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Opinion

In der Politik geht uns der Verstand verloren

on 19. September 2013

Die meisten von uns werden ganz irre, wenn sie über Politik reden. Die evolutionären Gründe dafür sind zu offensichtlich, als dass es sich lohnen würde, sie an dieser Stelle lange auszuführen: Im Umfeld unserer Ahnen war Politik eine Frage von Leben und Tod – so wie Sex, materielle Güter, Verbündete oder Reputation.
Wenn man heutzutage in eine Auseinandersetzung gerät, ob „wir“ etwa den Mindestlohn erhöhen sollten, werden kognitive Anpassungen an eine vergangene Umwelt aktiviert, in der die Vertretung der falschen Seite (zumindest mit einiger Wahrscheinlichkeit) einem Todesurteil entsprochen hätte. Auf der richtigen Seite zu stehen, konnte der Person hingegen ermöglichen, ihren Gegner zu bezwingen – es gilt: Wir gegen sie.

Themenbereiche wie die Politik sind Verstandestöter: Sie haben die Tendenz, eine Verzerrung der Sachlage durch Biases (kognitive Fehlschlüsse) zu fördern. Die Einführung politischer Perspektiven kann zu fehlerhaften Denkweisen verleiten und rationale Diskussionen ruinieren. Will man eine Aussage über Wissenschaft oder Rationalität treffen, ist es deshalb ratsam, nicht einen Bereich der gegenwärtigen Politik zur Illustration heranzuziehen, falls dies irgendwie umgangen werden kann. Politik ist in der Tat ein äusserst wichtiges Gebiet, in das wir alle individuell unsere Rationalität einbringen sollten – aber es ist ein höchst ungeeignetes Gebiet, um Rationalität zu erlernen oder zu diskutieren.

Eine verbreitete Denkweise in der Politik liesse sich etwa folgendermassen karikieren: Politik ist eine Erweiterung des Krieges mit anderen Mitteln. Argumente sind Soldaten. Sobald einer Person bewusst ist, welcher Seite sie angehört (bzw. angehören will – was ein Bias-Risiko mit sich bringt), müssen alle Argumente dieser Seite unterstützt werden und alle Argumente bekämpft werden, die die gegnerische Seite favorisieren könnten – ungeachtet ihrer Qualität. Andernfalls käme dies der Untat gleich, eigenen Soldaten Messer in den Rücken zu rammen – den Feinden Hilfe und Trost darbietend. Menschen, die in ihrem beruflichen Leben als WissenschaftlerInnen bei der objektiven Gewichtung aller Seiten eines Problems rational verfahren, können bei vorhandener Parteimeinung plötzlich zu parolensingenden Zombies werden und sogar Argumente ins Feld führen, die sie selbst nicht glauben, aber von denen sie denken, dass sie in einer Diskussion überzeugend wirken. Politik ist bei Weitem nicht das einzige Themengebiet, bei dessen Diskussion viele Menschen den Verstand verlieren. Eine kritische Auseinandersetzung mit sozialen Tabus oder identitätsbildenden Gewohnheiten zieht oft ähnliche Reaktionen nach sich.

Daraus folgt keineswegs, dass die Überwindung von Biases apolitisch wäre, oder dass wir gar Wikipedias Ideal der „Neutralen Sichtweise“ annehmen sollten. Aber wir sollten versuchen, von den guten Sticheleien Abstand zu nehmen. Wenn die Thematik beispielsweise legitim mit den kreationistischen Bestrebungen zusammenhängt, die Evolutionstheorie von den Lehrplänen zu streichen, dann muss dies natürlich thematisiert werden – aber es sollte nicht eine bestimmte Partei beschuldigt werden. Wie auch bei Wikipedias neutraler Sichtweise ist hier nicht ausschlaggebend, ob (man denkt, dass) eine bestimmte Partei wirklich im Unrecht ist. Es ist für das kognitive Wachstum der Gesellschaft schlicht besser, die Thematik zu diskutieren, ohne dabei Bezug auf die Farbpolitik zu nehmen.

In Anlehnung an den englischen Originalartikel der LessWrong-Community.
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