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Ein Plädoyer für posthumane Würde – Teil 2

und on 15. September 2014

Die mögliche Existenz posthumaner Wesen wird aus mindestens zwei Gründen gefürchtet. Einer besteht darin, dass der Daseinszustand posthumaner Wesen inhärent entwürdigend ist, so dass wir uns womöglich selbst schädigen, falls wir zu Posthumanen werden. Der zweite besteht darin, dass posthumane Wesen vielleicht eine Gefahr für „normale“ Menschen darstellen. (Auf einen dritten möglichen Grund wird nicht eingegangen, dem zufolge die Existenz von Posthumanen Gott oder andere übernatürliche Wesen verärgern könnte.)

Ist ein posthumaner Daseinszustand entwürdigend?  

Der berühmteste Bioethiker, der die erste Befürchtung in den Mittelpunkt stellt, ist Leon Kass:

Die meisten gegebenen Schenkungen der Natur haben ihre artenspezifische Beschaffenheit: sie alle gehören einer gegebenen Art an. Kakerlaken und Menschen sind gleichermassen beschenkt, aber unterschiedlicher Natur. Einen Menschen in eine Kakerlake zu verwandeln – es braucht keinen Kafka, um uns dies zu zeigen – wäre entmenschlichend. Zu versuchen, einen Menschen in ein Wesen zu verwandeln, das mehr als ein Mensch ist, dürfte ebenso entmenschlichend sein. Wir benötigen mehr als eine allgemeine Wertschätzung der Geschenke der Natur. Wir benötigen spezielle Achtung und Respekt für das besondere Geschenk, das unsere eigene gegebene Natur ist1.

Transhumanisten entgegnen, dass die Geschenke der Natur zuweilen vergiftet sind und nicht immer akzeptiert werden sollten. Krebs, Malaria, Demenz, Altern, Verhungern, unnötiges Leiden und kognitive Defizite gehören alle zu den Geschenken, die wir aus gutem Grund verweigern. Zudem ist unsere artspezifische Beschaffenheit eine nahezu unerschöpfliche Quelle an Übeln, die völlig unzumutbar und unannehmbar sind – Mord, Vergewaltigung, Genozid, Betrug, Folter, Rassismus, Anfälligkeit für Krankheiten, Depression, um nur einige zu nennen. Die Schrecken der Natur im Allgemeinen und unserer eigenen Natur im Besonderen sind so gut dokumentiert2, dass es erstaunlich ist, dass jemand, der so angesehen ist wie Leon Kass, heutzutage immer noch auf die Natur als Richtschnur alles Wünschenswerten vertraut und dieser sogar moralische Prinzipien entlehnen will. Wir sollten dafür dankbar sein, dass unsere Vorfahren sich nicht von der Kass’schen Geisteshaltung mitreissen liessen, ansonsten würden wir uns immer noch gegenseitig Läuse vom Rücken zupfen. Anstatt sich der natürlichen Ordnung zu fügen, glauben Transhumanisten, dass wir das gute Recht haben, uns und unsere Natur gemäss menschenwürdiger Werte und persönlicher Sehnsüchte zu verbessern.

Wenn man die Natur als allgemeinen Massstab des Guten ablehnt, wie das die meisten umsichtigen Menschen heutzutage tun, kann man natürlich immer noch anerkennen, dass bestimmte Arten der Veränderung der menschlichen Natur entwürdigend wären. Nicht jede Veränderung ist ein Fortschritt. Nicht einmal jeder wohlgemeinte, technologische Eingriff in die menschliche Natur wäre alles in allem vorteilhaft. Doch Kass geht weit über diese Binsenwahrheiten hinaus, wenn er erklärt, dass uns zwangsläufig völlige Entmenschlichung bevorsteht, falls wir mittels Technologie unsere eigene Natur beherrschen werden:

..die endgültige technologische Beherrschung der eigenen Natur würde die Menschheit beinahe mit Sicherheit vollständig enkräftet zurück lassen. Diese Art von Kontrolle wäre identisch mit vollständiger Entmenschlichung. Lesen Sie Huxleys Schöne neue Welt, lesen Sie C. S. Lewis’ Die Abschaffung des Menschen, lesen Sie Nietzsches Darstellung des letzten Menschen, und dann lesen Sie die Zeitungen. Homogenisierung, Mittelmässigkeit, Pazifizierung, drogeninduzierte Zufriedenheit, Degradierung des Geschmacks, Seelen ohne Liebe und Verlangen – dies sind die unvermeidlichen Folgen, wenn die Essenz der menschlichen Natur zum letzten Ziel der technischen Beherrschung gemacht wird. Im Augenblick seines Triumphs wird der prometheische Mensch zur zufriedenen Kuh3.

