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„Diesen Unsinn glaube ich niemals!“ – Exzessiver Skeptizismus

on 8. April 2014

“To doubt everything or to believe everything are two equally convenient solutions; both dispense with the necessity of reflection.” – Poincaré

Angenommen, Sie begegnen einem Skeptiker, der stolz von sich behauptet:

„Ich glaube nicht an UFOs. Ich glaube nicht an Astrologie. Ich glaube nicht an Homöopathie. Ich glaube nicht an Kreationismus. Ich glaube nicht an Geister. Ich glaube, dass diese Ansichten nicht nur falsch, sondern offensichtlich irrsinnig sind.“

Sie wissen sonst nichts über ihn. Wie viel Anerkennung verdient er nun hinsichtlich seiner Rationalität?

Gewiss würde jeder, der einigermassen gekonnt Evidenzen gewichten, alternative Erklärungen bedenken und A-priori-Wahrscheinlichkeiten abschätzen kann, an keine dieser Ansichten glauben.

Aber es gibt auch eine einfachere Erklärung für die Ansichten dieses Skeptikers: Er könnte lediglich dem Mainstream folgen. Vielleicht ist er auch mit einigermassen gebildeten Leuten befreundet und weiss, dass Astrologie und Homöopathie keine akzeptierten Ansichten seines „Stammes“ sind. Oder er spürt intuitiv, ohne das Gefühl in Worte fassen zu können, dass diese Ansichten irgendwie sonderbar klingen. Und er könnte einfach alles verhöhnen, das seltsam klingt und von seinen Stammesmitgliedern für falsch gehalten wird — ähnlich wie Kreationisten, die sich mit anderen Kreationisten über die Evolutionstheorie lustig machen, weil sie absurderweise behauptet, dass Affen Menschen gebären.

Es ist einfach, für Ihre Rationalität Anerkennung zu bekommen, indem Sie falsche Ansichten verspotten, die von Ihrem sozialen Umfeld bereits für falsch gehalten werden. Das bedeutet aber nicht, dass Sie wirklich rational sind und auch nur die geringste Fähigkeit haben, eine falsche Ansicht zu bemerken, welche die Leute um Sie herum für wahr halten; oder umgekehrt.

Der Gott-Test

In den guten alten Zeiten gab es einen einfachen, aber dennoch sehr hilfreichen Test für dieses Phänomen: Sie hätten eine Person einfach fragen können, was sie von Gott hält. Wenn sie der Idee viel grösseren Respekt als der Astrologie gezollt und sie einer eingehenden Diskussion für würdig erachtet hätte, dann wüssten Sie, dass sie sich von ihrer sozialen Umgebung leiten lässt und keine Ansichten verspottet, die in den Augen ihrer Mitmenschen hohen Status und Ansehen geniessen — ganz gleich wie dürftig die Beweislage ist.

Aber angenommen eine Skeptikerin denkt, dass die Beweislage für die Existenz Gottes ähnlich vernichtend wie jene für übernatürliche Kräfte ist, und behauptet ohne zu zögern: „Keine positiven Indizien, viele gescheiterte Untersuchungen, äussert geringe A-priori-Wahrscheinlichkeit, und wenn Sie an jene Ideen unter diesen Umständen glauben, stimmt etwas mit Ihrem Verstand nicht.“ Solcher Skeptizismus ist ein sozial kostspieliges Unterfangen und nicht jeder ihrer Mitmenschen würde so etwas gutheissen. Daraus können Sie folgern, dass die Skeptikerin nicht nur versucht, auf eine möglichst ungefährliche Art Beifall zu ernten.

Heute funktioniert der Gott-Test nicht mehr wirklich, weil immer mehr Menschen versuchen, die Religion der Lächerlichkeit preiszugeben und ihr jeglichen Respekt zu entziehen. Denn sie haben erkannt, dass der epistemisch hoffnungslose Zustand der Religion vor allem deshalb nicht bemerkt wird, weil sie noch immer in eine Aura des ehrfürchtigen Respekts gehüllt ist. Gott sei Dank gilt der Gottesglaube heute folglich in vielen sozialen Kreisen nur als eine weitere alberne Idee, an die niemand glaubt; nicht viel besser als die Astrologie. Ein Atheist könnte also ein fähiger Rationalist sein. Oder einfach jemand, der Reddit liest.

Man könnte jetzt weitere Ansichten kritisieren, die von einigen Menschen für wahr gehalten werden, und würde zwangsläufig manche LeserInnen verlieren — genauso wie man ein paar Jahrzehnte zuvor durch die Behauptung, dass die Religion einer ernsthaften Diskussion nicht würdig ist, den Grossteil der Leserschaft verärgert hätte.

Künstliche Intelligenz — nur Science-Fiction?

