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Die Ice Bucket Challenge – Eine verpasste Gelegenheit?

on 18. September 2014

Die Ice Bucket Challenge gegen Amyotrophe Lateralsklerose (ALS), eine degenerative Erkrankung des Nervensystems, war ein voller Erfolg: Über 100 Millionen USD wurden durch eine in den sozialen Medien viral gegangene Aktion für die ALS Association innerhalb weniger Wochen für die Bekämpfung der Krankheit gesammelt. Über 3 Millionen Menschen haben gespendet, diverse Prominente übernahmen vorbildhaft gesellschaftliche Verantwortung. Eigentlich hervorragend, oder? Ja, durchaus – denn alle wären wohl froh, wenn ein Heilmittel für diese Krankheit gefunden werden könnte. Und doch steht die Ice Bucket Challenge in vielerlei Hinsicht auch symbolisch für einige gravierende Mängel im gesellschaftlichen Denken über Wohltätigkeit.

Weshalb finden wir ALS tragisch? Die Antwort scheint offensichtlich: Weil die Betroffenen massiv darunter leiden! Und weil die Angehörigen oft auch stark mitleiden. Die Sympathie für die Ice Bucket Challenge lässt sich im Prinzip auf einen einfachen Syllogismus reduzieren: Leiden ist schlimm und soll verhindert werden (p1), ALS bedeutet Leiden (p2), also ist ALS schlimm und soll verhindert werden (c). Das implizite Ziel beim Spenden an die ALS Association und beim Partizipieren bei der Ice Bucket Challenge, wäre sodann, anderen zu helfen, unnötiges Leid zu verhindern.

Doch neben ALS gibt es viele weitere Gründe für schreckliches Leiden auf der Welt, und einige davon verursachen wesentlich mehr Leid als ALS. Der entscheidende Punkt ist, dass sich manche dieser Ursachen wesentlich kostengünstiger bekämpfen lassen als ALS. Dies zeigt unter anderem die Forschung des Hilfswerk-Evaluators GiveWell, der mit wissenschaftlicher Methodik die Kosteneffektivität verschiedener Hilfswerke quantifiziert. Mit einer Spende an die Schistosomiasis Control Initiative (SCI) beispielsweise kann bereits für rund 60 Rappen ein Kind entwurmt werden. Das bedeutet nicht nur einen immensen unmittelbaren Anstieg der Lebensqualität, sondern verbessert im gleichen Zug auch die langfristigen Perspektiven der Kinder erheblich: Entwurmungen sind eine von zwei herausragend effektiven Massnahmen, um die durchschnittliche Anzahl Schuljahre, die ein Kind absolviert, zu erhöhen – was sie (vielleicht überraschenderweise) auch zu einer sehr attraktiven Bildungsmassnahme macht.

Bei der Against Malaria Foundation (AMF) kann für lediglich 5 Franken die Verteilung eines Bettnetzes sichergestellt werden, was ebenfalls eine äusserst kosteneffektive Massnahme darstellt. Die Kosten für Betreuung von ALS-Patienten betragen hingegen durchschnittlich rund 200,000 USD pro Jahr. Für den gleichen erwarteten Gewinn an Lebensqualität muss damit bei einer Spende an die ALS Association im Vergleich zu den von GiveWell empfohlenen Top-Charities ein deutliches Vielfaches an Geld investiert werden. Oder umgekehrt: Mit dem Geld, das für die ALS Association gesammelt wurde, hätte ein grosses Vielfaches an Leid verhindert werden können, wären die Spenden an kosteneffektivere Hilfswerke geflossen! Das heisst nicht, dass Geld für die ALS Association eine schlechte Investition ist – im Gegenteil: Jede Investition, die mit der Absicht getätigt wird, anderen zu helfen, sollte grundsätzlich als gute Investition betrachtet werden. Das Problem ist vielmehr: Es ginge noch wesentlich besser!

