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Mach ich morgen

on 25. Oktober 2013

Sylvana hat bereits über die ewigen Verlockungen des Internets gebloggt und dabei das Programm «Freedom» erwähnt. Es killt das Internet für eine Dauer von bis zu acht Stunden – was unbeabsichtigte Schadensfolgen zeitigen kann, wie ich gemerkt habe. Glücklicherweise gibt es auch die Soft-Variante. Sie heisst «Delayed Gratification» und bewirkt, dass Internetseiten der eigenen Wahl mit einer Verzögerung von 30 Sekunden geladen werden: «This delayed gratification is a small roadbump that removes the instant rewards of going to time-wasting websites, while still allowing you to get to them. – Imma block you for 30 seconds. Perhaps you’d like to get back to work.» Sweet!

Kluge Anreize setzen

Wir spielen also das Spiel «Lass dich nicht ablenken» und haben herausgefunden, dass ein gewinnbringender Spielzug darin besteht, die Ablenkungen, die mit positiven Anreizen auflauern, mit negativen zu belegen. Damit ist das Spiel (partiell) gehackt, was uns ermöglicht, eigene Tools zu basteln, um den gewinnbringenden Spielzug zu implementieren. (Übrigens: Leben ist spielen!) Zum Beispiel: Monsterpasswörter. Facebook liefert das paradigmatische Beispiel einer «time-wasting website», die wir negativ belegen wollen. Und wenn wir auch gleich mit dem oben genannten Delay-Prinzip arbeiten, können wir uns beispielsweise ein 50- oder 100-Zeichen-Passwort einrichten – und gewinnen.

Prüfungen und Wichtigeres

Prüfungen sind ein guter Grund, die Prokrastination aufzuschieben. Gibt es gewichtigere Gründe? Man wird’s vermuten: die Weltverbesserung. In langfristiger (und das heisst: korrekter) Perspektive kann sie durchaus mit den bestanden Prüfungen bzw. dem schnellen Uniabschluss zusammenfallen, muss aber nicht. Wenn wir unsere Zeit (auch) dazu verwenden, die Welt zu verbessern (was insbesondere bedeuten wird: das Leid von Menschen und anderen Tieren zu reduzieren), dann befinden wir uns in einem sehr ernsten Spiel. Und je mehr von uns abhängt, desto wichtiger ist es es, die eigene Produktivität zu steigern, indem wir zum Beispiel die Prokrastination schlagen. Denn für das Weltverbesserungsspiel gilt: Zeit ist Leid. Oder: Zeit ist Geld ist Leid. Oder auch: Zeit ist grössere Anzahl Weltverbesserer ist Leid.

Haste!

Letztere Überlegung führt zur sogenannten «Haste Consideration». Stell dir vor, du versuchst möglichst schnell möglichst viele Leute für eine wichtige Sache zu gewinnen (worin auch immer sie besteht). Dann gilt: Dein nächstes Lebensjahr ist wichtiger als alle weiteren zusammen. Wie das? Betrachten wir zwei Fälle:

(1) Ich mache im nächsten Jahr nichts und beginne erst danach voll mit der Arbeit. Nehmen wir an, dass ich damit bis zum Lebensende einen positiven Impact in der Grössenordnung X habe.

(2) Ich engagiere mich nur im nächsten Jahr (und danach nicht mehr) und es gelingt mir, in diesem Jahr zwei Leute zu überzeugen, sich bis an ihr Lebensende mit einem Impact von X zu engagieren.

Natürlich sollte ich nach einem Jahr nicht stoppen. Aber der Vergleich der beiden Fälle zeigt, dass mein nächstes Jahr (Impact: 2X) bereits doppelt (!) so wichtig ist wie alle weiteren zusammen (Impact: X), wenn es mir gelingt, lediglich zwei Personen zu überzeugen. Das erste der aufdatierten Zehn Gebote lautet daher:

Du sollst nicht prokrastinieren (und wenn, dann später)!

Dieser Artikel wurde ursprünglich bei NZZ Campus publiziert.
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