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Jeder pauschalisiert. Ich zumindest.

on 23. März 2013

Jeder verallgemeinert aufgrund eines Beispiels. Ich zumindest.

Vlad Taltos

Der irische Gegenwartsphilosoph David Berman sprach in seinen Vorlesungen gerne über den „Trugschluss des typischen Verstandes“, den er durch folgendes Beispiel erläuterte: Am Ende des 18. Jahrhunderts gab es eine Auseinandersetzung darüber, ob die „Vorstellungskraft“ einfach nur eine Redewendung sei oder tatsächlich existiere. Das bringt uns zur Frage, ob Menschen „Ich sah es vor meinem geistigen Auge“ nur als Metapher gebrauchen oder ob sie wirklich Bilder in ihrem Geist erschaffen können, welche sie lebhaft vor sich sehen.

Einige mögen erstaunt fragen: „Wie kann man sich allen Ernstes darüber streiten? Natürlich haben wir Gedankenbilder. Alle, die denken, dass wir keine Bilder in Gedanken sehen können, sind entweder verrückt oder solch fanatische BehavioristInnen, dass sie die Beweislast ihrer eigenen Sinne anzweifeln.” Unglücklicherweise lässt sich eine lange Liste von berühmten Persönlichkeiten zusammenstellen, die verneinten, Gedankenbilder zu haben, einige führende WissenschaftlerInnen jener Epoche eingeschlossen. Und damals gab es den Behaviorismus als Begriff noch gar nicht.

Die Auseinandersetzung wurde von Francis Galton gelöst. Ein faszinierender Mensch, der unter anderem die „Intelligenz der Masse“, Eugenik und die Standardabweichung erfand. Galton unternahm einige detaillierte Untersuchungen und fand heraus, dass manche Menschen wirklich Bilder vor ihrem geistigen Auge sehen können und andere eben nicht. Diejenigen, die Gedankenbilder erschaffen konnten, dachten, dass es allen anderen genau so ginge und diejenigen, denen diese Fähigkeit versagt blieb, nahmen an, dass es auch sonst niemand könne. Das ging soweit, dass beide Seiten absurde Begründungen erfanden, warum die andere Seite log oder die Fragestellung missverstand. Zudem gab es grosse Unterschiede im geistigen Vorstellungsvermögen. Ungefähr 5% aller Menschen hatten eine perfekt eidetische Vorstellungskraft, während ca. 3% überhaupt keine Gedankenbilder erschaffen konnten (eidetische Vorstellungskraft, entfernt verwandt mit der Idee des “fotographischen Gedächtnisses”, ist die Fähigkeit sich etwas vorstellen zu können und dies genauso klar, lebhaft und deutlich wie wenn man es tatsächlich sehen würde. Um dies mit einem Beispiel zu verdeutlichen: Obwohl sich viele Leute das Bild eines Tigers vorstellen können, kann nur ein Mensch mit eidetischer Vorstellungskraft die Anzahl der Streifen zählen).

Dr. Berman nannte dies den Trugschluss des typischen Verstandes: Die menschliche Neigung zu glauben, dass die Funktionsweise des eigenen Verstandes soweit verallgemeinert werden kann, dass sie auf alle anderen Menschen zutrifft. Er wandte diese Idee auf alle möglichen Gebiete an. Er schloss aus gewissen Passagen in George Berkeley’s Biographie, dass Berkeley eidetische Vorstellungskraft besessen hatte, und dass er deshalb glaubte, dass das Universum nur durch das oder im Bewusstsein existiert. Er schlug auch vor, dass das Erleben von Bewusstsein und Qualia so variabel war wie das geistige Vorstellungsvermögen und dass PhilosophInnen, die die Existenz dieser Dinge verneinen, schlichtweg nicht in der Lage seien, auf einfache und direkte Weise Qualia zu empfinden. Überhaupt dachte er, dass die Philosophie des Geistes mit PhilosophInnen übersät war, die aus ihren eigenen mentalen Erfahrungen allgemeine Theorien ableiteten, woraufhin andere PhilosophInnen mit unterschiedlichen mentalen Erfahrungen diese kritisierten und sich dann beide wunderten, warum sie sich widersprachen.

