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Von 0 auf 100? Vom Aufbau einer effektiven NGO

on 12. September 2014

Anfang 2014 hat der renommierte Gutachter wirksamer Entwicklungsprogramme, GiveWell, zum ersten Mal ein Startguthaben für eine kleine Nonprofitorganisation empfohlen. New Incentives, so der Name der Organisation, könne aufgrund des evidenzbasierten Programms und Bekenntnis zu Transparenz eventuell einmal zu einem der drei wirksamsten Entwicklungsprogramme aufsteigen, gemäss GiveWell: It is “plausible that New Incentives will eventually become a GiveWell top charity.” Auf Basis dieser Empfehlung hat die Stiftung von Facebook-Mitbegründer Dustin Moskovitz, GoodVentures, sowie die Familienstiftung Lampert New Incentives Mittel in Höhe von $200’000 zur Verfügung gestellt, um dessen Programm in Westafrika zu testen und massiv auszubauen.

New Incentives Wartesaal 2

In einer mehrteiligen Serie berichtet ein Mitglied des New-Incentives-Teams über die Herausforderungen, eines der potentiell wirksamsten Hilfswerke von Grund auf zu lancieren. Dieser erste Beitrag beleuchtet die Ursprünge der Organisation, insbesondere die Neuorientierung 2013 von einer reinen Fundraising-Plattform zu einer Organisation, die selbst Programme implementiert. Einen Schwerpunkt bilden zudem Überlegungen zur Wirksamkeit des Projekts, welches auf eine Reduktion der Mutter-Kind-Übertragung von HIV in Nigeria abzielt.

Cash Transfers anstatt Mikrokredite

Die Geschichte von New Incentives beginnt mit einer grossen Ernüchterung. Im Jahr 2009 hat die damals 22-jährige amerikanische Gründerin von New Incentives, Svetha Janumpalli, im Auftrag einer Mikrofinanz-Institution in Indien und Bangladesch Interviews mit Dutzenden von Kreditnehmern geführt. Dabei musste sie feststellen, dass Mikrokredite häufig nicht den Ärmsten der Armen dienen, sondern jenen, die bereits ein kleines Geschäft betreiben und zusätzliches Kapital benötigen. Gleichzeitig werden solche Kredite häufig dazu benutzt, kurzfristige Zahlungsschwierigkeiten zu überbrücken, anstatt in die Zukunft zu investieren. So nahmen viele der von Svetha befragten Personen Kredit auf, um Schul- oder Arztgebühren begleichen zu können, und nicht, um ihr Geschäft auszubauen und damit mehr Einkommen zu generieren. Während diese Anwendung durchaus positive Seiten hat, kann sie leider auch in Schuldenspiralen enden. Personen, die zusätzliche Mikrokredite aufnehmen, um bisherige zu finanzieren, sind keine Seltenheit und manche haben bis zu zehn Kredite gleichzeitig.

Diese persönlichen Erfahrungen von Svetha decken sich weitgehend mit der wissenschaftlichen Forschung zu Mikrokrediten. Während Kleinstkredite in der Öffentlichkeit bis heute als ein Allheilmittel für Armut gelten, malen diverse wissenschaftliche randomisiert-kontrollierte Studien ein weniger rosiges Bild.

Eine im März 2014 aufdatierte randomisiert-kontrollierte Studie1 der renommierten MIT-Ökonomen Esther Duflo und Abhijit Banerjee untersuchte Mikrokredite in Hyderabad, Indien, und kommt zu einem ernüchternden Schluss. Während die Kredite zu einem Ausbau der Kleinstunternehmen führen, hat dies keine Auswirkungen auf die Armut der Kreditnehmer gemessen an deren Konsum. Zudem stellen die Autoren keine signifikanten Veränderungen bezüglich Gesundheit, Bildung oder der Stellung von Frauen fest.

Umso erstaunter über den Fokus der Öffentlichkeit auf Mikrokredite war Svetha, als sie auf eine wirksame Alternative stiess: Conditional Cash Transfers. Dabei handelt es sich um kleine Geldbeträge, welche direkt an Bedürftige gehen, wenn diese bestimmte Bedingungen wie zum Beispiel das Impfen oder den Schulbesuch ihres Kindes erfüllen. Conditional Cash Transfers, kurz CCT, wirken doppelt: Auf der einen Seite fördern sie ein Verhalten, das auf langfristige Investitionen in Bildung oder Gesundheit abzielt. Auf der anderen Seite können die Empfänger den Geldbetrag für jene Güter einsetzen, die gemäss ihrem eigenen Ermessen am wichtigsten sind. Es ist also nicht mehr der Entwicklungsexperte aus dem Westen, der bestimmt, ob beispielsweise eine Kuh oder ein Motorrad die Armut am besten lindern kann, sondern die betroffene Person selbst. Wie Svetha 2011 bei ihrer Arbeit am Center for Effective Global Action an der Universität Berkeley feststellen konnte, gibt es kaum ein Entwicklungsprogramm, das wissenschaftlich ähnlich gut untersucht und für wirksam befunden wurde wie CCT. In den Worten von Nancy Birdsall, Präsidentin des Center for Global Development:

I think Conditional Cash Transfer programs are as close as you can come to a magic bullet in development. They are creating an incentive for families to invest in their own children’s futures. Every decade or so, we see something that can really make a difference, and this is one of those things.