Eine solche Ansicht ist wohl die Überzeugung, dass starke künstliche Intelligenz unmöglich ist. Doch dies ist ein Beispiel von exzessivem Skeptizismus. Wahrscheinlich werden durch diese Behauptung nicht viele LeserInnen vergrault, denn innerhalb von gebildeten Kreisen glauben die meisten Leute, dass Gehirne keine Zauberei sind und dass es im Prinzip möglich ist, denkende Maschinen zu bauen. Natürlich gibt es auch Menschen für die künstliche Intelligenz „sonderbar“ und nach „Science-Fiction“ klingt; ein Glaube an etwas, das niemals nachgewiesen wurde, also unwissenschaftlich ist — vom epistemischen Standpunkt her auf einer Stufe mit Aliens und Homöopathie.

UFOs

Nebenbei bemerkt: Ihnen wird vielleicht aufgefallen sein, dass hier unerreichbare Evidenzen gefordert werden. Denn zwischen künstlicher Intelligenz und Homöopathie herrscht folgende, vierteilige Asymmetrie: (1) Um herauszufinden, dass künstliche Intelligenz definitiv unmöglich ist, müssten wir eine neue, der bisherigen Wissenschaft unbekannte Tatsache in Erfahrung bringen. Denn alles was wir derzeitig über Neuronen und die Evolution der Intelligenz wissen, deutet an, dass keine Magie im Spiel war. (2) Andererseits gilt: Um herauszufinden, dass Homöopathie überhaupt möglich ist, müssten wir eine neue, der modernen Wissenschaft unbekannte Tatsache entdecken; wenn unsere derzeitigen physikalischen Theorien auch nur annähernd richtig sind, kann Homöopathie nicht funktionieren. (3) Wenn Homöopathie funktionieren würde, sollten bereits klinische Doppelblindstudien vorliegen, die ihre Wirksamkeit bestätigen. Das Fehlen solcher Nachweise ist ein besonders überzeugender Nachweis ihrer Unwirksamkeit. (4) Falls jedoch künstliche Intelligenz theoretisch möglich sein sollte, ist nicht zwangsläufig zu erwarten, dass bereits mit heutigen Mitteln eine künstliche Intelligenz konstruiert werden kann; das Fehlen dieses Nachweises ist nur ein schwaches Anzeichen dafür, dass künstliche Intelligenz unmöglich ist.

Künstliche Intelligenz ist ein aufschlussreiches Beispiel, weil hier so manche SkeptikerInnen ihren Skeptizismus gegen eine in gebildeten Kreisen weitverbreitete Ansicht richten: Den Glauben, dass Intelligenz nicht mysteriös und letztendlich nachkonstruierbar ist. Hier kann man sogar sehen, wie zwei Prinzipien des Skeptizismus miteinander in Konflikt geraten; glaubt eine gute Skeptikerin nicht an künstliche Intelligenz, weil es ein Haufen spekulativer Science-Fiction ist? Oder glaubt eine gute Skeptikerin nicht an die Einzigartigkeit des Menschen, da diese irgendeine der modernen Wissenschaft unbekannte, mysteriöse Essenz der Intelligenz voraussetzen würde?

Willkürlicher Skeptizismus behindert den Fortschritt

In Fragen wie diesen treffen wir die Grenzen unseres Wissens an. Alles was heute etabliert ist, befand sich einmal an dieser Grenze. Es mag den Anschein haben, dass Diskussionen eigenartiger Ansichten abseits des Mainstreams unwichtig, ja sogar unklug sind, da man nur Ablehnung und offenen Spott riskiert. Aber hielte sich jeder an diesen Grundsatz, würde der Fortschritt zum Erliegen kommen. Der Mainstream liegt nicht in allen Fragen richtig, und zukünftige Wissenschaft wird nicht nur aus Theorien bestehen, die sich heute für jeden von uns vernünftig anhören — zumindest manche Dinge werden uns bizarr erscheinen. Eines Tages werden derartige wissenschaftliche Wahrheiten experimentell bestätigt und letztendlich von der Mehrheit für wahr gehalten werden. Aber vorher müssen die dafür nötigen Experimente finanziert werden.

Skeptizismus sollte also nicht als unwichtig abgetan werden. Ansichten abseits des Mainstreams sind nicht immer offensichtlich unsinnig. Diskussionen mit Randgruppen sind nicht immer zwecklose Schindereien — obwohl man sicherlich verstehen kann, dass es sich so anfühlt, wenn man mit Kreationisten zu tun hat. Nein, gute SkeptikerInnen versuchen die Grenzen unseres Wissens zu erweitern: Sie glauben, dass der mit Skepsis betrachtete Bereich nicht weiter erforscht werden sollte, und wir stattdessen die Grenzen unseres Wissens in eine andere Richtung ausdehnen sollten.

Das ist bedeutsame und schwierige Arbeit — sicherlich viel schwieriger als einfach nur alle Ansichten zu verspotten, die seltsam klingen und von Leuten in Ihrem sozialen Umfeld ohnehin schon nicht geglaubt werden.

