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Einführung in die Rationalität

GBS Schweiz on 1. November 2012

It has been said that man is a rational animal. All my life I have been searching for evidence which could support this.

Bertrand Russell

Rationalität – ein Beispiel

Der Halbleitergigant Intel produzierte ursprünglich Memory-Chips. Diese waren aber seit einigen Jahren bereits ein Verlustgeschäft, als die Gründer Andry Gove (CEO) und Gordon Moore sich 1985 zu einer Krisensitzung trafen. Die Stimmung war schlecht. Nach langem Hin und Her wandte sich Andy zu Gordon und fragte: „Wenn wir rausgeschmissen würden und der Aufsichtsrat einen neuen CEO ins Spiel brächte, was würde dieser deiner Meinung nach tun?“

Gordon antwortete ohne zu zögern: „Er würde uns aus dem Memory-Business rausholen.“ – „Okay“, sagte Andy. „Weshalb sollten du und ich also nicht zur Tür rausgehen, wieder reinkommen, und es selber tun?“ In diesem Jahr schalteten Andy und Gordon mit der Firma auf Mikroprozessoren um; der Rest ist eine der legendären Erfolgsstories der amerikanischen Wirtschaftsgeschichte.

Andy und Gordon waren einem gut dokumentierten Bias verfallen, dem Commitment Effect – in diesem Fall ging es um ihr Commitment zu ihrer Identität als Hersteller von Memory-Chips. Es gelang ihnen jedoch, diesen Bias zu überwinden und die richtige Entscheidung zu treffen, indem sie eine spezifische Denkstrategie einsetzten: Sie betrachteten das Problem aus der Sicht eines Aussenstehenden.

Im Verlauf der letzten 40 Jahre hat die Kognitionspsychologie entdeckt, dass auch Menschen mit hohem IQ wie Andy Grove und Gordon Moore anfällig sind für zahlreiche und oft folgenschwere Denk- und Entscheidungsfehler. Glücklicherweise hat sie ebenfalls bestimmte Denkgewohnheiten und methodische Tools identifiziert, die uns vor diesen Fehlern bewahren und bei der Entscheidungsfindung unterstützen können – in der Schule, am Arbeitsplatz, in Beziehungen sowie ganz fundamental in der Wissenschaft und in der Ethik.

Was Rationalität nicht ist

Manche assoziieren das Wort „Rationalität“ mit Emotionslosigkeit, mit der generellen Missachtung von Intuitionen oder der exklusiven Wertschätzung quantifizierbarer Dinge wie Geld, welche die qualitativen Aspekte von Glück oder Liebe ignoriert – also etwa mit dem, was Mr. Spock in Star Trek verkörpert. Wenn Kognitionswissenschaftler oder Philosophen von „Rationalität“ sprechen, meinen sie aber etwas anderes. Im wissenschaftlichen Sinn verspürt eine Person von überdurchschnittlicher Rationalität natürlich auch Emotionen, schätzt Glück und Liebe, und lässt sich (wohlüberlegt) von Intuitionen leiten. Mit Mr. Spock hat dies also wenig zu tun.

Rationalität = Logik (1) + Wahrscheinlichkeitstheorie (2) + Rational-Choice-Theorie (3)

In den Kognitionswissenschaften orientiert sich die Definition von „Rationalität“ an der Idee eines optimalen Denkprozesses. Menschen sind weit davon entfernt, optimale Denker zu sein – aber das Modell einer solchen vollkommenen Rationalität verleiht uns eine Vorstellung davon, wie eine Verbesserung von Denken und Entscheidungsfindung aussehen könnte.

(1) Logik

Erstens würde ein vollkommen rationaler Denker nicht gleichzeitig zwei widersprüchliche Meinungen vertreten. Seine Meinungsbildung folgt den Gesetzen der Logik.

