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GBS Schweiz

Verursachen Vegetarier mehr Blutvergiessen? – Eine Replik

on 8. November 2014

Felix Olschewski von Urgeschmack.de hat neulich für die These argumentiert, dass Vegetarier „mehr Blutvergiessen verursachen (könnten) als Fleischesser“. Weiterverbreitet wurde sie etwa bei der Süddeutschen Zeitung in der Form „Vegetarier sind auch Mörder“. Etwas präziser lautet die These, dass es eine gewisse Form des Tierkonsums gibt (Weidefleisch von grossen Tieren), die weniger Tiere schädigt als die vegetarische Ernährung. Der Vegetarismus schneide deshalb schlechter ab, weil beim Anbau von Nutzpflanzen mehr Tiere Schaden nähmen als bei der Aufzucht und Tötung von Rindern, die nur Gras fressen. Dass diese Präzisierung notwendig ist, verweist auch bereits auf das erste Problem von Olschweskis Artikel. (Die Problempunkte sind im Folgenden nummeriert, Zusammenfassungen – die auch isoliert gelesen werden können – jeweils fett.)

(1) Olschewski anerkennt, dass die Vegis empirisch-praktisch zu 90% und ethisch zu 100% Recht haben. Daher ist der Titel hochgradig irreführend. Ein grundsätzliches Pro-Vegi-Framing wäre adäquater gewesen. Das Contra-Vegi-Framing schadet den Vegis und daher unter dem Strich wohl auch Olschweski, weil die Olschewski/Vegi-Zielüberlappung relativ zum Status quo fast 100% ist.

Ethisch gibt Olschewski den Vegis zu 100% Recht. Er schreibt unter anderem: „Der renommierte Ethiker Peter Singer sagt, dass, wenn wir mehrere Möglichkeiten haben uns zu ernähren, wir uns für den Weg entscheiden sollten, der das geringste unnötige Leid für Tiere bedeutet. Ich stimme ihm zu. Wenn wir uns ernähren – oder eigentlich immer – sollten wir uns so verhalten, dass wir möglichst wenig Leid verursachen.“

Die ethische Einigkeit (d.h. die Ziel-Einigkeit) alleine hätte ein klares Pro-Vegi-Framing nahegelegt. Wie steht es um die praktische Umsetzung der Ethik? Dort könnten trotz ethischer Einigkeit Meinungsverschiedenheiten auftreten. Und in der Tat: Olschewskis These ist, dass es Ernährungsformen gibt, die mehr Tierleid verhindern als der Vegetarismus, dass der Vegetarismus das geteilte Ziel also sub-optimal umsetzt. Aber: „Es ist kaum bestreitbar, dass die industrielle Fleischproduktion der Umwelt schadet und ineffizient mit Ressourcen umgeht, also nicht nachhaltig ist. Außer Frage steht auch, dass sie viel Leid verursacht. Nämlich dann, wenn – meist aufgrund des systemimmanenten Preisdrucks – zum Beispiel die Sorgfalt bei der Schlachtung leidet. (Nachtrag 23.1.2014: Aufgepasst, es ist faszinierend, wie viele Leser diesen Absatz offenkundig ignorieren. Noch einmal: Industrielle Fleischproduktion, im Volksmund auch Massentierhaltung genannt, ist nicht nachhaltig und schadet der Umwelt.)“ Zudem: „Der Anbau pflanzlicher Lebensmittel führt so zu Bodendegradierung, langfristig kann dies in Desertifikation enden. (Nachtrag 24.1.2014: Und noch einmal die Betonung: Das alles trifft natürlich auch auf die Futtermittelproduktion für die industrielle Rinderhaltung zu. Deswegen wird diese schon weiter oben im Artikel als gangbar ausgeschlossen.)“

Weit über 90% der aktuell konsumierten Tierprodukte stammen aus industrieller Produktion. (Auch Bio-Tiere werden aktuell mit Nutzpflanzen gemästet.) Olschewski teilt die Vegi-Meinung, dass diese Produktion unhaltbar ist und eingestellt werden sollte. Im Unterschied zu den Vegis glaubt Olschewski aber, dass das Optimum nicht darin besteht, kein Fleisch zu essen, sondern darin, etwas Weidefleisch von grossen Tieren zu essen. Soll die Gesamtbevölkerung damit versorgt werden, liegt Fleisch höchstens einmal die Woche drin, eher seltener. Das heisst: Nach Olschewski haben die Vegis nicht nur ethisch 100% Recht, sie haben auch 90% der praktischen Umsetzung bzw. Lösung getroffen.

Das wiederum heisst: Olschewski müsste eine gesellschaftliche Zunahme des Vegetarismus begrüssen und fördern. Denn in einer vegetarischen Welt hat er (relativ zur aktuellen) sein Ziel zu 90% erreicht.

