Menu

GBS Schweiz

  • de
  • en

Schlupfloch im Glauben – was alles erlaubt, erklärt nichts

on 14. März 2013

Überzeugungen und Glauben sind zwei (scheinbar) unterschiedliche Konzepte. Beide beeinflussen unser Leben jedoch in gleicher Weise, insofern wir unsere Handlungen den Erwartungen anpassen, die wir aus unseren Überzeugungen und Glaubensinhalten ableiten. Doch was bedeuten enttäuschte Erwartungen?

Es ist kurz vor Mitternacht. Das nervöse Zucken der Blaulichter wird von den Häuserfassaden rund um den Messeplatz in Basel reflektiert und wirft ein gespenstisches Licht auf die tragische Szene in der Mitte. Ein Mann mittleren Alters ist vom Tram erfasst und tödlich verletzt worden. Während sich die Einsatzkräfte um den Toten, die Trampassagiere, den unter Schock stehenden Tramchauffeur und die Spurensicherung kümmern, steht etwas abseits eine Gruppe junger Erwachsener. Sie sind zu einer Jugendkonferenz der schweizerischen Freikirchen angereist und betrachten tief betroffen das Geschehen. Nach ein paar Minuten beginnt einer laut zu beten und fleht Gott an, den Verunglückten wieder zum Leben zu erwecken. Die anderen stimmen mit ein und gemeinsam rufen sie laut zu Gott. Die Szene hat sich vor fast zehn Jahren wirklich so abgespielt. Ein Bekannter aus meiner damaligen Freikirchenzeit – nennen wir ihn Joschua – war bei der betenden Gruppe junger Christen dabei. „Diese Nacht ist mir echt eingefahren, ich bin vorher noch nie direkt mit einem Toten konfrontiert worden“, berichtete mir Joschua. „Die umstehenden Leute haben uns ziemlich argwöhnisch beäugt. Doch das war uns egal. Wir wussten, dass Gott die Macht hat, Menschen von den Toten zurückzuholen, die Bibel ist voll von solchen Berichten. Also standen wir da in Einheit und baten Gott um ein Wunder. Leider ist nichts passiert und wir gingen schliesslich ziemlich bedrückt zur Jugendherberge zurück.“ Joschua seufzte und fuhr fort: „Rückblickend ist es aber sehr ermutigend, wie fest wir im Glauben standen und tatsächlich erwarteten, dass der Mann wieder aufsteht. Wir standen vereint im Glauben da und waren wahrscheinlich die einzigen auf dem ganzen Platz, welche nicht erstaunt gewesen wären, wenn er wirklich wieder aufgestanden und herumgegangen wäre! Diese tiefe Einheit im Geiste mit Mitbrüdern und -schwestern habe ich noch nie zuvor erlebt. Doch Gott hatte anscheinend andere Pläne.“ Verdutzt und enttäuscht schaute ich ihn an und fragte: „Wart ihr denn nicht enorm enttäuscht, dass Gott kein Wunder geschehen liess?“ – „Zuerst schon, doch dass ich nicht der einzige war, der an Wunder in unserer modernen Zeit glaubt, hat mir Mut gegeben, auch öffentlich zu meinem Glauben stehen zu dürfen und sogar für Tote beten und an Wunder glauben zu dürfen. Falls mir Gott wieder einmal eine ähnliche Situation zukommen lässt, kann ich nun mit stärkerem Mut um ein Wunder beten!“

So tragisch diese Geschichte ist, sie zeigt, wie robust Glaubensinhalte auch bei der Konfrontation mit enttäuschten Erwartungen sein können. Joschua wird auch in Zukunft Enttäuschungen erleben, wenn er für Auferstehungen beten wird. Doch ich bezweifle, dass diese seinem Glauben etwas anhaben können. Sein Glaube generiert zwar Erwartungshaltungen bzw. probabilistische Vorhersagen bezüglich seinen zukünftigen Erlebnissen (z.B. eben: „Es ist nicht ausgeschlossen, dass Tote aufgrund eines Gebets wieder zum Leben erweckt werden“), doch die tatsächlichen Erlebnisse haben keine Rückwirkung auf seinen Glauben. Entspricht eine Erfahrung der Erwartung seines Glaubens, so sieht er diese als Bestätigung für seinen Glauben. Doch werden seine Erwartungen nicht erfüllt, so kommt die Joker-Karte „Gottes Wege sind unergründlich“ zum Zuge. In Joschuas Weltbild offenbart dies nicht die wahrscheinliche Falschheit des der Erwartung zugrundeliegenden Glaubens („Gott wirkt auch heute noch Wunder“), sondern veranlasst ihn, seine Erwartungshaltung nachträglich an das Beobachtete anzupassen, ohne seinen Glauben hinterfragen zu müssen. Mit dieser Immunisierungstaktik opfert Joschua aber den Erklärwert, ja letztlich den Gehalt seines Glaubens.

