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Ein Plädoyer für posthumane Würde – Teil 3

und on 23. September 2014

Gefährden künftige Human-Enhancement-Technologien die menschliche Würde, wie dies Biokonservative behaupten? In diesem Beitrag wird zunächst der Begriff der Würde erläutert und anschliessend auf die Wichtigkeit eines Konzepts der Würde hingewiesen, das umfassend genug ist, um sich auch auf viele Arten von posthumanen Wesen anwenden zu lassen. Durch die Erkenntnis der Möglichkeit posthumaner Würde wird ein wichtiger Einwand gegen den Transhumanismus untergraben und eine verzerrende Doppelmoral beseitigt.

Ist menschliche Würde unvereinbar mit posthumaner Würde? 

Gelegentlich wird das Konzept der Menschenwürde als polemischer Ersatz für klare Argumente ins Felde geführt. Das heisst nicht, dass es keine wichtigen ethischen Fragen im Bezug auf Würde gibt, aber es bedeutet, dass wir erst einmal definieren müssen, was wir eigentlich im Sinn haben, wenn wir den Begriff der “Würde” gebrauchen. Im Folgenden werden wir zwei unterschiedliche Bedeutungen des Würde-Begriffs betrachten:

  1. Würde als moralischer Status, im Besonderen das unveräusserliche Recht mit einem grundlegenden Grad an Achtung behandelt zu werden.
  2. Würde als die Eigenschaft, achtbar oder ehrenwert zu sein; Ehrenhaftigkeit, Wert, Edelmut, Vortrefflichkeit.1

Beiden Definitionen zufolge können also auch posthumane Wesen Würde besitzen. Francis Fukuyama scheint dies jedoch zu verneinen und glaubt, dass nur Menschen Würde besitzen können – und zwar aufgrund einer mysteriösen essentiell menschlichen Eigenschaft, die er “Faktor X” nennt2. Fukuyama warnt, dass das Aufgeben dieser Vorstellung zu einer Katastrophe führen würde:

Die Ablehnung des Konzepts der Menschenwürde – das heisst, der Vorstellung, dass die menschliche Spezies eine einzigartige Essenz aufweist, aufgrund derer jedes Mitglied unserer Art über einen höheren moralischen Status verfügt als alle anderen Spezies – wird uns auf einen gefährlichen Weg führen. Vielleicht werden wir uns schlussendlich genötigt sehen, diesen Weg einzuschlagen, aber wir sollten dies nur mit offenen Augen tun. Nietzsche kann uns viel besser aufzeigen, was uns auf diesem Weg erwartet, als all die unzähligen Bioethiker und akademischen Gelegenheits-Darwinisten, die uns heutzutage moralische Ratschläge bezüglich dieses Themas geben.3

Fukuyama scheint es zu beängstigen, dass das Erscheinen neuer Arten von genetisch veränderten Personen zur Folge haben könnte, dass manche Individuen (vielleicht Kinder, geistig Behinderte, oder genetisch unveränderte Menschen im Allgemeinen) einen Teil ihres moralischen Status verlieren würden, und dass eine fundamentale Voraussetzung liberaler Demokratien, nämlich das Prinzip der gleichen Würde aller Menschen, zerstört werden könnte.

Die zugrundeliegende Intuition scheint zu sein, dass sich unser “moralischer Kreis” nicht ausdehnt, wie dies Peter Singer berühmterweise behauptet, sondern dass die Fläche dieses moralischen Gebildes konstant bleiben muss, und wir höchstens dessen Form verändern können. Glücklicherweise mangelt es diesem angeblichen Gesetz der Erhaltung moralischer Anerkennung an empirischen Belegen. Die Menge der Individuen, denen vollständiger moralischer Status von westlichen Gesellschaften zugestanden wurde, hat sich sogar erweitert, und schliesst heute Männer ohne adlige Abstammung, Frauen und Menschen nicht-weisser Hautfarbe ein. Es scheint machbar, diese Menge noch weiter zu vergrössern, um somit eines Tages zukünftige Posthumane oder auch andere Tiere, beispielsweise höhere Primaten, einzuschliessen, ohne dass dadurch andere Lebewesen moralischen Status verlieren müssten. In diesem Prozess müssen wir uns nicht mit der Rolle passiver Zuschauer zufrieden geben. Wir können daran arbeiten, soziale Strukturen zu schaffen, die allen Wesen angemessene moralische Anerkennung und gesetzliche Rechte gewähren, ganz gleich, ob diese nun männlich, weiblich, schwarz, weiss, menschlich, nicht-menschlich, aus Fleisch oder aus Silizium sind.

