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Natur, Nachhaltigkeit und Artenvielfalt – Mittel oder Zweck?

on 29. April 2014

Neuerdings muss alles «nachhaltig» sein. Die Finanzplanung muss «nachhaltig» sein, politische Massnahmen müssen (sozial) «nachhaltig» sein. Und natürlich unser Ressourcenverbrauch – der muss auch «nachhaltig» sein. Und so selten das auch sein mag, darüber scheint nahezu im gesamten politischen Spektrum ein gewisser Konsens zu bestehen. Dies ist Anlass genug, das Konzept hinter dem Wort «Nachhaltigkeit», und die damit eng zusammenhängenden Begriffe wie «Natur», «Natürlichkeit» und Ähnliche etwas genauer zu durchleuchten. Es stellen sich Fragen wie: Inwiefern kümmert es uns, ob Prozesse «nachhaltig» oder «natürlich» sind? Was genau ist es, das Nachhaltigkeit – ganz offenbar – so erstrebenswert macht? Worin genau liegt die tiefere Motivation, die Umwelt zu schützen, und die Artenvielfalt zu erhalten? Ist alles, was nachhaltig ist, gut? Besitzt Nachhaltigkeit per se einen Wert? Und wenn nein, inwiefern kann sie dann trotzdem wünschenswert sein?

Der vorliegende Text dient hauptsächlich dem Zweck, den Unterschied zwischen intrinsischem und instrumentellem Wert von Dingen zu betonen. Zu diesem Zweck werden vorerst einige (hypothetische) Meinungen diskutiert, hier im spezifischen Zusammenhang mit Nachhaltigkeit und Natur. Das zugrundeliegende Problem beschränkt sich jedoch keineswegs auf den in diesem Beitrag verwendeten Kontext. Im Text wird eine Interpretation von «Nachhaltigkeit» verwendet, wie man sie beispielsweise im Rahmen einer politischen Diskussion unter „Normalbürgern“ antreffen könnte. Das wissenschaftliche Verständnis von Nachhaltigkeit (bzw. nachhaltiger Entwicklung) ist wesentlich differenzierter, als das im Text verwendete. Demgegenüber ist der zentrale Punkt des Textes jedoch keineswegs trivial, sondern vielmehr unabhängig von der Komplexität der verwendeten Beispiele gültig. Doch nun genug der Meta-Bemerkungen, zurück zum Text.

Was ist «Nachhaltigkeit» wert?

Die Antworten auf die oben einleitend gestellten Fragen hängen selbstredend von der spezifischen Verwendung des Begriffs «Nachhaltigkeit» ab. Betrachten wir vorerst den folgenden Dialog, in dem einem Verfechter der Nachhaltigkeitsidee («N») etwas auf den Zahn gefühlt wird (durch «R»):

R: Du wirbst für „mehr Nachhaltigkeit“ und „nachhaltige Massnahmen“. Hast du dir schon mal überlegt, dass es auch Beispiele für nicht wünschenswerte Nachhaltigkeit geben könnte?

N: Das kann ich mir nicht vorstellen.

R: Zum Beispiel die globale Waffenindustrie: Ein Unternehmen produziert Waffen, die von einer Konfliktpartei nachgefragt wird, was eine andere Partei wiederum zwingt, ebenfalls aufzurüsten, um nicht ins Hintertreffen zu gelangen. Darauf muss die erste Partei wiederum nachziehen oder vorlegen – und so geht es immer weiter. Dieses Szenario ist in der Spieltheorie auch als „Aufrüstungsspirale“ bekannt.

N: Schön und gut, aber was ist jetzt daran nachhaltig?

R: Die Waffenindustrie scheint damit insgesamt ein „nachhaltiges System“ zu sein, denn sie ist ein system- und selbsterhaltender Komplex – ebenso wie u.a. Investitionen „finanziell nachhaltig“ oder gesellschaftspolitische Massnahmen „sozial nachhaltig“ sein können. Und übrigens: Sogar das Kastensystem im religiösen Kontext ist insofern „nachhaltig“, als es die soziale Mobilität tief hält und dadurch strukturerhaltend wirkt.

N: Naja, das sind aber auch sehr merkwürdige Beispiele für Nachhaltigkeit. Was ist mit der ökologischen Nachhaltigkeit, die meistens gemeint ist, wenn wir von Nachhaltigkeit sprechen?