Beispiel (Theodizeeproblem)

Das Theodizeeproblem – d.h. die Frage nach der Rechtfertigung Gottes angesichts des Leides in der Welt – ortet einen logischen Widerspruch in der folgenden Aussagenmenge:

  1. Gott ist allgütig.
  2. Gott ist allmächtig (was zu implizieren scheint: auch allwissend).
  3. Es gibt unnötiges Leid.

In der Tat scheint es so, dass ein (allgütiger) moralischer Akteur zur Rechtfertigung der Nicht-Verhinderung unnötigen Leides nur zwei Optionen hat:

  1. Er wusste nichts davon bzw. konnte nichts davon wissen.
  2. Er konnte nichts dagegen tun.

Gott steht definitionsgemäss aber keine der beiden Optionen zur Verfügung, so dass seine Existenz mit der Existenz unnötigen Leides logisch unvereinbar ist.

(2) Wahrscheinlichkeitstheorie

Zweitens sind die Glaubensgrade, mit denen ein vollkommen rationaler Denker verschiedene Aussagen für wahr hält, kohärent, orientieren sich an objektiven Wahrscheinlichkeiten und unterstehen dem Prinzip der Konditionalisierung. Seine Glaubensgrade folgen also den Gesetzen der Wahrscheinlichkeitstheorie. Diese zeigen an, wie viel Arbeit eine gegebene Beobachtung auf der Waage unserer Überzeugungen leisten kann und soll (siehe auch das Bayestheorem). Im Gegensatz dazu meinen Leute z.B. oftmals, dass eine Geschichte an Plausibilität gewinnt, wenn sie mit Details angereichert wird. Ein vollkommen rationaler Denker wüsste hingegen, dass eine Geschichte mit jeder Einzelheit an Plausibilität verliert, weil spezifizierte Einzelheiten zusätzliche Unsicherheiten darstellen.

Rationale Glaubensgrade sind kohärent (1), orientieren sich an objektiven Wahrscheinlichkeiten (2) und unterstehen dem Prinzip der Konditionalisierung (3).

Abbildung: Drei wahrscheinlichkeitstheoretische Bedingungen der Rationalität: Rationale Glaubensgrade sind kohärent (1), orientieren sich an objektiven Wahrscheinlichkeiten (2) und unterstehen dem Prinzip der Konditionalisierung (3).

Beispiel (Mormonismus und Christentum)

Was ist (un)wahrscheinlicher: dass das Christentum oder dass der Mormonismus wahr ist?

Der Mormonismus kann als „Christentum+“ aufgefasst werden: Er akzeptiert die Grundaussagen des Christentums und fügt ihnen noch einige (abenteuerliche) Behauptungen hinzu, z.B. dass dem „Propheten“ Joseph Smith im 19. Jahrhundert das Buch Mormon offenbart worden sei. Intuitiv tendieren wir zwar dazu, Geschichten/Theorien mit mehr Details bzw. Einzelbehauptungen für wahrscheinlicher zu halten, doch dabei handelt es sich um einen kognitiven Fehler (Conjunction Fallacy): Wahrscheinlichkeitstheoretisch ist klar, dass jede weitere aufgestellte Behauptung, die nicht 100% gewiss ist, die Wahrscheinlichkeit der Wahrheit der gesamten Theorie senkt – und zwar um den Faktor ihrer Gewissheit. Wenn der Mormonismus wahr ist, dann ist auch das Christentum wahr, aber nicht umgekehrt. Mit anderen Worten: Der Mormonismus enthält alle Unsicherheiten des Christentums und einige weitere (es sei denn, die zusätzlichen Elemente sind 100% gewiss).

Beispiel (Wunder)

Kann es rational sein, an Wunder zu glauben?

