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Suizidversuche – eine weltweit verkannte Herausforderung

on 10. Mai 2014

Eines der Probleme, welches weltweit zu den grössten überhaupt gehört, ist die riesige Anzahl gescheiterter Suizidversuche. Sie werden einfach hingenommen oder, was schlimmer ist, gar bewusst ausgeblendet.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf geht davon aus, dass sich weltweit jährlich etwa eine Million Menschen das Leben nimmt. Die Zahl der Suizidversuche insgesamt schätzt sie auf das Zehn- bis Zwanzigfache. Nach amerikanischen Forschungsunterlagen des National Institute for Mental Health in Washington aus den 1970er Jahren muss jedoch für Industriestaaten sogar von einem Faktor bis zu 50 ausgegangen werden, um die Obergrenze der Suizidversuche richtig abzuschätzen.

Somit ist die Zahl der Suizidversuche insgesamt weltweit auf 10, 20 oder gar bis zu 50 Millionen anzusetzen. Dem entsprechend muss von 9, 19 oder bis zu 49 Millionen gescheiterten Suizidversuchen ausgegangen werden.

Es mag sein, dass ein Teil der Suizidversuche „bloss“ die Aufmerksamkeit des Umfelds auf sich ziehen soll, weil jemand sein Problem nicht verbal zu äussern vermag. Das ist die negative Auswirkung des Tabus, welches einem offenen Gespräch über den Wunsch, das eigene Leben beenden zu können, entgegensteht. Doch eine erhebliche Anzahl dieser angeblich „nicht ernst gemeinten“ Suizidversuche endet dennoch tödlich. Eine noch viel grössere Anzahl beschädigt die Gesundheit des Suizidenten, unter Umständen dauerhaft. Auch Dritte werden geschädigt; etwa Lokomotivführer, denen sich jemand vor die Lokomotive wirft.

Auf der Website der WHO finden sich zwar Angaben über Massnahmen zur Vorbeugung gegen Suizid. Suizidprophylaxe geschieht durch Verringerung von Möglichkeiten, mittels eines Suizidversuchs zu sterben. Das Ziel: die Anzahl der Sterbefälle durch Suizid zu verringern. Doch sie lässt das Schicksal jener, die bei einem Suizidversuch gescheitert sind, ausser acht. Es interessiert nicht weiter. Not täte eine Vorbeugung gegen Suizidversuche, also eine massive Verringerung der Zahl solcher Versuche. Doch dies ist bislang noch weisses Gebiet auf der Weltkarte. Suizidversuchsvermeidung ist von jenen, die sich bislang um die Reduktion von Suizidzahlen gekümmert haben, auch nicht einmal nur angedacht worden: Hauptsache, es gibt weniger Tote. Weiterlebende Verstümmelte interessieren nicht. Die sind schliesslich selbst an ihrem Elend schuld . . . !

Humanistische Ethik verlangt jedoch nicht nach blosser Reduktion der Anzahl der von Dritten als vorzeitige Sterbefälle bewerteten Suizide. Sie verlangt nach Vermeidung menschlichen Leids insgesamt.

Wie wären denn Suizidversuche schon im Ansatz zu vermeiden?

Bei den meisten Menschen, die möglichst rasch ihr Leben selbst beenden möchten, steht am Beginn irgendein für sie übermächtiges Problem, zu welchem sie keinerlei andere Lösung als den eigenen Tod sehen. Im Unterschied zu einem „gewöhnlichen“ Problem im Leben, bei welchem man umgehend anfängt nach Lösungen zu suchen, sich ganz selbstverständlich Rat bei Sachverständigen holt, es vielleicht sogar als positive Herausforderung empfindet, wird dieser Prozess hier blockiert. Massgebend für den Verzicht darauf, Hilfe zu suchen, ist das Wissen darum, dass die Gesellschaft Suizid ablehnt. Mehr noch: Wendet man sich an einen Arzt oder Therapeuten, besteht Gefahr, als „Suizidverdächtiger“ die Freiheit durch Einweisung in die Psychiatrie zu verlieren. Sich an Angehörige oder Freunde zu wenden wird verworfen, weil man dabei sein Gesicht, möglicherweise selbst die Beziehung verlieren könnte. Denn Suizid wird noch immer tabuisiert, beispielsweise durch gedankenlose Medienschaffende, die blödsinnig den durch nichts gerechtfertigten und abwertenden Begriff „Selbstmord“ verwenden.

Wer helfen will, Suizidversuche zu vermeiden, sollte zuallererst seine eigene Einstellung zum Suizid überdenken. Er muss den Suizid als eine dem Menschen mögliche Handlungsweise grundsätzlich akzeptieren, indem er mindestens anerkennt, dass ein Suizid gerechtfertigt sein kann. Wer von diesem Gesichtspunkt aus erkennen lässt, dass man sich als Betroffener mit ihm gefahrlos über die Idee eines Suizids unterhalten kann, schafft die Voraussetzung dafür, dass er einem suizidal Gewordenen als tauglicher Gesprächspartner erscheint. So kann gemeinsam geprüft werden, ob sich für das auslösende Problem möglicherweise entgegen den Erwartungen des Suizidkandidaten doch eine Lösung in der Richtung auf Weiterleben anbieten könnte.

Wer suizidal geworden ist, ist einem Menschen zu vergleichen, der sich am Boden eines engen, tiefen Schachts befindet. Die einzige Blickrichtung ist jene nach oben. Dort sieht er Himmel, und dort will er hin. Es gilt, ihm zu helfen, aus dem Schacht herauszuklettern, so dass er wieder den Horizont erblicken kann, und dann mit ihm zusammen zu erörtern, welche Wege ihm zur Verfügung stehen. Zeigt sich bei dieser Prüfung, dass tatsächlich der Tod die objektiv beste oder gar einzige Lösung des Problems darstellt, dann erscheint ein Suizid als gerechtfertigt.

Das Signal „mit mir kannst Du auch über einen Suizid reden“, vermag jenen, die sich auf einer immer enger werdenden Spirale nach innen bewegen, helfen, sich umzudrehen und den Weg zum Ausgang hin unter die Füsse zu nehmen. Die weitere Zusicherung, “ich bin auch bereit, dir bei einem Suizid in der Weise behilflich zu sein, dass er jedenfalls nicht scheitert“, öffnet den Notausgang weiter. Zum ersten Mal fühlt sich der Suizidale ernst genommen, so wie er es als mündiger Mensch bisher gewohnt war. Zum ersten Mal erlebt er, dass ihm jemand einen Suizid nicht etwa nur ausreden, ihn von diesem „abhalten“ will – sondern diesen im Grundsatz respektiert.

Ziel einer humanistischen Ethik in diesem Bereich muss somit sein, die Zahl der Suizide nur gerade so hoch steigen zu lassen, als Suizide als gerechtfertigt erscheinen, und die Zahl der Suizidversuche so weit als nur immer möglich gering zu halten.

Beseitigung des Tabus, Offenheit und Zulassen der Freiheit sind dazu die Mittel.