Stattdessen publiziert er einen Artikel, dessen Framing sich als Anti-Vegi-Propaganda bestens eignet. Heerscharen von Fleischessern verlinken in Diskussionen nun als „Trumpf“ einen Artikel, der den Vegis ethisch zu 100% und praktisch zu 90% zustimmt. „Faszinierend!“ – Erstaunlich ist es jedenfalls nicht: Wie die Kognitionspsychologie gezeigt hat, sind Menschenhirne oft hochgradig irrational. „Motivated Cognition“ bzw. der Wishful-Thinking-Bias trüben ihr Denken überall: Sie suchen auf Biegen und Brechen nach Datenpunkten und „Argumenten“, die ihre Vorurteile bzw. ihre gewünschten Konklusionen bestätigen (Confirmation Bias). So auch hier: Viele Fleischesser sind ausserstande, die Frage nach dem Tierkonsum offen-objektiv anzugehen. Sie suchen offensichtlich bloss nach „Argumenten“, mit denen sie sich einreden können, ihr Konsumverhalten sei unproblematisch. Olschweskis Framing liefert ein solches „Argument“ – und es wird von Fleischessern nun weitherum als Rationalisierung bzw. Gewissensberuhigung verwendet. Diese Folge war leicht vorhersehbar.

Olschweski könnte entgegnen, es liege nicht in seiner Verantwortung, dass Fleischesser seinen Text fehlinterpretieren. Aber diese Entgegnung überzeugt nicht. Die ethischen Ziele, die Olschewskis Artikel anerkennt, werden durch das Anti-Vegi-Framing schlechter erreicht. Dieses Framing ist daher irrational. Es liegt alles in unserer Verantwortung, was wir beeinflussen können und was ethisch zielrelevant ist. Ob die heutigen Fleischesser sich besser oder schlechter einreden können, ihr Konsumverhalten gehe in Ordnung (oder verursache gar „weniger Blutvergiessen“!), ist sehr zielrelevant. Und Olschewski konnte es mit der Wahl des Framings beeinflussen.

(2) Wie steht es um Olschewskis Glaubwürdigkeit hinsichtlich des ethischen Ziels, das Tierleid zu minimieren? Warum ist nur vom Vegetarismus die Rede? Milch und insbesondere Eier schädigen Tiere auch massiv. Wenn es ein Argument für Fleisch gibt, dann für Weidefleisch von möglichst grossen Tieren (Rindern). Die Erzeugnisse kleinerer Tiere verursachen pro Kalorie sehr viel mehr Opfer. Hühnerfleisch führt die Opferstatistik an, gefolgt von Eiern. Olschewskis Blog wirbt für Eier und Lammfleisch.

Wenn Olschewski der zitierten ethischen Grundlage nicht nur als Lippenbekenntnis im Artikel, sondern wirklich zustimmt, müsste er eigentlich vom Veganismus sprechen. (Es sei denn, er hat Informationslücken?) Milch verursacht u.a. dadurch Tierleid, dass die Kälber von den Kühen getrennt werden, deren Muttermilch dem menschlichen Konsum zugeführt werden soll. Eier sind quantitativ schlimmer: Die Legehennen werden ausgebeutet und danach getötet. Alle männlichen Küken werden gleich nach dem Schlüpfen qualvoll vergast. Alleine in der Schweiz betrifft dies über zwei Millionen männliche Küken pro Jahr. Bio macht keine Ausnahme.

Das Argument für Tierprodukte bezieht sich höchstens auf Weidefleisch von möglichst grossen Tieren. (Je grösser das Tier, desto geringer das pro Kalorie verursachte Tierleid. Der Konsum von Hühnern etwa schädigt um Grössenordnungen mehr Tiere als der Konsum von Rindern, dito etwa für Wale gegenüber Rindern – und es ist keineswegs offensichtlich, dass Walfleisch ethisch nicht bedeutend besser ist als Rindfleisch. Olschewski behauptet dies ohne Argument.) Dass Urgeschmack.de für Eier und Lammfleisch wirbt, ist daher unverständlich. Das untergräbt Olschewskis Glaubwürdigkeit zumindest zum Teil und erhöht daher die Wahrscheinlichkeit, dass sein Argument für Weidefleisch nicht einem offen-objektiven, rationalen Suchprozess nach der ethisch besten Ernährungsform entspringt, sondern zumindest teilweise ebenfalls ein Resultat von „Motivated Cognition“ bzw. des Wishful-Thinking-Bias ist. Und das wiederum erhöht die Wahrscheinlichkeit dafür, dass die Konklusion des Arguments unzutreffend ist.