Ein Wunder scheint definitionsgemäss ein Ereignis zu sein, das unserer empirischen Erwartung, der wir aufgrund vergangener Erfahrung eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit beimessen können, widerspricht. Ein Wunder ist also etwas, das vor dem Hintergrund der verfügbaren Evidenz höchst unwahrscheinlich ist. Wenn es unser Ziel ist, uns wahre Überzeugungen bzw. ein möglichst wahrscheinlich wahres Weltbild anzueignen und falsche Überzeugungen bzw. Fehler zu vermeiden, dann ist es also nicht zielführend bzw. irrational, an Wunder zu glauben. Von dieser Regel abweichen können wir nur dann, wenn die Falschheit von Wunderberichten das noch grössere Wunder wäre. Wenn etwa tausende voneinander unabhängige und weltweit verstreute Berichte vorlägen, die bezeugten, dass es tagsüber Nacht wurde, als Jesus (wenn er denn existiert hat) am Kreuz hing, dann wäre die zufällige Entstehung dieser identischen Wunderberichte vielleicht weniger wahrscheinlich als das Auftreten der behaupteten astronomischen Anomalie – und es könnte rational sein, das Wunder zu akzeptieren. Im Grunde weichen wir damit aber gar nicht von der oben genannten Regel ab, zumal sie – wie bereits David Hume festgestellt hat – allgemeiner eigentlich lautet: Choose the lesser miracle! Denn das geringere Wunder ist das weniger unwahrscheinliche, also das wahrscheinlicher wahre Ereignis. Und von den beiden Ereignissen „astronomische Tag/Nacht-Anomalie mit wahren Berichten darüber“ und „keine Tag/Nacht-Anomalie und zufällige Entstehung tausender unabhängiger Berichte desselben Inhalts“ versuchen wir das weniger wunderhafte zu wählen.

(3) Rational-Choice-Theorie

Drittens trifft ein vollkommen rationaler Denker keine Entscheidungen, die mit seinen eigenen Meinungen und Wünschen inkompatibel sind. Seine Entscheidungen folgen den Gesetzen der Rational-Choice-Theorie. Leider verstossen wir häufig gegen die Gesetze dieser Theorie. So können wir beispielsweise der Überzeugung sein, dass das Befolgen einer Diät uns bringt, was wir uns wünschen (bessere Gesundheit, einen schlankeren Körper), und uns trotzdem nicht an die Diät halten.

Beispiel (Pascal’sche Wette)

Könnte es rational sein, die Pascal’sche Wette einzugehen und an Gott zu glauben, um wichtige Ziele zu erreichen (Glück bzw. Vermeidung von Leid)?

Die epistemische Rationalität zielt auf möglichst wahre Überzeugungen bzw. Wahrscheinlich- keitsurteile ab. Insofern wäre es irrational, eine Gotteshypothese ohne hinreichende Evidenz den alternativen Hypothesen vorzuziehen. Wenn es letztlich aber um die instrumentelle Rationalität, d.h. ums „Gewinnen“ insgesamt geht, und wenn man mit dem Gottesglauben nur gewinnen kann dann scheint es in der Tat rational zu sein, an Gott zu glauben (Gläubiger und Gott existiert = + ; Gläubiger und Gott existiert nicht = 0 ; Atheist und Gott existiert = – ; Atheist und Gott existiert nicht = 0). Mehr dazu hier.

