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Über die Unmöglichkeit, sich einig zu sein, uneins zu sein

on 27. Dezember 2013

12253048_mDebattierende, die sich gegenseitig mit Respekt behandeln, ehrlich und rational sind, können sich über ein sachliches Thema nicht uneinig sein, sobald sie die Meinung des jeweils Anderen kennen. Sie können sich nicht „darauf einigen, uneins zu sein“. Sie können sich nur einig sein, eins zu sein.

Dieses Ergebnis geht zurück auf den Nobelpreisgewinner Robert Aumann und seine Untersuchung aus den 1970er Jahren: Agreeing to Disagree.

Unglücklicherweise ist Aumanns Beweisführung sehr statisch und formal, aufbauend auf einem Formalismus der Mögliche Welten-Semantik, der so stark ist, dass sich Aumann entschuldigt:

Wir veröffentlichen diese Untersuchung mit einiger Zurückhaltung, da sie, sobald man den passenden Rahmen hat, mathematisch trivial ist.

Es ist ironisch, dass eine Erkenntnis, die so kontrovers ist und der eigenen Intuition widerspricht, mit solchen Begriffen beschrieben werden kann. Diese Kombination aus Eleganz und Sparsamkeit an Beweisen – gekoppelt mit der absolut unerwarteten Art der Ergebnisse – macht einen Teil der Faszination für dieses Gebiet aus.

Obschon elegant, so ist Aumanns Beweisführung auch undurchdringlich, ausser man ist vertraut mit dem Formalismus. Tyler Cowan und Robin Hanson übersetzten Aumanns Argumentation in verständlicheres Englisch auf den Seiten 7 bis 9 in ihrer Arbeit „Are Disagreements Honest?„; einige weitere Arbeiten erwähnen die gleiche Erkenntis. So zum Beispiel Geanakoplos und Polemarchakis‘ „We Can’t Disagree Forever„, eine Abhandlung, die die Folge von Ereignissen diskutiert, wenn zwei rationale Debattierende zu einer Übereinstimmung kommen, sowie verschiedene No Bet-Theoreme, wie zum Beispiel der Klassiker von Milgrom und Stokey. Er zeigt, dass rationale Menschen sich nicht an Wettgeschäften beteiligen, weil bereits die Tatsache, dass jemand anderes bereit ist, eine Wette anzunehmen, dafür spricht, dass man selbst falsch liegt. Hanson hat mehrere andere Arbeiten zu diesem Thema auf seiner Webseite abrufbar.

Diese Erkenntnis kann entweder von einem normativen Standpunkt aus betrachtet werden (der beschreibt, was wir als rational Denkende tun sollen) oder von einem deskriptiven Standpunkt aus (der beschreibt, wie rationale Menschen sich verhalten). Vom deskriptiven Standpunkt aus ist offensichtlich, dass das Theorem keine gute Beschreibung menschlichen Verhaltens liefert. Menschen sind ständig anderer Meinung und wenn sie „sich einig sind, dass sie sich nicht einig sind“, wird das eher als Zeichen des Respekts verstanden und nicht als gegenseitige Geringschätzung. Es ist allerdings möglich, dass es nichts als schlichte Höflichkeit ist und dass wir auf irgendeiner Ebene erkennen, dass das Unvermögen eine Übereinstimmung zu erreichen, auf das gegenseitige Fehlen an Vertrauen oder Glaubwürdigkeit zwischen den Teilnehmenden hinweist.

Viele widersprechen intuitiv vehement und suchen Schlupflöcher und Ausnahmen, die es ihnen erlauben, ihre ständigen Meinungsverschiedenheiten zu rechtfertigen. Solche Schlupflöcher existieren in der Tat und das Bemerkenswerteste ist die Annahme, dass die Debattierenden als logisch Denkende im Bayesianischen Sinn mit gemeinsamer Ausgangsannahme agieren. Wie Cowan und Hanson in ihrer Arbeit aber anmerken, haben Erweiterungen und Lockerungen von Aumanns ursprünglicher Erkenntnis über die Jahre deren Anwendungsbereich erweitert und dazu geführt, dass es schwieriger ist, diese Ausnahmen als Rechtfertigung für das Ignorieren jener Erkenntnis geltend zu machen.

Das ist ungewöhnlich, weil viele andere Arten von Voreingenommenheit in der Literatur weniger Opposition hervorzurufen scheinen. Befangenheit aufgrund von übermässigem Selbstvertrauen, beispielsweise, wird oft eingestanden mit der reumütigen Erkenntnis, dass es ein menschlicher Fehler sei, sich selbst zu hoch einzuschätzen. Selbstüberschätzung macht vermutlich den grössten Teil der Gründe für beharrliche Meinungsverschiedenheiten aus, indem jede Partei jeweils das eigene Wissen höher einschätzt als das der anderen. Nur eine ziemlich komplexe Argumentationskette deckt den logischen Widerspruch in dieser Schlussfolgerung auf. Aber selbst wenn dieser Fehler aufgedeckt worden ist, scheinen Menschen sehr viel zurückhaltender zuzugeben, dass ihre Schlussfolgerungen vermutlich nicht besser sind als der Durchschnitt, im Gegensatz dazu, sich einzugestehen, dass ihre Fähigkeiten im Allgemeinen durchschnittlich sind.

Kleine Meinungsverschiedenheiten sind sehr häufig. Die Art von Aumanns Erkenntnis zu verstehen kann uns dabei helfen, weniger stark an unserer Position festzuhalten und eher bereit zu sein in Betracht zu ziehen, dass unser Gegenüber vielleicht gute Gründe hat für seine Ansichten. Die andere Person muss als irrational und voreingenommen betrachtet werden, wenn – im Angesicht ihres Zweifelns – an der eigenen Position festgehalten wird.

Und eine solche Einschätzung soll gut überlegt sein.

Übersetzung des englischen Originalartikels von Hal Finney.