Menu

GBS Schweiz

Effektives Spenden

on 30. Juni 2014
  1. Der blinde Fleck der Konsumethik
  2. Gut spenden ist (viel) wichtiger als gut konsumieren
  3. Effektives vs. ineffektives Spenden
  4. Monatsbudget und Berufswahl: «Earning to Give»
  5. «Mit gutem Beispiel voran» zur neuen Spendenkultur

Unser intuitives Denken ist stark von einer Konsumethik geprägt: Wir denken oft, menschen- und tierrechtlich verantwortungsbewusstes Handeln bestehe vor allem darin, verantwortungsbewusst zu konsumieren. Wenn wir neue Kleider kaufen, ziehen wir etwa den Clean-Clothes-Kodex bei, donateder die Arbeitsbedingungen der entsprechenden Firmen bewertet. Wir versuchen vielleicht, Flugreisen zu vermeiden, um unsere Klimabelastung zu reduzieren. Oder wir vermeiden Tierprodukte, um punkto Tierwohl eine “weisse Weste” zu haben. Dies zumindest suggeriert uns das Bauchgefühl bzw. die Intuition. Die Kognitionswissenschaft stellt ihre Zuverlässigkeit infrage – auch im vorliegenden Punkt nicht zu Unrecht.

1. Der blinde Fleck der Konsumethik

Das Problem dieser Denk- und Handlungsweise ist nicht, dass der Konsum unwichtig wäre. Das Problem ist, dass es Dinge gibt, die noch viel wichtiger sind als der Konsum – und die bis anhin sehr viel weniger Aufmerksamkeit erhalten haben. Irrationale Priorisierungsfehler dieser Art sind weit verbreitet.

Viel wichtiger als die Entscheidung, was man konsumiert, wenn man konsumiert, ist beispielsweise die Entscheidung, ob man (über den produktivitätserhaltenden Bedarf hinaus) konsumiert oder ob man das Geld spendet. Obwohl es sich intuitiv nicht danach anfühlt, steht bei dieser vorgelagerten Entscheidung sehr viel mehr auf dem Spiel: Viele Vegis hätten wohl Gewissensbisse, wenn sie ein Jahr lang Kalbfleisch essen würden (d.h. über 50kg, bei aktuellen Mengen). Grob analysiert verzehrt man damit ein Kalb – beim Hühnerfleisch wären es etwa 25 Tiere – und verursacht eine Tonne CO2-äquivalente Treibhausgasemissionen. Weniger Gewissensbisse hingegen sind intuitiv damit verbunden, dass man im vergangenen Jahr 1000 Franken nicht gespendet hat, die man hätte spenden können – obwohl diese Entscheidung hunderte Tiere geschädigt und dutzende CO2-Tonnen ausgestossen hat. Wie kommt man auf diese Zahlen?

2. Gut spenden ist (viel) wichtiger als gut konsumieren

Ein durchschnittlicher Fleischesser verzehrt während seines Lebens hunderte Tiere und verursacht jährlich rund eine Tonne CO2-Äquivalente mehr als jemand, der sich vorwiegend pflanzlich ernährt. Wenn man eine Person zu dieser Massnahme bewegt, kann man folglich davon ausgehen, hunderte Tiere gerettet und dutzende CO2-Tonnen eingespart zu haben. Das Angebot an Tierprodukten reduziert sich zwar nicht sofort, aber längerfristig schlagen sich die Nachfrageänderungen auch in Angebotsveränderungen nieder. Nun stellt sich also die Frage: Ist es möglich, mit 1000 Franken mindestens eine Person zu überzeugen, die ansonsten nicht überzeugt worden wäre? Mit 1000 Franken kann man tausende Flyer verteilen lassen oder via Facebook-Anzeigen tausende Klicks auf Websites wie www.tiere-essen.ch generieren. Oder man kann mit 1000 Franken eine NGO-Stelle mitfinanzieren, die jährlich vielleicht 50’000 Franken kostet und bewirkt, dass das Anliegen einer nachhaltigeren und tierfreundlicheren Ernährung in die Gesellschaft getragen wird. Angenommen, diese NGO-Stelle erreicht, dass jährlich mindestens 50 Leute beginnen, sich vorwiegend pflanzlich zu ernähren: Mit nur 1000 Franken würden damit bereits hunderte Tiere gerettet und dutzende CO2-Tonnen eingespart. (Um 50 Leute zu überzeugen, ist es zudem nicht erforderlich, 50 Leute direkt zu erreichen: Wer 25 Leute erreicht, die danach im Schnitt je eine weitere Person überzeugen, hat 50 Leute erreicht.)

