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Die NZZ über den Veganismus und die GBS – eine Replik

on 25. Juni 2014

sentience politics

  1. Einseitigkeit und Natur-Bias in der Veganismuskritik
  2. Veganismus als Kulturarbeit
  3. Gender-Ungleichgewicht im Veganismus?
  4. Science-Bias bei der GBS?
  5. Rationalität und Mitgefühl, instrumentelle Vernunft und Ethik: Kein Gegensatz, im Gegenteil!
  6. Zum Interview mit Thomas Macho: Widersprüche

Urs Hafner schreibt in der NZZ über den Veganismus – «Vische» stinken nicht – und beleuchtet dabei auch dessen Hintergründe. Der Artikel ist insofern erfreulich, als er in seiner ersten Hälfte einen fairen Abriss der Argumente gibt, die für eine Ernährungsentwicklung in die vegane Richtung sprechen. Ebenso erfreulich ist, dass der Veganismus nicht mit Esoterik assoziiert wird, sondern im Gegenteil aufgezeigt wird, dass er von vielen Personen und Organisationen vertreten wird, die bestrebt sind, kritisch-rational zu denken und empirisch informiert handeln. (Beispielhaft dafür: Die Facebook-Gruppe «Veganismus ohne Esoterik», die rund tausend Mitglieder zählt.) Positiv erwähnt wird auch das GBS-Projekt Sentience Politics, das mit einer Volksinitiative im Kanton Basel-Stadt die Einführung veganer Menüs in den Kantinen öffentlich-rechtlicher Institutionen fordert.

1. Einseitigkeit und Natur-Bias in der Veganismuskritik

Weniger erfreulich ist die zweite Hälfte des Artikels, in der Hafner einige Argumente anführt, die dem kritischen Denken nicht standhalten. Hafner schreibt:

«In der veganen Welt kann man also weiterhin Käse und Fleisch essen, die freilich in Wirklichkeit kein Käse und kein Fleisch sind. Ohne dass man etwas dabei merkt, rettet man beim Fondueplausch Tieren das Leben und fördert Nachhaltigkeit. – Geht diese Rechnung auf? Höchstens in einer lebensfernen Theorie. Statt unsere Essgewohnheiten nachhaltig infrage zu stellen, stärkt dieser Veganismus eine Ernährungsindustrie, welche die Menschen vom agrarischen Wirtschaften entfremdet, indem sie Nahrung künstlich herstellt, ohne dies kenntlich zu machen.

Der vegane Konsument mag zwar beim Kauf des mit E-Stoffen produzierten Fleischersatzes das gute Gefühl haben, keinem Tier etwas zuleide getan zu haben – was vielleicht tatsächlich der Fall ist –, er wird aber am Ende von den realen ökologischen Zusammenhängen und den Gesetzlichkeiten der Natur nicht viel mehr verstehen als der gierigste Fleischesser. Er bleibt der uninformierte Konsument.»

Erstens: Es trifft nicht zu, dass VeganerInnen allgemein mehr „Künstliches“ essen oder mehr E-Stoffe zu sich nehmen als FleischesserInnen. Wenn, dann wäre eher auf das Gegenteil zu wetten: VeganerInnen scheinen sich allgemein bewusster zu ernähren und z.B. weniger auf Fertigprodukte zurückzugreifen. (Nicht wenige entdecken durch den Umstieg auf vegan auch das Kochen.) Und wenn man schon die „künstlichen“ Stoffe kritisiert, die in der Produktion Verwendung finden, dann sollten die Prioritäten richtig gesetzt werden: Kritikwürdig wäre hier insbesondere der flächendeckende Antibiotika-Einsatz in der „Nutztier“-Industrie, der die Entwicklung multiresistenter Bakterien fördert. An multiresistenten Keimen erkranken hierzulande jährlich etwa 1000 Menschen, an die 100 sterben daran.

