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Technophobie – Verlust der Unabhängigkeit?

on 31. Mai 2014

Während wir uns im ersten Beitrag mit dem Einfluss von Film und Literatur auf unser Technologiebild beschäftigt haben, legen wir im zweiten Beitrag unseren Fokus auf das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren und somit abhängig zu werden.

Die meisten Ängste sind eng mit einem Kontroll- oder Unabhängigkeitsverlust gekoppelt. Im Falle der Technologie können einige Menschen das Gefühl bekommen, sie verlören ihre Unabhängigkeit, da sie nach und nach immer mehr auf die Technologie angewiesen sind.

Internet Addiction

Betrachten wir folgendes Beispielszenario, das nicht allzu weit in der Zukunft zu liegen scheint. So manche Experten im Bereich der Nanotechnologie sind der Meinung, dass Nanomedizin unser Immunsystem von Grund auf erneuern und verbessern wird. Man stelle sich Nanobots vor, die in unserem Organismus auf Patrouille gehen und dabei verschiedene Aufgaben übernehmen. Beispielsweise ersetzen sie unsere weissen Blutkörperchen, die dafür zuständig sind, Krankheitserregern den Garaus zu machen. Die Nanobots können diese Aufgabe übernehmen und deutlich bessere Arbeit erbringen als die hauseigenen Agenten unseres Immunsystems. Nanobots können darüber hinaus auf einer molekularen und sogar atomaren Ebene operieren. Sie könnten effektiv Krebszellen bekämpfen, für den Nachbau von Knochen, Muskeln und Organen sorgen, und sogar bei Operationen mehr als hilfreich sein. Das klingt doch alles überragend, oder?

Was könnte dem Einsatz einer solchen Technologie schon entgegengebracht werden? Nun ja, ein Einwand könnte darin bestehen, dass wir uns mit dem Einsatz solcher Technologien von ihnen abhängig machen. Nehmen wir uns noch einmal des Beispiels des Nanobots bestückten Immunsystems an. Können wir nach der Nutzung wieder zurück in den „Normalzustand“? Wenn unsere weissen Blutkörperchen vollständig durch überlegene Nanobots ersetzt wurden und die Produktion neuer weisser Blutkörperchen eingestellt wird, könnte es sein, dass wir nach Jahren oder Jahrzehnten ein Problem haben könnten, uns wieder von den Nanobots zu trennen. Möglicherweise verlässt sich unser Körper so sehr auf die Nanobots, dass er nicht mehr im Stand sein wird, ohne sie auszukommen. Vielleicht leben wir dann in einer Umwelt, die deutlich mehr Schadstoffe und Krankheitserreger birgt als zur heutigen Zeit. Vielleicht leben wir nur aufgrund der Nanobots gesund und unbehelligt. Vielleicht würde unser altes Immunsystem (also das heutige biologische) mit der neuen Umwelt nicht mehr klarkommen. Damit bestünde eine völlige Abhängigkeit von diesen kleinen Robotern.

Möglicherweise missfällt dieser Gedanke einigen Menschen. Unabhängigkeit ist für die Individuen der westlichen Hemisphäre kein geringer Wert. Im Gegenteil, Unabhängigkeit rangiert auf den meisten Werteskalen ziemlich weit oben. Ist es nicht so, dass wir alle gerne Herr über uns selbst sind? Am Liebsten haben wir es wohl, wenn wir dazu noch etwas Kontrolle auf unser Umfeld ausüben können. Und missfällt uns der Gedanke nicht, wenn wir bemerken, dass uns die Wahl abgenommen wird – dass Kontrolle auf uns ausgeübt wird? Wir wollen es gerne selbst in der Hand haben. Aber was ist „es“? Die Entscheidung, die Wahl, die Kontrolle oder die Übersicht? Möglicherweise wird das Konzept eines auf Nanobots basierenden Immunsystem zu komplex für den normalen Bürger? Immerhin haben wir nicht alle Life Sciences oder Nanotechnologie studiert, um wirklich zu verstehen, was da vor sich geht. Und wenn wir es nicht wirklich verstehen, geben wir unsere Kontrolle ab – und somit vielleicht auch unsere Unabhängigkeit?! Ist das nicht das scheinbar grosse Problem mit neuen Technologien? Die bereits überkomplexe Welt wird noch komplexer. Als normale Bürger kommen wir gar nicht hinterher, alles zu verstehen oder zumindest den Überblick zu bewahren.

Komplexität führt zu Unkenntnis. Unkenntnis führt zu Kontrollverlust. Kontrollverlust führt zu Abhängigkeit. Und Abhängigkeit führt zu unsäglichem Leid.

So oder so ähnlich könnte die Argumentation an Yoda angelehnt aussehen. Mit der ersten und letzten Ableitung bin ich nicht ganz einverstanden. Einerseits zieht Komplexität im ersten Moment zwar eine Unkenntnis nach sich, jedoch muss diese nicht von dauerhafter Natur sein. Es liegt wohl in der Verantwortung jedes Einzelnen, sich die Kenntnis anzueignen. Andererseits ist Abhängigkeit nicht immer schlecht und führt somit nicht immer zu Leid. Um dies zu erläutern, möchte ich ein weiteres Beispiel vorbringen, das in unserer Gegenwart bzw. unserer Vergangenheit anzusiedeln ist.

