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Moral des Organspendens

on 10. Mai 2013

Aus welchen Gründen auch immer Menschen Organspenden für sich oder ihre Kinder ablehnen, es findet sich oft das gleiche Argumentationsmuster, um diese Position moralisch zu legitimieren. Oftmals werden Menschen selbst dafür verantwortlich gemacht, dass sie Spenderorgane benötigen, oder es wird jedenfalls bestritten, dass irgendjemand in besonderer Weise dafür verantwortlich ist, helfend tätig zu werden. Dabei wird ausgeklammert, ja teilweise bewusst abgelehnt, dass wir selbst an der Entscheidung beteiligt sind, ob diese Menschen leben oder sterben.

Diesem Missstand möchte ich entschieden entgegen halten. Die Ängste, die manche vom Organspenden abhalten, müssen ernst genommen werden. Wir müssen uns aber diesen Ängsten stellen. Wer eine Entscheidung für oder gegen Organspende trifft, entscheidet, ob bis zu sieben Menschen leben oder sterben.

Es scheint für Menschen üblich zu sein, die Folgenschwere ihres Handelns bzw. ihrer Entscheidungen danach zu beurteilen, ob sie aktiv-direkt oder passiv-indirekt verursacht wurden. Es mag nicht allzu leicht sein, zu beurteilen, ob solche Argumente einen kognitiven Bias, also einen Denkfehler, darstellen – in diesem Fall den Omission Bias – oder das valide Ergebnis einer deontologischen Moralphilosophie sind. Untersuchungen dazu, ob dieses Verhalten in diesem Ausmass eine transkulturelle Universalie darstellt, gibt es nicht, aber diese Hypothese scheint plausibel.

„Deontologisch“ bedeutet, dass Handlungsweisen an sich gutgeheissen oder verurteilt werden, ohne Berücksichtigung ihrer Konsequenzen. Als Gegenschule gibt es in der Moralphilosophie den Konsequentialismus. Dessen VertreterInnen zeichnen sich im Gegensatz zu DeontologInnen dadurch aus, dass sie in erster Linie darauf achten, ob die Konsequenzen ihres Handelns (ihr Impact) in der Summe auch wirklich Gutes bewirken beziehungsweise gut sind. Konsequentialismus bedeutet also, dass das Ergebnis einer Handlung bzw. Entscheidung beurteilt wird – ob es sich dabei um ein „Tun“ oder ein „Unterlassen“ handelt – und nicht „die Handlung selbst“. Das wiederum heisst, dass es an sich irrelevant ist, ob man jemanden „passiv“ hat sterben lassen (den man hätte retten können) oder „aktiv“ getötet hat.

Dieses Moralkonzept findet auch auf den Fall der Organspende Anwendung:

Sieben Organe sind es pro Mensch, deren Transplantation lebensrettend sein kann. Sieben Leben – das ist die Standardphrase, die immer wieder durch Organspendendebatten geistert. Dabei rückt der Mensch, der auf ein lebensrettendes Organ wartet, in den Hintergrund. Präsent ist nur die Zahl. Sieben. Zahlen sind abstrakt, sie sind schlecht geeignet, Leid zu repräsentieren und emotional zugänglich zu machen. Ironischerweise fällt die Entscheidung zur Organspende Menschen so schwerer, als wenn es um ein konkretes Menschenleben geht. Die Nennung eines Menschenlebens erzeugt bei vielen Menschen die Vorstellung einer persönlichen Geschichte; von Familie und Freundschaften dieser Person.

Bei sieben distanzierten und unbekannten Menschen passiert das nicht oder wenn, dann in geringerem Ausmass. Dann erscheint vor allem die Zahl. Der persönliche Bezug, den Menschen bei der Vorstellung eines konkreten gefährdeten Menschenlebens haben, und der innere Drang, rettend tätig zu werden, multipilizieren sich nicht siebenfach. Dieses Phänomen nennt sich in der Kognitionspsychologie Scope Insensitivity. Menschliche Gehirne sind nicht so konstruiert, dass das eigene Empfinden der Realität angemessen angepasst ist. Der Tod von sieben Menschen wird nicht als sieben Mal so schlimm wahrgenommen wie der eines einzelnen Menschen. Wir müssen uns bewusst darauf konzentrieren, sieben Menschen einen persönlichen Hintergrund zuzugestehen. (Bei sieben Menschen geht das noch halbwegs. Bei mehr nicht. Ein Problem, das sich etwa in Spendendiskussionen deutlich zeigt.)

Bewusst ist dies den meisten in der Organspendendebatte nicht. Es ist daher auch nicht hilfreich, SkeptikerInnen oder GegnerInnen entgegenzurufen, dass es hier schliesslich um bis zu sieben Menschenleben gehe, ohne den Mechanismus der Wahrnehmungsverfälschung des eigenen Gehirns zu erklären und die Problematik der verschiedenen moralischen Wertung von direktem Töten und indirektem Sterbenslassen zu erörtern. Selbst wenn man den Konsequentialismus (d.h. die Gleichgewichtung von „Tun“ und „Unterlassen“) ablehnt, wäre es äusserst unplausibel, der Tatsache, dass man auch bei „Unterlassungen“ über das Schicksal anderer entscheidet, gar keine ethische Signifikanz zu geben.

Aus dem Genannten ergeben sich einige Gründe, warum beispielsweise die Entscheidung für einen Spätschwangerschaftsabbruch moralisch in der Regel viel härter verurteilt wird als die Entscheidung gegen Organspende. Bei Ersterem geht es jedoch „nur“ um den (aktiv verursachten) Tod eines einzelnen Fötus, bei Letzterem um den (passiv verursachten) Tod von bis zu sieben Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen. Ein solches moralisches Urteil scheint nicht vernünftig nachvollziehbar und vollkommen unverhältnismässig.