Zweitens: Selbst wenn es zuträfe, dass VeganerInnen mehr „Künstliches“ essen – so what? Was soll an der „künstlichen“ Herstellung von Lebensmitteln an sich schlecht sein? Was die Natur ohne unser Zutun hergibt, ist oft ungeniessbar. (Oder präferiert jemand die Wildbanane?) Was soll an der «Entfremdung vom agrarischen Wirtschaften» an sich problematisch sein? High-Tech-Landwirtschaft ist an sich nicht schlechter, sondern stellt erstens sicher, dass die Weltbevölkerung ernährt werden kann, und ermöglicht zweitens (vernünftig angewandt – dafür muss man sich politisch einsetzen) auch ein Maximum an Ressourceneffizienz und ökologischer Nachhaltigkeit. Ebenfalls ist es unhaltbar, die Lebensmittelzusatzstoffe pauschal zu verteufeln. Nicht wenige unter ihnen tragen zur Erhaltung und Erhöhung der Nährwerte bei und verhindern gesundheitsschädliche Kontaminationen durch Bakterien oder Pilze. Hafner scheint hier dem weit verbreiteten Natur-Bias aufzusitzen, d.h. dem intuitiven Fehlschluss «natürlich => gut, unnatürlich => schlecht» – faktisch ist sehr oft das Gegenteil der Fall. Der GBS-Blogpost «Das Problem mit der Natürlichkeit» führt diesen Punkt aus: Die ganze Medizin z.B. ist hochgradig „künstlich“ und „widernatürlich“ – und das ist gut so, denn die Natur ist in vielerlei Hinsicht schädlich. Sie ist ein blind-brutaler Evolutionsprozess, der nicht darauf angelegt war und ist, das Wohl der empfindungsfähigen Wesen, die er hervorgebracht hat, zu optimieren. Nur die Kultur hat hat das Potenzial, unsere Lebensbedingungen nachhaltig zu verbessern.

Drittens: Inwiefern stellt der Veganismus unsere Ernährungsgewohnheiten nicht nachhaltig infrage? Selbstverständlich ist ein empirisch informierter Veganismus auch daran interessiert, die Vor- und Nachteile von Zusatzstoffen ergebnisoffen (!) zu evaluieren und diese den Resultaten entsprechend zu optimieren. Und weshalb das Wort «vielleicht» im Satzteil «keinem Tier etwas zuleide getan – was vielleicht tatsächlich der Fall ist»? Dieser Zusatz scheint unredlich. Nicht zuletzt: Der Veganer bleibt der «uninformierte Konsument»? VeganerInnen wissen in der Regel besser über Ökologie, Tierschutz und Gesundheit Bescheid – weil sie sich, im Gegensatz zu den meisten FleischesserInnen, intensiver mit den entsprechenden Zusammenhängen auseinandergesetzt haben. Zum Beispiel wissen sie mehr über den Zusammenhang von Ernährung und Klimawandel: Viele Studien zeigen, dass die vegane Ernährung klimatisch am besten abschneidet. Hierzulande hat das ETH-Start-Up «Eaternity» die Fakten aufbereitet: Der Ernährungsbereich ist klimaschädlicher als die Bereiche Wohnen und Verkehr; im Ernährungsbereich könnte mit dem kleinsten Aufwand die grösste Emissionsreduktion erreicht werden; im Wohn- und Verkehrsbereich wird klimapolitisch viel mehr getan. Das geht nicht auf. VeganerInnen sind mit höherer Wahrscheinlichkeit über Zusammenhänge dieser Art informiert – und ziehen in ihrem Entscheidverhalten die naheliegenden Konsequenzen.

2. Veganismus als Kulturarbeit

Hafner weiter: «Dieser Veganismus ist Selbstzweck, weil er nicht zum Nachdenken über die menschliche Kultur anregt – «Kultur» im Sinne der vom Menschen gestalteten Lebenswelt, in der Menschen, Tiere und Pflanzen koexistieren müssen, in der gefressen, ernährt und verzehrt, in der geboren und gestorben wird. So verschenkt der Veganismus quasi sein Reflexionspotenzial hinsichtlich dessen, wie der Mensch die Natur kultivieren könnte, die draussen und seine eigene, innere

Veganismus ist keineswegs Selbstzweck. Er ist Mittel zum Zweck bzw. zu einer ganzen Zweckmenge – konsequenter Tierschutz; Klimaschutz; effizienter Umgang mit den Ressourcen allgemein; in diesem Zusammenhang auch: faire Nord-Süd-Beziehungen, denn die reichen Länder des Weltnordens beanspruchen aktuell einen weit überproportionalen Ressourcenanteil; und Förderung der öffentlichen Gesundheit (antibiotikaresistente Keime). Übergeordnete Zwecke sind: verantwortungsbewusstere, altruistischere Einstellungen und vernünftigeres Denken und Handeln.

Veganismus ist demnach Kulturarbeit und Kultivierung der Natur – der inneren wie der äusseren – im besten Sinne. Wie kommen Sie auf die gegenteilige Behauptung, Herr Hafner?

3. Gender-Ungleichgewicht im Veganismus?

«Unter den Wortführern und Vordenkern der veganen Bewegung finden sich, im Gegensatz zur mehrheitlich weiblichen Basis, fast ausschliesslich Männer, die intellektuell in den technischen Wissenschaften und den Naturwissenschaften sozialisiert worden sind. Ihnen fehlt oft das kulturelle und historische Verständnis der menschlichen Zivilisation und Gesellschaft. Sie propagieren die Überwindung von Irrationalismus und Religion mittels eines „wissenschaftlich aufdatierten Menschenbilds“.»

Wo ist die empirische Evidenz für die Behauptung, die WortführerInnen der veganen Bewegung seien «fast ausschliesslich» männlich? Hier nur drei Gegenbeispiele aus dem deutschen Sprachraum: Die Philosophin Friederike Schmitz hat gerade einen Tierethik-Sammelband publiziert – im Interview mit dem Tagesanzeiger erläutert sie die Argumentation für den Veganismus. Die Journalistin Hilal Sezgin tut es ihr in ihrem neuen Buch «Artgerecht ist nur die Freiheit» gleich. Ebenso die Autorin Karen Duve, die im Beirat der Giordano Bruno Stiftung sitzt und mit «Anständig essen» einen Bestseller gelandet hat.

Es ist daher höchst unklar, ob Hafner seine Aussage empirisch belegen könnte. Aber selbst wenn er es könnte: Spezifisch den Veganismus mit dem Gender-Ungleichgewicht zu assoziieren, ist krass unredlich, denn dieses Phänomen ist kein vegan-spezifisches Problem, sondern ein Problem unserer Gesellschaft insgesamt. Und ich würde darauf wetten, dass es unter VeganerInnen weniger ausgeprägt ist als in der fleischessenden Mehrheitsgesellschaft: Wie Hafner korrekt feststellt, ist die vegane «Basis» nach wie vor mehrheitlich weiblich. (Das ist mit ein Grund, weshalb unsere Kultur ethisch bedeutend fortschrittlicher wäre, wenn die Frauen in ihr einflussreicher wären – darauf sollten wir hinwirken.) Daher ist es rein statistisch bereits wahrscheinlich, dass der Frauenanteil auch unter den veganen «WortführerInnen» höher ist als in den meisten Institutionen und Bewegungen der Restgesellschaft.

Weiter existieren viele vegetarisch-vegane AutorInnen, die den ethischen und sozialpsychologischen Zusammenhang von Diskriminierungsformen wie Rassismus, Sexismus und Speziesismus untersucht haben. Ein Beispiel: Carol J. Adams in dem Werk «The Sexual Politics of Meat»: «The Sexual Politics of Meat: A Feminist-Vegetarian Critical Theory explores a relationship between patriarchal values and meat eating by interweaving the insights of feminism, vegetarianism, animal defense, and literary theory. The New York Times called it a bible of the vegan community

4. Science-Bias bei der GBS?

Adams ist auch ein Beispiel für die zahlreichen AutorInnen aus den Geistes- und Kulturwissenschaften, die den Veganismus vertreten. Die Behauptung, technisch-naturwissenschaftliche Hintergründe seien in der veganen Bewegung überrepräsentiert, ist schlicht falsch – das Gegenteil ist bisher wahr.

Die Giordano Bruno Stiftung vereint WissenschaftlerInnen mit unterschiedlichen Hintergründen. Sie ist bestrebt, die Kluft zwischen Natur- und Kulturwissenschaften zugunsten einer „Third Culture“ zu überwinden und die grundlegende «Einheit des Wissens» aufzuzeigen: In allen Wissenschaften geht es letztlich darum, Aussagen über die Welt bzw. über Weltausschnitte zu machen, die mit möglichst hoher Wahrscheinlichkeit zutreffen. In ihrer grundlegenden Struktur ist die empirische Methodik letztlich überall dieselbe. KulturwissenschaftlerInnen können davon profitieren, wo sinnvoll und möglich quantitative Methoden anzuwenden, die in den Naturwissenschaften entwickelt wurden. (Aktuelles Beispiel: Steven Pinkers historische Analyse «The Better Angels of Our Nature: Why Violence Has Declined».) Und NaturwissenschaftlerInnen sollten, wo dies handlungsrelevant und bis auf Weiteres nicht anders möglich ist, auch „qualitativer“ und mit grösseren Unsicherheitsmargen argumentieren. Weiter sollten sie es sich zur Gewohnheit machen, die ethisch-gesellschaftlichen Dimensionen/Ziele ihrer Tätigkeiten ebenfalls systematisch zu untersuchen.

In diesem Zusammenhang sehr lesenswert ist das Essay «Auf dem Weg zur Einheit des Wissens – Die Evolution der Evolutionstheorie und die Gefahren von Biologismus und Kulturismus» des Philosophen und GBS-Vorstandssprechers Michael Schmidt-Salomon. Wenn der Eindruck entsteht, die GBS sei naturwissenschaftlich-technisch dominiert, dann liegt dies darin begründet, dass es der GBS gelingt, mehr und mehr NaturwissenschaftlerInnen zu motivieren, die ethische Relevanz ihrer Erkenntnisse zu durchdenken und gesellschaftlich aktiv zu werden – was vergleichsweise neuartig ist. Ein Beispiel dafür ist das «Great Ape Project», das Grundrechte für die Grossen Menschenaffen fordert und u.a. von zahlreichen namhaften EvolutionsbiologInnen und PrimatologInnen unterstützt wird: Die Biologie hat aufgezeigt, dass uns die Grossen Menschenaffen (wie die nicht-menschlichen Tiere insgesamt) bedeutend ähnlicher sind, als wir – religiös und spekulativ-philosophisch – traditionell dachten. Ethisch ist kein vernünftiger Grund ersichtlich, ihnen den Grundrechtsschutz vorzuenthalten, im Gegenteil.

Hafner schreibt:

«Wissenschaftlich heisst hier indes: hyperszientifisch. Mit einem Gemisch aus Neurowissenschaft, Mathematik, analytischer Philosophie, Utilitarismus, Rational Choice, Verhaltensökonomie, Nanowissenschaft, Teilchenphysik und so weiter soll die Welt rationaler gemacht werden. Wenn die verbreitete «konservative Ethik» erst einmal durch die fortschrittliche «High-Impact-Ethik» abgelöst worden ist, werden die Menschen ihr irrationales Verhalten – etwa den Glauben an überweltliche Mächte – überwinden, einem «effektiven Altruismus» folgen und beispielsweise vegan leben.»

Ja, Aspekte aus den genannten Disziplinen fliessen ein. Ebenso fliessen aber Aspekte aus den kulturwissenschaftlicheren Disziplinen ein – Religionsphänomenologie, Geschichte, Soziologie, Politologie. Der Eindruck eines Science-Bias entsteht hier ebenfalls durch den vergleichsweise neuartigen Ansatz, auch die eher technischen Disziplinen systematisch daraufhin abzuklopfen, was sie epistemisch an ethisch-gesellschaftlicher Relevanz enthalten.

5. Rationalität und Mitgefühl, instrumentelle Vernunft und Ethik: Kein Gegensatz, im Gegenteil!

Die Welt „rationaler“ machen – das klingt unnötig kalt. Denn die meisten Menschen verbinden mit dem Begriff „Rationalität“ Dinge – z.B. den angeblichen Gegensatz zur Emotion und zum Mitgefühl –, die mit dem Rationalitätsbegriff der modernen Kognitionswissenschaften nichts zu tun haben. Im folgenden Vortrag räumt Julia Galef, Präsidentin des Center for Applied Rationality CFAR, mit gängigen Vorurteilen auf: Die Star-Trek-Figur Mr. Spock gibt kein gutes Exempel für Rationalität ab, sie ist in vielerlei Hinsicht irrational.

Ein weniger irreführender Ausdruck wäre: die Welt für alle lebenswerter machen, d.h. insbesondere so gestalten, dass alle ihre Ziele besser erreichen. Denn darum geht es bei der Rationalität letztlich: um die Reflexion der eigenen Ziele und darum, sie möglichst optimal zu erreichen. Und wenn wir Menschen unsere Ziele reflektieren – abgesehen vielleicht von Psycho- und Soziopathen –, dann hat unsere Reflexion immer auch eine starke ethische, altruistische Komponente. Wendet man Aspekte der Verhaltensökonomik bzw. von «Rational Choice» auf unser ethisches Entscheidverhalten an, ergibt sich z.B. die folgende Überlegung:

Stell dir vor, du läufst an einem Schlammteich vorbei und siehst, wie ein Kind im Begriffe ist, darin zu ertrinken. Du bist die einzige Person, in deren Macht es steht, das Kind herauszuziehen und zu retten. Du kannst dies gefahrlos tun. Die einzige Komplikation besteht darin, dass du gerade 500 Franken abgehoben hast und in deiner Hosentasche mitträgst. Watest du in den Schlammteich und rettest das Kind, ist das Geld verloren. Mit anderen Worten: Die Rettung eines Menschenlebens kostet dich 500 Franken. Tust du es?

Die meisten Menschen würden nicht zögern, das Kind um des Kindes willen zu retten. Man entscheidet hier ja zwischen den folgenden beiden Optionen bzw. Welten:

(1) ein Kind leidet und stirbt, ich habe 500 Luxusfranken mehr
(2) ein Kind überlebt, ich habe 500 Luxusfranken weniger

Welt (2) entspricht viel eher unseren Zielen: Das Ziel, ein Menschenleben zu retten, gewichten wir höher als das Ziel, uns selbst einen zusätzlichen 500-Franken-Luxus zukommen zu lassen. Und das ist ethisch auch angemessen. Daraus ergibt sich nun aber die Frage: Warum spenden wir nicht massiv mehr? Ist das nicht irrational, d.h. im Sinne unserer eigenen Ziele überhaupt nicht zielführend? Denn: Wann immer wir 500 Franken (nicht) für einen Luxus ausgeben, der nicht notwendig ist, unser Wohlbefinden und unsere Produktivität zu erhalten, entscheiden wir uns zwischen (1) und (2) – zumal es erwiesenermassen Organisationen gibt, die viel unnötiges Leid verhindern und Leben retten.

„Rational Choice“ hat an sich nicht das Geringste mit Egoismus zu tun – sondern mit widerspruchsfreiem und zielführendem Entscheidverhalten. Das ist insbesondere in der Ethik wichtig, weil bei ethischen Entscheidungen Leid, Leben und Tod auf dem Spiel stehen. Die „konservative Ethik“, die Hafner erwähnt, besagt: Entscheidungen über Leben und Tod sind (glücklicherweise) selten. Fakt ist aber: Entscheidungen über Leben und Tod sind alltäglich. Lügen wir uns hier in die Tasche, werden wir unsere ethischen Ziele schlechter erreichen, was Folgen hat:

Entscheiden wir in der Ethik nicht optimal effektiv, werden mehr Menschen (oder Tiere) zu Schaden kommen, als dies ansonsten der Fall gewesen wäre. Man tut daher gut daran, sich das Argument gegen High-Impact-Ethik bzw. gegen den effektiven Altruismus sehr genau zu überlegen. Denn „High-Impact-Ethik“ bedeutet einfach den Versuch, mit den uns zur Verfügung stehenden Ressourcen möglichst viel unnötiges Leid zu verhindern. Was haben Sie dagegen einzuwenden, Herr Hafner?

In diesem Sinne kann man z.B. grob quantifizieren, welche Tierprodukte wie viele Tiere schädigen: Ein Artikel im Scientific American hat aufgezeigt, dass Hühnerfleisch und Eier bedeutend schlechter abschneiden als die anderen Tierprodukte. Konsumiert man 500kg Rindfleisch (jährlicher CH-Durchschnittskonsum von zehn Personen), verzehrt man etwa eine Kuh; konsumiert man hingegen 500kg Hühnerfleisch, verzehrt man etwa 250 Hühner.

Hafner schliesst mit:

«Diese pseudoobjektive «Science» spreizt sich zur Gesellschaftslehre und Weltphilosophie auf, weiss jedoch wenig von den Abgründen des Lebens, seiner Verletzlichkeit und Endlichkeit. Gebären bedeutet leiden. Eine Weltanschauung, die «Kultur» nicht reflektiert, bedient eine «instrumentelle Vernunft», mit der man den Veganismus propagieren oder den Welthunger bekämpfen oder eine Tierfabrik betreiben kann.»

Welche Aussage empirisch informierter VeganerInnen, der GBS oder des effektiven Altruismus genügt objektiven Kriterien nicht? Können Sie wenigstens ein Beispiel, wenigstens eine Begründung anführen?

Ausgerechnet VeganerInnen vorzuwerfen, sie wüssten nichts von der Verletztlichkeit des Lebens – und dem ethischen Achtungsgebot, das daraus erwächst – mutet grotesk an. Und was begründet die Behauptung, wir wüssten wenig von den Abgründen des Lebens und seiner Endlichkeit?

Gebären bedeutet in der Tat auch leiden. Folgt daraus, dass uns unnötiges Leid in der Welt, das wir leicht verhindern können, egal sein sollte? Das Argument Hafners müsste sich auf diese Prämisse stützen.

Die Aussage, wonach der Veganismus «Kultur» nicht reflektiere, ist haltlos – das Gegenteil ist der Fall. Und die „instrumentelle Vernunft“ bzw. „Rational Choice“ liefert sehr starke Argumente für eine ethische Orientierung menschlicher Lebenspraxis, so dass ihr die Tierfabrik nicht standhalten wird. Aber selbst wenn dem nicht so wäre, liesse sich daraus kein Argument gegen die instrumentelle Vernunft ableiten, sondern nur ein Argument dafür, die instrumentelle Vernunft durch unabhängig geforderte altruistische Werte bzw. Ziele zu ergänzen, was wir ja ohnehin auch tun. Und um altruistische, ethische Ziele bestmöglich zu erreichen, bedarf es – per definitionem! – dann wieder „Rational Choice“. Dieser Zusammenhang ist ungemein wichtig ist und wird unsäglich oft missverstanden: Wie das obige Spendenargument exemplarisch zeigt, stärkt die „instrumentelle Vernunft“ die praktische Wirkmacht ethischer Werte bzw. Ziele, es sei denn, Sie sprechen mit einem Soziopathen, dem das im Schlammteich ertrinkende Kind völlig egal wäre. Und wenn die instrumentelle Vernunft wirkmächtige ethische Ziele nicht im luftleeren Raum erzeugen kann, dann ist dies kein Problem spezifisch der instrumentellen Vernunft, sondern liegt darin begründet, dass es nichts gibt, was Ziele im luftleeren Raum erzeugen könnte. Wie schon David Hume bemerkt hat, lässt sich aus einer Satzmenge, die neben Seinsaussagen nicht mindestens eine Zielaussage (Sollen) enthält, schlicht keine Ziel-Schlussfolgerung ableiten. Mit anderen Worten: Wer keinen altruistischen Wert teilt/fühlt, den wird nichts davon überzeugen können, altruistisch zu handeln. Nur externer Druck – Anreize aller Art, Zuckerbrot und Peitsche – kann altruistisches Verhalten dann sicherstellen. Doch das Problem wird dadurch nur verschoben, denn es sind ebenfalls Menschen, welche den entsprechenden Druck schaffen müssen. Und wenn diese Menschen (wir?) nicht dadurch aktiviert werden, dass sie einsehen/fühlen, dass es ihren Zielen entspricht, d.h. instrumentell vernünftig ist, bedeutend altruistischer zu handeln, als sie es bisher getan haben, dann können wir nichts tun. Mit anderen Worten: Wenn ethische Probleme keine Probleme instrumenteller Unvernunft sind, dann gute Nacht! Denn das würde bedeuten, dass bestehende ethische Probleme voll und ganz im Sinne der Menschen sind, die sie verursachen/nicht verhindern: Es wäre dann nicht etwa so, dass sie für ethische Probleme deshalb verantwortlich sind, weil sie noch nie systematisch darüber nachgedacht und erfühlt haben, welche Ziele sie eigentlich für wichtig halten; weil sie sich der Konsequenzen ihres aktuellen Entscheidverhaltens nicht bewusst sind; oder weil sie zu willensschwach sind, ihre ethischen Ziele umzusetzen. Nein: Die Situation wäre so, dass Menschen, die ethische Probleme verursachen/nicht verhindern, auf keiner Ebene ihres Denkens und Fühlens zum Schluss kämen: Eigentlich sind mir diese Probleme nicht egal, eigentlich entspricht ihre Existenz nicht meinen Zielen, oder: ich kann ja etwas tun, das hatte ich übersehen – d.h. es war instrumentell unvernünftig, nicht an ihrer Lösung zu arbeiten. Nein: Die praktische Gleichgültigkeit gegenüber ethischen Problemen würde dem Denken und Fühlen der Menschen bzw. ihren Zielen perfekt entsprechen. Zum Glück ist das empirisch unwahrscheinlich – zum Glück resultieren ethische Probleme zu einem guten Teil aus instrumenteller Unvernunft. Und zum Glück können wir uns in dieser Hinsicht verbessern, denn per definitionem gilt: Je instrumentell vernünftiger wir sind, desto besser erreichen wir unsere ethischen Ziele. Und wenn optimale Zielerreichung irgendwo wichtig ist, dann dort, wo es – leider buchstäblich – todernst ist.

6. Zum Interview mit Thomas Macho: Widersprüche

Ergänzend zum besprochenen Artikel hat Hafner für die NZZ auch noch den Kulturhistoriker Thomas Macho interviewt:

«Der Veganismus ist Ausdruck des Protests gegen die Massentierhaltung, die tabuisiert ist, über die sich aber jeder, der es wissen will, informieren kann. Wenn Sie so wollen, bricht der Veganismus mit dem Bruch, den die Industrialisierung mit der agrarischen Gesellschaft vollzogen hat.»

Der Veganismus ist nicht nur Ausdruck des Protests gegen die Massentierhaltung, sondern des Protests dagegen, gesunden Tieren nach einem Bruchteil ihrer Lebenserwartung in den Kopf zu schiessen, sie zu vergasen und ihnen ein Messer in die Kehle zu rammen, obwohl dies völlig unnötig ist – und wie dies auch in der «besten» heutigen Nutztierhaltung zwangsläufig vorkommt. An sich ist diese Forderung nicht radikal, sondern eine Konsequenz des Tierschutzprinzips von der Vermeidung unnötiger Tierschädigung, wie es im Grunde bereits im Gesetz steht und etwa im Forschungsbereich konsequenter angewandt wird: Jede Tierschädigung ist dort widerrechtlich, es sei denn, man kann zeigen, dass keine valablen Alternativen existieren. Im Ernährungsbereich existieren diese Alternativen.

Es trifft auch nicht zu, dass der Veganismus mit der Industrialisierung bricht und zurück zur agrarischen Gesellschaft will. Gegen die Industrialisierung ist an sich nichts einzuwenden – im Gegenteil. Das Problem ist die Anwendung industrieller Macht zum Schaden (statt zum Nutzen) anderer. Dagegen müssen wir uns aussprechen.

«Ja, es gibt im Veganismus eine Art von Radikalisierungsüberschuss. Indem nämlich der Veganismus jede Art der Nutzung von Tieren als unzulässig erachtet, errichtet er eine Reinheitszone, welche die Tiere ganz ausschliesst. Es gibt im radikalen Veganismus keine Begegnungsräume und keinen Kontakt mehr mit den Tieren.»

Mit keinem Wort wird die Behauptung begründet, der Veganismus enthalte einen Radikalisierungsüberschuss. Die Forderung, Tiere nicht unnötig zu schädigen, ist moderat. Und wo bitte sind die VeganerInnen, welche die Mensch-Tier-Begegnungsräume abschaffen wollen? Der Veganismus will diese Begegnungsräume positiv statt gewalttätig gestalten.