Arguments that explain everything explain nothing.

– Christopher Hitchens

Alle Überzeugungen, welche als wissenschaftlich weitreichend abgesichert gelten, sind durch den wiederholten Ablauf folgender drei Schritte entstanden.

  1. Formulierung einer Theorie bezüglich der Zusammenhänge eines Sachverhaltes
  2. Ableitung einer Voraussage aus dieser Theorie
  3. Überprüfung der Zuverlässigkeit dieser Voraussage durch Manipulation der beteiligten Faktoren und Beobachtung der Ergebnisse
  1. Anpassung der Theorie (nicht der Voraussage aus der ursprünglichen Theorie!)
  2. Ableitung einer neuen Voraussage aus der neuen Theorie

Eine Theorie hat nur soviel Erklärwert, wie sie auch überprüfbare Voraussagen generiert und diese bestätigt bzw. widerlegt werden können. Joschuas Glaube befolgt diese Spielregeln nicht. Ob Joschua den Mann aufstehen und herumgehen sieht oder nicht, hat keinerlei Auswirkungen auf seinen Glauben. Sein Überzeugungsgrad verändert sich nicht durch die Beobachtung eines Sachverhaltes. Da er mit seinem Glauben sowohl erklären kann, warum der Verstorbene nicht auferstanden ist, als auch, warum er auferstanden ist (wenn dies geschehen wäre), hat Joschuas Glaube keinen Erklärwert bzw. keinen Voraussagewert und ist damit letztlich überflüssig und nutzlos in der Interaktion mit der Welt, d.h. bei der Verfolgung unserer Ziele (vgl. die Ausführungen zur instrumentellen Rationalität). Wer mit erhoffter Kausalwirkung betet, muss – im Gegensatz zu jemandem, der dies nicht tut – eine nicht-vernachlässigbare Wahrscheinlichkeit darauf setzen, dass die voraussagende Hypothese (Kausalwirkung des Gebets) tatsächlich wahr ist. In diesem Fall muss das Nicht-Eintreten der probabilistisch vorhergesagten Gebetswirkung aber auch als probabilistische Falsifizierung anerkannt werden. Mit anderen Worten: Der Gewissheitsgrad bezüglich der Hypothese muss sinken – es sei denn, es ist uns egal, dass unsere kognitiven Prozesse die Welt vollkommen falsch abbilden. Das kann uns aber nicht egal sein, wenn wir unsere Ziele erreichen wollen. (Wenn wir von A nach B gelangen wollen und unsere kognitiven Prozesse so fehlgehen, dass sie die Mauer nicht erfassen, die zwischen A und B steht und die man umschiffen müsste, wird unser Kopf Bekanntschaft mit der Mauer machen.) Und unsere Ziele erreichen wollen wir per definitionem.

Erklär- bzw. Vorhersagewert einer Theorie im Bayestheorem:

Wenn die Wahrscheinlichkeit einer Hypothese h (Beten kann Tote zum Leben erwecken) bei Beobachtung einer Evidenz e (Toter wird lebendig) gleich gross ist wie bei der Beobachtung der Evidenz nicht-e (\bar{e}, Toter wird nicht lebendig), so kann daraus nur folgen, dass die die Wahrscheinlichkeit der Hypothese h absolut unabhängig der Evidenz e ist: P(h|e) = P(h|\bar{e}) \rightarrow P(h|e) = P(h)
Setzen wir dies ins Bayestheorem P(h|e) = P(h) \cdot \frac{P(e|h)}{P(e)} ein, erhalten wir P(e|h) = P(e).
Dies bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ein Toter wieder lebendig wird, genau gleich gross wird, ob Joschuas Glaube, dass Gebete Tote wiedererwecken kann, nun stimmt oder nicht. Doch das kann nicht sein. Der Grund, warum Joschua (im Gegensatz zu anderen) betet, muss ja darin bestehen, dass er die Erfolgswahrscheinlichkeit dieser Massnahme aufgrund seines Glaubens höher einschätzt als andere.

