wir uns aber vor, es gäbe irgendwo im Universum eine Zwillingserde, die eine fast perfekte Kopie unserer Erde und allen Leuten darauf ist, mit dem einzigen Unterschied, dass Wasser auf unserer Erde H2O ist, auf der Zwillingserde aber ein anderes chemisches Gemisch namens XYZ. Die beiden Substanzen sind chemisch sehr ähnlich, sehen gleich aus und lassen sich für dieselben alltäglichen Zwecke verwenden. Wenn aber ein Sprecher auf der Erde „Wasser“ sagt, spricht er über etwas anderes als wenn ein Sprecher auf der Zwillingserde „Wasser“ sagt. Zur Bedeutung des Ausdrucks „Wasser“ auf der Erde gehört also, dass er sich auf H2O bezieht, während auf der Zwillingserde dasselbe für „Wasser“ und XYZ gilt. Also ist Bedeutung nicht nur abhängig von dem, was im Kopf des Sprechers vor sich geht, sondern auch vom Ding in der Welt, auf das sich der Ausdruck bezieht.

3. Thomas von Aquins katholische Kannibalen

Im katholischen Glauben findet beim jüngsten Gericht die körperliche Auferstehung aller Toten statt – die einen bekommen ihren Körper wieder, damit sie in den Himmel gehen können, die anderen, damit sie in der Hölle gequält werden können. Thomas von Aquin führt nun folgendes Gedankenexperiment durch: Angenommen, es gäbe einen Kannibalen, der sich von nichts als Menschenfleisch ernährt. Man könnte sagen, dass jeder Teil des Kannibalenkörpers eigentlich jemand anderem gehört, denn ohne den Verzehr der Körper anderer könnte der Kannibale nicht weiterleben. Was geschieht nun bei der Auferstehung aller Toten? Bekommt der Kannibale seinen Körper, fehlt seinen Opfern je ein Teil – bekommen alle Opfer ihre Körper, hat der Kannibale überhaupt keinen mehr. Also, so Thomas von Aquin, kann es keine körperliche Auferstehung im strengen Sinne geben.

Aus den drei Beispielen kann man erkennen, wie unterschiedlich philosophische Gedankenexperimente sein können. Aber was macht denn nun ein Gedankenexperiment aus? Man könnte zunächst drei ganz allgemeine Beobachtungen aufstellen:

a) Wir können mithilfe von Gedankenexperimenten für bestimmte Thesen argumentieren.

b) Gedankenexperimente können uns ein besonders starkes Gefühl geben, dass eine bestimmte Schlussfolgerung richtig ist. (z.B. Zwillingserde, Kannibalen)

c) Manchmal fehlt dieses Gefühl aber auch oder verschiedene Leute halten unterschiedliche Schlussfolgerungen für richtig. (z.B. Zeitbombe)

In Übereinstimmung mit der Beobachtung (a) sind manche PhilosophInnen der Auffassung, dass Gedankenexperimente im Grunde originell präsentierte Argumente sind. Diese Position ist im Anschluss an den Amerikaner John Norton als „Argument View“ bekannt geworden. Jedes überzeugende Gedankenexperiment könnte man demnach als überzeugendes Argument rekonstruieren. Um Experimente handelt es sich dabei aber nicht wirklich, sondern eher um ein rhetorisches Hilfsmittel. Hieran scheiden sich in der Philosophie die Geister – sind denn Gedankenexperimente nun Experimente oder lediglich eine rhetorische Darstellungsform für Argumente? (Oder könnten sie, je nach Verwendung, auch beides sein?)

Viele verstehen Gedankenexperimente nämlich analog zu empirischen Experimenten. Während in naturwissenschaftlichen Experimenten ein Teil der Welt gezielt manipuliert wird, um Beobachtungen zu sammeln, werden Gedankenexperimente grob als etwas verstanden, in dem wir vorgestellte Szenarien manipulieren, um Reaktionen von uns selbst zu sammeln. Manche würden auch sagen, dass wir „philosophische Intuitionen sammeln.