Cash Transfer Programme kamen Ende der 90er Jahre in Mexiko und Brasilien auf und sind aufgrund ihres Erfolges mittlerweile weltweit verbreitet. Das mexikanische Programm Oportunidades (ehemals Progresa) hat etwa zu einer Reduktion des Armutsgefälles von 30% beigetragen2. Das brasilianische Programm Bolsa Familia hat die Ernährungssicherheit der teilnehmenden Familien um über 50% erhöht3.

Von New Incentives 1.0 zu 2.0: Erste Erfolge und Rückschritte

Inspiriert durch diese Erkenntnisse entschied sich Svetha nach ihrem Studium, eine Crowd-Funding-Plattform zu starten, die Conditional-Cash-Transfer-Programmen zugute kommen würde. Unterstützt durch die Familienstiftung Lampert suchte Svetha 2012 weltweit nach Erfolg versprechenden Programmen und nahm sie in eine Internet-Plattform auf. Diese ermöglichte privaten Spendern, direkt in hoch wirksame CCT in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Ernährung zu investieren. Damit war New Incentives die weltweit erste Nonprofitorganisation, welche ausschliesslich auf diese effektive Intervention setzte. Namhafte Organisationen wie die Clinton Global Initiative, FORBES oder Women Deliver wurden auf New Incentives aufmerksam, verliehen Svetha Preise oder unterstützten sie anderweitig.

Begeistert von der Idee eines wirksamen Entwicklungsprogrammes, stiess ich Anfang 2013 zu New Incentives. Bedauerlicherweise blieb der grosse Erfolg jedoch aus, das Spendenaufkommen relativ bescheiden. Daher standen wir Mitte 2013 vor einer wegweisenden Entscheidung: Halten wir an dem bisherigen Modell fest und investieren mehr in Öffentlichkeitsarbeit und Marketing, um die Plattform besser bekannt zu machen? Oder ist ein Umdenken notwendig?

Nach langen Überlegungen kamen wir zum Schluss, dass ein Kurswechsel angezeigt war. Die strukturellen Schwierigkeiten einer Crowdfunding-Plattform für CCTs erschienen uns zu gross. Trotz ein paar bekannten Beispielen ist es ein komplexes Unterfangen, im Internet eine Spendenplattform aufzubauen, die substantielle Beiträge generiert. Selbst etablierte Crowdfunding-Plattformen für wohltätige Zwecke sind häufig von Millionenspenden etablierter Unternehmen oder Stiftungen abhängig. Zudem war es in unserem Fall schwierig, ein grösseres Publikum für das relativ technische Konzept der Cash Transfers zu motivieren. Die Verschiedenartigkeit der unterstützten Projekte von Bildung bis Gesundheit ermöglichte keine klaren emotionalen Aussagen, die bei privaten Spendern auf offene Ohren stossen. Hinzu kam, und das war der wohl wichtigste Grund für unseren Entscheid, dass es relativ wenige wirksame NGO-Projekte im Bereich Cash Transfers gab. Weshalb also weiter in eine reine Spendenplattform investieren, wenn wir die Möglichkeit haben, das Vakuum an solchen Projekten zu füllen?

Vor diesem Hintergrund entschieden wir uns Mitte 2013, nicht mehr primär Fundraising zu betreiben, sondern selbst ein Cash-Transfer-Programm aufzubauen, das zu den weltweit effektivsten gehören sollte.

Cash Transfers gegen Mutter-Kind-Übertragung von HIV

Wie aufgezeigt, sind Cash Transfers generell hoch wirksam. Doch je nach verknüpften Bedingungen (conditions) erhöht sich ihre Wirksamkeit um ein Vielfaches. Nach Durchsicht der Literatur entschieden wir uns für eine äusserst effektive Bedingung im Bereich Gesundheit: die Verhinderung von HIV-Übertragungen von der Mutter zum Kind (prevention of mother-to-child transmission of HIV, kurz PMTCT), welche vom Standardwerk Disease Control Priorities (DCP 2) als “highly cost-effective” bezeichnet wird4.

