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Effektiver Altruismus

und on 20. Juni 2015

1. Hilfswerk-Evaluation auf Kosteneffektivität
2. Berufswahlethik und kontrafaktisches Denken
3. “Earning to Give” – Immer mehr Leute spenden viel und effektiv
4. Das ertrinkende Kind” – Spenden als rationale Wahl
5. Bedeutung von Grossspenden für NGOs
6. Mit gutem Beispiel voran” zur neuen Spendenkultur
7. Mythen über die Entwicklungshilfe
8. Gleiche Interessen: Hilf auch deinem Fernsten
9. Gleiche Interessen: Antispeziesismus
10. Rationale Politik: Priorisierung
11. Hebelwirkung durch Meta-Organisationen
12. Weiterführendes Material

Für alle am effektiven Altruismus Interessierten hier schon im Voraus die EA-Facebook-Gruppe, die sich für allfällige Anschlussfragen eignet.

 

Der effektive Altruismus (EA) ist eine Philosophie und soziale Bewegung, die es für ethisch zentral hält, anderen aktiv zu helfen, und die wissenschaftlich-rational vorgeht, um die Welt so kosteneffektiv wie möglich für alle lebenswerter zu gestalten. Effektive AltruistInnen versuchen folglich, die beschränkten Ressourcen Zeit und Geld optimal einzusetzen, um den grössten positiven Impact zu generieren, d.h. das Leben möglichst vieler empfindungsfähiger Wesen möglichst umfassend zu verbessern. Entscheidend dafür, wie effektiv man mit den eigenen Ressourcen umgeht, sind v.a. die Fragen, (1.) wie klug man spendet und (2.) welche Berufskarriere man wählt.

 

Hilfswerk-Evaluation auf Kosteneffektivität

Beim “klugen Spenden” geht es um die Kosteneffektivität von Hilfsorganisationen, d.h. um die Frage, wie viel Gutes pro Geldeinheit bewirkt wird, wie viele Leben etwa gerettet werden können. Diese Frage wurde in den vergangenen Jahren intensiv erforscht: Die ÖkonomInnen, MathematikerInnen und PhilosophInnen von Hilfswerk-Evaluatoren wie GiveWell haben hunderte Hilfsorganisationen wissenschaftlich untersucht und kamen zum Schluss, dass für die Wirksamkeit vieler Hilfsmassnahmen überhaupt keine Evidenz existiert und dass einige Hilfswerke um mehrere Grössenordnungen effektiver sind als andere. Sich bei gegebenen Ressourcen für diejenige Option zu entscheiden, die nur einer statt 1’00 Personen hilft, wäre ethisch kaum zu rechtfertigen, denn altruistisch scheint nichts Besseres möglich als so zu handeln, dass jedem Individuum a priori (d.h. hinter dem “Schleier des Nichtwissens”) eine möglichst hohe Wahrscheinlichkeit zuteil wird, von Schäden frei zu bleiben. Möglichst kosteneffektive Hilfe ist, was wir uns in der Position der Leidenden wünschen würden.

In vielen Bereichen variiert die Kosteneffektivität verschiedener Massnahmen und Organisationen massiv. Die Resultate im HIV-Bereich etwa zeigen Unterschiede auf, die einen Faktor 100 übersteigen. Als Vergleichsmass dient das in der Gesundheitsökonomie gängige Konzept der DALYs (Disability-Adjusted Life Years). Dieses versucht zu erfassen, wie viel eine Person durch eine Krankheit an Lebensjahren und Lebensqualität verliert. Dabei zählen fünf ganz verlorene Jahre gleich wie zehn Lebensjahre, die man mit bloss 50%-iger Lebensqualität verbringt. Natürlich ist es nicht einfach, zu beziffern, wie stark eine Krankheit die Lebensqualität senkt. Aber es ist unumgänglich: Mit limitierten Spendenressourcen können wir nicht allen helfen. Wir müssen wählen und die Optionen daher nolens volens vergleichen, d.h. quantifizieren: Wenn wir ein Jahr mit Krankheit A verhindern können oder x Jahre mit Krankheit B, was tun wir dann? Man kann nicht nicht-entscheiden.