Um die Frage, was philosophische Intuitionen genau sind und ob wir uns beim Philosophieren wirklich auf sie stützen, dreht sich eine grosse Debatte in der zeitgenössischen Philosophie. Im Lager der Intuitionen-Befürworter finden sich diverse konkurrierende Auffassungen, für die hier leider kein Platz ist (eine nützliche Übersicht verschiedener Auffassungen von Intuitionen findet sich ausgerechnet bei einem Gegner von Intuitionen, Herman Cappelen (Cappelen 2010: 52)). Den verschiedenen Positionen ist trotz aller Unterschiede zum grössten Teil gemeinsam, dass sie Gedankenexperimente als Hilfsmittel zur Intuitionen-Prüfung verstehen.

Eine einflussreiche Gruppe von Kritikern konzentrieren sich demgegenüber eher auf Fälle, in denen entweder keine klare Intuition vorliegt oder in denen verschiedene Leute verschiedene Intuitionen haben. Sog. „Experimental Philosophers“ wollen auf empirischem Weg herausfinden, ob unsere Intuitionen in der Philosophie zuverlässig sind – und damit, ob wir unseren Gedankenexperimenten vertrauen können. So haben philosophische Gedankenexperimente ihren Weg in empirische Studien gefunden. Ein berühmt gewordenes Ergebnis von Weinberg, Nichols & Stich lautet, dass Intuitionen mit dem kulturellen und sozialen Hintergrund variieren, so dass Leute aus Japan und den USA in der Regel unterschiedliche Schlüsse aus bestimmten Gedankenexperimenten von Edmund Gettier ziehen. Daraus ziehen die Autoren den Schluss, dass philosophische Intuition unzuverlässig ist und die Philosophie ein ernsthaftes Problem hat. Die „Experimental Philosophers“ verbrennen den symbolischen Lehnstuhl und verlangen nichts weniger als den Einzug empirischer Erhebungsmethoden in die Philosophie.

Ein paar kurze Überlegungen zu Gedankenexperimenten führen also schnurstracks in einige der grössten Kontroversen der gegenwärtigen Philosophie, in denen mit harten Bandagen gekämpft wird. Sind Gedankenexperimente Argumente? Sind sie Experimente, mithilfe derer wir philosophische Intuitionen sammeln? Sind Gedankenexperimente zuverlässig? Sollten wir vielleicht sogar aufhören, sie zu benutzen? Diese und mehr Fragen rücken erst gerade ins philosophische Rampenlicht, obwohl sie eine Methode betreffen, die fast so alt ist wie die Philosophie.

Über solche und andere Fragen habe ich im Frühjahrssemester 2014 an der Universität Zürich die Ringvorlesung „Gedanken-Experimente. Kann man aus dem Lehnstuhl die Welt erforschen?“ organisiert.

Quellenangaben
Bealer, George (1987). „The Philosophical Limits of Scientific Essentialism“. Philosophical Perspectives 1, S.289-365.Brown,
James Robert; Fehige, Yiftach (2011). „Thought Experiments„. In: Edward N. Zalta (Hrsg.): Stanford Encyclopedia of Philosophy. (Stand 30.12.13)
Cappelen, Herman (2012). „Philosophy Without Intuitions“. Oxford: Oxford University Press.
Cohen, Martin (2004). „Wittgenstein’s Beetle and Other Classic Thought Experiments“. London: Wiley-Blackwell.
Cohnitz, Daniel (2003). „Modal Skepticism: Philosophical Thought Experiments and Modal Epistemology“. Vienna Circle Institute Yearbook 10, S.281-296.
Norton, John D. (1996). „Are Thought Experiments Just What You Thought?“. Canadian Journal of Philosophy 26/3, S.333-366.
Putnam, Hilary (1975). „The Meaning of ‚Meaning'“. Minnesota Studies in the Philosophy of Science 7, S.131-193.
Weinberg, Jonathan; Nichols, Shaun; Stich, Stephen (2001). „Normativity and Epistemic Intuitions“. Philosophical Topics 29/1-2, S.429-460.