R: Nun, stellen wir uns – ganz hypothetisch – vor, wir würden eine Ressource entdecken, mit der wir die Welthunger-Problematik lösen könnten. Der Haken dabei: Die Ressource müsste komplett erschöpft werden, um das Problem endgültig lösen zu können. Worin liegt nun der Wert, diese Ressource – einfach weil es „nachhaltig“ ist – zu erhalten, wenn sie stattdessen dazu verwendet werden könnte, massives Leid zu verhindern? Ähnlich können wir uns auch vorstellen, dass es eine Ressource gibt, deren Existenz eine Gefahr für das Wohlergehen der Menschheit darstellt. In solch einer Situation scheint es angebracht, die Ressource mutwillig zu zerstören. Selbst die ökologische Nachhaltigkeit ist also nicht einfach grundsätzlich „gut“.

N: Du machst es dir doch zu einfach. Wenn du das „gut“ von der „Nachhaltigkeit“ trennst, dann verbleibt bloss ein technisches und wertneutrales Konzept. Etwas ist natürlich nur dann wirklich nachhaltig, wenn es auch gut ist. Es ist doch offensichtlich, dass wir kein echtes Interesse an Formen von Nachhaltigkeit haben, wie du sie ausführst — oder nicht? Die von dir genannten Beispiele scheinen an den Haaren herbeigezogen. Ist denn nicht klar, was wir meinen, wenn wir Nachhaltigkeit in einem positiven Sinn verwenden?

R: Nicht unbedingt. Aber bevor ich das ausführe: Interessanter ist hier die Frage, ob es dir wirklich klar ist. Vielleicht könntest du erläutern, was du mit “wirklich nachhaltig” meinst? Was genau macht eine Massnahme “gut”, so dass wir – in deinem Sinne – ein „echtes Interesse“ daran haben?

N: Ok, sagen wir, ich stimme zu, dass in den von dir genannten Beispielen – in einem sehr technischen Sinne! — durchaus Elemente von so definierter „Nachhaltigkeit“ enthalten sind. Es gibt darin aber auch jeweils noch eine andere Art von Nachhaltigkeit, die offensichtlich überwiegt. Die Waffenindustrie ist nicht wirklich „nachhaltig“, weil sie verstärkt zu Gewalt führt, und die „Nachhaltigkeit der Gewaltlosigkeit“ überwiegt. Auch das Kastensystem ist nicht wirklich „nachhaltig“, weil es nicht fair ist, und die „Nachhaltigkeit der Chancengleichheit“ verletzt wird, die doch offensichtlich wichtiger ist.

R: Ich stimme dir selbstverständlich zu bezüglich der Beurteilung dieser konkreten Beispiele, doch mir geht es viel mehr darum, wie man zu einer solchen Beurteilung kommt. Das eigentliche, fundamentale Problem ist dadurch nämlich noch nicht gelöst, denn es muss doch, abgesehen von der puren und nicht weiter begründeten Intuition – die bei uns wohl in diesen Fällen übereinstimmt –, ein theoretisches Kriterium geben, das begründet, wie wir uns jeweils entscheiden: Welche „Arten“ von Nachhaltigkeit sind nun genau wünschenswert, und weshalb? Wie kann zwischen verschiedenen „Arten von Nachhaltigkeit“ abgewogen werden? Was ist es, das letztlich zählt, und das eine „Art von Nachhaltigkeit“ relevant und gewichtig macht? Es scheint, als fehle uns hier ein über die Intuition hinausgehendes Element, das unsere Entscheidungen rechtfertigen kann.

«N» könnte noch anbringen, dass diese ständige Fragerei ziemlich pedantisch wirke. Doch das verfehlt natürlich den eigentlichen Punkt. Denn interessant ist, dass die von «R» aufgeworfenen Fragen tatsächlich mit dem von «N» verwendeten (naiven) Konzept von Nachhaltigkeit offenbar nicht ohne weiteres beantwortbar sind. Es scheint, dass das, was Nachhaltigkeit erstrebenswert macht, nicht in der Nachhaltigkeit selbst liegt, sondern im Wert, der sich aus der Nachhaltigkeit ergibt. Dieser Wert jedoch wird durch das Nachhaltigkeitskonzept alleine nicht spezifiziert. Und damit können wir festhalten: Nur wenn die jeweils in Frage stehende Nachhaltigkeit der Erreichung eines eigentlichen Zieles dient, ist Nachhaltigkeit auch tatsächlich wünschenswert. Was jedoch dieses eigentliche Ziel sein mag, ist vorerst noch nicht definiert.