Pro Jahr werden rund 1.5 Millionen HIV-positive Frauen schwanger. Ohne Behandlung steckt rund jede dritte dieser Frauen ihr Kind mit dem Virus an. Mit Behandlung kommt das Kind in 98% der Fälle gesund auf die Welt. Nigeria ist besonders stark von diesem Problem betroffen: Obwohl das westafrikanische Land nur 2% der Weltbevölkerung ausmacht, zählt es 30% der Mutter-Kind Übertragungen von HIV.

In den letzten Jahren haben internationale Geberorganisationen wie der Global Fund oder PEPFAR daher beträchtliche Anstrengungen unternommen, um die Medikamente gegen HIV in den Kliniken Nigerias verfügbar zu machen.

Obwohl sich HIV-positive Schwangere in Nigeria mittlerweile also in vielen Kliniken kostenlos behandeln lassen können, macht die Mehrheit davon nicht Gebrauch. Die Gründe dafür sind vielzählig: Während die Behandlung selbst kostenlos ist, können sich viele der von extremer Armut betroffenen Frauen die Transportkosten von ihrem Dorf zur nächsten Klinik nicht leisten. Hinzu kommen diffuse Ängste vor Krankenhäusern sowie traditionelle Glaubensvorstellungen, welche Geburten in Kirchen oder bei unausgebildeten Geburtshelferinnen begünstigen.

Ein Conditional Cash Transfer, welcher auf den Abschluss der medizinisch anerkannten Behandlung abzielt, ist also gut dafür geeignet, dieses Problem der mangelnden Nachfrage anzugehen. Eine HIV-Übertragung von der Mutter zum Kind wird verhindert, und gleichzeitig steht der Mutter während der kritischen Phase von Schwangerschaft und Geburt mehr Geld zur Verfügung, womit sie ihre Armut lindern und besser für sich und ihre Familie sorgen kann.

Da die Kosten für die HIV-Medikamente bereits durch grosse internationale Geber gedeckt werden, ist das CCT-Programm von New Incentives besonders kosteneffektiv. Pro Frau kostet die Intervention nur rund $200, davon gehen insgesamt rund $180 direkt an die Frau, wenn sie die drei Schritte der Behandlung absolviert: 1. HIV-Test und Registrierung der Schwangerschaft,  2. Geburt in der Klinik, die kritischste Phase bezüglich Infektionsrisiko, 3. HIV-Test ihres Kindes sechs Wochen nach der Geburt. Der Gesamtbetrag von $180 enthält auch einen Bonus, damit die werdende Mutter ihre eigenen HIV-Medikamente regelmässig zu sich nimmt, wovon sie selbst sowie ihr ungeborenes Kind profitieren.

Startguthaben und Umzug nach Nigeria

Überzeugt von dem wissenschaftlich abgestützten Modell des Programms haben GiveWell, GoodVentures und die Lampert-Stiftung uns Anfang 2014 schliesslich ein Startguthaben gewährt. Dieses erlaubte Svetha, ihren Brotjob zu kündigen und im Frühling 2014 nach Nigeria zu ziehen.

Nun sind wir daran, das Programm im südnigerianischen Bundesstaat Akwa Ibom von 50 HIV-positiven werdenden Müttern auf über 1000 aufzubauen. Einen ersten Einblick in die Arbeit vor Ort bietet eine jüngst veröffentlichte Photo Story.

Vorschau auf den nächsten Beitrag

Der nächste Beitrag dieser Serie wird sich um die Herausforderungen drehen, die sich uns im ersten halben Jahr in Nigeria gestellt haben. Dazu gehören etwa Antworten auf die Fragen, in welchen Kliniken das Programm die grösste Wirkung haben könnte oder wie allfällige Betrugsversuche effektiv verhindert werden.

 

Mehr über New Incentives: Website, Twitter, Facebook

Quellenangabe

1. The miracle of microfinance? Evidence from a randomized evaluation, Banerjee, Duflo, Glennerster, Kinnan. March 2014.http://economics.mit.edu/files/5993
2. Niño-Zarazúa, Miguel Angel, Mexico’s Progresa-Oportunidades and the Emergence of Social Assistance in Latin America (March 16, 2011). BWPI Working Paper No. 142. http://mpra.ub.uni-muenchen.de/29639/1/MPRA_paper_29639.pdf
3. Segall-Corrêa AM, Leon LM, Helito H, Pérez-Escamilla R, Santos LMP, Paes-Sousa R. Cash transference and food insecurity in Brazil: http://www.scielo.br/scielo.php?script=sci_arttext&pid=S1415-52732008000700005
4. DCP 2, Chapter HIV/AIDS Prevention and Treatment, page 345. http://www.dcp-3.org/sites/default/files/dcp2/DCP18.pdf