Das Prinzip der Kosteneffektivität bzw. der Kosten-Nutzen-Kalkulation ist im Grundsatz völlig unumstritten. Bei der Wahl des Menus, des Transportmittels, beim Kauf von Kleidung oder des Fernsehers – jeder von uns wägt täglich zwischen erwarteten Erträgen und Kosten ab. Ausgerechnet im Wohltätigkeitssektor wird jedoch weitgehend darauf verzichtet, Kosten-Nutzen-Kalkulationen anzustellen. Doch gerade wenn es nicht bloss um monetäre Profite geht, sondern anderen geholfen bzw. Leid verhindert werden soll, sollten wir ein besonders starkes Interesse daran haben, mit den beschränkten verfügbaren Ressourcen möglichst viel zu bewirken!

Zu den klassischen Kriterien, anhand deren Wohltätigkeitsorganisationen üblicherweise beurteilt werden, zählen insbesondere Transparenz und der sogenannte Overhead, d.h. der Anteil des Budgets, der nicht direkt in Projekte fliesst, sondern für Marketing, Administration, Löhne und Ähnliches verwendet wird. Umfängliche Transparenz gehört auch für eine Top-Charity-Empfehlung von GiveWell zu den Voraussetzungen, da ohne sie keine zuverlässige Bewertung der Kosteneffektivität möglich ist. Neben Transparenz ist der Overhead das Kriterium, auf dessen Basis ein grosser Teil von SpenderInnen die Spendendestination wählt. Viele Hilfsorganisationen werben denn auch stark mit einem vergleichsweise tiefen Overhead. Wenn wir jedoch an einer möglichst grossen Wirkung unserer Spende interessiert sind, dann sollte der Overhead bei der Wahl der Hilfsorganisation keine Rolle spielen: So ist es z.B. gut möglich, dass eine Organisation gerade deshalb sehr viel bewirkt, weil sie viel Geld in Marketing investiert – und so letztlich ein grösseres Spendenvolumen erzielen kann. Oder weil sie ihren Mitarbeitern einen (für den Charity-Sektor) vergleichsweise höheren Lohn bezahlt, dadurch aber möglicherweise kompetentere und motiviertere Leute gewinnt, die bessere Arbeit leisten. Weiter könnte sie auch einfach viel Geld in Forschung investieren, um die effektivsten Hilfsmassnahmen zu finde. Ein höherer Overhead mag intuitiv ein schlechtes Signal sein, doch es ist wichtig, zu sehen, dass es unter vielen Umständen auch ein Fehler sein könnte, einen tieferen Overhead zu haben, wenn gerade der höhere Overhead erst ermöglicht, dass eine Organisation vergleichsweise sehr viel Leid verhindern kann! Ob eine Organisation einen hohen oder niedrigen Overhead hat, ist also letztlich irrelevant, wenn das Ziel einer Spende eigentlich ist, möglichst viel zu bewirken. Dann ist das einzig relevante Kriterium die Kosteneffektivität des Hilfswerkes: Wo kann ich mit meinem Geld am meisten helfen?

Die heutige Spendenkultur verbietet es zu weiten Teilen, zu kritisieren, wer grundsätzlich mit guten Absichten handelt (und spendet). Und das mag auch durchaus teilweise Sinn machen, denn natürlich könnte enorm viel bewirkt werden, wenn all jene zum Spenden bewegt werden könnten, die trotz der unmittelbaren Not von über einer Milliarde in extremer Armut lebender Menschen überhaupt nichts tun. Und tatsächlich sollten auch grundsätzlich diejenigen Applaus erhalten, die sich überhaupt für gute Zwecke einsetzen. Doch wenn wir es wirklich ernst meinen mit dem Helfen, dann müssen wir – letztlich zum Wohle der Bedürftigen – auch bereit sein, das Tabu zu brechen, nicht zu kritisieren, wer in guten Absichten handelt. Wir sollten uns nicht damit begnügen, mit einem guten Gefühl, likes, shares und retweets belohnt zu werden, wenn wir uns für eine (beliebige) gute Sache einsetzen. Stattdessen sollten wir viel stärker daran interessiert sein, wievie unsere Spende bewirkt hat – und wieviel sie womöglich hätte bewirken können!

Und vielleicht sollten wir darüber hinaus auch überdenken, welches Minimum an Wohltätigkeit angesichts des Ausmasses des weltweiten verhinderbaren Leides für so privilegierte Menschen, wie z.B. die meisten Leser es sind, eigentlich selbstverständlich sein sollte. Doch das ist eine längere Diskussion.

So könnte beispielsweise eine alternative Ice Bucket Challenge aussehen: