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Die Welt verbessern mit Banking – Teil 2

on 20. Dezember 2013

In den Posts zur Studien- und Berufswahlethik  habe ich das Hauptargument für die Strategie des professionellen Spendens skizziert: Wenn ich mich um einen Job bewerbe, der die Welt «direkt» verbessert, bewirke ich leider selten etwas. Denn wenn ich die entsprechende Arbeit nicht ausführen würde, würde sie von einer anderen, ähnlich kompetenten Person ausgeführt. Allgemeiner: Wenn ich etwas bewirken will, muss ich etwas tun, das andernfalls nicht erfolgen würde. Im Jargon: Wenn kontrafaktische Ersetzbarkeit vorliegt, bewirke ich nichts.

Hier scheint das professionelle Spenden als «indirekte» Strategie erfolgsversprechend: Statt einen direkten Job auszuführen, der so oder so ausgeführt würde, kann ich mit grossen Spenden viele Jobs schaffen, die es andernfalls nicht gäbe.

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Vermeidbare negative Wirkung

Ist es nun aber nicht so, dass viele Grossverdienerjobs auch massive Schäden anrichten? Und dass das ethische Gewicht der Verursachung solcher Schäden das Gewicht der positiven Spendenwirkung überwiegen könnte? Gerade Banker müssten sich diesen Einwand wohl in vielen Fällen gefallen lassen.

Eine erste Entgegnung besteht natürlich darin, nach hinreichend unschädlichen Grossverdienerjobs zu suchen ­– die es durchaus gibt. Zudem ist es auch mit dem Gehalt etwa einer gymnasialen Lehrkraft bereits möglich, bis zu drei NGO-Stellen zu schaffen. Das strategische Argument für das professionelle Spenden bliebe also auch dann bestehen, wenn alle Grösstverdienerjobs so schädlich wären, dass sie nicht infrage kämen. (Was empirisch unplausibel ist.)

Ersetzbarkeit gilt auch umgekehrt

Was aber, wenn der einzige – oder mit Abstand beste – Grossverdienerjob, der mir zur Wahl steht, eine massiv negative Wirkung hat? Treiben wir die Situation auf die hypothetische Spitze: Angenommen, ich bin zum Schluss gekommen, dass die Abschaffung der Rüstungsindustrie die ethisch aktuell dringendste Sache ist. Und weiter angenommen, ich kann nur als CEO einer Rüstungsfirma zu wirklich viel Geld kommen.

Mit dem in der Rüstungsindustrie verdienten Geld könnte ich diejenige Organisation unterstützen, welche die besten Karten hat, die Rüstungsindustrie längerfristig abzuschaffen. Statt bei dieser Organisation einen Job auszuführen, den es ansonsten auch gäbe, kann ich ihr mit einer Riesenspende ermöglichen, viele Jobs zu schaffen, die es ansonsten nicht gäbe.

Aber würde das ethische Gewicht meiner Schadensverursachung diese positive Wirkung nicht überwiegen? Die Antwort mag erstaunen: Vermutlich nicht. Denn die kontrafaktische Ersetzbarkeit gilt auch negativ: Kurzfristig wird die Rüstungsfirma so oder so weiterbestehen. Abschaffen können wir sie nur längerfristig – wenn die oben genannte Organisation Erfolg hat.

Wenn ich den CEO-Job also nicht ausführen würde, würde er von einer anderen Person ausgeführt, d. h. der Schaden entstünde so oder so. Ja es entstünde noch mehr Schaden: Die Person, die mich als Rüstungs-CEO ersetzen würde, wäre aller Wahrscheinlichkeit nach nicht ethisch motiviert und daher nicht bestrebt, die verursachten Schäden firmenintern zu minimieren.

Professionelles Spenden ist ethisch schwer zu toppen

Die effektivste Strategie, die Rüstungsindustrie längerfristig abzuschaffen, scheint in der beschriebenen Situation also darin zu bestehen, den Job als Rüstungs-CEO anzunehmen und das Einkommen fast vollständig an die beste Anti-Rüstungs-Organisation weiterzuleiten. Denn die Effekte dieser Entscheidung sind: viele neue Anti-Rüstungs-Jobs, die es ansonsten nicht gäbe – statt nur einen, den ich ausführen würde und der ansonsten ohnehin ausgeführt würde; und kaum Schäden durch die Annahme des CEO-Jobs, die ansonsten nicht auch entstünden.

Den Erwartungswert einer Spenderkarriere wesentlich senken könnte die Gefahr, dass das „feindliche“ Arbeitsumfeld die altruistischen Werte der professionellen SpenderInnen korrumpiert oder zu einem Burnout führt. (Sie wurden unlängst übrigens in der Washington Post porträtiert.) Diese Gefahr lässt sich ihrerseits jedoch auch senken: Die SpenderInnen sind untereinander und mit StudienabgängerInnen, die strategisch verwandte Berufskarrieren verfolgen, gut vernetzt und unterstützen sich gegenseitig. Bisher läuft dieses neuartige Vorhaben, den beruflichen Weltverbesserungs-Ouput zu maximieren, planmässig – und einen Versuch scheint es in jedem Fall wert.

Dieser Artikel wurde ursprünglich bei NZZ Campus publiziert.
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Serie: Die Welt verbessern mit Banking

  1. Die Welt verbessern mit Banking – Teil 1
  2. Die Welt verbessern mit Banking – Teil 2