(3) Würde Weidefleisch tatsächlich weniger Tiere aktiv schädigen? Olschweskis Zahlen sind zweifelhaft. Es existieren Berechnungen, die nahelegen, dass die Weidefleisch-These auf der falschen Annahme beruht, dass pflanzliche Produkte pro Landfläche dieselbe Nahrungsmenge abwerfen wie Weidefleisch. Sie werfen aber bedeutend mehr ab.

Animalvisuals.org führt Berechnungen der Tieropferzahlen an, die den von Olschewski zitierten widersprechen: „In a 2003 article in the Journal of Agricultural and Environmental Ethics, Steven Davis advanced the argument that fewer animals would be harmed if we consumed a diet containing large herbivores (namely cattle) fed on pasture than if we consumed a vegan diet, based on his calculation that more wild animals would be killed in crop harvesting than in producing food from a ruminant-pasture-forage system[1]. Gaverick Matheny identified a crucial error in Davis’s calculation: it assumed that equal amounts of land will produce equal amounts of food from crops or from animals on pasture[2]. In fact, an amount of land will produce much more food when used to grow crops for direct human consumption than when used to raise cattle, provided it is suitable for growing crops. Once Matheny corrected the calculation, Davis’s argument made the case for, rather than against, a vegan diet, given an objective to cause the least amount of animal death.“

Die Divergenz scheint u.a. daraus zu resultieren, dass sich Olschewskis Zahlen auf australische Gegebenheiten und insbesondere auf oft vorkommende Mäuseplagen beziehen, welchen mit Gift begegnet werde und welche die Opferzahlen bei der Pflanzenproduktion massiv steigen liessen. Diese Analyse wird hier bestritten und zurückgewiesen.

Die Einzelheiten dieser Diskussion interessieren an dieser Stelle nicht, weil sie im Lichte von Punkt 6) ohnehin kaum etwas austragen (s. unten). Es genügt, festzustellen, dass keineswegs davon ausgegangen werden kann, dass Olschewskis Zahlen stimmen.

Auch die nachfolgenden Punkte (4) und (5) sind angesichts von (6) zum aktuellen Zeitpunkt kaum relevant. Sie seien dennoch erwähnt:

(4) Olschewski nennt Nachteile des Anbaus von Nutzpflanzen, ignoriert aber mögliche Schadensfolgen der Weidefleisch-Produktion.

Animalvisuals.org weiter: „Davis’s argument was also criticized by Andy Lamey, who pointed out that (…) the argument overlooks ways that humans can be harmed or killed by beef production but not vegetable production[3].“

Interessant ist auch die Ansicht des ökopolitischen Autors George Monbiot: „The argument seems, once more, decisively in favor of veganism. (…) While researching my book Feral, I also came to see extensive livestock rearing as a lot less benign than I – or Simon Fairlie – had assumed. The damage done to biodiversity, to water catchments and carbon stores by sheep and cattle grazing in places unsuitable for arable farming (which means, by and large, the hills) is out of all proportion to the amount of meat produced. Wasteful and destructive as feeding grain to livestock is, ranching appears to be even worse. The belief that there is no conflict between this farming and arable production also seems to be unfounded: by preventing the growth of trees and other deep vegetation in the hills and by compacting the soil, grazing animals cause a cycle of flash floods and drought, sporadically drowning good land downstream and reducing the supply of irrigation water. So can I follow Al Gore, and do it better than I did before? Well I intend at least to keep cutting my consumption of animal products, and to see how far I can go. It’s not easy, especially for a person as greedy and impetuous as I am, but there has to be a way.“

(5) Olschewski vergleicht die heute durchschnittliche Pflanzenproduktion mit der besten Tierproduktion – das ist irreführend. Die beste Tierproduktion wäre mit der besten Pflanzenproduktion zu vergleichen. Seine Überlegung ist daher unvollständig und der Schluss ungültig.

Olschewski schreibt: „Da die größte Kritik der konventionellen Fleischerzeugung zukommt, schauen wir uns das verbreitete, das konventionelle Modell der Erzeugung pflanzlicher Lebensmittel an: Wie wird Soja, die gern und meist genannte Alternative zu Fleisch, angebaut? In Monokulturen. Das betrifft übrigens nicht nur Soja, sondern sondern praktisch alle konventionellen Pflanzenanbausysteme: Es sind Monokulturen, denn anders lässt sich kaum effizient arbeiten. Auch Gemüse bauen wir in Monokulturen an. Selbst der Einsatz von Fruchtfolgen ändert nichts an der Tatsache, dass es sich wenigstens temporär um Monokulturen handelt. Für diese werden in der Regel bestehende Ökosysteme beseitigt, Grünland umgebrochen und in Acker verwandelt. Grünland ist jedoch ein natürliches Ökosystem und Heimat vieler vielfältiger Tier- und Pflanzenspezies, die so durch den Acker ihren Lebensraum verlieren.“