BraveNewWorld_FirstEdition
Den fiktiven Einwohnern aus Schöne neue Welt, um das bekannteste Beispiel von Kass zu wählen, mangelt es zugegebenermassen an Würde (in mindestens einem Sinne des Wortes). Doch die Behauptung, dass die technische Beherrschung der menschlichen Natur zwangsläufig zu Szenarien ähnlich der Schönen Neuen Welt führt, ist überaus pessimistisch – und nicht auf Fakten gestützt – wenn man diese Behauptung als eine Vorhersage versteht, und falsch, wenn man sie als metaphysische Notwendigkeit auslegt.

Es gibt vieles an der fikitiven Gesellschaft auszusetzen, die von Huxley beschrieben wird. Sie ist statisch, totalitär, strikt nach Kasten getrennt und ihre Kultur liegt brach. Die Einwohner selbst sind entmenschlicht und würdelos. Doch posthuman sind sie nicht. Ihre Fähigkeiten sind nicht übermenschlich, sondern in vielerlei Hinsicht erheblich geringer als unsere eigenen. Ihre Lebenserwartung und Körperkraft sind ziemlich normal, aber ihr moralisches Bewusstsein ist nur rudimentär ausgeprägt und ihre intellektuellen, emotionalen und geistig-spirituellen Fähigkeiten sind verkümmert. Die meisten Einwohner der “schönen neuen Welt” sind aufgrund gentechnischer und physischer Manipulation mehr oder minder geistig unterentwickelt. Und jeder, ausser den zehn World Controllern (nebst einigen Primitiven und Ausgestossenen, die in eingezäunten Reservaten oder abgeschotteten Inseln leben müssen), wird daran gehindert, Individualität, unabhängiges Denken und Eigeninitiative zu entwickeln, und wird sogar dazu konditioniert, diese Eigenschaften schon von vornherein zu missbilligen. Schöne neue Welt ist kein Roman, der demonstriert, dass Human-Enhancement-Technologien unvermeidlich in einer Dystopie enden. Vielmehr veranschaulicht Schöne neue Welt, wie Technologie und soziale Manipulation eingesetzt werden können, um absichtlich moralisches Bewusstsein und intellektuelle Fähigkeiten zu verkrüppeln – das genaue Gegenbild transhumanistischer Vorstellungen.

Transhumanisten argumentieren, dass sich eine Schöne neue Welt am besten verhindern lässt, indem man morphologische und reproduktive Freiheiten gegen mögliche World Controller entschieden verteidigt. Wie die Geschichte gezeigt hat, ist es gefährlich, wenn man Regierungen erlaubt, diese Freiheiten einzuschränken. Die vom Staat geförderten und vorgeschriebenen Eugenikprogramme des letzten Jahrhunderts, die einmal von der Linken als auch von der Rechten befürwortet wurden, sind nun allseits diskreditiert. Menschen werden vermutlich sehr unterschiedliche Einstellungen gegenüber Human-Enhancement-Technologien haben, deshalb ist es essentiell, dass niemandem ein Beschluss von oben aufgezwungen wird, und dass Menschen selbst, nach bestem Wissen und Gewissen, darüber entscheiden können, was das Richtige für sie und ihre Familien ist. Bildung, öffentliche Diskussionen und Informationsaustausch sind die geeigneten Mittel, durch die vernünftige Entscheidungen gefördert werden; nicht ein weltweites Verbot potentiell vorteilhafter Enhancement-Technologien.

Stellen Posthumane eine Gefahr für normale Menschen dar?

