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Rationalität – Ein Wecker im Schlummermodus

on 25. März 2013

Dient es der Psychohygiene, so bin ich ein grosser Fan der Prokrastination. Ich treibe mich dann z.B. in Ratgeber-Chatrooms herum. In einem solchen schrieb neulich ein Chat-Teilnehmer, dass sein Freund aufgrund von Brustschmerzen die Ambulanz gerufen habe. Die beiden Rettungssanitäter seien gekommen, aber ohne ihn zu behandeln wieder gegangen, mit der Begründung, dass alles in Ordnung sei. Nun seien die Brustschmerzen seines Freundes aber stärker geworden. Was sollte er tun?

Ich weiss, dass die Ambulanz gesetzlich verpflichtet ist, Leute mitzunehmen, die sie um Hilfe anrufen. Denn wenn sie es nicht täte, könnten ihr durch Klagen hohe Kosten entstehen. Wir alle haben eine Vorstellung der Realität. Es ist ein Modell, das durch Wissen und Erfahrungen entstanden ist und uns dabei hilft, Ereignisse beurteilen. Nach diesem Modell weiss ich, dass die Ambulanz dazu verpflichtet ist, eine sich in einer Notsituation befindende Person mitzunehmen. Das im Chatroom erzählte Ereignis widerspricht meinem Modell. Doch ich vertraue medizinischen Fachpersonen und habe es auch selbst schon erlebt, dass mein Arzt Brustschmerzen, die mich beunruhigten, für harmlos erklärte. Die Ambulanz hätte den Freund des Chat-Teilnehmers also sicher mitgenommen, wenn Anlass zu Sorge bestanden hätte, dachte ich. So gelang es mir, das Ereignis mit meinem bestehenden Modell über die Pflicht der Ambulanz zu vereinbaren, obwohl mich die Geschichte für einen Augenblick stutzig machte. Doch dann berichtet der Chat-Teilnehmer kurze Zeit später, sein Freund habe die Geschichte erfunden. Was sagt dies darüber aus, wie wir mit Geschichten umgehen, die nicht mit unseren Modellen der Wirklichkeit in Einklang stehen? Ich hätte vielleicht merken sollen, dass der mir unbekannte Freund eines mir unbekannten Chat-Teilnehmers weniger glaubwürdig ist als eine publizierte Studie. Doch es ist leider einfacher, zu glauben als zu zweifeln.

snooze

Wir halten Dinge instinktiv für wahr, während es eine bewusste Anstrengung erfordert, an ihnen zu zweifeln. Deshalb habe ich das vom Chat-Teilnehmer geschilderte Verhalten der Ambulanz, das eine Abweichung von meinem bestehenden Modell der Realität bedeutete, bereitwillig akzeptiert. Nur kurz war ich skeptisch. Mein Hirn hat, einem Wecker vergleichbar, kurz gepiepst, worauf ich es, ungewillt, die Anstrengung auf mich zu nehmen, ihm zuzuhören, kurzerhand ausgeschaltet und in der Schlummerfunktion weiterlaufen liess. Das war mir sehr peinlich. Ich wusste, dass der Nutzen eines guten Modells über die Realität nicht so sehr in dem besteht, was es erklären kann, sondern darin, zu wissen, was es nicht erklären kann. Ein Modell, das aus wahren Aussagen über die Welt gespiesen wird, muss einem dabei helfen, Ereignisse, die nicht mit ihm übereinstimmen, für unwahrscheinlich zu halten, sonst erlaubt es alles und nutzt entsprechend wenig. Wer alle Ereignisse gleich gut erklären kann, weiss nichts.

Ich wusste alles, das es dazu brauchte, die richtige Antwort zu finden. Ich hätte meine Wahrnehmung davon, dass etwas nicht stimmte, stärker berücksichtigen sollen. Dies zu bemerken, ist einer der wichtigsten Eindrücke, die jemand hat, der danach strebt, wahre Meinungen über die Welt zu haben. Weshalb habe ich den Rationalitätsalarm unter meiner Schädeldecke ignoriert? Es ist ein Konstruktionsfehler der menschlichen Kognition, dass unser Rationalitätsalarm mit einer Schlummertaste ausgestattet ist. Denn zu schlummern kann bedeuten, dass ich mein Ziel nicht erreiche, also verliere. Statt des Piepsen eines Weckers, den wir ohne weiteres wieder in den Schlummermodus versetzen können, bräuchten wir eine heulende Ambulanzsirene, die uns signalisiert: Entweder dein Modell oder diese Geschichte ist falsch!

Quellenangabe
Gilbert, D., Tafarodi, R., Malone, P. (1993). You Can’t Not Believe Everything You Read. Journal of Personality and Social Psychology 65 (2), 221-233.
Yudkowsky, E. (2007). Your Strength as a Rationalist. Übersetzt von A. Abdulkadir. LessWrong (25.3.2013)
Bild: Eflon.