Olschewski suggeriert, er stelle nun den adäquaten Vergleich an, nämlich jenen zwischen konventioneller Fleisch- und Pflanzenproduktion. Dabei steht ausser Frage, dass die konventionelle Pflanzenproduktion viel besser abschneidet. Olschewski argumentiert dann, dass die beste Fleischproduktion der konventionellen Pflanzenproduktion überlegen sei. Wenn die Fleischproduktion plötzlich von der „konventionellen“ zur „besten“ übergeht, dann muss derselbe Spielzug auch der Pflanzenproduktion zugestanden werden – ansonsten wird der Vergleich irreführend. Olschewskis Argument ist daher unvollständig und der Schluss ungültig. Er hat nicht gezeigt, dass Weidefleisch die beste Produktionsform veganer Nahrungsmittel schlägt.

Bemerkenswert ist zudem, dass Olschewski unerwähnt lässt, dass die konventionelle Pflanzenproduktion heute v.a. auch wegen der Tierproduktion so geartet ist, wie sie geartet ist. 85% der globalen Sojaernte werden an Tiere verfüttert. Würden wir keine Tierprodukte konsumieren, könnte die Pflanzenproduktion also auch ganz anders aussehen. So wie sie auf bio-veganen Höfen aussieht, die – im Sinne Olschewskis – kleinräumig produzieren. Daran müsste er das Weidefleisch messen, wenn er (im Rahmen seiner Prämissen) rational vorginge.

(6) Olschewski geht in seinen Überlegungen von einer Prämisse aus, die höchst zweifelhaft ist – und die den Schluss um 180° drehen könnte. Sie lautet allgemein „Natur bzw. natürlich = gut“ und spezifischer „Den Wildtieren tut man Gutes, indem man ihren natürlichen Lebensraum bzw. ihre Populationsgrössen unberührt lässt.“ Mehr als neun von zehn Wildtieren haben aber ein Leben, das ungefähr wie folgt aussieht: Geburt; Kampf um die viel zu knappen Ressourcen gegen die viel zu zahlreichen Geschwister; qualvoller Tod kurz nach der Geburt. Das ist das Schicksal, das eine darwinistische Natur ihren Kreaturen beschert. Man wünscht es niemandem. (Wie man auch das Leben in einer Tierfabrik niemandem wünscht, weshalb sie besser nicht existierten.) Der folgende Vortrag zum Thema „Reducing Wild Animal Suffering“ begründet diese These:

Daher ist die Prämisse, wonach man den Wildtieren Gutes tut, indem man darwinistische Ökosysteme unberührt lässt, äusserst fragwürdig. Es könnte sogar sein, dass man den Wildtieren umgekehrt Gutes tut, indem man natürliche Ökosysteme zurückdrängt. In diesem Fall wären die von Olschewski behaupteten „Nachteile“ des Veganismus gegenüber dem Weidefleisch ein Pluspunkt. Und die industrielle Fleischproduktion würde in dieser Hinsicht zufällig wohl die meisten Pluspunkte holen. – Aus diesen Überlegungen resultiert, dass alles noch viel, viel komplexer ist, als wir es uns bisher ausgemalt haben. Heute kann es daher nur darum gehen, erstens die ethisch richtige Einstellung gegenüber Tieren zu fördern (deshalb: Veganismus) und zweitens dadurch die relevante Forschung voranzutreiben, um mehr Klarheit darüber zu gewinnen, welche Ernährungsweise (und allgemein: welche Handlungsweise) das Tierleid am besten minimiert. Nur so haben wir eine Chance, das ethische Ziel zu erreichen. 

(6.1) Natur-Bias

Urgeschmack.de scheint wesentlich vom Natur- bzw. Natürlichkeits-Bias inspiriert und (fehl)geleitet zu sein. Die Tagline lautet: „Natürlich essen – gesund leben“. Doch bei „Natürlich => gut“ bzw. „Unnatürlich => schlecht“ handelt es sich um Fehlschlüsse. Es fällt nicht schwer, viele Beispiele von Dingen zu finden, die natürlich und schlecht bzw. unnatürlich und gut sind. Die ganze Medizin etwa oder der Sozialstaat laufen der darwinistischen Natur zuwider – und das ist gut so. Auch im Ernährungsbereich gibt es kaum Grund zur Annahme, dass das, was uns die Natur ohne unser kulturelles Zutun bereitstellt, optimal ist. (Wer mag Urbanane?) Indem wir wissenschaftlich erforschen, aus welchen Nährstoffen genau wir welchen Nutzen ziehen können, und dann entsprechende Produkte bzw. „Supplemente“ entwickeln, können wir den evolutionären Status quo optimieren. (Von dem höchst unwahrscheinlich ist, dass er relativ zu unseren Zielen ein Optimum erreicht hat.) Die Abneigung gegen „Supplemente“ scheint völlig irrational. Was ist ein „Supplement“ überhaupt? Warum sollte ein leckeres Bonbon, das etwa B12 enthält, als „Supplement“ betrachtet werden? Es ist eine Nährstoffquelle wie jede andere auch, nicht „künstlicher“ als manche andere. Und ohnehin gibt es keinen Grund, „Natürliches“ dem kompetent erstellten „Künstlichen“ vorzuziehen – ganz im Gegenteil.

