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Status Quo Bias und Reversal Test

on 4. Dezember 2012

In einem Experiment mussten Studierende einen Fragebogen ausfüllen. Als Entschädigung erhielt die eine Hälfte eine Kaffeetasse und die andere eine Schweizer Schokolade. Anschliessend wurde ihnen angeboten, ihre Entschädigung gegen die andere zu tauschen. 90% entschieden sich gegen einen Tausch. Da die Zuteilung der Entschädigung zufällig war, kann davon ausgegangen werden, dass die Hälfte der Probanden nicht das Geschenk erhielt, das sie im Voraus bevorzugt hätten, und dass sie dieses deshalb nun eintauschen möchten. Weshalb haben sie dies nicht getan? Diese Tendenz lässt sich mit dem Status quo Bias erklären.

Der Status Quo Bias ist ein systematischer kognitiver Fehler, der uns irrationalerweise dazu verleitet, den aktuellen Zustand einer Änderung vorzuziehen. Irrational ist die Entscheidung, wenn objektive Gründe für eine Veränderung sprechen, diese Gründe jedoch nicht beachtet oder falsch gewichtet werden. Zahlreiche Experimente sowie Feldstudien aus der kognitiven Psychologie deuten zuverlässig auf die Existenz dieses Effekts hin. Dem Status Quo Bias liegt eine Kombination aus Loss-Aversion (Verlustaversion) und Endowment-Effekt (Besitztumseffekt) zugrunde.

Das oben beschriebene Experiment ist zwar harmlos und deutet nicht zwingend auf einen objektiv falschen Entscheid hin. Doch der Status Quo Bias kann auch fatale Folgen haben. Er kann z.B. dazu führen, dass Patienten ihre aktuelle Medikation nicht durch eine bessere Alternative ersetzen. Er erklärt auch, weshalb wir bei finanziellen Entscheidungen dazu tendieren, lukrativere Anlageoptionen zugunsten der aktuellen auszuschlagen. Nicht zuletzt zeigt er, weshalb viele Menschen bei ethisch-politischen Fragen eine konservative Haltung zeigen und dadurch den gesellschaftlichen Fortschritt behindern.

Neun von zehn Initiativen werden in der Schweiz abgelehnt. Im Jahr 2012 hat sich die Bevölkerung beispielsweise gegen eine Erhöhung der obligatorisch vorgeschriebenen vier Ferienwochen auf sechs Wochen entschieden. Als Argument wurde angeführt, die Initiative gefährde Arbeitsplätze und Wohlstand, weil sie die Wirtschaft schwäche. Sprechen diese Argumente tatsächlich für die konservative Haltung, nichts zu verändern?

Eine rationale Möglichkeit, das Argument zu prüfen, bietet der Reversal Test. Der Reversal Test geht wie folgt: Wenn argumentiert wird, die Änderung eines Parameters habe insgesamt negative Konsequenzen, dann spricht dies dafür, dass eine Änderung des Parameters in die entgegengesetzte Richtung insgesamt positive Konsequenzen hat. Wenn nun gesagt wird, das dies ebenfalls insgesamt negative Konsequenzen nach sich ziehe, dann müssen jene, die dies behaupten, beweisen, wieso unsere aktuelle Position durch eine Änderung des Parameters nicht optimiert werden kann, d.h. zumindest lokal perfekt ist. Können sie es nicht, haben wir Grund zur Annahme, dass sie dem Status Quo Bias unterliegen. Die theoretische Begründung des Reversal Tests ist die folgende: Wenn ein Parameter kontinuierliche Werte annehmen kann und nur eine kleine Teilmenge davon optimal ist, dann ist es prima facie sehr unwahrscheinlich, dass der aktuelle Wert zufälligerweise ein solches (lokales) Optimum beschreibt.

Angewendet auf unseren Fall fordert der Reversal Test, dass jene, welche die Initiative ablehnten, hätten beweisen müssen, wieso die Reduktion der Feriendauer keine insgesamt positive Konsequenzen hätte, d.h. bereits optimal ist.

Quellenangabe
Bostrom, N., Ord, T. (2006). The Reversal Effect. Eliminating Status Quo Bias in Applied Ethics. Ethics 116, 656-679.
Eidelman, S., Crandall, C. (2012). Bias in Favour of the Status Quo. Social and Personality Psychology Compass 6 (3), 270–281.
Gilovich, T., Griffin, D., Kahneman, D. (2002). Heuristics and Biases. The Psychology of Intuitive Judgement. Cambridge: Cambridge University Press.
Hauber, A., Mohamed, A., Johnson, F., Meddis, D., Wagner, S.  (2008): Status Quo Bias in Stated Choice Studies: Is it Real? Health Values, 567–568.