Ehe Sie also glauben, dass jemand nützliche geistige Arbeit leistet, sollten Sie in Erfahrung bringen, ob dessen Skeptizismus zwischen Wahrheit und Unwahrheit unterscheidet, und einen einfallsreicheren Beitrag leistet, als nur zu behaupten: „Das hört sich seltsam an und ist keine Ansicht meines Stammes.“ In bayesianischer Sprache ausgedrückt sollten Sie herausfinden, ob p(Spott|falsche Ansicht & keine stammeszugehörige Ansicht) > p(Spott|wahre Ansicht & keine stammeszugehörige Ansicht).

Nutzloser vs. nützlicher Skeptizismus

Hier ein historisches Beispiel von unbrauchbarem Skeptizismus: Das Project Blue Book der US-Luftwaffe erklärte einmal eine angebliche UFO-Sichtung durch die verwirrende Erscheinung des Planeten Venus. Im Nachhinein stellte sich aber heraus, dass es tatsächlich ein Versuchsflugzeug war. Nein, rationale Menschen glauben nicht an UFOs, aber wenn Sie Versuchsflugzeuge durch den Planeten Venus weg-erklären, dann liefert keine Ihrer Behauptungen darüber hinausgehende bayesianische Belege gegen die Existenz von UFOs. Ihr Skeptizismus wäre nutzlos. Rationale SkeptikerInnen glaube nicht an UFOs, aber Project Blue Book kann uns diesbezüglich zu keinen zusätzlichen Belegen verhelfen, wenn es den gleichen Bericht abgeliefert hätte, wenn es tatsächlich Aliens gäbe.

Bevor Sie also jemandem zugutehalten, dass er ein intelligenter, rationaler Skeptiker ist, sollten Sie ihn bitten, eine Ansicht abseits des Mainstreams zu verteidigen. Nein, Atheismus zählt nicht mehr. Es muss etwas sein, das die meisten Leute aus dem sozialen Umfeld dieser Person nicht glauben. Zusatzpunkte gibt es, wenn die Ansicht zudem auch noch eigenartig klingt.

Gewiss, da draussen wimmelt es vor Wahnsinnigen und wenn Richard Dawkins die Astrologie niedermacht, leistet er gute und notwendige Arbeit. Aber es ist gefährlich, wenn Leute übermässige Anerkennung einheimsen, nur weil sie Astrologie, Homöopathie, UFOs und Gott herunterputzen. Was wenn sie durch das Attackieren einfacher Ziele berühmte Skeptiker werden, und dann ihre Glaubwürdigkeit gebrauchen, um sich beispielsweise über künstliche Intelligenz lustig zu machen? Gegenwärtig können Sie in intellektuellen Kreisen hohes Ansehen erlangen, wenn sie lediglich Ansichten wie Astrologie ins Visier nehmen, welche von der Mehrheit für ungebildet gehalten werden; aber dann können die selben Waffen gegen neuartige Ideen wie beispielsweise den Anti-Speziesismus gerichtet werden, obwohl einflussreiche Philosophen überzeugende Argumente für diese Anschauung anführen. Deshalb sollten Sie sich — bevor Sie sich einen guten, rationalen Skeptiker nennen dürfen — ein wenig aus dem Fenster lehnen und zumindest eine weniger gängige Ansicht vertreten, welche von den meisten Mitgliedern Ihres Stammes nicht geteilt wird.

Hier wäre es angebracht, auf Robyn Dawes als Paradebeispiel eines fähigen Rationalisten aufmerksam zu machen. Dawes hat nicht nur leichte Ziele wie die Astrologie angegriffen, sondern war auch massgeblich daran beteiligt, den völligen Mangel an experimentellen Wirksamkeitsnachweisen vieler psychotherapeutischer Schulen zusammenzustellen und der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Zudem hat er gezeigt, dass unzählige abergläubische Verfahren wie der Rorschachtest weiterhin verwendet werden, und das obwohl buchstäblich hunderte von Experimenten vergeblich versucht haben, dessen Wirksamkeit zu beweisen. Heute scheint beispielsweise die Psychoanalyse kein schwieriges Ziel mehr zu sein, aber zu Dawes Zeiten genoss sie bei vielen Intellektuellen hohes Ansehen.

Merkmale willkürlicher SkeptikerInnen

Abschliessend noch ein paar einfache Warnsignale, die anzeigen, dass der fragliche „Skeptiker“ vermutlich nur automatisch einer oberflächlichen, gedanklichen Schablone folgt, die er gewohnheitsmässig benützt, um andere Ansichten zu verspotten.

Zum Schluss muss aber noch zur Vorsicht gemahnt werden: Aus schlechtem Skeptizismus kann man natürlich nicht folgern, dass die kritisierte Hypothese wahr ist. Schlechter Skeptizismus kann gegen wahre, aber ebenso gut gegen falsche Ansichten gerichtet sein.

In Anlehnung an den Originalartikel von Eliezer Yudkowsky.