Der Natur–Bias

Doch bevor wir weiter auf diese Einsicht eingehen: Könnte «N» seine Position noch anderweitig verteidigen? Zumindest könnte «N» beispielsweise folgenden Einwand anbringen:

N: Nehmen wir an, ich verzichte, für den Zweck der Argumentation, auf die positive Normativität von Nachhaltigkeit. Die Werte, die dahinter stehen, und für die ich mich einsetze – nämlich den Erhalt der Umwelt, der Artenvielfalt, und auch den Erhalt von Ressourcen – scheinen mir dennoch weiterhin grundsätzlich sinnvoll zu sein, auch wenn ich dabei auf die Verwendung des Konzepts «Nachhaltigkeit» verzichte.

Viele Leute, und so wohl auch unser «N», fallen in solchen Fragen einem Bias zum Opfer, den wir auf Deutsch einfach Natur-Bias nennen können, d.h. dem Glauben oder der Überzeugung, dass „gut“ sei, was „natürlich“ ist, und umgekehrt „schlecht“ sei, was „unnatürlich“ ist. So möchten beispielsweise viele Leute, dass Arten erhalten werden bzw. ihr Aussterben verhindert wird, weil, nun – einfach weil sie nun mal natürlicherweise existieren. Oder dass die Umwelt grundsätzlich geschützt werden soll, weil sie eben Natur ist, und weil Natur doch gut ist. (Der Natur-Bias ist eng verwandt mit dem Sein-Sollen-Fehlschluss. Während letzterer a priori sachneutral ist, beschränkt sich ersterer explizit auf Natur- bzw. Natürlichkeits-Kontexte.)

Dass ein solcher Schluss kein gutes Argument sein kann, zeigt sich exemplarisch relativ deutlich in der Behauptung, dass Menschen Fleisch essen sollten, weil es „in unserer Natur liegt“, und weil der Mensch „ohne Fleisch nicht zu dem geworden wäre, was er heute ist“. Das mag deskriptiv zutreffen. Doch die Frage bleibt: Inwiefern spielt es normativ eine Rolle? Ebenso könnte man nämlich argumentieren, dass wir vergewaltigen sollten, weil es „in unserer Natur liegt“, oder dass wir uns gegenseitig die Köpfe einschlagen sollten, weil wir ohne natürliche Selektion „nicht zu dem geworden wären, was wir heute sind“. Oder dass die Erforschung von Krebsmedikamenten schlecht ist, weil Krebs etwas natürliches und daher gut ist. Überhaupt wäre dann medizinische Forschung verwerflich, denn sie befasst sich eigentlich mit nichts anderem als der Bekämpfung des Leids, das die Natur mit sich bringt! Es scheint angesichts dieser Beispiele offensichtlich, dass es für eine ethische Beurteilung nicht ausreicht, etwas lediglich auf Basis seiner «Natürlichkeit» zu verteidigen.

Wie sieht es mit der Artenvielfalt aus? Welchen Wert hat es beispielsweise, dass eine gewisse gegebene Spezies existiert?

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Machen wir einen Reversal Test: Würden wir mit moderner Biotechnologie beispielsweise beliebige Raubtierarten aus dem nichts erschaffen wollen, ohne dass sie vorher jemals existiert hätten? Was könnte uns motivieren, so etwas zu tun?

Wir laufen bei Gedankenexperimenten wie diesem Gefahr, unsere eigenen Werte und Wünsche (wie Ästhetik) in die Welt (bzw. in das Gedankenexperiment) zu projiizieren. Dies hat aber dann nichts mehr mit Altruismus zu tun. Es wäre im Gegenteil bloss ein Ausdruck unserer eigenen egoistischen Wünsche. Wenn wir hingegen altruistisch sein wollen, dann beurteilen wir die Frage, ob wir im obigen Gedankenexperiment eine Raubtierart erschaffen sollten auf Basis der Effekte, die das auf andere Lebewesen hätte. Im Falle von Raubtieren sollten wir zumindest sehr skeptisch sein, dass diese positiv sind. Doch unabhängig davon, welche Konsequenzen empirisch tatsächlich eintreten würden, zeigt uns der Reversal Test hier, dass in der Artenvielfalt selbst wohl kein Wert liegt.

Instrumenteller oder intrinsischer Wert?

