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Klüger spenden

on 29. November 2013

Bloggerin Sylvana hat bereits festgestellt, dass man als Studentin an NGO-Promotionsständen meist so schnell wie möglich vorbeiläuft: «Das schlechte Gewissen meldet sich zwar, aber als Studentin habe ich nun einmal nicht Geld wie Heu.» Leider wahr. Als Studierende haben wir allerdings Zugang zu einer anderen opulenten Ressource: wissenschaftliche Bildung und Denktools.

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Hundertmal mehr bewirken

Wenn ich mit meiner Spende hundertmal mehr bewirken will, gibt es zwei Wege, das Ziel zu erreichen: (1) Ich kann hundertmal mehr spenden oder (2) hundertmal besser. Letztere Option ist natürlich klüger – und der erste Weg steht einem studentischen Budget auch gar nicht offen. Ich mache mich also daran, die Kosteneffektivität meiner Spende, also das Output/Input-Verhältnis, zu vervielfachen. Dazu orientiere ich mich zunächst darüber, ob andere bereits versucht haben, dieses Problem mit wissenschaftlicher Methodik anzugehen.

Wissenschaftliche Hilfswerk-Evaluation

Fündig werde ich unter anderem bei GiveWell und Giving What We Can, deren Philosophen, Ökonomen und Mathematiker hunderte Hilfswerke untersucht und punkto Kosteneffektivität evaluiert haben. Die Resultate sind für Spenden-Entscheidungen hochrelevant: Es existieren beispielsweise Organisationen, die für etwa 40’000 Franken einen Blindenhund ausbilden und einer blinden Person zur Verfügung stellen. Andere Organisationen bewahren Trachom-Patienten in Entwicklungsländern vor der Erblindung – für nicht mehr als 40 Franken pro Operation. 40’000 Franken können also auch 1000 Personen retten. Und wäre es nicht ethisch problematisch, sich bei gegebenen Ressourcen für eine Option zu entscheiden, die einer Person hilft statt 1000?

Vergleichbarkeit durch DALY-Metrik

In vielen Bereichen variiert die Kosteneffektivität verschiedener Massnahmen und Organisationen massiv. Die Resultate im HIV-Bereich etwa zeigen ebenfalls Unterschiede auf, die einen Faktor 100 übersteigen. Als Vergleichsmass dient das in der Gesundheitsökonomie gängige Konzept der DALYs (Disability-Adjusted Life Years). Dieses versucht zu erfassen, wie viel eine Person durch eine Krankheit an Lebensjahren und Lebensqualität verliert. Dabei zählen fünf ganz verlorene Jahre gleich wie zehn Lebensjahre, die man mit bloss 50-prozentiger Lebensqualität verbringt.

Natürlich ist es nicht einfach, zu beziffern, wie stark eine Krankheit die Lebensqualität senkt. Aber es ist unumgänglich. Mit limitierten Spendenressourcen können wir nicht allen helfen. Wir müssen wählen und die Optionen daher nolens volens vergleichen, d.h. quantifizieren: Wenn wir ein Jahr mit Krankheit A verhindern können oder x Jahre mit Krankheit B, was tun wir dann? Man kann nicht nicht-entscheiden.

Fehler vermeiden

Viele Hilfswerke werben mit tiefen Administrationskosten. Das ist, als würde ein Spital seine Qualität dadurch nachweisen wollen, dass es nur Freiwillige beschäftige und fast das gesamte investierte Geld „direkt an die Patienten“ gehe. Eine gute Administration und Planung ist nicht gratis zu haben. Sie verbessert aber das Output/Input-Verhältnis. Und diese Grösse ist relevant, nicht die Administrationskosten.

Lokale Hilfswerke werben mit der Idee, zuerst sei lokal zu helfen. Doch warum sollte dies der Fall sein? Es ist unmöglich, lokal für 40 Franken eine Erblindung zu verhindern oder (wie bei den vermutlich kosteneffektivsten Hilfswerken) 80 Kinder vor schlimmen Wurmkrankheiten zu bewahren. Und warum sollte das Leid von Menschen, die sich nicht in unserer Nähe aufhalten, weniger zählen? Wir selbst würden von einer Hilfsinstanz ja auch nicht aufgrund der geographischen Distanz depriorisiert werden wollen.

Nicht zuletzt ist es wohl auch ratsam, das „Splitting“ zu vermeiden, d.h. die Aufteilung der Spendensumme. Dass die vorliegenden Daten zwei Optionen als (im Erwartungswert) exakt gleich gut ausweisen, ist unwahrscheinlich. Und wenn die eine pro Spendenfranken vermutlich auch nur ein klein wenig mehr bewirkt, dann bewirkt meine Spendensumme mehr, wenn sie vollständig an diese Option geht.

Dieser Artikel wurde ursprünglich bei NZZ Campus publiziert.
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