Die Wissenschaft der Rationalität

Die Kognitionswissenschaft unterscheidet zwei Arten von Rationalität: epistemische und instrumentelle Rationalität. Epistemische Rationalität zielt auf die Wahrheitsfindung ab, d.h. darauf, sich ein möglichst akkurates Modell der Realität (wahre Überzeugungen) anzueignen. Es geht also um die Frage: Weshalb glaube ich, was ich glaube? Und sind die Gründe, weshalb ich etwas glaube bzw. für wahr halte, stichhaltig? Sind die kognitiven Mechanismen und Methoden, die mich zu meinen Überzeugungen führen, auf die (wahrscheinliche) Wahrheit ausgerichtet, d.h. sind sie „truth-tracking“? Instrumentelle Rationalität bedeutet, sich so zu verhalten, dass man, gegeben die eigenen materiellen und kognitiven Ressourcen, seine Ziele bestmöglich bzw. mit höchstmöglicher Wahrscheinlichkeit erreicht – was auch immer die Ziele sind. Das Verhältnis zwischen epistemischer und instrumenteller Rationalität ist nicht ganz einfach zu bestimmen. Einerseits kann die epistemische Rationalität auch als Form der instrumentellen betrachtet werden – mit dem Ziel der Aneignung möglichst wahrer Überzeugungen. Andererseits scheint die instrumentelle Rationalität epistemisch in der Aneignung möglichst wahrer Überzeugungen darüber zu bestehen, welche Mittel zur Erreichung der eigenen Ziele geeignet sind.

Epistemische Irrationalität kann instrumentell rational sein: Die Überschätzung der eigenen Fähigkeiten zum Beispiel (Overconfidence Bias) kann psychologisch zu mehr Mut und zu einer höheren Erfolgswahrscheinlichkeit (= instrumentelle Rationalität) führen. Oder hypothetischer: Es könnte zielführend sein, eine Pille zu schlucken, welche die epistemischen Fähigkeiten temporär völlig ausser Kraft setzt und einen unzurechnungsfähig macht – um etwa einer Erpressung zu entgehen, die nur greifen kann, wenn man zurechnungsfähig ist. Auch die Pascal’sche Wette könnte ein Beispiel für instrumentell rationale epistemische Irrationalität darstellen. Zu beachten gilt es allerdings, dass zum Entscheidungszeitpunkt wahre (und handlungswirksame) Überzeugungen darüber, welche Mittel welchen Zwecken wie effektiv dienen, notwendig zielführend sind. Die Logik und die Mathematik liefern uns ein Modell der perfekten epistemischen und instrumentellen Rationalität, während die Kognitionswissenschaft uns zeigt, wie wir Menschen von diesem Ideal abweichen:



Angewandte Rationalität = Aus unseren Mitteln das Beste machen

Menschen können keine vollkommen rationalen Denker sein, weil unser Gehirn eine beschränkte Verarbeitungsfähigkeit aufweist; ausserdem hat es im Lauf der Jahrtausende zahlreiche Behelfslösungen und wirklichkeitsverzerrende Mechanismen evolviert. Von einem optimal konstruierten Denkinstrument kann nicht die Rede sein. Wir begehen derart häufig Denkfehler, dass die Psychologie den gängigsten Formen Namen verliehen hat, wie „Confirmation Bias“ oder „Conjunction Fallacy“.

Es gibt jedoch auch gute Neuigkeiten: Zu verstehen, wie das Gehirn diese Fehler produziert, hilft uns dabei, diese Fehler zu vermeiden. Wir werden zwar nie vollkommen rational sein, aber wir können unser Denken auf jeden Fall optimieren. Das Erlernen und Einstudieren praktischer Denkgewohnheiten – wie „sich systematisch das Gegenteil vorstellen“, „die Situation in relevanter Hinsicht variieren“, „das Problem als Aussenstehender betrachten“ oder der „Reversal Test“ gegen den Status Quo Bias – ermöglicht es uns, Fehler zu vermeiden, bessere Entscheidungen zu treffen und dadurch unsere Ziele öfter zu erreichen – in der Schule, am Arbeitsort, in Beziehungen, in der Wissenschaft und ganz fundamental im Bereich der Ethik und Politik.

Quellenangabe
Galef, J. (2011). The Straw Vulcan. Youtube (1.11.2012)
Muehlhauser, L. (2012). How to Fix Science. LessWrong (1.11.2012)
Yudkowsky, E. (2009). Rationality is Systematized Winning. LessWrong (1.11.2012)
Yudkowsky, E. (2009). What Do We Mean By Rationality? LessWrong (1.11.2012)

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