Wenn diese – vermutlich konservative – Rechnung auch nur halbwegs stimmt, dann wirkt sich eine jährliche Nicht-Spende von 1000 Franken viel schlimmer aus als ein Jahreskonsum von Kalbfleisch. Unser Bauchgefühl suggeriert das Gegenteil – wie reagiert es auf den Konflikt mit den Daten?

Spinnen wir die Überlegung weiter: Was, wenn man jährlich 1000 Franken bezahlen müsste, um den Konsum eines Kalbes zu vermeiden? Wenn pflanzliche Produkte z.B. jährlich 1000 Franken teurer wären, man also täglich ca. 2.50 Franken drauflegen würde? Wären Vegis dazu bereit, wenn die 2.50 Franken noch im Rahmen ihres Budgets lägen? – Die meisten würden wohl nicht zögern. Sie würden jährlich den 1000-Franken-Knopf drücken, um kein Kalb essen zu müssen (oder keine 25 Hühner). Wenn man aber diesen Knopf drücken und also 1000 Franken aufwenden würde, um den Konsum von einem bzw. 25 Tieren zu vermeiden, dann scheint es widersprüchlich und irrational, den 1000-Franken-Spendenknopf nicht zu drücken, der den Konsum hunderter Tiere vermeiden würde.

Kurzum: Falls ich einen positiven Konsumimpact von X erzielen kann, dann können zwei andere Personen zusammen bereits einen doppelten Konsumimpact erzielen, also 2X. Wenn es mir folglich gelingt – direkt oder über eine Spende –, zwei Personen zu motivieren, fortan vorwiegend pflanzlich zu konsumieren, dann ist dies doppelt so wichtig (!) wie mein eigener Konsum während meines gesamten Lebens. Wenn ich zehn Personen motivieren kann, dann ist der Impact davon 10X. Und so weiter. Mit grösseren Spenden – 10% bis 50% des Einkommens – ist es nicht unrealistisch, einen Impact von 100X oder gar 1000X zu erreichen. Damit rettet man hunderttausende Tiere und spart zehntausende CO2-Tonnen ein.

Es mag surreal klingen, aber es scheint Tatsache zu sein: Die meisten SchweizerInnen verfügen über die Macht, Hunderttausende zu retten.

Diese Chance sollte nicht dadurch verspielt werden, mit einigem Effort zu versuchen, individuell von 90% pflanzlich auf 99% pflanzlich zu kommen (+9%) – während man mit demselben Effort zehnmal mehr bewirken könnte, wenn man damit schon nur eine Person von 0% auf 90% bringen würde (+90%).

3. Effektives vs. ineffektives Spenden

Das obige Argument bezieht sich nicht auf Spenden irgendwelcher Art, sondern auf Spenden, die (möglichst viel) gesellschaftliche Informations- und Überzeugungsarbeit leisten. Das ist nicht bei allen Spenden der Fall. Die Organisation «Animal Charity Evaluators» versucht wissenschaftlich zu ermitteln, welche «Animal Charities» bzw. welche Interventionen punkto Tierwohl am meisten bewirken. Ihre Recherchen fördern interessante Daten zutage:

ACE

Fast 100% der Tiere, die wir unnötig schädigen, sind “Food-Tiere”. Fast 0% der aktuellen US-Tierspenden fliessen in diesen Bereich. Den grössten Spendenanteil haben zurzeit “Shelters”, d.h. Tierheime und Gnadenhöfe. Der Unterhalt einer Kuh auf einem Gnadenhof kostet jährlich mehrere tausend Franken – wenn die Kuh zehn Jahre auf dem Hof lebt, belaufen sich die Kosten auf mehrere zehntausend Franken. Mit mehreren zehntausend Franken könnte man hunderttausend Flyer verteilen lassen oder fünfzigtausend Klicks auf Facebook-Anzeigen kaufen, die auf eindrückliche Videos linken. Wenn von diesen fünfzigtausend Personen schon nur eine aufgrund der Werbung entscheidet, fortan vorwiegend pflanzlich zu konsumieren, rettet dies hunderte Tiere und spart dutzende CO2-Tonnen.

Natürlich ist die Sache nicht ganz so einfach. Eine Kuh auf einem Gnadenhof ist nicht “nur” ein kostbares Leben, das gerettet wird bzw. von Leid verschont bleibt. Sie hat auch Symbolkraft – als eindrückliches Beispiel dafür, dass wir mit Tieren auch gewaltfrei umgehen können. Diese Botschaft wird weitere Tiere retten. Und dennoch: Man muss die Botschaft verbreiten, damit sie gehört wird und wirkt, und das geht nur über Flyer, Online-Werbung oder Organisationen, die den gesellschaftlichen Diskurs anregen. Der (für die Tiere) optimale Ressourceneinsatz bestünde daher darin, die Anzahl Gnadenhof-Tiere eher gering zu halten und die meisten Ressourcen in gesellschaftliche Informations- und Überzeugungsarbeit zu investieren.