(6.2) Natur-Idylle

Der Natur-Bias verleitet uns auch dazu, zu glauben, die Wildtiere hätten in der Natur ein tolles Leben. Leider scheint das Gegenteil wahr, wie der Tierethiker Oscar Horta in seinem Artikel „Debunking the idyllic view of natural processes: Population dynamics and suffering in the wild“ aufzeigt. Dies liegt hauptsächlich darin begründet, dass die meisten Spezies eine Reproduktionsstrategie verfolgen, die einzig auf eine grosse Anzahl Nachkommen setzt. (Die andere, evolutionär ebenfalls erfolgreiche, leider aber viel seltenere Reproduktionsstrategie besteht darin, eine sehr geringe Anzahl Nachkommen in die Welt zu setzen, um die man sich hervorragend kümmert.) r-selection Schildkröten etwa können pro Fortpflanzungsperiode (!) bis zu 10 Nester anlegen, auf die je bis zu 100 Eier entfallen. Auf zwei Elterntiere kommen so insgesamt mehrere tausend Jungtiere. Wenn die Population stabil bleibt – und irgendwann wird sie aufgrund der begrenzten Ressourcen stabil bleiben müssen –, kann pro Elterntier aber nur ein Jungtier überleben und geschlechtsreif werden. Mit anderen Worten: Über 99.9% aller Schildkröten sterben kurz nach ihrer Geburt, nachdem sie gegen ihre viel zu zahlreichen Geschwister um die viel zu knappen Ressourcen gekämpft haben. Der Tod ist in der Natur oft brutal und unvorstellbar leidvoll (s. das Video oben, Minute 6:15).

Was wir uns intuitiv als Natur-Idylle ausmalen, ist in Tat und Wahrheit nicht selten Natur-Hölle. Es drängt sich daher die Frage auf, inwiefern genau es ethisch gut sein soll, darwinistische Ökosysteme zu erhalten. Der Konsum von Eiern z.B. hat ja zur Folge, dass die Legehennen- und Küken-Populationen erhalten werden. Angesichts dessen, was den Küken und Hennen aber widerfährt, ist dies nichts Gutes. Wie kann es dann aber gut sein, das zu erhalten, was den unzähligen Schildkröten widerfährt? Das Leben und Sterben in der Natur ist in vielen Fällen ähnlich schlimm oder gar schlimmer als das Leben und Sterben in der Tierfabrik. In beiden Situationen würden wir uns als betroffene Wesen nicht wünschen, dass die qualvollen Zustände erhalten bleiben.

Dies könnte zur „perversen“ Folge haben, dass die konventionelle Fleischproduktion, die die natürlichen Ökosysteme am stärksten zurückdrängt, den heutigen Wildtieren am meisten zugute kommt. (Leider garantiert gar nichts, dass sich die Realität nicht als pervers herausstellt.) Inwiefern diese Folge heute praxis(ir)relevant ist, wird in (6.4) erörtert. 

(6.3) „Die ökologischste Form des Daseins ist die Nicht-Existenz“: Nein

Olschewski schreibt: „Die Lösung ist relativ einfach. Sie liegt darin, zu akzeptieren, dass beim Essen immer jemand das Nachsehen hat. Pflücke ich eine Heidelbeere, kann ein Vogel sie nicht mehr essen. Pflücke ich einen Salat oder auch nur ein Wildkraut, hat das Kaninchen nichts mehr zu essen. Lege ich einen Acker an, zerstöre ich ein Ökosystem und den Lebensraum für andere Tiere. Auch das Haus, in dem ich wohne, belegt Fläche, die sonst Lebensraum für andere Tiere wäre. Das ist das Leben, der Kreislauf aus Gedeih und Verderb, Fressen und Gefressenwerden, Leben und Tod. Die Realität.“

