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Sind Ihre Gegner von Natur aus böse?

on 21. Juni 2014

Wie zuvor besprochen, sehen wir die Taten anderer Menschen in übermässigem Grade in ihrer Persönlichkeit begründet. Wir vermuten, ungewöhnliches Verhalten müsse durch ungewöhnliche Charaktereigenschaften verursacht werden, und ignorieren situative Einflüsse. Wir glauben an Mutanten.

Wenn uns jemand wirklich erzürnt, indem er eine in unseren Augen verabscheuungswürdige Tat begeht, scheint sich der Correspondence Bias sogar noch zu verstärken. Wir sind allzu geneigt, die Übeltaten unserer Gegner durch deren aussergewöhnliche Niedertracht zu erklären. Doch ungeachtet moralischer Erwägungen, sollten wir allein aufgrund wahrscheinlichkeitstheoretischer Überlegungen versuchen, das scheinbar bizarre Verhalten unserer Gegner zu verstehen, indem wir uns bemühen, deren Ansichten zu ergründen. Dies würde einen weniger absonderlichen Charakter unserer Gegner voraussetzen, was a priori wahrscheinlicher ist.

911

Am 11. September 2001 entführten neunzehn Muslime vier Flugzeuge, um mittels einer wohlüberlegten Selbstmordaktion die USA zu schädigen. Warum haben sie das getan? Was glauben Sie? Weil sie in den USA das strahlende Leuchtfeuer der Freiheit gesehen haben, und dessen Vernichtung ersehnten, weil sie mit einer Gen-Mutation geboren wurden, aufgrund derer sie Freiheit verachteten?

Realistisch betrachtet, entwerfen die meisten Menschen ihre Lebensgeschichte nicht dergestalt, dass sie selbst die Schurken darin spielen. Jeder ist der Held seiner eigenen Geschichte. Wenn Sie die Beweggründe Ihres Gegners stets derart interpretieren, dass dieser sich selbst als Schurke sehen müsste, werden Sie niemals verstehen, was wirklich im Kopf Ihres Gegenübers vorgeht.

Aber in der Politik geht uns der Verstand verloren. Diskussionen bedeuten Krieg; Argumente sind Soldaten. Sobald Sie wissen, auf welcher Seite Sie stehen, müssen Sie alle Argumente dieser Seite unterstützen und alle Argumente der gegnerischen Seite attackieren; anderenfalls würden Sie Ihren eigenen Soldaten in den Rücken fallen.

Ein von Natur aus bösartiger Gegner, wäre ein Argument für Ihre Seite. Und jegliches Argument zugunsten Ihrer Seite muss unterstützt werden, egal wie unsinnig — ansonsten könnte Ihr Gegenspieler hierdurch ja möglicherweise einen Vorteil erlangen. Jeder ist bestrebt, die von Patriotismus zeugenden Denunziationen seines Nachbarn zu übertreffen, und niemand wagt es zu widersprechen. Schon bald hat der Feind Hörner, Fledermausflügel, feuerspeienden Atem und ätzendes Gift tropfende Fangzähne. Wenn Sie auf lediglich faktischer Ebene auch nur einen Aspekt davon bestreiten, sind Sie auf der Seite des Feindes und gelten von nun an als Verräter. Wenige Menschen werden verstehen, dass Sie nur die Wahrheit, und nicht den Feind verteidigen.

Doch wenn nur Mutanten zu abscheulichen Taten in der Lage wären, böte die Menschheitsgeschichte einen erfreulicheren Anblick.

Vielleicht besteht auch die Angst, dass Verständnis zu Vergebung führt. Es ist leichter, grausame Mutanten zu erschiessen. „Sterbt, barbarischer Abschaum“ zu schreien, ist ein aufstachelnder Schlachtruf. „Sterbt, ihr Menschen, die wie ich sein könntet, aber in einem anderen Umfeld aufgewachsen seid!“ eher weniger. Sie könnten sich schuldig fühlen, Menschen zu töten, die nicht hoffnungslos verdorben sind.

Damit verwandt scheint das tief verwurzelte Verlangen nach einseitigen Diskussionen zu sein, in welchen die beste Massnahme keinerlei Nachteile aufweist. Angenommen eine feindliche Armee, versucht in Ihr Land einzudringen und Sie zu töten. Sie haben zwei Alternativen: (A) Sich verteidigen oder (B) sich hinlegen und sterben. Wenn Sie sich verteidigen, müssen Sie möglicherweise töten. Wenn Sie jemanden töten, der theoretisch Ihr Freund hätte sein können, ist das eine Tragödie. Die andere Option, sich hinlegen und sterben, ist ebenfalls eine Tragödie. Warum sollte es eine nicht-tragische Option geben? Wer sagt, dass die bestmögliche Alternative keinerlei Nachteile habe? Wenn jemand ohnehin sterben muss, dann kann es genauso gut der Urheber der Gewalt sein, um von zukünftigem Blutvergiessen abzuschrecken, und dadurch die Gesamtanzahl an Toten zu minimieren.

Wenn Ihr Gegner kein dämonischer Mutant ist, sondern lediglich aufgrund seiner Ansichten handelt, welche Gewalt in dieser Situation zu einer normal menschlichen Reaktion machen, dann bedeutet das nicht, dass die Ansichten Ihres Gegners der Wahrheit entsprechen. Es bedeutet nicht, dass seine Handlungen gerechtfertigt sind. Es bedeutet, dass Sie jemanden erschiessen müssen, der der Held seiner eigenen Geschichte ist. In diesem Roman stirbt der Protagonist leider auf Seite 72. Das ist eine Tragödie, aber es ist besser als die alternative Tragödie. Es ist die Entscheidung, die so mancher Polizist machen muss, um unsere nette kleine Welt davor zu bewahren, im Chaos zu versinken.

Falls Sie korrekt einschätzen, was sich tatsächlich im Kopf Ihres Gegners abspielt, wird dieses Wissen kein beglückendes Gefühl selbstgerechter Empörung in Ihnen hervorrufen. Sie werden sich nicht zufrieden auf die Schulter klopfen. Wenn Ihre Einschätzung Sie unerträglich traurig macht, werden Sie die Welt vielleicht so sehen, wie sie wirklich ist. In seltenen Fällen werden Sie zuweilen vor kaltem Entsetzen erstarren, sobald Sie in die Gedankenwelt anderer Menschen eintauchen und die Welt mit ihren Augen sehen. Beispielsweise bei echten Psychopathen, oder neurologisch unversehrten Menschen, deren irrationale Weltanschauung allerdings ihre Vernunft vollends vernichtet hat (Scientologen, „Jesus Camp„-Veranstalter oder eben islamische Fundamentalisten, um nur einige der allzu zahlreichen Beispiele zu nennen).

Um es in aller Deutlichkeit zu sagen: Die Flugzeug-Entführer des 11. September waren keine bösartigen Mutanten. Sie haben die Freiheit nicht gehasst. Sie, wie so viele, waren die Helden ihrer eigenen Geschichte, und sie starben für das, was sie für richtig hielten — Wahrheit, Gerechtigkeit und den Islam. Das bedeutet nicht, dass ihre Ansichten richtig waren. Es bedeutet nicht, dass ihre Taten gerechtfertigt waren. Es bedeutet, dass sie ihr Leben vielleicht als friedliche Bürger verbracht hätten, wenn sie in einer anderen Umgebung aufgewachsen wären. Und das ist in der Tat eine Tragödie. Willkommen auf der Erde.

Quellenangabe
In Anlehnung an den englischen Originalartikel von Eliezer Yudkowsky.
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