Selbstverständlich ist die ganze Sache in der Praxis etwas komplizierter. In den komplexen Ökosystemen, in welchen solche Szenarien in der Realität eingebettet sind, sind die Konsequenzen oft weitreichend und kaum in vollem Umfang vorhersehbar. So wird denn auch nicht behauptet, dass Artenvielfalt nie etwas gutes sein kann, oder gar, dass sie etwas schlechtes ist! Mit dem Gedankenexperiment sollte bloss gezeigt werden, dass die Existenz von Arten isoliert, d.h. per se, keinen intrinsischen Wert hat. Sofern der Erhalt einer Art jedoch der Erreichung eines (vorerst nicht weiter definierten) eigentlichen Zieles zuträgt, kann beispielsweise das Schützen einer Spezies aus einer ethischen Perspektive durchaus sinnvoll zu sein, aus instrumentellen Gründen! Doch alleine für sich genommen, scheint Artenvielfalt –altruistisch gesehen! –nichts wünschenswertes zu sein. Analog lässt sich auch die Position des bedingungslos vertretenen Umweltschutzes, und der prinzipiellen Ressourcen-Präservation kritisieren. Wenn beispielsweise dem aktiven Vernichten von Ressourcen oder dem Zerstören der Umwelt signifikante gesellschaftliche Interessen gegenüberstehen, dann scheint es rational, sich vom Natur-Bias zu lösen, beziehungsweise zumindest zu erkennen, dass es sich dabei sinnvollerweise bestenfalls um eine Heuristik handelt.

Dieses Problem stellt sich im Übrigen, wie eingangs erwähnt, nicht bloss im Zusammenhang mit den oben diskutierten Themenbereichen. Analog kann man sich nämlich auch fragen, ob Dinge wie eine «gerechte Einkommensverteilung», «Wirtschaftswachstum» oder ein «intaktes Klima» per se einen Wert haben. Die Antwort würde dann – mit der gleichen Begründung wie oben – lauten: Höchstwahrscheinlich nicht. Auch diese Dinge haben (zumindest keinen offensichtlichen) intrinsischen Wert, sondern sind nur insofern wünschenswert, als sie irgendwelche effektiv bestehenden Bedürfnisse befriedigen bzw. deren Verletzung verhindern. Und erst und einzig daraus leitet sich dann ab, ob diese Dinge ethisch-politisch erstrebenswert sind.

Von Heuristiken zum eigentlichen Ziel

Heuristiken sind für die Zielerreichung eines Akteurs per Definition bloss als Approximation hilfreich. Insbesondere bei politischen Entscheiden sollten Heuristiken aufgrund der häufig grossen Tragweite der Entscheide deshalb konsequent als solche erkannt und behandelt werden. So kann sichergestellt werden, dass Entscheide aufgrund von effektiven Ziele anstelle von (aus Heuristiken gefolgerten) Schein-Zielen gefällt werden. Das unvorsichtige Anwenden von Heuristiken kann, gerade wenn eine Heuristik empirisch tatsächlich nicht sonderlich zuverlässig ist, sogar dem eigentlich angestrebten Nutzen zuwiderlaufen.

Konsequenterweise muss sich ein rationaler Akteur also vorerst fragen: Was ist mein eigentliches Ziel? Leider stellen sich viele diese Frage letztlich nicht – auch bedeutende Entscheidungsträger. Dies mag auch einen Grund für die vielen scheinbar unlösbaren Streitigkeiten auf politischer Ebene darstellen. Was würde geschehen, wenn sich (1) alle Akteure über ihre fundamentalen Ziele im Klaren wären und diese ausserdem auch (2) transparent kommunizieren würden? Womöglich würden sich viele scheinbare Uneinigkeiten als hinfällig heraustellen. Natürlich würden auch weiterhin Differenzen in den fundamentalen Zielen bestehen – doch selbst in dieser Hinsicht wären transparente Ziele hilfreich. So würde es wohl u.A. wesentlich einfacher, Kompromisse und Kooperationen einzugehen und auszuarbeiten – weil alle Akteure wissen, woran sie sind. Zudem würde sich auch zeigen, dass die empirisch zu erwartenden Effekte politischer Massnahmen bei einer konsequent an effektiven Zielen orientierten Analyse von Policy-Fragen häufig äusserst unklar sind – im Gegensatz zu den scheinbar klaren Antworten, die die vielfach simplifizierenden und (zu) stark auf Heuristiken basierenden politischen Ideologien oftmals geben.

Die eigentlich triviale Einsicht, dass Dinge instrumentell oder aber intrinsisch wertvoll sein können, führt – ganz im Kontrast zur Trivialität der eigentlichen Erkenntnis – zu einer Vielzahl von äusserst relevanten Fragen, insbesondere: Was genau könnte intrinischen Wert haben, und weshalb gerade das? Was könnte ein solches fundamentales Ziel sein, das Dingen wie «Nachhaltigkeit», «Umweltschutz», «Artenvielfalt», «Wirtschaftswachstum», «Einkommensgerechtigkeit», usw. – denen im Beitrag ein intrinsischer Wert abgesprochen wurde – einen instrumentellen Wert verleihen kann?