Erstens ist dies keine Lösung, sondern bloss eine Problemfeststellung. Der Lösungsweg würde darin bestehen, wissenschaftlich zu bestimmen, welche Essens- bzw. allgemein Handlungsweise dazu führt, dass die Opferzahl minimiert wird. Zweitens suggeriert Olschewskis Formulierung, dass es ethisch darum geht, möglichst wenig einzugreifen. In diesem Fall wäre die Lösungsrichtung klar: Wir sollten uns in allen Bereichen möglichst klein machen. Und die optimale Lösung wäre auch klar: Wir sollten uns möglichst schnell aus dem Spiel nehmen. – Der Denkfehler scheint hier darin zu bestehen, dass es für die von unseren Entscheidungen Betroffenen einzig wichtig ist, dass wir nicht aktiv eingegriffen haben. Doch das trifft nicht zu. Wichtig ist ihnen, dass es ihnen in dieser Welt gut ergeht. Für unser Entscheidungsverhalten bedeutet dies: Wir sollten so entscheiden, dass es als Folge unserer Entscheidungen möglichst vielen (idealerweise allen) fühlenden Wesen gut bzw. möglichst wenigen schlecht ergeht. Wenn es da draussen – etwa in Tierfabriken oder in natürlichen Ökosystemen – fühlende Wesen gibt, die stark leiden, dann kann die Lösung nicht darin bestehen, sich möglichst klein zu machen und nicht einzugreifen. Das wäre ethisch nicht zielführend, d.h. irrational. Vielmehr muss man in dieser Situation im Spiel bleiben und versuchen, sich helfend gross zu machen. Und Hilfe bedeutet Eingriff.

Zudem gibt es keinen Grund, den Horror-Kreislauf aus Fressen und Gefressenwerden hochzuhalten (und unsererseits zu allem Übel noch zu vergrössern), nur weil er dem evolutionären Status quo entspricht und in natürlichen Ökosystemen bis auf Weiteres unvermeidbar scheint. Selbst wenn wir – auch mit der Technologie des Jahres 2500, 3000 oder 10’000 – nichts Zielführendes dagegen unternehmen könnten: die Tatsache bliebe bestehen, dass das Gefressenwerden für die Betroffenen der blanke Horror ist und ethisch daher an sich ein riesiges Problem darstellt.

Weiter Olschewski: „Spielen die Zahlen eine Rolle? Sind Tod und Leid kumulativ? Wäre es wirklich relevant, dass für die Ernährung eines Menschen möglichst “wenig” Tiere sterben, würden wir zur Geburt eines jeden Menschenkindes einen Blauwal schlachten und dessen Fleisch einfrieren. Das reicht gewiss für den Rest des Lebens und so muss nur ein einziges Tier sterben, um den Menschen zu ernähren. Es versteht sich von selbst, dass auch das keine Lösung sein kann.“

Es versteht sich überhaupt nicht von selbst, dass diese Lösung schlechter wäre als der Konsum einer weit grösseren Anzahl Rinder. Und ja: Die Zahlen spielen eine unerlässliche Rolle. Wenn wir von unseren Entscheidungen betroffen wären, würden wir uns auch wünschen, dass alle oder (falls dies unmöglich ist) möglichst viele gerettet werden. Denn dann und nur dann ist unsere Wahrscheinlichkeit, gerettet zu werden, am höchsten. Wer also, bevor er sich der Welt da draussen stellt, als Entscheidungsprinzip die Rettung der jeweils grössten Zahl anerkennt, gibt jedem Individuum das Bestmögliche: die grösstmögliche Wahrscheinlichkeit, vor Leid bewahrt zu werden und ein gutes Leben zu haben. – Eine evidente Anwendung dieses Prinzips besteht darin, dass es für die „Nutztiere“ natürlich besser ist, weniger Tierprodukte zu essen als mehr, und dass es besser ist, Tierprodukte zu vermeiden, die viele Opfer und viel Leid erzeugen, statt Tierprodukte zu vermeiden, die weniger Opfer erzeugen (Opferstatistik: Hühnerfleisch > Eier > Schweinefleich > Rindfleisch > Käse > Milch).

Olschewski: „Die titelgebende Frage zu beantworten, wäre demnach unmöglich. Denn messen wir die Menge des Blutes in Litern oder die Anzahl der Wunden? Zählen wir die direkten Tode oder auch die indirekten? Wie messen wir Leid? Es spielt keine Rolle.“

Natürlich spielt es eine Rolle. Ja: Die Titelfrage ist unterbestimmt. Es ist zu klären, wie das adäquate ethische Mass, d.h. das adäquate ethische Ziel überhaupt aussieht. (Offensichtlich spielt es eine Rolle, wie das Ziel, das man verfolgt, eigentlich aussieht.) Wir tappen nicht völlig im Dunkeln: Die Antwort wird etwas mit den Präferenzen und/oder dem gefühlten Leid bewusster Wesen zu tun haben. Und dass Leid schwer zu messen ist, ist kein Argument dafür, dass es sich dabei nicht um das richtige Mass handeln kann. Es gilt hier, den Evaluability Bias zu vermeiden, der uns dazu verleitet, unsere eigentlichen Ziele zu verwerfen, nur weil sie uns in dieser Welt die grösseren Messschwierigkeiten bescheren. Das ist so irrational wie die Entscheidung eines Betrunkenen, den Autoschlüssel unter der Strassenlaterne zu suchen, weil er dort etwas sieht – statt dort, wo er ihn verloren hat. Und das Leid scheint in der Tat das richtige Mass oder zumindest wichtiger Bestandteil des richtigen Gesamtmasses zu sein, denn wenn ich betroffen bin, dann ist für mich insbesondere wichtig, dass ich nicht zu leiden habe. Der Rest scheint sekundär.

