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Relativismus und Toleranz

on 26. November 2013

Der 11. September 2001, sagt man, hat vieles verändert. Grundsatzdebatten wurden losgetreten, und die Meinungen in Politik, Ethik und Religion weisen eine zunehmende Polarisierung auf. Wer von dieser Polarisierung profitiert, sind die VertreterInnen felsenfester Überzeugungen oder sogar Dogmen, die Gewissheit und Absolutheit für sich beanspruchen. Was hingegen in Bedrängnis gerät, ist das aufklärerische Vermächtnis der Toleranz: Für Bescheidenheit, Fehlbarkeit und Respekt scheint bei Meinungsverschiedenheiten die Geduld oft nicht mehr zu reichen.

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In der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts ist Toleranz zwar hochgehalten worden, aber zu ihrer Begründung wurde gerne auf den Relativismus verwiesen, also auf die Idee, dass alle Wahrheit relativ ist. Sätze wie «Alles ist relativ», «Es gibt keine absolute Wahrheit», oder «Das ist nur Ihre Meinung» sind mittlerweile oft zu hören. Doch Relativismus in seiner einfachsten – und einflussreichsten – Form verdient es nicht, ernstgenommen zu werden, und als Basis für Werte wie Toleranz taugt er erst recht nicht. Humanismus, ob nun evolutionär oder nicht, führt weder zu Relativismus noch ist er darin begründet.

Es fängt damit an, dass sich der Relativismus nicht einmal kohärent formulieren lässt. Nehmen wir den Satz «Alles ist relativ». Wenn das stimmt, was ist dann mit dem Satz, dass «Alles relativ» ist? Entweder er ist selbst relativ oder er ist es nicht. Wenn er nicht relativ ist, dann ist er falsch, denn dann haben wir bereits ein Gegenbeispiel gefunden. Wenn er aber selbst relativ ist, dann braucht er uns nicht zu kümmern, denn dann gesteht er uns selbst zu, dass wir ihn als für uns falsch betrachten dürfen.

«Ach, das sind doch nur logische Spitzfindigkeiten!», wird der Relativist entgegnen. Er versucht uns hier eine «tiefe Einsicht» zu vermitteln, nämlich dass jedes Urteil und damit jede Wahrheit von einem bestimmten Standpunkt aus formuliert wird. So weit, so gut. Aber was der Relativist daraus schliessen möchte, ist, dass alle Wahrheit relativ zu Leuten und ihren Standpunkten ist. Damit kriegt er ziemlich schnell Probleme, denn wenn die Wahrheiten relativ sind, dann sind auch die Tatsachen relativ, die in den Wahrheiten ausgedrückt werden. Wenn Einstein zum Beispiel sagt, dass Jupiter 16 Monde hat, dann ist das wahr dann und nur dann, wenn Jupiter wirklich 16 Monde hat. Die Wahrheit kann also nur relativ sein, wenn auch die Wirklichkeit relativ ist – relativ zu Leuten und ihren Standpunkten. Nun können wir aber unerbittlich weiterfragen: Ja, wie steht es denn mit den Leuten und ihren Standpunkten? Sind diese etwa auch relativ? Sie sind auch Teil der Wirklichkeit, also müssen sie auch relativ sein. Aber wozu sind sie relativ? Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder die ganze Wirklichkeit inklusive den Leuten und ihren Standpunkten ist relativ zu mir – ein ziemlich einsames und unattraktives Resultat – oder die Leute und ihre Standpunkte sind relativ zu weiteren Leuten und ihren Standpunkten. Und wozu sind diese dann relativ? Nun, man ahnt es schon, zu weiteren Leuten und Standpunkten, und immer so weiter. «Aber halt,» sagt dann der Relativist, «was ich für wahr halte, ist wahr relativ zu mir und meinem Standpunkt, und was du für wahr hältst, ist wahr relativ zu dir und deinem Standpunkt. Wo ist das Problem?» Nun, das Problem ist, dass das kein Relativismus mehr ist, weil du und ich dann absolut existieren. Aber wieso dann nicht auch Berge, Flüsse und Jupiters Monde?

Eine interessante Frage ist nun, ob es bei spezifisch moralischen Wahrheiten anders aussieht. Nehmen wir beispielsweise die Aussage: «Menschenopfer sind richtig». Der moralische Relativismus behauptet dreierlei: Erstens, der Ausdruck «richtig» ist zu verstehen als «richtig für eine bestimmte Gesellschaft, also zum Beispiel für die Azteken». Zweitens, Menschenopfer sind «richtig für die Azteken», weil sie mit anderen Aztekenbräuchen zusammenhängen und innerhalb der Aztekengesellschaft ihren Platz haben; Menschenopfer sind also «richtig unter den Azteken». Und schliesslich, drittens, möchte der moralische Relativist daraus folgern: «Menschenopfer unter den Azteken sind richtig», und wir sollten sie tolerieren. Aber diese dritte Aussage, die unseren Umgang mit der Aztekengesellschaft leiten will, verwendet das Wort «richtig» in genau dem nichtrelativen Sinn, den sich der moralische Relativist eingangs verwehrt hat. Das einzige, was der moralische Relativist seiner eigenen Ansicht nach sagen darf, ist, dass «Menschenopfer unter den Azteken für uns richtig» sind. Und das ist sehr zu bezweifeln. Aber was der moralische Relativist nicht darf, ist, ein nichtrelatives Toleranzgebot aus der Tatsache ziehen, dass verschiedene Gesellschaften verschiedene Werte und Haltungen haben. Die moralischen Weltanschauungen anderer Gesellschaften sind auch nur weitere Dinge, zu denen verschiedene Gesellschaften verschiedene Haltungen einnehmen können. Für Relativismus ist schlicht kein Platz.

Die Ironie ist, dass die Leute, die dem am bereitwilligsten zustimmen würden und am vehementesten dafür einstehen, dass es richtige und falsche Antworten auf moralische Fragen gibt, Demagogen der einen oder anderen Art sind. Wir sollten ihnen wohl kaum das Feld überlassen. Und wenn uns Toleranz etwas bedeutet, dann sollten wir sie als eigenständigen Wert anerkennen. Denn wir täten nicht gut daran, sie vom Relativismus abhängig zu machen.

Weitere Lektüre
Mitglieder der British Humanist Association zum Verhältnis von Humanismus und Relativismus: http://humanism.org.uk/about/humanist-philosophers/faq/does-humanism-lead-to-relativism/