Widmen wir uns nun der zweiten Befürchtung. Sie besteht darin, dass es womöglich einen Ausbruch von Gewalt zwischen normalen Menschen und posthumanen Wesen geben könnte. George Annas, Lori Andrews und Rosario Isasi haben argumentiert, dass wir das Klonen von Menschen und alle vererbbaren genetischen Modifikationen als “Verbrechen gegen die Menschheit” betrachten sollten, um dadurch die Wahrscheinlichkeit der Entstehung einer posthumanen Spezies zu reduzieren, da diese eine existentielle Bedrohung für die alte menschliche Spezies darstellen würde:

Die neue “posthumane” Spezies wird die alten “normalen” Menschen vermutlich als unterlegen, oder gar als Wilde betrachten und sie versklaven oder ausrotten wollen. Andererseits würden die normalen Menschen die Posthumanen womöglich als Bedrohung wahrnehmen und versuchen, die Posthumanen durch einen Präventivschlag zu töten, bevor diese sie selbst töten oder versklaven können. Es ist letztendlich diese vohersagbare Möglichkeit des Genozids, aufgrund derer spezies-verändernde Experimente potentielle Massenvernichtungswaffen, und unverantwortliche Gentechniker potentielle Bioterroristen sind4.

Es lässt sich nicht leugnen, dass Bioterrorismus und unverantwortliche Gentechniker, die immer mächtigere Massenvernichtungswaffen entwickeln, eine ernsthafte Bedrohung für unsere Zivilisation darstellen. Aber es hilft niemandem, die Rhetorik von Bioterrorismus und Massenvernichtungswaffen zu verwenden, um den therapeutischen Gebrauch von Biotechnologie zur Verbesserung von Gesundheit, Lebenserwartung und anderer menschlicher Fähigkeiten zu verleumden. Hier werden unterschiedliche Probleme in einen Topf geworfen. Vernünftige Menschen können sich für die strenge Regulierung von Biowaffen aussprechen, während sie zugleich den vorteilhaften, medizinischen Gebrauch von Gentechnologie und anderen Human-Enhancement-Technologien befürworten, inklusive vererbbarer und “spezies-verändernder” Modifikationen.

Wie die Geschichte zeigt, besteht in menschlichen Gemeinschaften immer die Gefahr, dass eine Gruppe sich dazu entscheidet, eine andere Gruppe zu versklaven oder auszurotten. Um solchen Tendenzen entgegenzuwirken, haben moderne Gesellschaften Gesetze und Institutionen geschaffen, die Bevölkerungsgruppen daran hindern, sich gegenseitig zu versklaven oder auszurotten. Die Wirksamkeit dieser Institutionen hängt nicht davon ab, dass alle BürgerInnen gleiche Fähigkeiten haben. In modernen Gesellschaften können zahlreiche Menschen, deren körperliche oder geistige Fähigkeiten stark eingeschränkt sind, friedlich Seite an Seite mit anderen Menschen zusammen leben, die aussergewöhnliche körperliche oder intellektuelle Fähigkeiten besitzen. Sollten jetzt noch Menschen mit technologisch verbesserten Fähigkeiten zu dieser bereits breitgefächerten Verteilung an Fähigkeiten hinzukommen, müsste dies nicht die Gesellschaft entzweien oder zu Genozid und Versklavung führen.

Es ist weiterhin zu bezweifeln, dass vererbbare genetische Veränderungen oder andere Human-Enhancement-Technologien zwangsläufig zu zwei deutlich verschiedenen und voneinander getrennten Spezies führen. Es scheint viel wahrscheinlicher, dass es ein Kontinuum von unterschiedlich veränderten oder verbesserten Individuen geben würde, welches sich mit dem Kontinuum der noch unverbesserten Menschen überlappen würde. Das Szenario, in welchem sich die “Verbesserten” zusammen tun und dann die “Unverbesserten” angreifen, sorgt zwar für spannende Science Fiction, aber ist nicht wirklich plausibel. Selbst heute wäre es prinzipiell möglich, dass sich beispielsweise die intelligentesten 90% verbünden und die restlichen 10% ermorden oder versklaven. Dass dies nicht geschieht, zeigt, dass eine gut organisierte Gesellschaft selbst dann zusammen halten kann, wenn diese aus vielen möglichen Koalitionen von Menschen besteht, die ein gemeinsames Merkmal teilen und durch einen Zusammenschluss in der Lage wären, die restlichen Menschen zu vernichten.