(6.4) Was tun?

Die Lage ist noch viel komplexer, als wir bis anhin dachten: Die vegane Ernährung führt zu weniger „Nutztier“-Leid. Sie könnte aber zu mehr Wildtier-Leid führen als tierbasierte Ernährungsweisen, die natürliche Ökosysteme stärker eindämmen. Vielleicht dominiert letzterer Effekt, weil die Wildtiere derart zahlreich sind. Doch die Effekt-Kette nimmt hier kein Ende: Wenn tierbasierte Ernährungsweisen die Natur stärker zurückdrängen, tragen sie auch mehr zum Klimawandel bei. Dadurch erhöht sich z.B. die Wahrscheinlichkeit globaler Instabilität, was verheerende Folgen haben könnte. Auch für die Wildtiere könnten die Folgen längerfristig negativ sein: Ein wärmerer Planet könnte mehr Biomasse und daher auch grössere Wildtierpopulationen enthalten (wobei fast 100% der entsprechenden Individuen – wie oben beschrieben – ein elendes Schicksal zuteil würde). Es sind allerdings auch Klimawandel-Effekte denkbar, die für die Wildtiere positiv wären. Kurzum: Die aktuellen Unsicherheiten sind enorm. In Situationen dieser Art sind nur zwei Dinge zielführend: erstens die massive Förderung relevanter Forschung, damit wir in Zukunft ein klareres Bild davon haben werden, welche Option insgesamt die besten Folgen hat; und zweitens die Förderung der richtigen ethischen Einstellung, damit die Forschung dereinst mit höherer Wahrscheinlichkeit zielführend angewandt wird und damit sie überhaupt erst oder möglichst schnell geleistet wird. Diese Einstellung findet Ausdruck im Veganismus, der anerkennt, dass, was den „Nutztieren“ widerfährt, ein ethisches Problem darstellt. Anerkennen wir dies nicht, werden wir gesellschaftlich nie an den Zielpunkt gelangen, wo wir auch das Leid der Wildtiere angemessen berücksichtigen können. Daher ist es wichtig, den Karnismus zurückzudrängen und den Veganismus zu fördern.

Wie könnte den Wildtieren systematisch geholfen werden? Schon heute werden Wildtierpopulationen beispielsweise geimpft – allerdings nicht aus altruistischen, sondern aus gruppenegoistischen Gründen: Wir wollen verhindern, dass sie uns infizieren. Wildtiere werden teilweise auch durchgefüttert – allerdings wiederum mit dem Ziel, sie dann abzuknallen und zu verspeisen. Diese Massnahmen könnten jedoch auch um der Tiere selbst willen ergriffen werden. Sie wären mit einer geeigneten Fruchtbarkeitskontrolle zu kombinieren, etwa mit der Immunokontrazeption, die bereits als gewaltfreie Alternative zur Keulung erprobt wurde. Ein (antispeziesistisch konsequenter) „Wohlfahrtsstaat für Elefanten“ könnte ins Auge gefasst werden. Den Individuen derjenigen Spezies allerdings, die tausende Nachkommen in die Welt setzen, von denen die allermeisten ein elendes Leben haben, könnte bis auf Weiteres wohl nur dadurch geholfen werden, dass natürliche Ökosysteme zurückgedrängt werden. Allerdings müsste dies in einer Weise erfolgen, welche die globale gesellschaftliche Stabilität und Kooperation, die längerfristig für alle Wertesysteme und Akteure von grösster Bedeutung scheint, nicht gefährdet. Es ist unklar, ob dies zum aktuellen Zeitpunkt möglich ist. Daher ergibt sich wiederum: Was wir heute tun können, um einen möglichst grossen positiven Impact auf den Weltverlauf zu haben, ist: erstens eine ethische Einstellung gegenüber dem Leid in der Welt fördern, die sich kooperativ zeigt; und zweitens die relevante Forschung vorantreiben.

