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Über Leben und Tod entscheiden – Teil 2

on 8. November 2013

Im ersten Teil diskutierte Kommilitone X ausgehend von Obamas Drohnenpolitik in der Vorlesung über Leben und Tod – und entschied in der Vorlesungspause nolens volens darüber. Das Pausengespräch mit Kommilitonin Y war allerdings noch nicht zu Ende.

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X: Immerhin würde ich ohne mein Salamisandwich ja auch hungern.

Y: Ohne Pausenluxussandwich? Aber gut, Notwendigkeit wäre in der Tat ein Argument. Doch was sind deine Alternativen?

X: Hungern eben? Und das ist keine.

Y: Sandwich zum Viertelpreis von zuhause mitbringen und drei Viertel der Kinder vor schrecklichem Wurmbefall retten, die du mit dem vollen Sandwichgeld retten könntest?

X: Mühsam.

Y: Wer sagt denn, Ethik sei ein Ponyhof? Obama fällt es offensichtlich auch nicht leicht, angemessen zu handeln. Entschuldigt ihn das bereits?

X: (Mampft.)

Y: Was ist eigentlich mit dem Schwein oder dem Rind, das gestern noch gelebt hat und heute tranchiert in deinem Sandwich liegt?

X: (Mampft.)

Menschen und andere Tiere

Y: Diese Entscheidung bewirkt ja auch, dass Schweine qualvoll vergast werden; dass Rindern ins Gehirn geschossen wird; und dass ihnen schliesslich – allzu oft noch bei Bewusstsein – ein Messer in die Kehle gerammt wird. Dies mit Menschen zu tun, wäre ein Verbrechen unvorstellbaren Ausmasses.

«Aber es sind ja nur Tiere», wird man entgegnen. Seltsam allerdings, dass man sich plötzlich nicht mehr an die Evolutionsbiologie erinnern kann. Es ist jedenfalls unklar, was damit gemeint sein soll, dass Menschen «keine Tiere» seien. Gewiss: Man kann den Ausdruck «Tier» entsprechend definieren, aber im Lichte biologischer Fakten wäre dies äusserst unfruchtbar. Zudem wäre unklar, warum eine solche Definition ethisch relevant sein sollte.

Besondere Eigenschaften?

Doch nun würde der Status quo tatsächlich zu einem ethischen Argument anheben und behaupten, dass Menschentiere ebenganz spezielle Tiere seien – dass sie und nur sie Eigenschaften besässen, die ihnen besonderes ethisches Gewicht verleihen. Menschentiere sind zum Beispiel viel intelligenter als Schweine und Rinder. Aber warum sollte die Intelligenzplötzlich für das Recht auf Leben und Unversehrtheit relevant sein? Wenn sie es wäre, und wenn wir es damit wirklich ernst meinten, würden ja auch viele Menschen entrechtet (z.B. Kleinkinder oder Menschen mit geistigen Behinderungen oder Demenzen).

An diesem Punkt könnte man nachschieben, dass Kleinkinder zwar nicht intelligenter seien als Schweine, dass sie aber das Potenzial zu hoher Intelligenz haben – was den Unterschied mache! Auch dieses Kriterium erfüllen aber nicht alle menschlichen Kleinkinder: Manche sind geistig schwerstbehindert oder terminal krank.

«Ohne Pflichten keine Rechte!», ruft der Status quo nun aus. Ja, Schweinen können wir keine Pflichten zuschreiben. So what? Wiederum gibt es ja auch viele Menschentiere, die keine Pflichten haben (z.B. eben Kleinkinder), die aber selbstverständlich Grundrechtsträger sind. Der Slogan «Ohne Pflichten keine Rechte!» beruht wohl auf einer Konfusion: «A hat ein Recht» impliziert nicht «A hat eine Pflicht», sondern «Andere haben gegenüber A eine Pflicht».

Speziesismus

Was bleibt also? Würde der Status quo nun behaupten, das Schwein sehe «falsch» aus? Es habe die «falsche» Anzahl Beine? Die «falsche» Körperform und Hautfarbe? Die «falsche» DNA? So müsste man wohl (mit dem obigen Einstiegsargument) «die Tiere» von «den Menschen» unterscheiden.

Aber dass phäno- oder genotypische Eigenschaften ethisch relevant seien, kann ja nicht unser Ernst sein. Eine solche Position wäre um keinen Deut besser als der Rassismus oder der Sexismus. Sie wäre purer Speziesismus, pure Diskriminierung aufgrund irrelevanter äusserer Merkmale (hier: Artzugehörigkeit). Einzig darauf scheint die alltägliche Salamipraxis also zu beruhen, die jährlich alleine in der Schweiz 60 Millionen leidensfähige Tiere verschlingt.

X: Was? Sorry, ich war gerade physisch und nur physisch anwesend.

Dieser Artikel wurde ursprünglich bei NZZ Campus publiziert.
Thumbnail: Imago

Serie: Über Leben und Tod entscheiden

  1. Über Leben und Tod entscheiden – Teil 1
  2. Über Leben und Tod entscheiden – Teil 2