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Toleranz – nur ein Mainstream-Bekenntnis?

on 19. April 2014

Toleranz und Offenheit werden in nahezu allen Breitengraden als hohe Werte angesehen. Heutzutage muss man ganz einfach tolerant und offen sein, wenn man als zivilisierte Person durchgehen möchte. Die meisten von uns sind keine Rassisten mehr. Liegt das aber daran, dass wir rationaler und ethisch überlegter über solche Probleme reflektieren? Oder liegt das vielmehr daran, dass Toleranz und Offenheit gegenüber anderen Ethnien einfach zum guten Ton des Mainstreams gehören? Um nicht das Gesicht zu verlieren, müssen wir einfach dieser Meinung sein. (Was nicht heissen soll, dass diese Meinung falsch ist.)

Toleranz

Ein Beispiel: Wir schreiben das Jahr 2014. Alice behandelt Bob aufgrund seiner Hautfarbe abfällig. Als zivilisierte Menschen würden wir intuitiv sagen, dass Alices Verhalten inakzeptabel ist. Wir würden sie wohl darauf hinweisen, sie meiden oder ebenfalls abfällig behandeln, weil wir sie für eine Rassistin halten würden. Versetzen wir das Szenario doch 100 Jahre in die Vergangenheit. Alice behandelt Bob aufgrund seiner Hautfarbe abfällig. Als zivilisierte Menschen (des Jahres 1914) würden wir intuitiv sagen, dass Alice alles richtig macht. Sie handelt den Werten der aktuellen Gesellschaft entsprechend. Ihr ist nichts vorzuwerfen. An dieser Stelle werden wohl einige Leser empört aufschreien. „Selbstverständlich verhält sich Alice falsch. Rassismus ist nicht zu tolerieren!“ Ich stimme vollkommen mit dem empörten Leser überein. Aber möglicherweise aus anderen Gründen.

Aus der heutigen Perspektive erscheint uns ein rassistisches Verhalten intuitiv als ethisch falsch. Aus der Perspektive des zivilisierten Menschen des Jahres 1914 jedoch nicht. Warum ist das so? Sind wir heutzutage einfach wesentlich intelligenter, rationaler und ethisch reflektierter? Nicht unbedingt – zumindest nicht auf der Ebene des Individuums. Der grosse Unterschied zwischen den beiden Szenarien liegt in den etablierten Werten der jeweiligen Gesellschaften. Heutzutage ist Rassismus etwas Unhaltbares. Stattdessen wird Toleranz und Offenheit ganz gross geschrieben. Das wissen wir als zivilisierte Menschen auch. Darum sagen wir intuitiv, dass Alices Verhalten falsch sei. In der zivilisierten Gesellschaft von 1914 sind Toleranz und Offenheit keine besondereren Werte; daher sagen jene Menschen, dass Alice nichts falsch gemacht hat. Der empörte Leser wird nun einwerfen, dass man in seinem Verhalten ethisch doch nicht gerechtfertigt ist, wenn man lediglich das tut oder unterlässt, was in der Gesellschaft akzeptiert wird. Und da gebe ich dem empörten Leser Recht. Doch ist es genau das, was die Menschen unserer zivilisierten Tage häufig tun.

Für den heutigen zivilisierten Menschen stellt rassistisches Verhalten eine ethische Widerwärtigkeit dar. Darüber reflektieren die meisten Individuen aber nicht. Sie nehmen diesen Gedanken lediglich an, weil es zum guten Ton gehört. Verhält man sich rassistisch, bekommt man gleich etwas zu hören. Willkür gegenüber anderen relativ neuen Ideen zeigt dann doch, dass man nicht wirklich offen oder tolerant ist, sondern lediglich der Meinung der breiten Masse folgt.

