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Ein Plädoyer für posthumane Würde – Teil 1

und on 3. September 2014

Positionen hinsichtlich der Ethik von “Human-Enhancement-Technologien” können, grob charakterisiert, vom Transhumanismus bis hin zum Biokonservatismus reichen. TranshumanistInnen sind der Meinung, dass Human-Enhancement-Technologien weithin zugänglich gemacht werden sollten. Biokonservative sind grundsätzlich gegen den Einsatz von Technologie, um die menschliche Natur zu verändern. Ein Grundgedanke des Biokonservatismus besteht darin, dass Human-Enhancement-Technologien unsere Würde untergraben werden. Um eine Entwicklung bereits im Keim zu ersticken, die eines Tages womöglich in einem völlig entwürdigten “posthumanen” Zustand enden könnte, plädieren Biokonservative oft für umfassende Verbote von ansonsten vielversprechenden Human-Enhancement-Technologien. In dieser Beitragsreihe werden zwei weit verbreitete Befürchtungen in Bezug auf posthumane Wesen unterschieden. Desweiteren wird auf die Wichtigkeit eines Konzepts der Würde hingewiesen, das umfassend genug ist, um sich auch auf viele Arten von posthumanen Wesen anwenden zu lassen. Durch die Erkenntnis der Möglichkeit posthumaner Würde wird ein wichtiger Einwand gegen Human-Enhancement-Technologien untergraben und eine verzerrende Doppelmoral beseitigt.

 

transhumanmichelangelo

Transhumanisten vs. Biokonservative

Der Transhumanismus ist ein lose definierte Bewegung, welche sich allmählich in den letzten zwei Jahrzehnten herausgebildet hat, und als Weiterentwicklung des Humanismus und der Aufklärung betrachtet werden kann. TranshumanistInnen behaupten, dass die gegenwärtige menschliche Natur lediglich ein unfertiges Produkt ist, welches durch Wissenschaft im Allgemeinen und Technologie im Besonderen verbessert werden kann. Dies könnte es uns ermöglichen, die menschliche Lebenserwartung zu verlängern, unsere Gesundheit zu erhöhen, unsere körperliche Leistungsfähigkeit zu verbessern und unsere geistigen Fähigkeiten zu erweitern. Zudem könnten wir dadurch in der Lage sein, unsere Befindlichkeit und unsere Emotionen besser zu kontrollieren1. Von Interesse sind hierbei nicht nur gegenwärtige Technologien wie Gentechnik und Informationstechnologie, sondern auch voraussichtliche zukünftige Entwicklungen wie Mind Uploading, fortgeschrittene Nanotechnologie und künstliche Intelligenz.

TranshumanistInnen vertreten die Ansicht, dass Human-Enhancement-Technologien weithin zugänglich gemacht werden sollten, dass Individuen nach eigenem Ermessen entscheiden können sollten, welche dieser Technologien sie an sich selbst anwenden möchten (morphologische Freiheit), und dass Eltern in der Regel darüber entscheiden sollten, welche reproduktiven Technologien sie einsetzen möchten, falls sie Kinder bekommen wollen (reproduktive Freiheit)2. Obwohl es Gefahren gibt, die identifiziert und vermieden werden müssen, glauben TranshumanistInnen, dass Human-Enhancement-Technologien diesen Planeten von jedwedem Leiden befreien könnten und daher von unschätzbarem Wert sind. Es ist letztendlich möglich, dass wir oder unsere Nachkommen, aufgrund solcher Verbesserungen „posthuman“ werden, also zu Wesen werden, die über eine nahezu unbeschränkte Lebenserwartung, beinahe perfekte Gesundheit, enorme Kontrolle der eigenen emotionalen Zustände, sowie möglicherweise gänzlich neuartige Sinnesmodaliäten und Empfindungen verfügen werden. Posthumane Wesen könnten darüber hinaus körperliche und intellektuelle Fähigkeiten besitzen, welche die Fähigkeiten jedes heute existierenden Menschen bei weitem übertreffen. Transhumanisten argumentieren, dass es in Anbetracht dieser Aussichten am vernünftigsten ist, den technologischen Fortschritt zu akzeptieren und zugleich Menschenrechte als auch individuelle Entscheidungsfreiheit eindringlich zu schützen. Doch vor allem gilt es, gezielt Massnahmen zu ergreifen, um konkrete Gefahren – wie beispielsweise den Missbrauch biologischer Waffen durch Militär oder Terroristen – und unerwünschte ökologische oder soziale Nebeneffekte zu verhindern.

