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Warum uns politische Diskussionen einseitiger erscheinen, als sie sollten

on 22. September 2013

Der Ökonom Robin Hanson hat einmal vorgeschlagen, dass es Geschäfte geben sollte, die verbotene Produkte verkaufen¹. Es gibt eine Reihe von exzellenten Argumenten für solch eine Regelung, wie beispielsweise das Recht auf persönliche Freiheit, oder dass es der Karriere der gesetzgebenden BürokratInnen förderlich ist möglichst viele Produkte zu verbieten. Gleichwohl ist es sehr wahrscheinlich, dass irgendeine arme, gutmütige, aber leider nicht überwältigend intelligente Mutter von drei Kindern in einen dieser Läden gehen und „Dr. Quacksalb’s Schwefelsäure-Trank“ für ihre Arthritis kaufen wird. Nach ihrem Tod wird das bitterliche Weinen ihrer Kinder im Staatsfernsehen zum umgehenden Verbot dieser Läden führen.

Das ist lediglich eine einfache, sachliche Vorhersage. Viele LeserInnen werden darin einen Ausspruch gegen die Legalisierung solcher Geschäfte sehen. Warum ist dem so?
Es besteht die berechtigte Erwartung, dass Diskussionen blosser Tatsachenfragen (beispielsweise, ob die Erde eine Kugel oder eine Scheibe ist) einseitig verlaufen; die Erde ist entweder eine Kugel oder eine Scheibe, und die Beweislage sollte dies widerspiegeln.
Aber es gibt keinen Grund, warum Diskussionen komplexer Fragestellungen mit zahlreichen Konsequenzen so einseitig sein sollten.

Warum führen wir also politische Diskussionen derart einseitig?

Politik ist ein Verstandestöter. Argumente sind Soldaten. Sobald Sie wissen, auf welcher Seite Sie stehen, unterstützen Sie automatisch alle Argumente Ihrer Seite und bekämpfen jene, welche für die Gegenseite sprechen. Würden Sie das nicht tun, würden Sie Ihren eigenen „Soldaten“ in den Rücken fallen. Wenn Sie dieses Muster befolgen, werden Ihnen politische Debatten einseitig erscheinen — die Kosten und Nachteile Ihrer favorisierten Politik sind feindliche Soldaten, die mit allen notwendigen Mitteln bekämpft werden müssen.
Doch ebenso wenig zeugt es von besonderer Reife, bei politischen Diskussionen stets vollkommene Neutralität zu wahren. Eine Politik kann wirklich mehr Vorteile und weniger Kosten aufweisen als eine andere. Wenn es keine politischen Programme gäbe, die anderen zumindest geringfügig überlegen wären, könnten wir niemals eine Entscheidung treffen. Aber wir müssen uns vor der menschlichen Neigung hüten, alle Nachteile einer favorisierten Politik zu bestreiten und alle Vorteile der gegnerischen Politik zu verleugnen. Menschen sind aufgrund dieser Neigung oftmals der Ansicht, dass politische Streitfragen viel eindeutiger zu klären sind, als dies eigentlich der Fall ist.

Wenn man Geschäfte erlaubt, welche ansonsten verbotene Produkte verkaufen, wird irgendeine arme, gutmütige, aber ungebildete Mutter von drei Kindern etwas kaufen, das sie umbringen wird. Dies ist lediglich eine deskriptive Vorhersage einfacher Tatsachen. Die Vorhersage scheint zudem eher unkompliziert — eine vernünftige Person sollte bereitwillig zugeben, dass die Vorhersage eintreten wird, unabhängig von ihrer Einstellung zu diesem politischen Streitpunkt. Sie können zugleich denken, dass das Verbot von Produkten diese nur teurer macht; oder dass Regulierungsbehörden ihre Macht missbrauchen werden. Aber Tatsache ist, dass die Mutter trotzdem sterben wird.

Wir leben in einem ungerechten Universum.

Wahrgenommene Ungerechtigkeit ruft in Menschen, wie bei manchen Primaten, starke negative Emotionen und Stress hervor.

Es gibt zwei beliebte Strategien mit der daraus resultierenden kognitiven Dissonanz umzugehen. Erstens könnte man seine Ansicht der Fakten ändern — bestreiten, dass die Ungerechtigkeit überhaupt stattfand – oder die Geschichte derart bearbeiten, dass sie gerecht erscheint. Zweitens könnte man seine ethischen Anschauungen ändern, also bestreiten, dass die Ereignisse überhaupt ungerecht waren.