Würde im zweiten Sinne, also bezogen auf eine besondere Ehrenhaftigkeit oder moralische Vortrefflichkeit, ist etwas, das gegenwärtige Menschen in überaus unterschiedlichem Ausmass besitzen. Manche leisten viel mehr als andere. Manche sind moralisch bewundernswert, andere sind gemein und unmoralisch. Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass Posthumane nicht auch in diesem zweiten Sinne Würde besitzen könnten. Im Gegenteil, sie könnten uns Menschen sogar in moralischer und anderer Hinsicht übertreffen. Die fiktiven Bewohner der Schönen neuen Welt, welche vielmehr subhuman als posthuman waren, hätten auch bei dieser zweiten Art von Würde ziemlich schlecht abgeschnitten, was ein weiterer Grund dafür ist, weshalb sie schlechte Vorbilder abgeben, denen wir auf keinen Fall nacheifern sollten. Aber wir können uns sicherlich inspirierendere Ideale ausmalen, deren Verwirklichung wir anstreben möchten. Es könnte Menschen geben, die willentlich zu entwürdigten Posthumanen werden möchten – allerdings führen auch heute einige Menschen kein besonders würdevolles Leben. Das ist bedauerlich, aber nur weil einige Menschen schlechte Entscheidungen treffen, sollte man nicht allen Menschen das Recht auf freie Entscheidung entziehen. Zudem gibt es legitime Gegenmassnahmen: Bildung, Unterstützung, Diskussionen, sowie soziale und kulturelle Reformen. Dies sind die Massnahmen, die jene ergreifen sollten, die von den Aussichten auf entwürdigte posthumane Menschen beunruhigt sind. Ein pauschales Verbot aller posthumanen Existenzformen scheint kein adäquates Vorgehen darzustellen. Eine liberale Demokratie sollte normalerweise nur dann die Verletzung morphologischer und reproduktiver Freiheit erlauben, wenn jemand diese Freiheiten missbraucht, um einer anderen Person Leid zuzufügen.

Das Prinzip, dem zufolge Eltern darüber entscheiden sollten, welche genetischen Verbesserungen ihre Kinder erhalten, wurde insbesondere mit der Begründung kritisiert, dass diese Form von reproduktiver Freiheit gewissermassen eine elterliche Tyrannei darstelle, welche die Würde des Kindes und dessen Möglichkeit zur eigenständigen Entscheidung untergraben würde. Der Philosoph Hans Jonas argumentiert beispielsweise für diese These:

Die technologisch gebändigte Natur schliesst jetzt wieder den Menschen ein, der sich ihr (bisher) durch die Technologie als ihr Beherrscher widersetzt hat … Aber wessen Macht ist das – und über wen oder was? Offenbar die Macht Jetziger über Kommende, welche die wehrlosen Objekte vorausliegender Entscheidungen der Planer von heute sind. Die Kehrseite heutiger Macht ist die spätere Knechtschaft Lebendiger gegenüber Toten.4

Jonas vertraut auf die Annahme, dass unsere Nachfahren unseren Versuchen, ihre Fähigkeiten zu erweitern, hilflos ausgeliefert wären, obwohl sie wahrscheinlich technologisch weitaus fortgeschrittener sein werden als wir. Diese Annahme ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit falsch. Falls unsere Nachfahren es aus irgendeinem unerklärlichen Grund vorziehen sollten, weniger intelligent und weniger gesund zu sein und kürzere Leben zu führen, würde es ihnen nicht an den Mitteln mangeln, diese Ziele zu erreichen und unsere Pläne zu durchkreuzen.

Doch wenn Eltern nicht über die wesentlichen Fähigkeiten ihrer künftigen Kinder bestimmen können, und die einzige Alternative darin besteht, das Kindeswohl der Natur, also blindem Zufall zu überlassen, dann sollte offensichtlich sein, welche der beiden Optionen die wünschenswertere ist. Wäre Mutter Natur tatsächlich eine Mutter, sässe sie bereits wegen Kindesmisshandlung und Mord im Gefängnis. Allerdings ist anzumerken, dass sich die Gesellschaft bereits heute in Ausnahmefällen über die elterliche Autonomie hinwegsetzt, wie beispielsweise im Fall von Kinderverwahrlosung oder Missbrauch. Vor diesem Hintergrund befürworten natürlich auch TranshumanistInnen, dass die Gesellschaft Massnahmen ergreifen sollte, um zukünftige Kinder vor wirklich schädigenden genetischen Eingriffen zu schützen. Doch prinzipiell sind die Wünsche der Eltern dem blinden Zufall der Natur vorzuziehen.

