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Sind religiöse Behauptungen unfalsifizierbar?

on 15. März 2013

Der vielleicht älteste bekannte Bericht eines wissenschaftlichen Experiments ist – ironischerweise – die Geschichte von Elijah und den Baalspropheten.

Das Volk Israel schwankt zwischen Jahwe und Baal, also verkündet Elijah, er wolle ein klärendes Experiment durchführen – ein ziemlich neues Konzept für diese historischen Tage! Der Baalsprophet wird einen Stier auf einen Altar stellen, und Elijah wird Jahwes Stier auf einen Altar stellen, aber keinem sei erlaubt, das Feuer zu entzünden; welcher Gott auch immer der echte ist, wird Feuer auf seine Opfergabe herbeirufen. Die Baalspropheten dienen Elijah als Kontrollgruppe – das gleiche hölzerne Brennmaterial, der gleiche Stier, und die gleichen Propheten und Aufrufe, aber an einen falschen Gott. Dann schüttet Elijah Wasser über seinen Altar – dadurch zerstört er die Symmetrie des Experiments, aber das entschuldigt gewiss die frühe Zeit der Experimentdurchführung – um seine bewusste Kenntnisnahme der Beweispflicht zu signalisieren, entsprechend dem Gebrauch eines 0.05-Signifikanzniveaus. Das Feuer entfacht auf Elijahs Altar, das stellt also die Versuchsbeobachtung dar. Die beobachtenden Leute Israels rufen aus „Der Herr ist Gott“ – Peer Review.

Anschliessend schleift das Volk die 450 Baalspropheten zum Fluss Kishon und durchschneidet deren Kehlen. Das ist eine harte Massnahme, aber notwendig. Man muss die falsifizierte Hypothese entschieden verwerfen und dies schnell tun, bevor dieselbe zum Selbstschutz Ausreden generieren kann. Wenn den Baalspropheten – nach ihrer Niederlage im Beweisverfahren – erlaubt wird, zu überleben, werden sie beginnen, Religion als separate Sphäre zu bezeichnen, in der weder bewiesen noch widerlegt werden kann.

In früheren Jahren glaubten die Menschen ihre Religionen, statt nur an sie zu glauben. Die biblischen Archäologen auf der Suche nach der Arche Noahs dachten nicht, sie würden ihre Zeit verschwenden; sie erwarteten, berühmt zu werden. Erst nach dem erfolglosen Versuch, bestätigende Nachweise zu finden – und stattdessen auf widerlegende Beweise zu treffen – vollführten Religionsanhänger, was William Bartley the retreat to commitment nannte: „Ich glaube, weil ich glaube.“

Damals gab es kein Konzept, das Religion als separate Sphäre auffasste. Das Alte Testament ist ein universaler kultureller Abladeplatz: Geschichte, Gesetz, moralische Gleichnisse, und ja, Modelle über das Funktionieren des Universums. In keiner Passage des Alten Testaments wird man irgendjemanden über das überragende Wunder der Komplexität des Universums reden hören. Aber man wird reichlich wissenschaftliche Behauptungen finden, wie etwa, dass das Universum in sechs Tagen erschaffen wurde (was eine Metapher für den Big Bang darstellt), oder dass Hasen Wiederkäuer seien (was eine Metapher darstellt für …).