Man wird vielleicht einwenden, dass viele Menschen an ihren Glauben gar nicht den Anspruch stellen, konkrete Voraussagen über die Welt zu machen, sondern vielmehr Trost und Orientierung darin suchen. Das mag durchaus zutreffen. Konsistenterweise müsste man dann auch zugeben, dass man Trost in etwas sucht, für dessen Existenz man keine Evidenz hat und daher auch keine stimmigen Wahrscheinlichkeiten angeben kann. Dies läuft dem Begriff des Glaubens aber zuwider, da dieser zu implizieren scheint, dass man das Geglaubte mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit für wahr hält. Ist dieser Glaube in irgendeiner Form handlungs- bzw. lebensrelevant, folgen aus ihm mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auch Erwartungen bzw. Vorhersagen. Und damit setzt sich, wer glaubt und handelt, nolens volens der Möglichkeit aus, einen Fehler zu machen. Die Fehlermöglichkeit ihrerseits impliziert konkrete Möglichkeiten, korrigiert zu werden.

Joschaus religiöser Glaube ist nicht die einzige Art von Überzeugung, die keine überprüfbaren Voraussagen über die Welt macht (oder die welche machen will und macht, sich dann aber nicht korrigieren lässt, wenn die Voraussagen nicht eintreten). Viel zu oft schleichen sich in unsere Weltansicht Vorstellungen und Überzeugungen ein, welche wir jahrelang mit uns herumtragen und welche dann in unserem Überzeugungssystem sogar eine für andere Glaubensinhalte fundamentale Position einnehmen. Überprüfen wir unsere Annahmen über die Welt nicht regelmässig, laufen wir Gefahr, uns ganze Netzwerke an Glaubensinhalten und Überzeugungen anzueignen, die sich weit von der Realität entfernen und damit das Erreichen unserer Ziele sabotieren. Ich nenne hier absichtlich „Überzeugung“ und „Glauben“ im selben Atemzug. Es ist mir bewusst, dass diese Begriffe unterschiedlich konnotiert sind und auf psychologische Unterschiede hinweisen. Während ein Glaube gemeinhin als „persönliche Weltansicht“ akzeptiert wird, welche gegenüber anderen Personen „nicht bewiesen werden muss“, stellt eine Überzeugung viel mehr eine Annahme und Behauptung dar, die wiederholt überprüft und deren Plausibilität aufgezeigt werden kann und muss. Doch im Endeffekt wirken sich beide – ein „Glaube“ und eine „Überzeugung“ – auf unser Handeln aus, indem sie eine Erwartungshaltung generieren, nach der wir unsere Handlungsoptionen bewerten und uns dann entsprechend entscheiden und verhalten. Ob ich mich aufgrund eines „Glaubens“, einer „Annahme“ oder einer „Überzeugung“ für eine Handlungsoption entscheide, spielt für die Konsequenzen, welche die Handlung nach sich zieht, keine Rolle. In allen Fällen stellt meine Handlung eine Wette dar, bei der ich Energie, Zeit und/oder Geld investiere und etwas aufs Spiel setze. In diesem Sinne können die Begriffe „Glaube“ und „Überzeugung“ austauschbar verwendet werden.

Stellen wir uns vor, Joschua hätte nicht als Privatperson seinen Gott um eine Wunder gebeten, sondern als kandidierender Bundesrat vor laufender Fernsehkamera. Was er dabei aufs Spiel gesetzt hätte, wäre um Grössenordnungen mehr gewesen: Er hätte sich nicht nur lächerlich gemacht, sondern seine gesamte Karriere verspielt. Und was geschieht, wenn ganze Gesellschaften falsch wetten, zeigt die Geschichte (und zu einem guten Teil wohl auch die Gegenwart) eindrücklich.

Serie: Glauben und Überzeugungen

  1. Schlupfloch im Glauben – was alles erlaubt, erklärt nichts
  2. Sind religiöse Behauptungen unfalsifizierbar?
  3. Überzeugungen müssen sich auszahlen
  4. An einen Glauben glauben (folgt)
Artikelbild: © littleny – Fotolia.com