Analog zum ersten Beispiel sehen wir uns statt des Rassismus den Speziesismus an. Wir schreiben das Jahr 2014. In den meisten Kreisen der zivilisierten Welt, ist es in der Gesellschaft akzeptiert, Fleisch und Tierprodukte zu essen. Eine gängige Formulierung besagt „Es sind doch nur Tiere und keine Menschen.“ Allein die Tatsache, dass Schweine, Rinder, Hühner, etc. nicht unserer Spezies angehören, scheint auszureichen, ihre Präferenzen (zum Beispiel so wenig zu leiden wie möglich) zu ignorieren. Wenn nun Alice das Rind Bob in einem winzigen Stall ohne Weidengang hält, mästet und ihn nach 2 Jahren (bei einer natürlichen Lebenserwartung von max. 20 Jahren) tötet, ihn in kleine Portionen zerstückelt und sein Fleisch verspeist, wird Alices Verhalten akzeptiert. Wo bleibt der empörte Leser an dieser Stelle? Er befindet sich wohl gerade im Jahre 2114. Wir springen 100 Jahre in eine mögliche Zukunft. Das gleiche Szenario spielt sich ab. Der Mainstream der Gesellschaft hat sich vom Speziesismus abgewendet. Nutztiere werden nicht  mehr gehalten, gemästet und getötet. Die Barbarei der Schlachthäuser gehört wie der Rassismus der Vergangenheit an. Im Jahr 2114 würden die meisten Menschen aufschreien und Alice intuitiv eine ethische Widerwärtigkeit vorwerfen. Im Jahr 2014 passiert das nicht. Ist Alices Verhalten jedoch ethisch gerechtfertigt, weil es mit den aktuellen Werten ihrer Gesellschaft d’accord geht? Wenn dem so wäre, wäre damals der Rassismus von 1914 auch gerechtfertigt gewesen. Folglich kann da etwas nicht stimmen. Toleranz und Offenheit schliessen viele weitere Unterebenen mit ein. Doch neigen wir in der Gesellschaft dazu, gewisse Unterebenen zu vernachlässigen, während wir nur auf den etablierten Unterebenen klar Stellung gegen Intoleranz und Verschlossenheit beziehen.

Im Jahr 2014 werden Anti-Speziesisten häufig noch belächelt. Man verschliesst sich den (neuen) Ideen und toleriert sie nicht, indem man das Leben von nicht-menschlichen Tieren nicht respektiert und deren Präferenzen nicht anerkennt. Antispeziesismus ist lediglich ein Beispiel, das bei den „scheinbar“ offenen und toleranten Mainstream-Mitläufern auf taube Ohren stösst. Heutzutage ist es leicht, sich auf die Seite der Anti-Rassisten zu stellen. Hätten Sie sich vor 100 Jahren aber auch auf dieser Seite positioniert? Und wenn Sie im Jahr 2114 leben würden, in welchem es (unserem Szenario entsprechend) keine Nutztierhaltung mehr gibt, würden Sie noch Speziesist sein? Verhält sich die Rassistin Alice nur 2014 ethisch inkorrekt oder auch im Jahre 1914? Verhält sich die Speziesistin Alice nur 2114 ethisch inkorrekt oder auch im Jahre 2014? Toleranz besteht nicht darin, auf der Seite der breiten Masse zu sein – auch wenn sich diese breite Masse für tolerant halten sollte.

Anscheinend wollen wir uns alle als tolerant und offen bezeichnen. Doch hört die Toleranz und die Offenheit nicht bei offensichtlichen Problemsituationen wie der rassistischen Alice auf. Auch die homophobe Alice verschwindet seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts immer mehr von der Bildfläche. Wenn wir rational über den Rassismus oder die Homophobie reflektieren, erschliesst sich die ethische Inkorrektheit. Genauso verhält es sich auch mit dem Speziesismus. Um wirklich tolerant und offen zu sein, bedarf es nicht nur einer kulturell geprägten Intuition, sondern der rationalen Reflexion.

 

Quellenangabe
Bild: https://www.flickr.com/photos/monhsi/371595928