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Hindsight Bias – im Nachhinein ist man immer „schlauer“

on 26. Januar 2013

Der Hindsight Bias tritt auf, wenn Menschen, welche die Antwort auf eine Frage bereits kennen, die Vorhersagbarkeit oder Offensichtlichkeit dieser Antwort erheblich überschätzen. Der Hindsight Bias wird auch I-knew-it-all-alongEffekt genannt.

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Konfliktausgänge

In einem Experiment präsentierten Fischhoff und Beyth (1975) Studierenden unvertraute historische Ereignisse, wie den Konflikt von 1814 zwischen den Gurkhas und den Briten. Vier Experimentalgruppen wurde jeweils einer von vier Ausgängen des Konflikts als das tatsächliche historische Ereignis vermittelt. Der fünften Gruppe, der Kontrollgruppe, wurde kein historischer Ausgang genannt. Danach wurden alle Gruppen gefragt, welche Auftrittswahrscheinlichkeit sie den vier Ausgängen zuschreiben würden: Gewinn der Briten, Gewinn der Gurkha, Stillstand mit Friedensabkommen, oder Stillstand ohne Friedensabkommen. Die Auswertung zeigte: In jedem Fall schätzten die Experimentalgruppen die Wahrscheinlichkeit des ihnen beschriebenen Ausgangs beträchtlich höher ein als die anderen Gruppen. 

Hochwasserwahrscheinlichkeit

In einem anderen Experiment von Kamin und Rachlinski (1995) wurden zwei Versuchsgruppen gefragt, wie hoch die Wahrscheinlichkeit sei, dass eine unüberwachte Zugbrücke bei Hochwasser Schaden erleide. Allen Versuchsgruppen wurde dabei mitgeteilt, dass die zuständige Stadt vor der Entscheidung stand, einen Brückenwart einzustellen oder die Brücke unbeaufsichtigt zu lassen. Nur 24% der Kontrollgruppe gaben an, dass eine Flut so wahrscheinlich sei, dass entsprechende Massnahmen eingeleitet werden sollten. Die Experimentalgruppe bekam die zusätzliche Information, die Stadt habe sich schlussendlich gegen einen Brückenwart entschieden. Unglücklicherweise sei es daraufhin tatsächlich zu einem Hochwasserschaden gekommen. Laut der Vorgabe der Versuchsleiter, sollte das Handeln der Stadt als fahrlässig eingestuft werden, falls die vorhersehbare Wahrscheinlichkeit einer Überschwemmung 10% übertreffe. Die Ergebnisse waren erstaunlich: Tatsächlich gaben 57% der Versuchspersonen an, dass aufgrund der hohen Wahrscheinlichkeit einer Flut weitere Vorkehrungen getroffen werden sollten. Eine dritte Experimentalgruppe wurde explizit angehalten, nicht dem Hindsight Bias zu verfallen. Dies führte jedoch zu keinem Unterschied: 56% waren der Meinung, dass die Stadt fahrlässig gehandelt habe.

Challenger-Katastrophe

Es wird deutlich, dass wir uns bei Kosten-Nutzen-Abwägungen oftmals deutlich verschätzen. 1986 explodierte die Challenger aufgrund eines Dichtungrings, der bei tiefer Temperatur an Flexibilität verlor. Zur Verhinderung der Challenger-Katastrophe hätte es jedoch nicht ausgereicht, sich dem Problem der Dichtungsringe zuzuwenden. Man hätte jedes Warnzeichen auf derselben Wichtigkeitsstufe wie die Dichtungsringe einbeziehen müssen, ohne das Wissen um die tatsächlichen Ereignisse aus der späteren Einsicht (Hindsight) verwenden zu können. Dies hätte aber eine präventive Generalpolice erfordert, die viel teurer ausgefallen wäre als die blosse Reparatur der Dichtungsringe. Weil wir die Kosten einer Generalpolice nicht erkennen, fokussieren wir übermässig auf partikuläre Elemente, die zwar faktisch eingetreten sind, im Wahrscheinlichkeitsraum unter Umständen aber nicht viel Platz einnehmen. Nach dem 11. September hat die FAA Teppichmesser in Flugzeugen verboten – als wäre zur Problemprävention allein diese bestimmte „offensichtliche“ Sicherheitsmassnahme notwendig. Aber: Der Kostenpunkt effektiver Präventionsmassnahmen ist sehr hoch, weil auch Probleme miteinbezogen werden müssen, die weniger offensichtlich scheinen, bzw. weil viele potenzielle Problemereignisse abgedeckt werden müssen, wenn man die Wahrscheinlichkeit, dass Präventionsmassnahmen etwas bewirken, signifikant erhöhen will.

Vor Gericht

Der Hindsight Bias ist besonders gravierend, wenn RichterInnen oder eine Jury bestimmen sollen, ob eine angeklagte Person fahrlässig gehandelt hat (Sanchiro 2003). Er verzerrt unsere Wahrscheinlichkeitsprognosen systematisch, indem den faktischen Ereignisausgängen rückblickend eine weit höhere Wahrscheinlichkeit zugesprochen wird, als sie vorausblickend tatsächlich hatten. Eine Jury anzuweisen, dem Hindsight Bias aktiv entgegenzuwirken, hilft dabei auch nicht; die Vorhersagen müssen im Vornherein niedergeschrieben werden, bevor die Kenntnis über den tatsächlichen Ereignisausgang vorhanden ist. In Fischhoffs Worten:

Wenn wir versuchen, vergangene Ereignisse zu verstehen, testen wir implizit unsere Hypothesen oder Regeln, die wir sowohl zum Interpretieren als auch zum Vorhersagen der uns umgebenden Welt nutzen. Wenn wir retrospektiv die Überraschung systematisch unterschätzen, welche die Vergangenheit für uns bereit hielt und hält, so unterwerfen wir diese Hypothesen übermässig schwachen Tests. Vermutlich finden sich auf diese Weise wenige Gründe, diese entsprechend zu ändern.

Baruch Fischhoff (1982)

 

Quellenangabe
Fischhoff, B. (1982). For those condemned to study the past. In Kahneman, D. et al. (Eds.). Judgement under uncertainty. Heuristics and biases, 332–351.
Fischhoff, B., Beyth, R. (1975). I knew it would happen: Remembered probabilities of once-future things. Organizational Behavior and Human Performance 13, 1-16.
Kamin, K., Rachlinski, J. (1995). Ex Post ≠ Ex Ante. Determining Liability in Hindsight. Law and Human Behavior 19 (1), 89-104.
Sanchiro, C. (2003). Finding Error. Michigan State Law Review 1189.
Yudkowsky, E. (2007). Hindsight bias. Übersetzt von S. Savona. LessWrong (26.1.2013)