Im starken Gegensatz zu dieser transhumanistischen Sichtweise steht das biokonservative Lager, das sich gegen den Gebrauch von Technologien zur Veränderung der menschlichen Natur einsetzt. Einflussreiche biokonservative Schriftsteller sind unter anderem Leon Kass, Francis Fukuyama, George Annas, Jeremy Rifkin, Bill McKibben und Jürgen Habermas. Eine der zentralen Befürchtungen der Biokonservativen ist, dass Human-Enhancement-Technologien „entmenschlichend” sein könnten. Die Sorge – welche auf unterschiedliche Weise zum Ausdruck gebracht wurde – besteht darin, dass diese Technologien möglicherweise unsere Menschenwürde untergraben oder unbeabsichtigt etwas am Menschsein erodieren könnten, das zutiefst wertvoll ist, sich jedoch schwierig in Worte fassen oder in eine Kosten-Nutzen-Analyse einbeziehen lässt. In manchen Fällen (z.B. Leon Kass) scheint das Unbehagen von religiösen oder krypto-religiösen Empfindungen herzurühren, während es für andere (z.B. Francis Fukuyama) säkularen Überzeugungen entspringt. Die Biokonservativen argumentieren, dass es am besten sei, vielversprechende Human-Enhancement-Technologien weltweit zu verbieten, um eine Entwicklung im Keim zu ersticken, die womöglich eines Tages in einem völlig verkommenen posthumanen Zustand endet.

Obwohl jede kurze Beschreibung notwendigerweise bedeutsame Nuancen unterschlägt, zeigt die obige Charakterisierung trotzdem eine wesentliche Trennungslinie in einer der bedeutendsten intellektuellen Auseinandersetzungen unserer Zeit auf: Wie sollten wir der Zukunft der Menschheit entgegensehen? Sollten wir versuchen, Technologien zu verwenden, um uns selbst „mehr als menschlich“ zu machen? Im nächsten Beitrag werden zwei verbreitete Befürchtungen hinsichtlich posthumaner Wesen unterschieden und es wird argumentiert, dass diese Befürchtungen teilweise unbegründet sind, und dass es zudem bessere Alternativen als weltweite Technologieverbote gibt, um den realen Risiken zu begegnen, auf denen diese Befürchtungen zum Teil fussen. Im darauffolgenden Beitrag wird auf das Konzept der Würde eingegangen, von der Biokonservative glauben, dass sie durch künftige Human-Enhancement-Technologien gefährdet wird. Abschliessend wird argumentiert, dass nicht nur Menschen in ihrer gegenwärtigen Form, sondern auch posthumane Wesen Würde besitzen könnten.

Beitragsreihe: Ein Plädoyer für posthumane Würde

  1. Teil 1: Transhumanisten vs. Biokonservative
  2. Teil 2: Zwei Befürchtungen hinsichtlich posthumaner Wesen
  3. Teil 3: Ist menschliche Würde unvereinbar mit posthumaner Würde?

Quellenangabe

Bostrom, Nick (2005). In Defense of Posthuman DignityBioethics, Vol. 19, No. 3, pp. 202-214. Ins Deutsche übersetzt von D. Althaus und A. Pöhlmann
2. Bostrom, Nick (2003). Human genetic enhancements: a transhumanist perspective. The Journal of Value Inquiry, Vol. 37, No. 4, pp. 493-506.