In einer aktuellen Arbeit äussert Jürgen Habermas die selbe Besorgnis wie Jonas und befürchtet, dass selbst das blosse Wissen darüber, absichtlich von jemandem gestaltet worden zu sein, bereits verheerende Auswirkungen haben könnte:

Wir können nicht ausschliessen, dass die Kenntnis von einer eugenischen Programmierung der eigenen Erbanlagen die autonome Lebensgestaltung des Einzelnen einschränkt und die grundsätzliche symmetrische Beziehung zwischen freien und gleichen Personen unterminiert.5

TranshumanistInnen könnten hier einwenden, dass es ein Irrtum wäre, anzunehmen, man könne nicht frei über die eigene Lebensgestaltung entscheiden, nur weil einige (oder gar alle) der eigenen Gene von den Eltern ausgewählt wurden. Tatsächlich hätte man in diesem Fall mindestens ebenso viel Entscheidungsfreiheit, als wenn die Zusammenstellung des eigenen Erbguts auf reinem Zufall basierte. Man könnte sogar wesentlich mehr Entscheidungsfreiheit und Autonomie im eigenen Leben geniessen, falls man aufgrund genetischer Modifikationen über erweiterte grundlegende Fähigkeiten verfügt. Gute Gesundheit, höhere Intelligenz, vielfältige Talente oder höhere Selbstregulationsfähigkeit sind Geschenke, die für gewöhnlich mehr Lebenspfade eröffnen, als sie versperren.

Es mag die Möglichkeit bestehen, dass einige genetisch veränderte Individuen diese Argumente nicht verstehen und sich daher durch das Wissen ihrer Entstehung unterdrückt fühlen. Doch dieses Risiko muss gegen die Risiken abgewogen werden, die mit einem unmodifizierten Genom einhergehen – Risiken, die äusserst schwerwiegend sein können. Es wäre unverantwortlich, jemanden mit dem unheilvollen Schicksal angeborener verminderter Fähigkeiten oder einer erhöhten Krankheitsanfälligkeit in die Welt zu setzen, wenn sichere und effektive Alternativen zur Verfügung stehen.

Warum wir posthumane Würde brauchen

Ähnlich verhängnisvolle Vorhersagen wurden in den 70er Jahren gemacht, als man über die schwerwiegenden psychologischen Schäden spekulierte, die Kinder durch in-vitro Fertilization davon tragen würden, sobald sie ihre wahre Enstehungsgeschichte in Erfahrung bringen sollten, nämlich der in einem Reagenzglas — eine Vorhersage, welche sich als völlig falsch herausstellte. Es fällt schwer sich des Eindrucks zu erwehren, dass irgendein Bias oder philosophisches Vorurteil für die vorschnelle Bereitschaft verantwortlich ist, mit der viele Biokonservative unter den fadenscheinigsten empirischen Vorwänden ein Verbot bestimmter “Human Enhancement”-Technologien verlangen, während sie andere jedoch dulden. Angenommen es stellte sich heraus, dass das Abspielen von Mozarts Musik während der Schwangerschaft zu einer Verbesserung der musikalischen Talente des Kindes führen würde. Niemand käme jetzt auf die Idee, Mozarts Musik während der Schwangerschaft zu verbieten, mit der Begründung, man könne nicht ausschliessen, dass das Kind nicht irgendwelche psychischen Schäden erleidet, sobald es erfährt, dass dessen Fertigkeiten mit der Violine lediglich ein Produkt pränataler “Programmierung” der Eltern sind. Doch wenn es beispielsweise um genetische Modifikationen geht, werden Argumente, die nicht allzu stark von dieser Mozart-Parodie abweichen, als bedeutsame, wenn nicht sogar als eindeutig entscheidende Einwände von angesehenen biokonservativen SchriftstellerInnen vorgelegt. Für eine Transhumanistin sieht dies nach Doppeldenk aus. Wie kann es sein, dass Biokonservative fast jeden erdenklichen Nachteil, welcher womöglich auf den Vorhersagen der dubiosesten populär-psychologischen Theorien basiert, dermassen bereitwillig als tiefgründige philosophische Erkenntnis und als schlagendes Argument gegen den Transhumanismus akzeptieren?