In alten Zeiten hätte die Aussage, dass die lokale Religion „nicht bewiesen werden kann“, zur Verbrennung am Pfahl geführt. Ein Kernglaube des orthodoxen Judentums ist, dass Gott auf dem Berg Sinai erschien und in einer Donnerstimme verkündete: „Ja, es ist alles wahr.“ Von einer bayesianischen Perspektive aus betrachtet, ist das ein verdammt unmissverständlicher Beweis für eine mächtige übermenschliche Entität. (Wenngleich sie nicht beweist, dass es Gott per se gibt, oder dass es sich um eine wohlwollende Entität handelt – es könnten ausserirdische Teenager sein.) Die überwiegende Mehrheit der Religionen in der Geschichte der Menschheit – exklusive jene, die erst vor extrem kurzer Zeit erfunden wurden – erzählen Geschichten, die untrügliche Beweise liefern würden. Die angebliche Orthogonalität der Religion und der faktischen Fragen („zwei nicht-überlappende Sphären“) sind ein neues und ausschliesslich westliches Konzept. Die Menschen, die die ursprünglichen Schriften schrieben, kannten nicht einmal den Unterschied. Und es ist in der Tat auch völlig unverständlich, welche Sphäre die Religion einnehmen bzw. was der Gegenstand der Religion sein könnte, wenn sich die Religion dem Wettstreit gegen die empirischen Wissenschaften und weiter auch gegen die Philosophie und die Ethik entziehen will. Wie kann die Welt aussehen, in der wir leben, und wie sieht sie faktisch aus (Philosophie und empirische Wissenschaften)? Und was wollen/sollen wir in dieser Welt tun, was ist zu tun gut, wer wollen/sollen wir in dieser Welt sein (Philosophie und Ethik)? Wenn es in der Religion um diese Fragen geht, befindet sie sich voll und ganz in der Sphäre von empirischen Wissenschaften und Philosophie – und muss sich den entsprechenden Argumentationen, Beweisen und Widerlegungen stellen. Wenn es in der Religion hingegen nicht um diese Fragen geht, worum dann? Es scheinen keine bedeutsamen Fragen übrig zu sein. Bleiben wir aber vorerst bei den empirisch-faktischen Angelegenheiten – zur Ethik unten mehr.

Das Römische Reich erbte die Philosophie der alten Griechen, schuf Recht und Ordnung in seinen Provinzen, hielt ein bürokratisches Register und setzte religiöse Toleranz durch. Das Neue Testament, erschaffen in der Zeit des Römischen Reiches, trägt als Folge einige moderne Spuren. Man konnte keine Geschichte erfinden, in der Gott die gesamte Stadt Roms auslöscht (à la Sodom und Gomorrha), weil die Historiker Roms hellhörig werden würden und man sie nicht einfach steinigen könnte.

Im Gegensatz dazu konnten die Menschen, die sich die Geschichten des Alten Testaments ausdachten, beliebige Geschichten erfinden. Frühe Ägyptologen waren aufrichtig schockiert, keinerlei Spuren von hebräischen Stämmen in Ägypten zu finden – sie erwarteten keine Aufzeichnungen der Zehn Gebote, aber sie erwarteten, etwas zu finden. Wie sich herausstellte, fanden sie etwas. Sie fanden heraus, dass während der angeblichen Zeit des Exodus Ägypten grosse Teile von Kanaan beherrschte. Wir haben hier also einen riesigen historischer Irrtum, aber wenn keine Bibliotheken vorhanden sind, kann niemand zur Rede gestellt werden.

Das Römische Reich besass Bibliotheken. Folglich postuliert das Neue Testament nicht grosse, geopolitisch weit umgreifende Prunkwunder, wie es das Alte Testament routinemässig tat. Stattdessen macht das Neue Testament kleinere Wunder geltend, die nichtsdestotrotz in den gleichen Beweisrahmen passen. Ein Junge fällt hinunter und schäumt; der Grund ist ein unreiner Geist; von einem unreinen Geist könnte vernünftigerweise erwartet werden, dass er vor einem wahren Propheten flieht, aber nicht vor einem Scharlatan; Jesus treibt den bösen Geist aus; demzufolge ist Jesus ein wahrer Prophet und kein Scharlatan. Hier liegt eine gewöhnliche bayesianische Beweisführung vor, wenn man die Prämisse einräumt, dass Epilepsie von Dämonen verursacht wird (und dass das Ende eines epileptischen Anfalls die Flucht des Dämons beweist).

Religion pflegte – wie angetönt – nicht nur Behauptungen über faktische und wissenschaftliche Angelegenheiten zu machen, Religion pflegte Behauptungen über alles zu machen. Religion schrieb das Gesetzbuch – vor den Parlamenten; Religion setzte die Geschichte fest – vor Historikern und Archäologen; Religion bestimmte die Sexualmoral – vor der Frauenbewegung; Religion bestimmte die Regierungsformen – vor den Staatsverfassungen; und Religion beantwortete wissenschaftliche Fragen, von der biologischen Taxonomie bis zu der Formation der Sterne. Das Alte Testament redet nicht von einem allgemeinen „Staunen über die Komplexität des Universums“ – es war zu sehr damit beschäftigt, die Todesstrafe für männerkleidertragende Frauen festzulegen, was fester und zufriedenstellender religiöser Inhalt dieser Ära war. Das moderne Konzept der Religion als einer insbesondere ethischen Angelegenheit leitet sich davon ab, dass jeder andere Bereich augenscheinlich von besseren Institutionen übernommen wurde. Ethik ist, was übrigbleibt.

