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Können wir überhaupt etwas tun? – Das Prinzip der Kosteneffektivität und deren Folgen für unser Handeln

und on 17. September 2013

In der Serie Eine Welt ohne Armut – Utopie oder Möglichkeit? wurden Ansatzpunkte aufgezeigt, wie Armut minimiert oder gar in die Geschichtsbücher verbannt werden kann. Nicht nur deren Wirksamkeit, sondern auch ihre Realisierbarkeit sind schwierig einzuschätzen. Das sollte uns jedoch nicht zur Inaktivität verleiten. Denn dies entspräche dem Evaluability Bias – der kognitiven Verzerrung, dass man Ziele verwirft, weil deren Erreichung schwierig scheint. Man könnte hier auch durchaus von einer Erweiterung des Omission Bias sprechen – der kognitiven Verzerrung, dass etwas Schlechtes nicht zu verhindern sich davon unterscheide etwas Schlechtes zu tun.

Wenn wir also anerkennen, dass es Wege gibt die Armut auf der Welt zu bekämpfen oder zumindest zu verringern, haben wir dann nicht die ethische Verpflichtung dies auch zu tun?

Der australische Ethiker und Philosoph Peter Singer (und Autor des Buches und Mitgründer der gleichnamigen Organisation The Life You Can Save) hat zu dieser Frage bereits 1997 seinen StudentInnen ein eindrückliches Gedankenexperiment vorgestellt.

Das ertrinkende Kind
Stellen Sie sich vor, Ihr Schul- oder Arbeitsweg führt Sie an einem ruhigen Teich vorbei. Eines Morgens sehen Sie in dem Teich ein Kind, das zu ertrinken droht. Es wäre für Sie ein Leichtes, in den Teich zu gehen und das Kind zu retten, doch Sie würden dadurch Ihre Kleidung ruinieren und müssten sich für Ihre Abwesenheit bei der Schule oder bei der Arbeit entschuldigen.
Angesichts dieser Faktenlage: Haben Sie die ethische Verpflichtung das Kind zu retten? Die grosse Mehrheit unter Ihnen – wie auch der StudentInnen Peter Singers – bejaht diese Frage. In der Gesetzgebung spricht man schliesslich auch von „unterlassener Hilfeleistung“.
Gleichzeitig erkennt die Ethik des 21. Jahrhunderts (und damit wohl auch Sie selbst) an, dass Menschen unterschiedlicher Nationalitäten und Wohnorte gleichwertig sind.
Doch wenn man nun gedanklich dieses ertrinkende Kind in dem Teich in Ihrer Wohngegend in ein anderes Land oder gar einen anderen Kontinent transportiert und damit höchst wahrscheinlich dessen Nationalität verändert, so schwindet bei Singers StudentInnen das Gefühl der ethischen Verpflichtung zur Hilfe. Und das obwohl wir nicht nur gedanklich, sondern real zum Preis einer CD, einigen Kaffees oder eines neuen Pullovers das Leben hilfsbedürftiger Menschen merklich verbessern oder gar retten könnten.

Der Vergleich von Produkten oder Dienstleistungen (wie Auto, Massage oder Auslandsreise), die wir in unserem „westlichen“ Alltag beziehen, und möglichen Hilfsaktionen sind uns allen bekannt und oft misstrauen wir diesen Gegenüberstellungen. Gerade deshalb ist es erstaunlich, dass es erst seit wenigen Jahren Organisationen gibt, welche die Kosteneffektivität als bedeutendes Merkmal von Hilfsorganisationen wissenschaftlich untersuchen und beurteilen.

We seek charities that are „cost-effective“ in the sense of changing lives as much as possible for as little money as possible.

– Givewell

Givewell ist eine gemeinnützige Organisation, welche sich dem Zweck widmet, ausserordentliche Hilfsorganisationen zu identifizieren. Die jeweiligen Untersuchungen werden vollumfänglich publiziert. Givewell ist dabei bestrebt, vertiefte und umfassende Beurteilungen hervozubringen, die eine Aussage darüber zulassen, wie viel Gutes die jeweilige Hilfesorganisation pro Geldeinheit erreicht. Nur jene Hilfsorganisationen, welche sich als aussergewöhnlich kosteneffektiv herausstellen, werden von Givewell empfohlen.

Giving What We Can ist die zweite erwähnenswerte Organisation. Ihr Schwerpunkt liegt im Bereich der Gesundheit, da diese grossen Einfluss auf die Lebensdauer und -qualität der Betroffenen hat und bereits viel wissenschaftliche Forschung dazu vorliegt. Andere Bereiche (wie politische Aktivitäten oder Bildung), die schwieriger zu quantifizieren sind, versucht Giving What We Can ebenfalls zu untersuchen, gibt jedoch keine offiziellen Empfehlungen dazu ab, weil eine Gegenüberstellung nicht wissenschaftlich sauber durchgeführt werden kann.

Unter den empfohlenen Hilfsorganisationen finden sich die Against Malaria Foundation (AMF) und Deworm the World. AMF stellt langlebige mit Insektiziden behandelte Netze bereit, lässt sie mit den benötigten Informationen zu deren Benutzung abgeben und untersucht danach über Jahre hinweg deren Anwendung und Nutzen. Deworm the World unterstützt die Regierungen von Kenya und Indien bei der Umsetzung von Entwurmungsprogrammen und versucht solche Bestrebungen auch in Südamerika, Asien und Afrika voranzutreiben. Es ist intuitiv nachvollziehbar, dass gerade Massnahmen gegen Malaria und Wurminfektionen sehr kosteneffektiv sind, da mit wenigen Mitteln schwerwiegende, teilweise lebensbedrohliche Folgen verhindert werden können.

Mit der Organisation Effective Fundraising haben Kosteneffektivität und Wissenschaftlichkeit nun auch ihren Weg in die Kapitalbeschaffung gefunden. Ihr Ziel ist es, für AMF und The Humane League (eine der zwei kosteneffektivsten Tierrechts-Organisationen) so viel Spendengelder wie irgend möglich zu sammeln.

Kombiniert man also Kosteneffektivität und ethische Verpflichtung zur Spende, wird schnell klar, dass oft die falschen Fragen gestellt werden. Es geht nämlich nicht darum zu klären, warum Sie spenden sollen oder wieviel, sondern wohin. Antworten darauf liefern Ihnen die Empfehlungen von Giving What We Can und die Empfehlungen von Givewell.

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