Der eigentliche Trugschluss des typischen Verstandes ist ein schwerwiegendes Problem der Struktur unseres Intellekts. Aber etwas Ähnliches betrifft auch so etwas wie unsere Psyche, nicht nur unseren Verstand: Die Neigung eines Individuums aufgrund unserer Persönlichkeit und Verhaltensweisen zu verallgemeinern. 

Es gibt Menschen, die so introvertiert sind, dass man ihnen niemals begegnen wird. Sie weigern sich nämlich einfach, mit anderen Menschen zu kommunizieren. Stellen Sie sich ein solch introvertiertes Mädchen vor. Ihr wird es so vorkommen, als ob die anderen Kinder es auf sie abgesehen hätten. Sie hören nicht damit auf, sie zu packen, wenn sie mit etwas anderem beschäftigt ist und versuchen sie zu irgendeiner groben Unternehmung mit ihnen und ihren Freunden zu zerren. Falls sie protestiert, protestieren die anderen Kinder zurück und sagen, dass sie jetzt wirklich alles stehen und liegen lassen und sie sich zu ihnen gesellen solle. Das Mädchen wird davon ausgehen, dass die Anderen sie einfach tyrannisieren wollen und wird Wege finden, sich vor ihnen zu verstecken oder sie zu verscheuchen.

Vielleicht wird sie eines Tages verstehen, dass hier ein doppeltes Missverständnis vorlag. Die anderen Kinder dachten, dass das Mädchen wie sie sein müsse, und dass sie nur ihre Schüchternheit davon abhielt, an ihren lustigen Spielen teilzunehmen. Und das Mädchen nahm an, dass die anderen Kinder wie sie sind und dachte, dass sie sie nur unterbrachen, um sie zu ärgern; denn sie war ja offensichtlich mit Lesen beschäftigt.

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Zudem gibt es Menschen, die Lärm nicht ausstehen können. Vielleicht trifft das ja auch auf Sie zu oder Sie haben schon mit jemandem zusammen gewohnt, auf den dies zutrifft. Angenommen, Sie wären einer dieser Menschen. Wenn jemand laut ist, können Sie nicht schlafen, nicht lernen, sich nicht konzentrieren. Sie können gar nichts machen, ausser Ihren Kopf gegen die Wand zu hämmern und darauf zu hoffen, dass der Störenfried damit aufhört. Stellen Sie sich vor, Sie hätten einen lauten Mitbewohner. Immer, wenn Sie ihn bitten, etwas leiser zu sein, sagt er zu Ihnen, dass Sie überempfindlich seien und einfach entspannen sollen. Aber vielleicht sind Sie hier auch nicht ganz unschuldig, denn ihr Mitbewohner ist sehr ordentlich und schreit Sie ständig an, wenn Sie nicht vollständig sauber gemacht haben. Und so sagen Sie ihm, dass er einfach entspannen solle und man den Staub auf der Kommode sowieso nicht sehen kann. Es kommt Ihnen gar nicht in den Sinn, dass Ordentlichkeit für ihn so kompromisslos notwendig war, wie für Sie Ruhe. Und das liegt nicht an irgendeiner seltsamen Eigenart seinerseits, nein, Ihre Gehirne verarbeiten Informationen tatsächlich auf unterschiedliche Weise.

“Einfach nur eine seltsame Eigenart seinerseits” und “einfach nur überempfindlich” sind charakteristisch für das Problem mit dem Trugschluss des typischen Verstandes. Er ist quasi unsichtbar. Wir Menschen neigen dazu, die Rolle unserer unterschiedlich gebauten Intellekte bei Meinungsverschiedenheiten zu vernachlässigen, und suchen die Ursache des Problems bei der anderen Person, sei es, weil sie verdorben oder lediglich verwirrt ist. Manche Menschen wissen, dass lauter Lärm sie ernsthaft schmerzt und beeinträchtigt, aber wenn sie das anderen Leuten sagen, denken diese, dass sie nur eine eigenartige, persönliche Präferenz für Ruhe äussern. Denken Sie an all die armen Menschen, die keine bildliche Vorstellungskraft besassen und dachten, dass alle anderen eine blosse Redewendung viel zu weit trieben und sich weigerten, damit aufzugeben. Rationalität kann uns dabei helfen, mit diesen Problemen umzugehen.