Diese effektivitätsorientierte Verteilung von Spendenressourcen mag abstrakt und vielleicht “kalt” klingen. Sie setzt aber schlicht den von höchstem Mitgefühl geleiteten Versuch um, möglichst vielen Tieren zu helfen. Alles andere wäre mit der Tatsache, dass jedes Leben zählt, und jedes Leben gleich zählt, kaum unvereinbar.

Auch die Werbung via Flyer und Facebook ist – im Sinne der Tiere – nach Effektivitätskriterien zu optimieren. Nicht von allen Bevölkerungsgruppen geht derselbe Impact aus: Psychologisch-soziologische Studien haben bestätigt, dass junge Menschen gegenüber neuen Ideen offener sind und eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, sie zu akzeptieren und aktiv zu vertreten. Hinzu kommt, dass junge Menschen noch bedeutend mehr Jahre vor sich haben, während deren sie sich vermehrt pflanzlich ernähren können, und dass sie es sind, die künftig über finanzielle, soziale und politische Macht verfügen werden, wenn die Tierrechtsidee realpolitisch bessere Karten haben wird. Daraus resultiert etwa, dass Spenden bedeutend effektiver sind, wenn sie Flyer an Universitäten und Schulen verteilen statt an Orten, wo sie andere Bevölkerungssegmente erreichen. Auch bei Facebook-Anzeigen lässt sich das “Targeting” entsprechend einstellen.

4. Monatsbudget und Berufswahl: «Earning to Give»

Wie setzt man die Erkenntnis “Gut spenden ist (viel) wichtiger als gut konsumieren” in der Praxis um? Üblicherweise bezahlt man bei Vereinen einen Mitgliederbeitrag von rund 50-100 Franken jährlich. Ein erster Schritt könnte beispielsweise darin bestehen, effektive Organisationen oder Projekte neu mit 50-100 Franken monatlich zu fördern. Weiter gehen mehr und mehr Vegis, aber auch viele FlexitarierInnen und FleischesserInnen, dazu über, 10% ihres Einkommens für Spenden zu reservieren. (Aus der obigen Argumentation folgt schliesslich auch: Die vom Klimawandel negativ Betroffenen und die Tiere würden eine Fleischesserin, die effektiv spendet, einem Vegi vorziehen, der keine anderen Personen überzeugt und keinen gesellschaftlich-politischen Einfluss nimmt.) 10% mag zunächst nach viel klingen, doch das stellt sich nicht selten als Illusion heraus: Wer hierzulande durchschnittlich verdient, gehört auch nach einem Spendenabzug von 10% zu den reichsten und privilegiertesten Menschen, die jemals auf diesem Planeten gelebt haben. Zudem legen psychologische Studien nahe, dass das Spenden eine Form der Geldausgabe ist, die auch uns selbst glücklicher macht. Nicht zuletzt erscheinen unsere Luxuseinbussen völlig unbedeutend, wenn man sie mit dem vergleicht, was auf der anderen Seite auf dem Spiel steht: Ziehe ich eine Welt_1 vor, in der ich 10% mehr verdiene und (hundert)tausende Tiere mehr leiden – oder eine Welt_2, in der ich 10% weniger verdiene und (hundert)tausende Tiere vor Leid bewahrt werden?

Wer sich auf der 10%-Stufe wohl fühlt, den hält nichts davon ab, 20, 30 oder vielleicht gar 50% zu versuchen. Mehr und mehr Leute tun dies und haben dabei natürlich auch gemerkt, dass 30% von viel mehr ist als 30% von wenig. Dieser Ansatz wird in der Berufswahl-Ethik unter dem Begriff «Earning to Give» diskutiert: Man kann – und sollte tendenziell wohl, wenn man kann – gezielt einen Job anstreben, der möglichst viel Geld abwirft. Nicht um reich zu werden, sondern um damit möglichst viel unnötiges Leid verhindern zu können.

Die Wichtigkeit und Dringlichkeit des Earning-to-Give-Konzepts zeigt sich auch an der folgenden Tatsache: Die meisten Menschen- und TierrechtsaktivistInnen können sich dem Versuch, ihr Anliegen (möglichst wirksam) in die Gesellschaft zu tragen, nicht Vollzeit, nicht professionell widmen – obwohl dies ungemein wichtig wäre und auch ihrem eigenen Bedürfnis entspräche. Unter derartigen Bedingungen sieht eine rationale, d.h. zielführende Strategie wie folgt aus: Menschen- und TierrechtlerInnen mit guten Verdienstaussichten sollten versuchen, ein Maximum an Geld hereinzuholen, um damit den anderen AktivistInnen ein Grundeinkommen bzw. möglichst viele Stellenprozente finanzieren zu können.