Berufswahlethik und kontrafaktisches Denken

Typischerweise werden Berufskarrieren, die versuchen, Probleme “direkt” zu lösen, für ethisch besonders gut gehalten. Ärztinnen und Entwicklungshelfer können als “Direct Benefiters” klassifiziert werden. Ein Problem solcher Karrieren ist aber die für die Evaluation des Impacts unerlässliche kontrafaktische Frage: Wie wäre die Welt anders, wenn ich nicht getan hätte, was ich getan habe? Wenn die Welt gar nicht anders wäre, weil ich in meiner Tätigkeit ersetzbar bin, dann ist mein Impact null. Dies trifft auf die erwähnten Berufe in der Regel zu: Sie würden von ähnlich kompetenten Personen ausgeführt, wenn ich sie nicht ausführen würde. Wenn ich etwas bewirken will, muss ich also etwas tun, das andernfalls nicht erfolgen würde. Es liegt daher nahe, nach “indirekten” Tätigkeiten zu suchen. Zum Beispiel: Spenden! Bin ich ersetzbar, wenn ich einen beträchtlichen Anteil meines Einkommens spende? Vermutlich nicht. Denn die Person, die meinen Job hätte und mein Geld verdienen würde, würde es höchstwahrscheinlich nicht an die effektivsten Organisationen weitergeben.

“Earning to Give” – Immer mehr Leute spenden viel und effektiv

Daher schlägt die noch junge Disziplin der Berufswahlethik vor, eine Karriere als professionelle/r SpenderIn ins Auge zu fassen. Dieser Ansatz wird unter dem Begriff “Earning to Give” diskutiert: Statt einen direkten Job auszuführen, der so oder so ausgeführt würde, kann ich mit grossen Spenden viel Gutes bewirken, das sonst nicht erfolgen würde. Mehr und mehr Menschen erkennen, dass sie bereits mit einem durchschnittlichen Einkommen die surreal anmutende, aber real bestehende Möglichkeit haben, über die Jahre hunderte Menschen zu retten und abertausenden zu helfen –oder nicht, denn man kann nicht nicht-entscheiden und auch das “Nichtstun” hat Folgen. Viele schliessen sich daher EA-Organisationen wie der von Peter Singer gegründeten The Life You Can Save an (vgl. auch das gleichnamige Buch). Manche spenden 5% ihres Einkommens, andere 10, 20 oder gar 50%, und wieder andere z.B. alles über einem Schwellenwert von etwa 30’000 Euro pro Jahr. Wenn ich 3’000 Euro pro Monat verdiene und davon bloss 10% spende, kann ich dadurch monatlich mehrere hundert (!) Kinder vor schlimmen Wurmkrankheiten schützen, was sich nachweislich auch positiv auf Bildung und Wirtschaft auswirkt (positiver als direkte Bildungsinterventionen). Oder ich kann mit einem Monatslohn von 5’000 Euro einer progressiven NGO wie der GBS bereits ermöglichen, eine zusätzliche Stelle zu schaffen.

Das ertrinkende Kind” – Spenden als rationale Wahl

Spenden wir 10% unseres Einkommens, gehören wir nach wie vor zum erlesenen Kreis der reichsten Menschen, die jemals auf diesem Planeten gelebt haben. Zudem legen psychologische Studien nahe, dass das Spenden eine Form der Geldausgabe ist, die auch uns selbst glücklicher macht. Am wichtigsten aber: Unsere Luxuseinbussen scheinen völlig unbedeutend, wenn man sie mit dem vergleicht, was auf der anderen Seite auf dem Spiel steht: Ziehe ich eine künftige Welt vor, in der ich 10% mehr Geld habe und hunderte Menschen krank sind, woran einige sterben – oder eine künftige Welt, in der ich 10% weniger verdiene und hunderte Menschen vor Leid bewahrt werden? Beim Geldausgeben bzw. beim Erstellen meines Monatsbudgets wähle ich zwischen diesen künftigen Welten. Peter Singer hat dazu das Gedankenexperiment vom “ertrinkenden Kind” formuliert:

Angenommen, ich spaziere an einem Teich vorbei und bemerke, dass ein Kind im Begriffe ist, darin zu ertrinken. Weiter bemerke ich, dass die (Nicht-)Rettung des Kindes von meiner Entscheidung abhängt: Ich kann gefahrlos in den Teich waten und das Kind herausziehen. Die einzige Komplikation: Der 500 Euro teure Anzug, den ich zufällig gerade trage, wäre danach unbrauchbar – ich müsste ihn ersetzen, also 500 Euro aufwenden, die ich ansonsten für zusätzlichen persönlichen Luxus ausgegeben hätte. Verzichte ich auf 500 Euro und rette das Kind – oder nicht?

Die meisten Menschen würden (glücklicherweise) nicht zögern, das Kind zu retten. Dies drückt das humanistische Urteil aus, dass uns 500 Eigenluxus-Euro weniger wichtig sind als die Rettung eines Kindes. Wenn wir aber so urteilen, dann wäre es logisch widersprüchlich und irrational, in der Spendenfrage anders zu urteilen. Denn auch dort stellt sich die Frage, was wichtiger ist: das Verhindern von Leid und Tod anderer oder zusätzliche Geldbeträge für uns selbst, die wir zur Deckung unserer Grundbedürfnisse und zum Erhalt unserer Produktivität nicht brauchen.

Bedeutung von Grossspenden für NGOs

Wenn man kann, sollte man tendenziell wohl gezielt einen Job anstreben, der möglichst viel Geld abwirft. Nicht um reich zu werden, sondern um damit möglichst viel unnötiges Leid verhindern zu können. Die Wichtigkeit und Dringlichkeit des Earning-to-Give-Konzepts zeigt sich auch an der folgenden Tatsache: Damit man Info- und Überzeugungsarbeit wirklich systematisch und im grösseren gesellschaftlichen Stil betreiben kann, muss man Leuten ermöglichen, dies Vollzeit zu tun. Das erfordert grössere Spenden. Aktuell besteht dort bei den meisten progressiven NGOs eine riesige Lücke. Menschen zu finden, die sich gerne Vollzeit für eine gute Sache engagieren würden, ist nie ein Problem. Die Finanzierung solcher Stellen hingegen fast immer. Das muss sich ändern. Unter derartigen Bedingungen sieht eine rationale, d.h. zielführende Strategie wie folgt aus: AltruistInnen mit guten Verdienstaussichten sollten versuchen, ein Maximum an Geld hereinzuholen, um damit den anderen AltruistInnen ein Grundeinkommen bzw. möglichst viele Stellenprozente finanzieren zu können.

“Mit gutem Beispiel voran” zur neuen Spendenkultur

Eine gute Portion Optimismus scheint hier gerechtfertigt, zumal die ethische Bedeutung des Spendens aktuell breitere Anerkennung findet und wie erwähnt von mehr und mehr Leuten umgesetzt wird. Davon kann man sich auch eine Veränderung der Spendenkultur erhoffen: Gerade hierzulande folgt man nicht selten der unsinnigen, irrationalen Devise “Tu Gutes und schweig darüber!”, d.h. man macht um eigene Spenden nicht viel Aufhebens oder spendet gar anonym. Die Devise könnte unter bestimmten Bedingungen vielleicht dazu taugen, zu beurteilen, ob SpenderInnen rein altruistisch oder (auch) egoistisch motiviert sind: Wer seine Spende öffentlich macht, könnte auf die sozialen Pluspunkte aus sein. Und klar: SpenderInnen, die rein altruistisch motiviert sind, bewirken (im Erwartungswert) längerfristig mehr, denn sie spenden sowohl dann, wenn die Spende soziale Pluspunkte abwirft, als auch dann, wenn dies nicht der Fall ist. Das macht die Devise insgesamt aber nicht sinniger, denn egoistisch motivierte SpenderInnen bewirken natürlich viel mehr als inexistente SpenderInnen. Zudem ist die Motivation an sich auch irrelevant: Es geht ja letztlich um die Spendenwirkung, d.h. um das verhinderte unnötige Leid, und nicht darum, was sich in den Köpfen der SpenderInnen abspielt. Der zentrale Punkt ist aber: Wenn man rationale SpenderInnen annimmt, taugt die Devise nicht einmal zur Beurteilung der Motivation, im Gegenteil! Rationale SpenderInnen spenden erstens ja aufgrund der positiven Wirkung der Spende. Und sie sehen zweitens ein, dass die Wirkung der Eigenspende nochmals vervielfacht werden kann, wenn andere dazu motiviert werden, ebenfalls zu spenden. Über die eigene Spende zu schweigen, wäre demnach nicht zielführend. Im Gegenteil: Man sollte versuchen, eine offen-aktive Spendenkultur zu etablieren, um damit eine soziale Spendennorm zu fördern. Zu einer offen-aktiven Spendenkultur gehört die Diskussion der Effektivität verschiedener Spendenziele sowie der gespendeten Summen, absolut und relativ.

Mythen über die Entwicklungshilfe

Nicht nur über das Spenden, sondern auch über die (Wirkung der) Entwicklungshilfe haben wir einige unbegründete Überzeugungen. Die Hilfswerk-Forschung ist leider noch kaum bekannt und die Mythen über die Entwicklungshilfe sind weit verbreitet. Viele Leute denken etwa, dass wir bereits viel Entwicklungshilfe leisten, obwohl bis heute nur wenige Industrieländer das von der UNO bereits 1970 gesetzte Ziel erreichen, wenigstens mickrige 0.7% ihres Bruttoinlandsprodukts für die Entwicklungshilfe einzusetzen und obwohl der Reichtum dieser Länder seither weiter massiv gewachsen ist. (Wir planen ein Positionspapier, um auf solche Irrationalitäten hinzuweisen und den effektiven Altruismus auch politisch voranzubringen.) Andere Leute wiederum denken, dass unsere Spenden nichts nutzen, obwohl bereits der Betrag, den AmerikanerInnen jährlich für Bier ausgeben, ausreichen würde, um die globale Armut zu halbieren. Auch die Hilfswerke selbst tragen zu unseren oft falschen Vorstellungen über den Charity-Sektor bei. Viele Hilfswerke werben etwa mit tiefen Administrationskosten. Das ist, als würde ein Spital seine Qualität dadurch nachweisen wollen, dass es nur Freiwillige beschäftige und fast das gesamte investierte Geld “direkt an die Patienten” gehe. Eine gute Administration und Planung ist nicht gratis zu haben. Sie verbessert aber das Output/Input-Verhältnis. Und diese Grösse ist relevant, nicht die Administrationskosten.

Gleiche Interessen: Hilf auch deinem Fernsten

Lokale Hilfswerke werben mit der Idee, zuerst sei lokal zu helfen. Doch warum sollte dies der Fall sein? Es ist unmöglich, lokal 80 Kinder vor den erwähnten Wurmkrankheiten zu bewahren. Und warum sollte das Leid von Menschen, die sich nicht in unserer Nähe aufhalten, weniger zählen? Diese Haltung wäre Ausdruck eines “Distanz-Bias”, d.h. des Denkfehlers, demzufolge wir Menschen, die sich in unserer Nähe aufhalten, zuerst helfen sollen. Er geht auf die Tatsache zurück, dass wir über die längste Zeit unserer Evolution in Stammesgruppen von wenigen Dutzenden von Individuen unterwegs waren und einen Eigengruppen-Egoismus entwickelten, der kaum Empathie für Mitglieder anderer Stämme zuliess. Doch daraus folgt nicht, dass es hier und heute gut wäre, andere aufgrund der geographischen Distanz zu depriorisieren. Denn das würden wir als Betroffene von einer Hilfsinstanz ja auch nicht wünschen. Peter Singer äussert sich dazu in seinem bedeutenden Aufsatz Famine, Affluence, and Morality wie folgt:

It makes no difference whether the person I can help is a neighbour’s child ten yards away from me or a Bengali whose name I shall never know, ten thousand miles away. […] The moral point of view requires us to look beyond the interests of our own society. Previously […], this may hardly have been feasible, but it is quite feasible now. From the moral point of view, the prevention of the starvation of millions of people outside our society must be considered at least as pressing as the upholding of property norms within our society. (S. 231-232, 237)

Ethisch ist es tatsächlich kaum haltbar, das Leben einer Person in einem Entwicklungsland intrinsisch niedriger zu werten, als dasjenige einer Person in unserer Gesellschaft. Denn es gibt keinen ethisch relevanten Grund dafür, die Interessen ersterer weniger stark zu berücksichtigen.

Gleiche Interessen: Antispeziesismus

Aus dem “Prinzip der gleichen Berücksichtigung gleichrangiger Interessen” folgt ausserdem, dass wir die gleichartigen Interessen der nicht-menschlichen Tiere beachten sollten. Sie einfach deshalb zu ignorieren, weil sie einer anderen Spezies angehören und „anders aussehen“, wäre speziesistisch. Der EA strebt die Überwindung dieser Diskriminierungsform an, deren Argumentationsweise strukturell dem Rassismus und dem Sexismus ähnlich ist. Die Evolutionsforschung hat gezeigt, dass wir uns weniger stark von anderen Tieren unterscheiden als traditionell angenommen wurde. Viele nicht-menschlichen Tiere teilen mit uns insbesondere das Bedürfnis, kein Leid zu empfinden. Die Interessen der Tiere werden jedoch u.a. in der Nutztierhaltung krass missachtet und ihr Leid ist erheblich. Es ist deshalb naheliegend, dass die Hilfswerk-Forschung auch für nicht-menschliche Tiere existiert. Sie hat u.a. zutage gebracht, dass insbesondere Hilfswerke, die Leute durch Internet-Anzeigen zu einer tierfreundlicheren Ernährung ermutigen, sehr effektiv sind:

A few animal groups, including The Humane League, are running ads on Facebook pointing to videos of factory farming and encouraging viewers to go veg. Based on survey data for reduced meat consumption after seeing the videos, I estimate that each $1 donated toward The Humane League’s veg ads prevents ~120 days of suffering on factory farms and 20 additional fish deaths.

In der Tat: Mit 1000 Euro kann man tausende Flyer verteilen lassen oder via Facebook-Anzeigen tausende Klicks auf Websites wie www.tiere-essen.ch generieren. Dass es ethisch geboten ist, dass wir uns auch um die nicht-menschlichen Tiere kümmern, folgt nicht nur aus dem Antispeziesismus und der Kosteneffektivität einzelner Animal Charities, sondern auch daraus, dass es eine rationale Ethik und Politik erfordert, Prioritäten zu setzen und dass die milliardenfache Tötung empfindungsfähiger Individuen sinnvollerweise eine solche Priorität darstellt.

Rationale Politik: Priorisierung

Da unsere Ressourcen beschränkt sind, müssen wir priorisieren. Um möglichst viel bewirken zu können, sollten wir die quantitativ grössten globalen Probleme zuerst angehen. Im Unterschied zum traditionellen Altruismus und zur Politik, die oft einen bestimmten bevorzugten Politikbereich wie die Bildung oder die Umweltverschmutzung auswählen, ohne kritisch darüber nachzudenken, wie viel in dieser Sache erreicht werden kann, denken EAs systematisch darüber nach, welches die grössten/dringendsten ethischen Probleme sind und wie sie auf eine allgemeine und objektive Weise priorisiert werden sollten. Folgende Antwort scheint plausibel: Je schwerwiegenderer und je häufiger Interessen und Bedürfnisse missachtet werden (oder: je intensiver und längeranhaltend das verursachte Leid), desto grösser ist das Problem. Eine aktuelle Prioritätenliste dürfte deshalb wohl die Weltarmut, den Klimawandel sowie das Leid der “Nutztiere” enthalten. Diese Probleme ergeben sich auch aus der Frage danach, an welchen Punkten wir mit unserem Handeln mehrere (möglichst grosse) Probleme auf einen Schlag lösen oder eindämmen können. Sie sind Synergiepunkte für eine Reihe von Problemen, die über das primäre hinausgehen: Die Weltarmut verursacht nicht nur Hunger- und Krankheitstote, sie behindert auch mehr oder weniger direkt Fortschritte in der Bildung, der Wirtschaft und bei staatlichen Institutionen (was sich wiederum auf Bereiche wie das Bevölkerungswachstum und gewaltsame Konflikte auswirkt); die Tierfabriken verursachen nicht nur das völlig unnötige Leid von Milliarden empfindungsfähiger Lebewesen, sie hängen auch mehr oder weniger direkt mit der Ressourcenverschwendung, dem Klimawandel und Aspekten der öffentlichen Gesundheit zusammen und die negativen Auswirkungen des Klimawandels selbst sind bekanntlich auch zahlreich-beträchtlich, insbesondere mittelfristig. Das Prinzip der gleichen Berücksichtigung gleicher Interessen fordert natürlich, auch die Interessen zukünftiger Generationen gleich zu berücksichtigen.

