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Müssen alle gleich denken?

on 11. Dezember 2012

Diese Frage wurde auf Facebook in der GBS-Studigruppe diskutiert:

es wurde gesagt: ‚…eine vegane gesellschaft [wäre] wohl problemlos möglich…‘ – ich habe darauf hingewiesen, dass das immer ein wenig nach ideologie riecht. (vor-)bestimmte gesellschaftsformen wären prinzipiell immer möglich, wenn nur jeweils alle menschen innerhalb der (vor-) bestimmten gesellschaft mitmachen würden und die welt genauso sehen würden wie diejenigen, die solche gesellschaftsformen (vor-)bestimmen bzw. für sinnvoll halten. meiner ansicht nach ist das utopisch. vermutlich werden niemals alle teilnehmer einer gesellschaft gleich denken. ich frage mich auch, ob das überhaupt erstrebenswert ist/wäre. die nächste frage, die sich mir stellt, ist, wie verhält man sich gegenüber leuten, die die welt anders so sehen – und sich bspw. nicht für einen veganismus/vegetarismus entscheiden (wollen). hierin erst zeigt sich ja, so meine behauptung das ethische potential einer gesellschaftsutopie, ob sie sich als faschistisch präsentiert oder nicht. auch wenn der wille (bspw. zu einer veganen lebensweise) ein guter ist, heißt das ja nicht unbedingt, dass das dem guten willen entsprechenden handeln gut ist. faschismus muss ja nicht zwingend mit biologischen rassismus einhergehen. kulturistischer rassismus, ist zwar weniger auffällig, aber deswegen nicht weniger faschistisch! (vgl. m. foucault)

mit kulturistischen rassismus meine ich das gutheißen einer (vor-)bestimmten lebensform (bspw. veganismus) und das gleichzeitige abwerten anderer lebensformen, die von der (vor-)bestimmten lebenform abweichen.“

Dazu einige Bemerkungen:

1. Warum riecht das nach Ideologie? Ich mache keinen Claim über Umsetzbarkeit oder „Utopie“, sondern argumentiere ethisch. Wie folgt: Wir sollten Schädigungen anderer unterlassen. Diese Pflicht ist umso grösser, je weniger es uns kostet, die Schädigung zu unterlassen. Wenn die Kosten gross sind (wenn etwa das eigene Leben auf dem Spiel steht), ist die Fremdschädigung u.U. gerechtfertigt. (Tierethische Beispiel: Existentiell notwendige Jagd. Interessant auch: Kannibalismus in Notsituationen.) Aber wenn die Kosten gering oder gar inexistent sind, sind massive Fremdschädigungen höchst unethisch. Die Fremdschädigungen, die vom Fleischkonsum ausgehen, sind massiv; und es würde uns insgesamt praktisch nichts kosten, sie zu unterlassen, denn wir können uns in unseren Breitengraden gesund und gut fleischfrei ernähren. Also scheint ethisch eine starke Pflicht zu bestehen, dies zu tun. – Das war das Argument. Was ist daran „ideologisch“?

2. Ist es erstrebenswert, dass alle gleich denken/leben? Ja und nein. Ja: Es ist erstrebenswert, dass niemand schlecht und alle gut leben, also z.B. die Menschen- und die allgemeinen Tierrechte akzeptieren, d.h. insbesondere die unnötige Diskriminierung und Schädigung anderer unterlassen (Rassismus, Sexismus, Nationalismus, Homophobie, Ableismus, Speziesismus, …). Und ja, es wäre ebenfalls erstrebenswert, dass sich alle auch aktiv für Menschen- und allgemeine Tierrechte einsetzen. Nein: Es gibt eine Vielfalt im Guten. Wenn niemand schlecht und alle gut leben, heisst das nicht, dass alle gleich leben.

3. Wie geht man mit Leuten um, die schlecht leben? Nun, wenn wir „lebt schlecht“ grob definieren als „schädigt andere unnötig“, dann ist gerade das liberale Gemeinwesen legitimiert, dies gesetzlich zu unterbinden, was im (Nicht-)Schadensprinzip (Harm Principle) des britischen Philosophen John Stuart Mill zum Ausdruck kommt. Denn die Freiheit des einen endet dort, wo die Freiheit des anderen beginnt.

4. Wenn „kulturistischer Rassismus“ = „Gutheissen einer (vor-)bestimmten Lebensform und gleichzeitige Abwertung abweichender Lebensformen“, dann ist jeder ein „kulturistischer Rassist“, der irgendeinen ethischen Grundsatz oder irgendein Gesetz befürwortet. Denn mit der Befürwortung ethischer Grundsätze und Gesetze sagen wir ja nichts anderes als: Wir heissen nur diejenige Lebensform gut, die diese Grundsätze/Gesetze respektiert – und die anderen werten wir ab und versuchen sie entsprechend zurückzudrängen und zu unterbinden. Natürlich entspricht das immer einer gewissen Schädigung derjenigen, deren Verhaltensweisen gesellschaftlich kritisiert und letztlich politisch-rechtlich unterbunden werden. Aber wenn sie mit ihren Verhaltensweisen andere schädigen, dann haben sie kein Recht, diese auszuführen. Und wir wählen das geringere Übel: Es tut uns zwar leid, dass wir die Rassisten, Sexisten oder Speziesisten mit unserer (gesellschaftlich-diskursiven und politisch-rechtlichen) Intervention schädigen – aber würden wir dies nicht tun, würden viel grössere Schäden entstehen.

Nebenbei: Auch der politische (Kultur-)Relativismus wertet andere Denk- und Handlungsweisen ab, nämlich die in seinem Sinn nicht-relativistischen. Der praktischen Abwertung könnte sich einzig ein universaler Nihilismus entziehen, der auch diejenigen gewähren liesse, die den Nihilisten selbst schädigen.

5. Apropos Faschismus: 

Die stets wieder begegnende Aussage, Wilde, Schwarze, Japaner glichen Tieren, etwa Affen, enthält bereits den Schlüssel zum Pogrom. Über diese Möglichkeit wird entschieden in dem Augenblick, in dem das Auge eines tödlich verwundeten Tieres den Menschen trifft. Der Trotz, mit dem er diesen Blick von sich schiebt – „es ist ja bloß ein Tier“ – wiederholt sich unaufhaltsam in den Grausamkeiten an Menschen, in denen die Täter das „Nur ein Tier“ immer wieder sich bestätigen müssen, weil sie es schon am Tier nie ganz glauben konnten.

— Theodor Adorno