5. «Mit gutem Beispiel voran» zur neuen Spendenkultur

Eine gute Portion Optimismus scheint hier gerechtfertigt, zumal die ethische Bedeutung des Spendens aktuell breitere Anerkennung findet und von mehr und mehr Leuten umgesetzt wird. Davon kann man sich auch eine Veränderung der Spendenkultur erhoffen: Gerade hierzulande folgt man nicht selten der unsinnigen, irrationalen Devise «Tu Gutes und schweig darüber!», d.h. man macht um eigene Spenden nicht viel Aufhebens oder spendet gar anonym. Die Devise könnte unter bestimmten Bedingungen vielleicht dazu taugen, zu beurteilen, ob SpenderInnen rein altruistisch oder (auch) egoistisch motiviert sind: Wer seine Spende öffentlich macht, könnte auf die sozialen Pluspunkte aus sein. Und klar: SpenderInnen, die rein altruistisch motiviert sind, bewirken (im Erwartungswert) längerfristig mehr, denn sie spenden sowohl dann, wenn die Spende soziale Pluspunkte abwirft, als auch dann, wenn dies nicht der Fall ist. Das macht die Devise insgesamt aber nicht sinniger, denn egoistisch motivierte SpenderInnen bewirken natürlich viel mehr als inexistente SpenderInnen. Zudem ist die Motivation an sich auch irrelevant: Es geht ja letztlich um die Spendenwirkung, d.h. um das verhinderte unnötige Leid, und nicht darum, was sich in den Köpfen der SpenderInnen abspielt. Der zentrale Punkt ist aber: Wenn man rationale SpenderInnen annimmt, taugt die Devise nicht einmal zur Beurteilung der Motivation, im Gegenteil! Rationale SpenderInnen spenden erstens ja, weil Spenden – als Beeinflussung des Konsums anderer – gegenüber dem Eigenkonsum die positive Wirkung vervielfachen. Und sie sehen zweitens ein, dass die Wirkung der Eigenspende nochmals vervielfacht werden kann, wenn andere dazu motiviert werden, ebenfalls zu spenden. Über die eigene Spende zu schweigen, wäre demnach nicht zielführend. Im Gegenteil: Man sollte versuchen, eine offen-aktive Spendenkultur zu etablieren, um damit eine soziale Spendennorm zu fördern. Zu einer offen-aktiven Spendenkultur gehört die Diskussion der Effektivität verschiedener Spendenziele sowie der gespendeten Summen, absolut und relativ.

Analoges gilt freilich für den Konsum: Wenn man selbst – d.h. direkt, nicht indirekt via Spende – andere motivieren will, ihren Konsum zu verändern, ist es ebenfalls zielführend, mit gutem Beispiel voranzugehen. Dazu kann man über die eigene Konsumveränderung nicht schweigen, sondern muss sie öffentlich machen. (Wenn es wünschenswert ist, den Konsum öffentlich zu machen, und wenn die Spende noch wichtiger ist als der Konsum, scheint es erst recht wünschenswert, die Spende öffentlich zu machen.)

Im ersten Abschnitt dieses Artikels heisst es, das Spenden sei eine Sache, die viel wichtiger ist als der Konsum. Die andere ist natürlich die direkte Info- und Überzeugungsarbeit. Und hier gibt es den erwähnten Zusammenhang mit dem Konsum: Es wird einem viel schlechter gelingen, andere von einer Veränderung zu überzeugen, wenn man sie selbst nicht auch umsetzt und mit gutem Beispiel vorangeht. (Viel wichtiger als die Konsumwirkung ist am guten Eigenkonsum also, dass er es viel leichter/wahrscheinlicher macht, dass man andere überzeugen kann.) Damit man Info- und Überzeugungsarbeit aber wirklich systematisch und im grösseren gesellschaftlichen Stil betreiben kann, muss man Leuten ermöglichen, dies Vollzeit zu tun. Das erfordert grössere Spenden. Aktuell besteht dort bei den meisten Organisationen, welche die pflanzliche Ernährung fördern – wie bei vielen progressiven NGOs –, eine riesige Lücke. Menschen zu finden, die sich gerne Vollzeit für die Sache engagieren würden, ist nie ein Problem. Die Finanzierung solcher Stellen hingegen fast immer. Das muss sich ändern.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Sentience Politics.