Hebelwirkung durch Meta-Organisationen

Wissenschaftliche Hilfswerk-Evaluatoren wie GiveWell zeigen, dass ihre Top-Charities pro investierte Geldeinheit einer grossen Zahl von Menschen hilft. Neben diesen “direkten” Hilfswerken, empfiehlt die GBS auch mehrere Meta-Charities. Eine Meta-Charity ist keine Organisation, die notleidenden Menschen direkt hilft, die aber viele potentielle SpenderInnen davon zu überzeugen versucht, hilfsbedürftigen Menschen zu helfen, und es effektiver zu tun. Die Strategie einer Meta-Charity ist folglich eher indirekt: Mit den Spenden, die sie erhält, fördert sie das altruistische Spenden und allgemein ein rationales, effektivitätsorientiertes Entscheidverhalten – um ihren Impact zu vervielfachen. Zum Beispiel: 1’000 Franken an das Team einer Meta-Charity zu spenden, könnte mehrere tausend Franken direkter Spenden bewirken, die sonst nicht getätigt worden wären, oder an weniger effektive Hilfsmassnahmen gegangen wären. Statt mein Geld zu spenden, um Menschen direkt zu helfen und so einen zusätzlichen Spender zu schaffen, dürfte ich viele direkte SpenderInnen schaffen, wenn ich “meta gehe” und für die Förderung des altruistischen Spendens spende.

Hier einige Beispiele von erfolgreicher Meta-Hilfswerkstätigkeit:

Wenn wir naiv die Fund-Ratio jeder Meta-Charity separat berechnen, wird es natürlich einige Doppelzählungen geben, zum Beispiel durch TLYCS-Mitglieder, die an die GiveWell-Favoriten spenden. Trotzdem sind derzeit viele Meta-Charities plausiblerweise mehrfach effektiver als direkte Charities. Dieser Schluss zeigt u.a., wie weitreichend die Idee “unüblich hoher + unüblich kosteneffektiver Spenden” bereits ist.

Weiterführendes Material

Die GBS hat sich in zahlreichen Texten mit dem effektiven Altruismus beschäftigt. Sie sind unter “Ethische Kosteneffektivität” im Beitragsverzeichnis. Videos zum Thema finden sich hier. Eine gute Zusammenfassung über den effektiven Altruismus gibt auch ein Vortrag der GBS-Autoren Lucius Caviola und Adriano Mannino, gehalten an der Universität St. Gallen. Er wurde online bereits über 10’000-mal angesehen und ist für EA-Interessierte zu einer Standardeinführung geworden:

Der EA-Gedanke findet vielfältige praktische Anwendung: Will man mit einem Vortrag u.a. bezwecken, dass man möglichst viel bewirkt, so ist die Videoaufnahme und die Online-Verbreitung um ein Vielfaches wichtiger als der Live-Vortrag selbst. Vor diesem Hintergrund hat die GBS Schweiz einige der von ihr organisierten Vorträge und öffentlichen Statements online gestellt, hier und hier.