«Er könnte lernen, dass er Teil eines grossen Zyklus des Essens und Gegessenwerdens ist, dass er andere nährt und sich gleichzeitig von anderen ernährt…»

Aus der Tatsache, dass es diesen Zyklus gegeben hat und gibt, folgt in keiner Weise, dass er an sich gut und begrüssenswert ist – was hier mitschwingt. Das wäre ein elementarer Fehlschluss. Wie bereits erwähnt: Viele natürliche Dinge sind schädlich, schlecht und schlimm und wir tun gut daran, sie nicht zu verstetigen, wenn keine Notwendigkeit besteht. Ein weiteres Beispiel dafür: Vergewaltigung etwa ist ein natürliches Verhalten, das bei vielen Spezies vorkommt. Sie ist auch Teil des «grossen Zyklus». Sollten wir sie deshalb erhalten?

«Da würde ich vermuten, dass der Betreffende nicht mit Totem in Berührung kommen und also aus dem erwähnten Zyklus austreten will.»

Es ist nichts als vernünftig, aus einem Gewalt-Zyklus – sei er kulturell oder natürlich – austreten zu wollen und auszutreten, sofern keine Notwendigkeit besteht, im Zyklus zu verbleiben.

«Wir sollen also Fleisch essen dürfen – unter der Bedingung, dass vorab im reichen Norden viel weniger Fleisch und Milchprodukte produziert und gegessen werden und diese viel teurer sind? – Ja, das ist unbestritten. Wir müssten uns klar darüber werden, was es heisst, Fleisch zu essen. Der exzessive Fleischkonsum steht dem im Wege.»

Sowohl Hafner als auch Macho scheinen der Meinung zu sein, dass die politische Stossrichtung der VeganerInnen – weniger Fleisch, mehr Pflanzliches – richtig und wichtig ist. Dennoch verbreiten sie irreführende Behauptungen, die geeignet sind, die Entwicklung, die sie begrüssen, zu verlangsamen. «Rational Choice»?

«In den rigorosen Spielarten des Veganismus sehe ich ein exklusives Übermensch-Phantasma, das die Mit-Sterblichkeit auszuschliessen sucht. Mich fasziniert eher eine «Zoopolis», wie sie der Philosoph Will Kymlicka entwirft, in der auch die Tiere Bürgerrechte haben.»

Was ist das «exklusive Übermensch-Phantasma»? Und wie ist die Bemerkung über «Mit-Sterblichkeit» zu verstehen? Normativ wird suggeriert, dass es abwegig sei, die Sterblichkeit an sich für problematisch und beklagenswert zu halten. Warum? Nur weil Sterblichkeit bis auf Weiteres eine Notwendigkeit ist, wenn in dieser Welt geboren und gelebt wird, folgt daraus keineswegs, dass sie an sich gut und begrüssenswert ist. Ganz im Gegenteil: Wer Tötung für falsch hält, weil sie den Tod bewirkt, kann die Sterblichkeit bzw. den Tod vernünftigerweise nur als Übel sehen – sonst müsste man etwas für falsch halten, das keinerlei Übel bewirkt. Und in der Tat – «Rational Choice» – käme niemand auf die Idee, ceteris paribus eine Welt mit Tod einer Welt ohne vorzuziehen. Aber ex post und mit Status-quo-Bias können wir uns natürlich dahingehend in die Tasche lügen, dass der Tod das Leben besser (!) mache, oder wir können uns über das Faktum des Todes selbst täuschen, bei welchem Unterfangen uns die Religion mit grosser Expertise zur Seite stehen wird.

Erfreulich, zutreffend und – gelinde gesagt – verwirrend ist zuletzt, dass Macho Kymlickas Werk «Zoopolis» nicht zu den «Utopien» zählt und die Forderung nach Bürgerrechten für nicht-menschliche Tiere «faszinierend» findet. Kymlicka, den wir hier interviewt haben, befasst sich mit nicht-speziesistischen Bürgerrechten, die weit über das negative Grundrecht auf Leben hinausgehen – die Grundrechtsfrage hält er für ethisch mittlerweile derart klar (und in der akademischen Debatte im Wesentlichen abgeschlossen), dass er sie nicht einmal mehr thematisiert. Das Grundrecht auf Leben für Tiere impliziert natürlich, dass nicht nur die «Massentierhaltung», sondern jede aktive Tiertötung, die ohne Not erfolgt, ausbleibt und die Gesellschaft vegan wird.