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Des Narren Lohn

on 19. Januar 2013

Kaum jemand mag es, mit den eigenen Fehlern konfrontiert zu werden. So meldet sich in Diskussionen mit anders Denkenden oft das eigene Ego defensiv zu Wort. Die Aussagen werden daraufhin ausweichend, abschätzig und der argumentative rote Faden geht verloren. Diese Reaktion und die ihr zugrunde liegende Haltung sind höchst irrational; sie schaden in erster Linie dem Diskussionsthema, nicht zuletzt aber auch uns selbst.

Es ist nicht der Irrtum, der uns zu Narren macht, sondern die Entscheidung, die Information über den Irrtum nicht zu unserem Vorteil zu nutzen.

Stellen Sie sich vor, Sie bringen zu den Treffen mit Ihren Freunden immer einen ganz bestimmten Weisswein mit. Sie sind der Überzeugung, dass Ihre Freunde sich darüber freuen und dass Sie genau das mitbringen, was gewünscht ist. Wie wäre es aber, wenn der Wein gar nicht den Wünschen Ihrer Freunde entspräche? Wäre es nicht gut, Ihre Freunde würden Ihnen das sagen? Natürlich, im ersten Moment wären Sie enttäuscht – vor allem, weil sie es schon immer so gemacht haben. Anstatt aber in beschämter Defensive zu verharren oder sich retrospektiv den Kopf zu zerbrechen, sollten Sie lieber beleuchten, welches Potential die Information über Ihren Irrtum in sich trägt; die Möglichkeit zu einem Update:

Die beschriebene Problematik findet sich in vielen anderen Situationen wieder, in denen schwerwiegendere Konsequenzen drohen. Rationalität stellt sich zusammen aus Entscheidungsfindung, Logik und Wahrscheinlichkeit. Selbst wenn wir unsere Entscheidungen nach logischen Kriterien treffen, ist es äusserst unwahrscheinlich, dass wir immer richtig liegen. Was sollten wir also – im Sinne eines rationalen Verhaltens – tun, wenn wir auf einen Irrtum hingewiesen werden? Es ist in jedem Fall vonnöten, die erhaltene Information zu prüfen und von der eigenen Position abzuweichen, wenn diese sich als irrtümlich herausstellt. Das Potential im Hinweis auf einen Irrtum liegt darin, dass uns die Möglichkeit geboten wird, uns zu verbessern. Es ist also das einzig Rationale, sich über den korrigierenden Hinweis zu freuen und das Update des eigenen Mindsets durchzuführen, wenn sich ein Irrtum als solcher erwiesen hat.

Warum sich aber darauf verlassen, dass andere einen auf Irrtümer hinweisen werden? Wäre das nicht zu passiv, zu riskant? Können wir diese Rolle nicht selbst übernehmen? Wer eigene Denkerfolge als Lichter in der Dunkelheit betrachtet, verwahrt  sie nur allzu gern und allzu schnell wie Trophäen auf dem Dachstock. Dort werden sie mit der Schutzdecke der Unantastbarkeit überstülpt. Doch was ist, wenn diese Lichter Trugbilder waren? Was, wenn sie in der Zwischenzeit erloschen sind? Es lohnt sich, den Dachstock unserer Denkerfolge zu erforschen, die Schutzdecke der Unantastbarkeit zu heben und zu schauen, ob noch alle Lichter brennen.

Im rasanten TED-Talk „Smart Failure for a Fast-changing World“ schildert Professor Eddie Obeng, britischer Autor und Seminarleiter, die Veränderungen hinsichtlich der Informationsmenge, -dichte und -geschwindigkeit, die wir in den letzten Jahrzehnten erlebt haben. Im Bezug auf Irrtümer spricht er von sogenannten klugen Fehlern. Kluge Fehler sind solche, die durch ein mutiges Verhalten in unbekanntem Gebiet entstehen. Der Talk ist ein Plädoyer für die Salonfähigkeit und Belohnung von klugen Fehlern in der Arbeitswelt, während Fehler in bekanntem Gebiet weiterhin zu vermeiden sind. In bekanntem Gebiet bekannte Methoden anzuwenden, scheint selektiv betrachtet oft erfolgreich, bringt jedoch nur selten langfristgen Fortschritt.

Being proven wrong is like winning the lottery.

Das Bestreben eines jeden Rationalisten sollte das stetige Ausloten der eigenen Position und die allfällige Anpassung des eigenen Mindsets sein. Denn das Update ist des – rationalen – Narren Lohn.