Dabei wird die Bewusstseinsforschung eine wichtige Rolle spielen. Olschewski schreibt in diesem Zusammenhang: „Veganismus bezieht sich in der Regel nur auf fühlende Wesen. Eine oft bequeme, jedoch willkürlich gezogene Grenze, um letztlich beispielsweise zu Heuschrecken als Nahrungsquelle greifen zu können – dies schließt freilich auch Milchsäurebakterien aus fermentierten Lebensmitteln wie Sauerkraut ein. Doch woher kommt diese Gewissheit? Sind Spinnen und Insekten wirklich gefühllos und ohne Bewusstsein? Noch vor wenigen hundert Jahren war die Auffassung geläufig, Tiere seien lediglich Automaten, Maschinen und eines Wesens nicht fähig. Dies hat sich geändert. Sollten wir ausschließen, dass auch Spinnen und Insekten zum Fühlen fähig sind?“

Sich nur auf fühlende Wesen zu beziehen, scheint angemessen. Denn was nichts fühlt und nie etwas gefühlt hat – ein Stein etwa – kann weder Leid empfinden noch Wünsche haben, denen man zuwiderhandeln kann. Dinge, die nicht fühlen und nie gefühlt haben, kann man nicht schädigen, denn keine Zustände sind für sie gut/schlecht. Das gilt für Steine, es galt für „mich“ als Embryo und es gilt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit für Pflanzen: Pflanzen zeigen weder das Verhaltensrepertoire, das für Bewusstseinszustände charakteristisch ist, noch verfügen sie über ein zentrales Nervensystem (oder eine analoge Struktur), wie sie für Bewusstsein erforderlich zu sein scheint. (Dennoch: Hier eine Diskussion über die mögliche Relevanz extrem unwahrscheinlichen Pflanzenleides, hier ein TED-Beitrag zur „Pflanzenintelligenz“.)

Was Insekten angeht, sollte unser Gewissheitsgrad weit tiefer liegen. Olschewski suggeriert, Veganer würden dogmatisch ausschliessen, dass Insekten empfindungsfähig sind. Das ist nicht der Fall: Die Ablehnung des Honigs etwa ist auch Ausdruck der Haltung, dass Bienen ethisch zählen – oder dass wir uns zumindest nicht hinreichend sicher sein können, dass sie keine fühlenden Wesen sind und daher nicht zählen. Aktuell wissen wir noch zu wenig über das Bewusstsein im Allgemeinen und Insekten im Speziellen, um Aussagen mit hohen Wahrscheinlichkeitsgraden treffen zu können. Hier sind einige wissenschaftliche Artikel und Überlegungen zum Thema „Leidempfindungsfähigkeit bei Insekten“ versammelt. Die Unterschiede zwischen verschiedenen Insektenspezies sind beträchtlich und zumindest bei einigen scheint die Wahrscheinlichkeit nicht vernachlässigbar, dass Bewusstsein vorliegt. Weil sie derart zahlreich sind, könnten sie selbst bei geringster Bewusstseinswahrscheinlichkeit ethisch hochrelevant sein (Maximierung des Erwartungswerts). Die angewandte Forschung könnte hier z.B. versuchen, „humanere Insektizide“ zu entwickeln, die Insekten schnell töten, statt sie lange (und vielleicht qualvoll) dahinsiechen zu lassen.

Abschliessend: Wie soll es jemals möglich sein, all diese Fragen ernsthaft, offen-rational und wissenschaftlich kompetent anzugehen, wenn die Gesellschaft noch nicht einmal akzeptiert, dass es ein ethisches Problem ist, fühlende Wesen zum trivialen Gaumenspass massiv zu schädigen? Gewiss nicht mit urgeschmacklichen Eiern, Lammfleisch und Weiderindern. Der Veganismus verleiht der Tatsache Ausdruck, dass ethisch nicht geht, was den „Nutztieren“ widerfährt, und dass wir eine Welt anstreben sollten, in der im Optimalfall allen fühlenden Wesen, die zur Welt kommen, ein leidfreies Leben garantiert ist. Dabei ist unsicher, wie die Gesamtfolgen verschiedener Ernährungsweisen genau aussehen (Wildtiere, Klimawandel etc.). Die rationale (Entscheidungs-)Lösung besteht vor diesem Hintergrund hier und heute darin

(a) die faktisch bestehende Riesenunsicherheit anzuerkennen (Overconfidence Bias ist eine der fatalsten Fehlerquellen der menschlichen Kognition),

(b) sie durch relevante Forschung möglichst schnell zu reduzieren zu versuchen,

(c) eine ethische Haltung gegenüber dem Leid in der Welt zu kultivieren und zu fördern, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass Forschungsergebnisse verantwortungsbewusst angewandt werden und dass die relevante Forschung möglichst schnell oder überhaupt geleistet wird. Das Leid der „Nutztiere“ ist das erste Problemglied in der langen Kausalkette. Wir können es vergleichsweise gut überblicken und leicht aufheben, indem wir unsere Tierausbeutung abschaffen und damit einer neuen ethischen Haltung zum Durchbruch verhelfen, die zur Lösung der grösseren Probleme unerlässlich ist.