Angenommen, in solchen Geschäften verbotener Waren hingen deutliche Warnschilder mit der Aufschrift „DINGE IN DIESEM GESCHÄFT KÖNNEN SIE TÖTEN“. Manche AnhängerInnen des Libertarismus werden nun behaupten, dass Menschen, die in einem solchen Laden Dinge kaufen, die sie anschließend töten, selbst schuld sind und ihren Tod verdienen. Wenn dies eine moralische Wahrheit wäre, gäbe es keine Gründe, welche gegen die Genehmigung solcher Geschäfte sprächen. Die Existenz solcher Geschäfte wäre nicht nur ein Netto-Gewinn; nein, solche Läden hätten nur Vorteile und keinerlei Nachteile.
Andere werden argumentieren, dass die Aufsichtsbehörden dazu gebracht werden können rational und den Interessen der VerbraucherInnen entsprechend zu handeln. Wenn dies tatsächlich gegeben wäre, dann hätte die Regulation von Produkten keinerlei Nachteile.

Ob es Ihnen passt oder nicht, es gibt eine Geburtslotterie der Intelligenz – obgleich dies einer jener Fälle ist, bei denen die Ungerechtigkeit des Universums so deutlich zutage tritt, dass manche lieber die Tatsachen bestreiten. Doch fast alle empirischen Untersuchungen lassen auf einen rein genetischen Anteil der Varianz von Intelligenz im Erwachsenenalter von mindestens 50% schließen. Aber selbst wenn dem nicht so wäre: Sie konnten sich Ihre elterliche Erziehung und die Lehrmethoden Ihrer frühen Schuljahre genauso wenig aussuchen.
Vielen von uns wurde beigebracht, dass das Leugnen der Realität moralisch verwerflich ist. Wir wurden davor gewarnt, optimistischem Wunschdenken nachzugeben und beispielsweise zu glauben, dass der Schwefelsäure-Trank uns guttun würde. Aber manchen Menschen wurde seit frühester Kindheit eingebläut, dass Glauben richtig und Zweifel schlecht ist, sei es durch Medizinmann oder Priester. In der damaligen Zeit wurde nur geringer Wert auf Selbstständigkeit oder Eigenverantwortlichkeit gelegt – im Gegensatz zu heute. Denken Sie wirklich, dass Sie so schlau sind, dass Sie ein anständiger, rationaler Skeptiker gewesen wären, selbst wenn Sie 500 Jahre vor Christus gelebt hätten?

Es gibt eine Lotterie der Geburt, egal was Sie von Genen halten.

Zu behaupten, dass „Menschen es verdienen, Schmerzen zu erleiden, wenn sie gefährliche Waren kaufen!“ zeugt nicht von unsentimentalem Realismus, sondern vielmehr von der Weigerung in einem ungerechten Universum zu leben. Wirklich tapfer und realistisch ist der Ausspruch „Ja, Schwefelsäure führt zu einem entsetzlichen, schmerzvollen Tod, und nein, diese Mutter von drei Kindern hat das nicht verdient, aber wir halten die Geschäfte weiterhin geöffnet, da deren Vorteile deren Nachteile überwiegen.“ Können Sie sich vorstellen, wie eine Politikerin dies sagt? Aber insofern, als WirtschaftswissenschaftlerInnen die Politik beeinflussen zu vermögen, könnte es helfen, wenn sie dies insgeheim denken würden oder vielleicht sogar in wissenschaftlichen Publikationen schreiben könnten; natürlich angemessen verbrämt in polysyllabischen Kryptizismen, damit es die Medien nicht zitieren können.

Wir sehnen uns nach einer Welt, welche frei von Ambiguität und Ungerechtigkeit ist. Doch unser Universum ist solchen Wünschen gegenüber taub. Und so verzerren wir häufig unbewusst unsere Wahrnehmung derart, dass Entscheidungen und Debatten unzweideutiger und gerechter erscheinen, als dies in Wirklichkeit der Fall ist. In Diskussionen über Politik kommen deren inhärent verstandestötenden Eigenschaften erschwerend hinzu.

Wenn Sie also bei der nächsten politischen Debatte über die offensichtliche Ignoranz und Niedertracht Ihres politischen Opponenten staunen — versuchen Sie inne zu halten und die Argumente der Gegenseite möglichst unvoreingenommen zu erwägen. Vielleicht steckt mehr dahinter als Sie glauben. Vielleicht auch nicht.

 

In Anlehnung an den Originalartikel von Eliezer Yudkowsky auf lesswrong.com.
Fussnote:
1. Natürlich müssten diese Geschäfte speziell gekennzeichnet sein und ihre Kunden müssten unter Beweis stellen, dass sie verstehen worauf sie sich einlassen. Zudem geht es hier nur um Waren, welche dem Kunden selbst potentiell Schaden zufügen, und nicht um Produkte, welche verboten sind, weil sie anderen schaden (wie z.B. Kinderpornographie).