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Die Abschaffung des Alterns? Einführung

on 17. Juni 2014

In den letzten dreissig Jahren identifizierten Forscher eine Reihe molekularer Prozesse, die das Altern in ein völlig neues Licht rücken. Diese Artikelreihe gibt einen Einstieg in die Thematik anhand einiger Beispiele und diskutiert mögliche Bedeutungen für die Zukunft.

„Altern ist eine behandelbare Krankheit“ – eine ziemlich provokative Aussage, die eine unerlässliche Eigenschaft des Lebens angreift. Wir werden geboren, wachsen, pflanzen uns fort und sterben schliesslich wieder.  Weil sich die Natur ständig ändert, ist es für Lebewesen unerlässlich, neue Variationen anzubieten. Die am besten angepassten Nachkommen überleben und der Zyklus beginnt von Neuem. So zumindest die grobe Theorie, die wir alle unter dem Begriff Evolutionstheorie kennen.

Die negativen Effekte des Altern setzen typischerweise ein, nachdem die fortpflanzungsfähige Phase zu Ende ist. Diese Zeitspanne bis zum Tod ist praktisch das schwarze Loch der Evolution. Wenn wir per Zufall eine Mutation in uns tragen, die uns extrem alt werden lässt, dann ist das der Natur ziemlich egal1. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass diese Mutation in einigen Generation entweder wieder verschwunden ist oder sich nicht ausbreitet. Denn diese Mutation hilft unseren Nachkommen nicht bei der Weitergabe ihrer Gene, denn ihre reproduktive Fitness bleibt unverändert. Während wir also im frühen Alter fit sind, schwenkt das Ganze in der zweiten Lebenshälfte um. Unser Körper verändert sich: Die Organe werden ineffizient, der Anteil des Körperfetts nimmt zu, unsere Zellen teilen sich zu selten und können geschädigtes Gewebe nicht mehr ersetzen und unsere Nervenzellen sterben oder “verkalken”.  Auf zellulärer Ebene ereignen sich Schäden an der DNA (die letztlich zu Krebs führen können), unlösliche Proteinaggregate bilden sich, Sauerstoffradikale greifen Moleküle an und die Mitochondrien (die Kraftwerke der Zellen) produzieren zu wenig Energie.

Einige Wissenschaftler waren von der Frage angetan, ob es möglich ist, den Alterungsprozess zu verlangsamen oder gar zu stoppen. Dies kann tiefgreifende Folgen für die Gesellschaft haben, denn wir werden zur Zeit von einer Welle von Krankheiten heimgesucht, die durch den Alterungsprozess stark begünstigt werden. Man denke nur an die vielen Demenz- und Herzkrankheiten. Auch Stoffwechselkrankheiten wie Diabetes stellen uns vor Herausforderungen. Diese Krankheiten verursachen oftmals Leid und stellen ein Problem für die Gesellschaft dar: Die Operationen oder die jahrelange Betreuung sind teuer und müssen finanziert werden – und das bei sich stark verändernder Alterspyramide! Können wir diese Bürde überwinden?

Altern

Gehen wir einmal hundert Jahre zurück: Wenn wir die damaligen Sterbegründe anschauen, so nehmen Infektionskrankheiten über fünfzig Prozent ein, Krebs und Herzkrankheiten magere zwanzig2. Heute sind Infektionskrankheiten in den Industrieländern gänzlich verschwunden, aber Krebs, Herzkrankheiten, Infarkte und Diabetes nehmen über sechzig Prozent ein3. In weniger als hundert Jahren haben wir es geschafft, das Sterben für den Menschen neu zu definieren. Was hält uns also davon ab, diese Verteilung in wenigen Jahrzehnten noch einmal neu zu formen?

Im ersten Beitrag dieser Serie werden zunächst einige grundlegende Netzwerke erklärt, die die molekulare Altersforschung revolutioniert haben. Der zweite Beitrag zeigt, wie Modellorganismen durch ihr Verhalten Mechanismen aktivieren können, die vor Krankheiten und dem Altern schützen. Der dritte Teil beschäftigt sich mit der Evolution der Langlebigkeit im Menschen. Zuletzt betrachten wir, wie die Zukunft des Alterns aussehen könnte. Es sei an dieser Stelle erwähnt, dass zwar vieles in Modellorganismen gezeigt wurde, Daten über Menschen fehlen jedoch oftmals oder sind unvollständig. Dennoch gehen viele Forscher davon aus, dass wir in einigen Jahren genug Informationen haben werden, um das Altern im Menschen in Angriff nehmen zu können. Dennoch wird dieser Beitrag mit einer gewissen Menge Science-Fiction versüsst.

In der Wissenschaft wird heftig darüber diskutiert, welches Beitrag unsere Gene zum Alterungsprozess leisten. Selbstverständlich ist Altern multifaktoriell. Unser Verhalten und unsere Lebensweise spielen eine grosse Rolle. Studien in Populationen mit einem extrem hohen Anteil an superalten Menschen (über hundert Jahre alt) deuten an, dass ein Beziehungsnetzwerk, gesunde Ernährung4, Bewegung und geistige Fitness extrem wichtig sind5.

Allerdings haben wir bisher noch keinen Menschen über längere Zeit mit einer Substanz behandelt, die das Leben effektiv verlängern kann. Wir wissen also nicht, welches Potential in unserem Körper schlummert, welches wir erst durch pharmakologische Manipulation hervorlocken können. Für diejenige, die sich nicht vorstellen können, extrem alt zu werden: Das Schöne an der Sache ist, dass superalte Menschen oftmals ziemlich robust sind – sie haben weder Krebs, Herzkrankheiten noch schwerwiegende Formen der Demenz. Sie sind also noch in der Lage, ihr Leben zu geniessen und sogar einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten. Möglicherweise hatten diese Menschen einfach extrem Glück, oder wir können ihnen tatsächlich in naher Zukunft nacheifern und unsere Gesundheitsstandards einmal mehr revolutionieren.

Serie: Die Abschaffung des Alterns?

  1. Die Abschaffung des Alterns? Einführung
  2. Wie Wurm, Fliege und Kollegen das Altern entschlüsseln

Fussnoten

[1] Mögliche Ausnahme: Das Studium von penibel geführten Kirchenbüchern in nordischen Ländern hat gezeigt, dass Enkel von der Präsenz ihrer Grosseltern profitieren. Die Grosseltern übernahmen einen wichtigen Teil in der Erziehung der Kinder, während sich die Eltern um andere Dinge (z.B. die Beschaffung der Nahrung) kümmern konnten. Dass sich Grosseltern um ihre Kindern kümmern, ist in der Natur aber ein eher seltener Fall. Möglicherweise ist der Mensch das einzige Wesen, dass tatsächlich einen Vorteil hat, wenn die Grosseltern extrem alt werden.[2] https://www.progenealogists.com/19thdeathrecords.htm[3] http://www.cell.com/trends/genetics/abstract/S0168-9525(13)00039-5

[4] Möglicherweise steckt in der Ernährung selbst schon eine Substanz, die vor dem Altern schützt. Zum Beispiel Resveratrol oder Polyphenole im Wein.

[5] http://www.ted.com/talks/dan_buettner_how_to_live_to_be_100