Ein Teil der Antwort liegt womöglich in den unterschiedlichen Einstellungen begründet, die TranshumanistInnen und Biokonservative zur posthumanen Würde haben. Biokonservative tendieren dazu, posthumane Würde abzulehnen und sehen in posthumanen Wesen eine Bedrohung für die Menschenwürde. Daher sind sie versucht, nach Mitteln Ausschau zu halten, um jegliche Art von Eingriffen schlecht zu machen, welche in die Richtung fundamentalerer künftiger Modifikationen weisen, die letzten Endes zur Entstehung jener verabscheuenswerten Posthumanen führen könnten. Aber sofern dieser prinzipielle Widerstand gegen posthumane Wesen nicht öffentlich als Prämisse ihrer Argumentation erklärt wird, zwingt dies folglich Biokonservative dazu, sich, jedes Mal, wenn Einzelfälle isoliert betrachtet werden, eines doppelten Bewertungsmassstabes zu bedienen: beispielsweise einen Massstab im Falle von genetischen Interventionen und einen anderen für Verbesserungen der mütterlichen Ernährung (ein Eingriff, der vermutlich nicht als Vorbote einer posthumanen Ära angesehen wird).

Im Gegensatz dazu sind TranshumanistInnen der Meinung, dass menschliche und posthumane Würde miteinander vereinbar sind und sich gegenseitig ergänzen. Sie weisen nachdrücklich darauf hin, dass Würde im heutigen Sinne darin besteht, was wir sind und wohin wir uns potentiell entwickeln können – und nicht in unserem Stammbaum oder Entstehungsgrund gefunden werden kann. Nicht allein unsere DNA, sondern auch unsere technologische und soziale Umwelt bestimmen, was wir sind. In diesem umfassenderen Sinne ist die menschliche Natur dynamisch, teilweise vom Menschen geschaffen und verbesserungsfähig. Unsere gegenwärtigen, erweiterten Phänotypen (und die Leben, die wir führen) unterscheiden sich deutlich von denen unserer Jäger-und-Sammler-Vorfahren. Wir lesen und schreiben; wir tragen Kleidung; wir leben in Städten; wir verdienen Geld und kaufen Essen im Supermarkt ein; wir telefonieren, sehen fern, lesen Zeitung, fahren Autos, fertigen Steuererklärungen an, nehmen an nationalen Wahlen teil; Frauen gebären in Krankenhäusern; unsere Lebenserwartung ist dreimal so hoch wie im Pleistozän; wir wissen, dass die Erde rund ist, dass Sterne gigantische Gaswolken sind, die aufgrund der Kernfusion leuchten, und dass das Universum ungefähr 13,7 Milliarden Jahre alt und ungeheuer riesig ist. In den Augen eines Jäger-und-Sammlers mögen wir bereits “posthuman” erscheinen. Doch diese drastischen Erweiterungen menschlicher Fähgikeiten – manche davon biologischer, andere äusserlicher Art – haben uns dennoch nicht unseres moralischen Status beraubt, entmenschlicht, oder uns wertlos und niederträchtig gemacht. Sollten wir oder unsere Nachfahren nun eines Tages erfolgreich jenen Zustand erreichen, der nach unserer heutigen Auffassung als posthuman gilt, muss dies ebensowenig einen Verlust an Würde nach sich ziehen.

Für TranshumanistInnen gibt es keinen Grund, einen gravierenden moralischen Unterschied zwischen technologischen und anderweitigen Massnahmen zur Verbesserung von Menschenleben zu sehen. Indem wir uns für eine posthumane Würde aussprechen, fördern wir eine umfassendere und humanere Ethik. Eine Ethik, die sowohl zukünftige, technologisch veränderte Personen, als auch gegenwärtige Menschen umfassen wird. Gleichzeitig entledigen wir uns somit einer verzerrenden Doppelmoral und ermöglichen es uns dadurch, deutlicher zu erkennen, welche Möglichkeiten die Zukunft der Menschheit bereit hält.

Beitragsreihe: Ein Plädoyer für posthumane Würde

  1. Teil 1: Transhumanisten vs. Biokonservative
  2. Teil 2: Zwei Befürchtungen hinsichtlich posthumaner Wesen
  3. Teil 3: Ist menschliche Würde unvereinbar mit posthumaner Würde?

Quellenangabe

Bostrom, Nick (2005). In Defense of Posthuman DignityBioethics, Vol. 19, No. 3, pp. 202-214. Ins Deutsche übersetzt von D. Althaus und A. Pöhlmann
1. Simpson, J. A.  and Weiner, E.  (1989). The Oxford English Dictionary, 2nd ed. Oxford. Oxford University Press.
2. Fukuyama, F. (2002). Our Posthuman Future: Consequences of the Biotechnology Revolution. New York. Farrar, Strauss and Giroux: p. 149.
3. Fukuyama, op cit. note 8, p. 160.
4. Jonas, H. (1985). Technik, Medizin und Ethik: Zur Praxis des Prinzips Verantwortung. Frankfurt am Main. Suhrkamp.

5. Habermas, J. (2003). The Future of Human Nature. Oxford. Blackwell: p. 23.