Oder eher: Menschen denken, Ethik sei, was übrigbleibt. Man nehme eine Kulturhalde von vor 2500 Jahren. Über die Jahre wird die Menschheit immens voranschreiten, und Teile der alten Kulturhalde werden immer deutlicher veralten. Ethik ist gegenüber menschlichem Fortschritt nicht immun – zum Beispiel runzeln wir die Stirn über bibelgenehme Praktiken wie die Sklavenhaltung. Wieso denken Menschen, die Ethik sei immer noch vogelfrei?

An sich keine Kleinigkeit gibt das ethische Problem auf, tausende unschuldige erstgeborene männliche Kinder zu schlachten, um einen nicht gewählten Pharao zu überzeugen, Sklaven zu befreien, die logisch hätten aus dem Land teleportiert werden können. Dies sollte offenkundiger sein als der vergleichsweise triviale wissenschaftliche Irrtum, dass Heuschrecken vier Beine haben. Und doch werden die Leute eine Person für verrückt halten, wenn sie behauptet, die Erde sei flach. Aber wenn eine Person die Bibel als Quelle ihrer Ethik angibt, werden Frauen sie nicht ohrfeigen. Das Rationalitätskonzept der meisten Leute wird von dem determiniert, wovon sie denken, damit ungestraft davonkommen zu können; sie denken, sie können mit biblischer Ethik davonkommen; und so erfordert es lediglich eine machbare Selbsttäuschung, das Problem mit der biblischen Moral zu übersehen. Man hat sich gemeinsam geeinigt, den riesigen Elefanten im Zimmer nicht zu bemerken – und diese Sachlage kann sich selbst für einige Zeit erhalten.

Vielleicht wird die Menschheit eines Tages weiter voranschreiten, und jeder, der die Bibel als Quelle der Ethik befürwortet, wird gleich behandelt werden wie Trent Lott, der die Präsidentschaftskampagne von Storm Thurmond befürwortet. Und dann wird gesagt werden, dass der „wahre Kern“ der Religion schon immer Ahnenforschung gewesen sei (oder so).

Die Idee, dass Religion eine separate Sphäre darstellt, in der weder bewiesen noch widerlegt werden kann, ist eine Grosse Lüge – eine Lüge, die repetiert und repetiert wird, so dass sie die Leute ohne zu überlegen wiedergeben. Unter kritischer Betrachtung erweist sie sich aber als offensichtlich falsch. Es handelt sich um eine starke Verzerrung dessen, wie sich Religion historisch abspielte, wie die Schriften ihre Glaubenssätze präsentieren, was Kindern erzählt wird, um sie zu überzeugen, und was die Mehrheit der religiösen Menschen auf der Erde noch immer glaubt. Man muss die schiere Unverfrorenheit bewundern – auf einer Stufe mit „Ozeanien lag schon immer im Konflikt mit Ostasien“. Der Ankläger schwingt die blutige Axt, und der augenblicklich schockierte Angeklagte denkt schnell nach und sagt: „Aber du kannst meine Unschuld nicht mit Beweisen widerlegen – es ist eine separate Sphäre!“

Und wenn das nicht funktioniert, kann man sich immer noch ein Papier schnappen und darauf eine Freikarte aus dem Gefängnis kritzeln.

Serie: Glauben und Überzeugungen

  1. Schlupfloch im Glauben – was alles erlaubt, erklärt nichts
  2. Sind religiöse Behauptungen unfalsifizierbar?
  3. Überzeugungen müssen sich auszahlen
  4. An einen Glauben glauben (folgt)
Aus dem Englischen übersetzt und inhaltlich erweitert von Sara Savona. Originalartikel auf lesswrong.com