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Konformitätsdruck und die Vergänglichkeit sozialen Heldentums

und on 16. Juli 2013

That we have found the tendency to conformity in our society so strong is a matter of concern. It raises questions about our ways of education and about the values that guide our conduct.

Solomon Asch

In einem erstmals 1951 veröffentlichten und seither wiederholt replizierten Experiment wies Solomon Asch den Konformitätsdruck nach, der die Entscheidungen von Menschen in sozialen Situationen beeinflusst. Die Testpersonen mussten im Experiment angeben, welche der 3 Linien A, B oder C gleich lang ist wie eine links davon eingeblendete.

 

 

 

 

 

Das Experiment war so aufgebaut, dass jeweils 5 Personen der Reihe nach die Frage beantworteten. Dabei waren 4 Personen von Asch eingesetzte Schauspieler. Die Testperson beantwortete die Frage jeweils als 4-te Person in der Reihe. In 18 Durchgängen gaben die Schauspieler 6-mal die richtige Antwort und die übrigen 12-mal einstimmig eine falsche.

Das verstörende Ergebnis des Experiments war, dass die eigentlichen Testpersonen in 37% der Fälle der Mehrheitsantwort folgten und ebenfalls die offensichtlich falsche Antwort gaben. Lediglich ein Viertel der Testpersonen gab in allen Fällen die korrekte Antwort. Asch selbst war der Ansicht, dass sein Ergebniss Fragen bezüglich unseres Bildungssystemes aufwirft. Auch in Situationen, die von der Testperson nicht als Experiment wahrgenommen werden, lässt sich Konformität mit sinnlosem Mehrheitsverhalten herbeiführen, wie sich etwa hier beobachten lässt.

Das in Aschs Experimenten beobachtete gruppenkonforme Verhalten aus Angst, von der Mehrheitsmeinung abzuweichen, wird als normative Konformität bezeichnet. Orientiert man sich hingegen aufgrund eigener Unwissenheit oder Unsicherheit an der Mehrheit, so spricht man von informativer Konformität. Ein entsprechender Effekt wurde von Sherif schon 1935 entdeckt. Dabei nutzte er den autokinetischen Effekt, eine optische Täuschung, die auftritt, wenn ein kleiner Lichtpunkt in einem dunklen Raum den Anschein hat, sich zu bewegen obwohl er eigentlich still steht. Die Versuchspersonen sollten angeben, wieviele Zentimeter sich der Lichtpunkt bewegt. Interessanterweise antworteten die Versuchspersonen unterschiedlich, wenn sie separat oder in Gruppen gefragt wurden und ihre Einschätzung laut ausprechen sollten. Sherif fand heraus, dass sich die Antworten der Personen innerhalb einer Gruppe mit der Zeit einander annährten und schliesslich zu einer gemeinsamen Schätzung konvergierten.

Die Bereitschaft durchschnittlicher Personen in klarem Widerspruch zum eigenen Gewissen autoritären Anweisungen Folge zu leisten, welche in den berühmten Milgram-Experimenten eindrücklich nachgewiesen wurde, veranschaulicht beide Aspekte der Konformität. Der informative Aspekt zeigt sich darin, dass die Folgsamkeit gegenüber vermeintlichen Experten höher war, als gegenüber Laien. Hingegen reduzierten auch Anwesende, welche die Anweisungen des Versuchsleiters in Frage stellten, die Gehorsamkeit, was den normativen Einfluss deutlich macht.

Sherifs Experiment unterscheidet sich von Aschs Studie dadurch, dass die Personen tatsächlich daran glauben, dass ihre Aussage über die Bewegung des Lichtpunktes korrekt sei, während Verschiedenes dafür spricht, dass den Testpersonen in Aschs Eperiment bewusst ist, dass sie die falsche Antwort geben. So lässt etwa die Möglichkeit, seine Antwort ungesehen von der Gruppe abzugeben die Konformität sinken. Auch Ingroup-Outgroup-Manipulationen zeigen, dass die Konformität unter Mitgliedern einer Ingroup höher ist: Linde und Patterson (1964) stellten fest, dass Männer mit schweren orthopädischen Beschwerden sich ihresgleichen gegenüber eher konform verhalten als gegenüber gesunden Männern. In einer Metastudie (Smith und Bond 1996) wurde festgestellt, dass die Konformität bei zwei vorherigen Falschantworten deutlich höher ist als bei nur einer, und bei dreien noch einmal deutlich höher als bei zweien, sich danach aber nicht mehr stark verändert.

Schon eine einzige von der (falschen) Mehrheitsantwort abweichende Aussage schwächt die Tendenz zur Konformität stark ab – um bis zu 80%. Dies geschieht unabhängig davon, ob die Antwort der abweichenden Person die richtige oder eine andere falsche ist. Es scheint in der Regel also tatsächlich das Unbehagen zu sein, der einzige Abweichler zu sein, welches die Testpersonen die offensichtlich falsche Antwort geben lässt. Der vorherige Abweichler beeinflusst entscheidend, ob man sich einer Revolution anschliesst oder eine Revolution startet. Dennoch waren Testpersonen, welche dem Abweichler folgend die korrekte Antwort gaben, überzeugt, dass sie dies auch ohne den vorherigen Abweichler getan hätten. Offenbar ist es schwierig, korrekt zu antizipieren, wie man selbst einer einstimmigen Mehrheit gegenüber reagieren würde. Widersetzte sich der Abweichler nur während der ersten sechs Runden der Mehrheit und schloss sich danach dieser an, so stieg abrupt auch die Fehlerrate der eigentlichen Testperson an – und zwar ebenso stark, wie wenn es nie einen Abweichler gegeben hätte. Der erste Nonkonformist zu sein, kann eine ebenso schwierige wie wichtige soziale Aufgabe sein. Lohnen tut sie sich aber nur, wenn sie auch durchgezogen wird.

Quellenangabe
Asch, S. E. (1956). Studies of independence and conformity: A minority of one against a unanimous majority. Psychological Monographs 70.
Sherif, M. (1935). A study of some social factors in perception. Archives of Psychology 187/27.
Linde, T. F. and Patterson, C. H. (1964). Influence of orthopedic disability on conformity behavior. The Journal of Abnormal and Social Psychology 1/86.
Bond, R. and Smith, P. B. (1996). Culture and Conformity: A Meta-Analysis of Studies Using Asch’s Line Judgment TaskPsychological Bulletin 119 (pp. 111-137)
Yudkowsky, E. (2007). Asch’s Conformity Experiment. LessWrong (16.7.2013)