Seit dem Jahr 2010 werden einige U-Bahnen in der Stadt Nürnberg nicht mehr aktiv von einem Menschen gesteuert, sondern von einem automatischen Fahrsystem betrieben. Die fahrerlosen U-Bahnen beschleunigen, bremsen, öffnen und schliessen die Türen völlig automatisch. Auch eine Fahrerkabine ist nicht mehr vonnöten. Als ich eines Tages am Hauptbahnhof auf die nächste U-Bahn wartete, bemerkte ich eine ältere Dame (70-80 Jahre jung), die partout nicht in die U-Bahn steigen wollte. Sie traute dem Ganzen nicht. Eine U-Bahn ohne Fahrer? Das kann doch nur schief gehen! Ein Zug, welcher durch einen Fahrer über Knöpfe und Hebel gesteuert wird, war für sie wohl noch nachvollziehbar. Aber ein automatisches Fahrsystem, das ohne Menschen funktioniert – das war ihr zu komplex. Sie verstand nicht ansatzweise, wie so etwas überhaupt funktionieren soll. Diese Unkenntnis führte für sie natürlich zu dem Gefühl eines Kontrollverlustes und somit zur Abhängigkeit von etwas, von dem sie keine Ahnung hatte. Das Gefühl der Abhängigkeit oder das Ausgeliefert-Sein war für sie nicht zu ertragen. (Da meine Neugierde geweckt war, wartete ich, um ihr Verhalten weiterhin zu beobachten.) Sie wartete eine halbe Stunde auf eine U-Bahn, die noch auf altmodische Weise von einem menschlichen Fahrer betrieben wurde, bis sie endlich weiter konnte.

Was sagt uns das? Sind ihre Bedenken rational? Hätte sie sich vernünftig erkundigen sollen, um ein besseres Verständnis von der Funktionsweise zu bekommen? Auch wenn sie es verstehen würde, könnte man einwenden, dass ja doch eine gewisse Form von Abhängigkeit besteht. Man setzt sich in die U-Bahn und hofft, dass das Ding schon weiss, was es machen soll. Abhängigkeit wird meist sehr negativ konnotiert. Aber ist Abhängigkeit denn immer etwas Negatives? Um diese Frage zu beantworten, schauen Sie doch einmal an sich herunter. Sie tragen doch bestimmt eine Hose, ein T-Shirt, eine Bluse oder wenigstens ein paar Socken an Ihrem Körper. Haben Sie diese Kleidung eigenhändig angefertigt? Haben Sie Ihr T-Shirt selbst genäht? Die Baumwolle selbst verarbeitet? Sie selbst gepflückt oder gar angebaut? Wahrscheinlich nicht. Sie haben Ihr T-Shirt in irgendeinem Laden gekauft. Stört Sie dieser Umstand? Immerhin sind Sie abhängig von all den Personen und Prozessen, die daran beteiligt waren, Ihnen Ihr T-Shirt geben zu können. Könnten Sie sich ein T-Shirt nähen? Wissen Sie, was beim Baumwollanbau zu beachten ist? Wahrscheinlich eher nicht. Wenn also niemand mehr T-Shirts herstellen würde, wären Sie aufgeschmissen. Dennoch beunruhigt Sie das nicht sonderlich. In unserer heutigen Gesellschaft spezialisieren wir uns alle im Berufsleben. Jede Person hat ihre ganz spezielle Aufgabe, während sie von den Spezialisierungen der anderen profitiert. Dadurch begeben wir uns alle in eine gewisse Form von Abhängigkeit. In der Soziologie nannte Émile Durkheim dieses Phänomen „organische Solidarität“. Durch die effiziente Arbeitsteilung unserer Gesellschaft entsteht eine starke Abhängigkeit unter den jeweiligen Individuen, die aber positiv zu verstehen ist. Während in früheren Gesellschaften das Subsistenzprinzip herrschte, in welchem sich jeder nahezu eigenständig mit allen Gütern versorgt, sind wir heute stark auf andere angewiesen, was uns zu mehr Komplexität, Gesundheit, Wohlstand und anderen Möglichkeiten führt. Abhängigkeit muss also nichts Schlechtes bedeuten. Wir leben alle in Abhängigkeit.

Vielleicht ist die Sicht auf die Abhängigkeit auch nur eine Frage der Gewohnheit. Vielleicht passte es den meisten Menschen einmal nicht, dass sie nicht mehr selbstständig alle ihre Werkzeuge herstellen und sich ihre Nahrung selbst beschaffen konnten, weil sie sich somit in eine Abhängigkeit von anderen Gesellschaftsmitgliedern brachten. Ein paar Jahre nach dem U-Bahn-Szenario mit der alten Dame stand ich in einer solchen automatisierten U-Bahn, als eine Gruppe Kindergartenkinder und ihre Erzieherin in die U-Bahn drängten. Sie befanden sich ganz vorne, wo normalerweise die Fahrerkabine zu verorten ist. Die Erzieherin versuchte ihren Kindern spasseshalber weiszumachen, dass die U-Bahn „von Geisterhand gesteuert“ wird. Eine 4-Jährige erwiderte daraufhin: „Ach, Quatsch! Sie fährt doch automatisch!“ Im Gegensatz zu der alten Dame wachsen diese Kinder mit der vollautomatisierten U-Bahn auf. Ihre Abhängigkeit wird ihnen nicht bewusst, da sie einerseits da hinein wachsen und andererseits auch keinen Schaden oder Nachteil wahrnehmen. Vielleicht verhält es sich genauso mit der Nanomedizin. Heutige Generationen könnten sie als fremd und abhängigkeitsfördernd betrachten, während zukünftige Generationen sie als Selbstverständlichkeit begreifen werden.

Serie: Technophobie

  1. Wer hat Angst vor der schönen neuen Welt?
  2. Verlust der Unabhängigkeit?
Bild von Federico_Morando®