Der Extremfall eines Krieges zwischen Menschen und Posthumanen ist zwar nicht sehr wahrscheinlich, aber trotzdem muss anerkannt werden, dass es berechtigte Bedenken hinsichtlich sozialer Belange auf dem Weg zum Posthumanismus gibt. Ungleichheit, Diskriminierung und Stigmatisierung – gegen, oder seitens modifzierter Menschen – könnten ernsthafte Probleme werden. Transhumanisten würden behaupten, dass diese (potentiell) sozialen Probleme auch soziale Lösungen erfordern. Geschlechtsangleichende Operationen sind ein Beispiel dafür, dass bereits heutige Technologien wichtige Aspekte der Identität verändern können. Die Erfahrungen von Transsexuellen zeigen, dass auch die westliche Kultur immer noch lernen muss, toleranter gegenüber Verschiedenartigkeit und Multikulturalität zu werden. Das ist eine Aufgabe, die wir bereits heute angehen können, indem wir ein Klima der Toleranz und Akzeptanz gegenüber jenen fördern, die anders sind, als wir selbst. Alarmistische und schwarzseherische Prophezeiungen von der Bedrohung technologisch verbesserter Menschen zu verkünden, oder diese von vornherein aufgrund ihrer angeblich entwürdigten Natur zu verurteilen, ist sicherlich nicht der beste Weg dorthin.

Doch wie verhält es sich mit dem hypothetischen Fall, bei dem jemand beabsichtigt, ein Wesen zu erschaffen, oder sich selbst in eines zu verwandeln, welches über solch immens verbesserte Fähigkeiten verfügt, dass es alleine oder mit nur wenigen Verbündeten in der Lage wäre, die Weltherrschaft an sich zu reissen? Das ist offensichtlich kein Szenario, das uns in der nahen Zukunft bevorsteht, aber es ist denkbar, dass die Aussicht auf die Erschaffung superintelligenter Maschinen diese Art von Bedenken aufkommen lassen könnte – und das vielleicht schon innerhalb der nächsten Jahrzehnte. Der potentielle Erschaffer einer neuen Lebensform mit solch überragenden Fähigkeiten wäre dazu verpflichtet, sicher zu stellen, dass dieses Wesen frei von psychopatischen Neigungen wäre und im Grundsätzlichen humane Absichten und Werte aufweist. Beispielsweise sollte von einem zukünftigen Programmierer einer künstlichen Intelligenz verlangt werden, dass er starke Argumente dafür liefern kann, dass die Inbetreibnahme seiner angeblich freundlich gesinnten Superintelligenz sicherer wäre als die Alternative. Es muss jedoch wiederum betont werden, dass dieses (gegenwärtige) Science-Fiction Szenario eindeutig von unserer heutigen Situation zu unterscheiden ist, und von unmittelbaren Bedenken hinsichtlich effektiver Massnahmen zur schrittweisen Verbesserung menschlicher Fähigkeiten und Gesundheit abzugrenzen ist.

Beitragsreihe: Ein Plädoyer für posthumane Würde

  1. Teil 1: Transhumanisten vs. Biokonservative
  2. Teil 2: Zwei Befürchtungen hinsichtlich posthumaner Wesen
  3. Teil 3: Ist menschliche Würde unvereinbar mit posthumaner Würde?

Quellenangabe

Bostrom, Nick (2005). In Defense of Posthuman DignityBioethics, Vol. 19, No. 3, pp. 202-214. Ins Deutsche übersetzt von D. Althaus und A. Pöhlmann
1. Kass, L. R. (2003). Ageless bodies, happy souls. The New Atlantis, 1 (1), 9-28.
2. Siehe beispielsweise Glover, J. (2001). Humanity: A Moral History of the Twentieth Century. New Haven. Yale University Press.
3. Kass, L. (2004). Life, liberty and the defense of dignity: The challenge for bioethics. Encounter books: S.48
4. Annas, G. J., Andrews, L. B., & Isasi, R. M. (2002). Protecting the endangered human: Toward an international treaty prohibiting cloning and inheritable alterations. Am. JL & Med. 28, 151. S. 162