Es gibt einige Hinweise darauf, dass die übliche Methode der Interaktion mit anderen Menschen so etwas wie das Nachahmen derselben im eigenen Gehirn beinhaltet. Wir überlegen, wie wir reagieren würden, beziehen die Unterschiede der anderen Person mit ein und denken dann, dass die andere Person genauso reagieren würde. Diese Methode der Interaktion ist sehr verlockend und fühlt sich an, als ob sie immer funktionieren sollte. Aber wenn Statistiken bezeugen, dass die Methode, die bei einem selbst funktionieren würde, es nicht bei jemand anderem tut, dann begeht man den Trugschluss des typischen Verstandes, wenn man weiter auf sein Bauchgefühl hört. Man muss rationale Entscheidungen treffen, sich nicht nur auf sein Bauchgefühl verlassen und den Tatsachen folgen.

Ich habe das wirklich erst in meinem letzten Job als Schullehrer herausgefunden. Es gibt viele Studien über Lehrmethoden, welche beliebt bei Schülern sind und durch die sie effektiv lernen können. Während meiner Schulzeit wurden mir einige dieser Methoden ‚aufgezwungen‘ und ich hatte nicht vor, meine Schüler in derselben Art und Weise zu malträtieren. Als ich die wirklich kreativen Dinge ausprobiert hatte, die ich als Schüler geliebt hätte, scheiterte ich kläglich. Was klappte also letzten Endes? Etwas, das den Lehrmethoden, die ich als Kind so gehasst hatte, ziemlich nahe kam. Gut, jetzt weiss ich, warum sie so oft angewandt werden. Und ich dachte immer, dass meine Lehrer einfach unerklärlich schlecht waren und ihren Beruf verfehlt hatten. Mir kam nie in den Sinn, dass ich der eigentümliche Sonderfall war, bei dem die üblichen Methoden nicht wirken.

Das Thema dieses Posts ist auch für einige der Diskussionen über die Kunst der Partnersuche von Belang. Viele Männer haben kein besonders schmeichelhaftes Bild von Frauen. Manche meinen, dass Frauen niemals romantische Beziehungen mit ihren wirklich anständigen, männlichen Freunden haben werden, weil sie idiotische Alpha-Männchen bevorzugen, die sie schlecht behandeln. Andere behaupten, dass Frauen es mögen, angelogen und ausgetrickst zu werden. Man könnte damit fortfahren, aber das meiste wurde bereits an anderer Stelle besprochen.

Wahrscheinlich behaupten die meisten Frauen, die Sie kennen, dass das kompletter Unsinn ist, und dass Frauen überhaupt nicht so sind. Was geht hier vor?

Nun, ich fürchte, dass ich den Leuten der Seduction Community irgendwie vertraue. Sie haben ziemlich viel Arbeit in ihre “Kunst” gesteckt und scheinen, zumindest ihren Berichten nach, recht erfolgreich zu sein. Und unglückliche, romantisch frustrierte, nette Kerle, die man einfach überall finden kann, können nicht komplett falsch liegen.

Ich glaube, dass die Frauen in diesem Fall dem Fehlschluss des typischen Verstandes unterliegen. Die Frauen, die ich persönlich kenne, sind eine nicht einmal annähernd repräsentative Stichprobe aller Frauen. Sie sind jene Art Frau, die ein schüchterner und etwas allzu intellektueller Junge kennt und mit denen man über Psychologie reden kann. Gleichermaßen sind die Frauen, die ihre Meinungen diesbezüglich im Internet veröffentlichen, atypisch. Sie sind gebildet, haben feste Überzeugungen was Gender-Thematiken anbelangt und schreiben darüber im Internet.

Dasselbe trifft sicherlich auch auf Männer zu. Ich höre viele schlechte Dinge über Männer (besonders, wenn es um ihre romantischen Präferenzen geht) und ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass diese Dinge auf mich, meine engen Freunde oder irgendeinen Mann, den ich kenne, zutreffen. Aber sie scheinen so verbreitet und glaubwürdig zu sein, dass ich ausgezeichnete Gründe habe, an ihre Wahrheit zu glauben.

Ebenso wie der eigene Verstand ist das eigene soziale Umfeld selten typisch für die Gesellschaft im Allgemeinen, was allzu oft vergessen wird.

Quellenangabe
Ivain (2008). Generalizing From One Example. Übersetzt und erweitert von D. Althaus. LessWrong (23.3.2013).

Bild: SXC.hu.