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Trügerisches Einheitsgrau: Der Grau-Fehlschluss

on 3. Januar 2013

Der Weltkluge: Die Welt ist nicht schwarz-weiss. Niemand tut nur Gutes oder nur Schlechtes. Alles ist grau. Deshalb sind niemandes Handlungen besser als die Handlungen irgendeines anderen.

Der Skeptiker: Du kennst nur Grau, aber daraus schlussfolgerst du, dass jedes Grau die gleiche Schattierung hat. Du belächelst die Naivität der zweifarbigen Schwarz-Weiss-Weltsicht, um sie dann durch eine einfarbige zu ersetzen.

Marc Stiegler, David’s Sling

Das Problem beim Grau-Fehlschluss liegt in der Ersetzung eines Zwei-Kategorien-Weltbildes (in schwarz und weiss) durch ein Ein-Kategorien-Weltbild (in Einheitsgrau). Den Grau-Fehlschluss begeht man oft, wenn man sich entscheiden muss, ob eine Handlungsoption im Gegensatz zu den vorhandenen Handlungsalternativen richtig oder falsch, besser oder schlechter ist. Stellt sich dies als schwierig heraus, so tendieren wir dazu, zu sagen, dass keine Handlung 100% richtig (weiss) und keine 100% falsch (schwarz) sei und dass folglich alles gleichermassen unsicher sei (Einheitsgrau). Also komme es nicht darauf an, welche Handlung man letztlich ausführe.

Weiter tritt der Grau-Fehlschluss auch oft in Diskussionen auf, in denen zwei Diskussionspartner gegenteilige Ansichten vertreten, die angeführten Argumente aber deutlicher für eine Seite als für die andere sprechen. Für die unterlegene Person scheint es dann vorteilhaft, wenigstens auf ein Unentschieden zu pochen, statt ihre Meinung der Faktenlage anpassen zu müssen. Sie weist also auf ein paar kleine Unsicherheiten im Evidenzmaterial des anderen hin, übertreibt sie und stellt schliesslich fest, dass keine Positionen zweifelsfrei bewiesen (weiss) oder absolut sicher widerlegt (schwarz) werden kann. Daraus leitet sie dann fälschlicherweise ab, dass beide gleich wahrscheinlich sind und nicht entschieden werden kann, welche Ansicht besser belegt sei (Einheitsgrau).

Quantitativ-probabilistisches Denken

Hilfreicher wäre es aber, die Weltbildoptionen als Kontinuum zu sehen, indem zwischen die praktisch kaum erreichbaren 100- bzw. 0-Prozent-Gewissheiten ein grosses Spektrum an Graustufen gelegt wird. Wenn also etwas nicht dem einen oder dem anderen Extrem zugeschrieben werden kann, so ist es trotzdem meistens möglich, anhand der vorhandenen Daten die Wahrscheinlichkeit zweier unterschiedlicher Hypothesen auf dem Kontinuum relativ zueinander zu verorten und anzugeben, welche Hypothese angesichts der vorliegenden Evidenz wahrscheinlicher ist.

Der Wahrheitsgehalt der Aussagen “Der Mond besteht aus Kräuterkäse” und “Die Sonne besteht hauptsächlich aus Wasserstoff und Helium” ist in beiden Fällen unsicher, aber nicht in demselben Grad.

Als die Menschen dachten, die Erde sei flach, lagen sie falsch. Als die Menschen dachten, die Erde sei kugelförmig, lagen sie falsch. Doch wenn du denkst, dass zu denken, dass die Erde kugelförmig ist, gleich falsch ist wie zu denken, dass die Erde flach ist, dann ist deine Ansicht falscher als beides zusammen.

Isaac Asimov, The Relativity of Wrong

Quantitativ-probabilistische Überlegungen vermindern das Denken in abgeschlossenen Kategorien. Denkvorgänge und Handlungen sollten bestmöglich ihrem Effekt nach gemessen und beurteilt werden. In gewissen Lebensbereichen erscheint es uns logisch, quantitativ zu denken. Wenn ein Firmenbesitzer z.B. eine Arbeitskraft einstellt, legt er grossen Wert darauf, die beste verfügbare Wahl zu treffen. Innerhalb der Kategorie “Arbeitnehmerwahl” quantifiziert der Firmenbesitzer und vergleicht verschiedene mögliche Arbeitnehmer miteinander. In anderen Bereichen hingegen denken viele Menschen nicht quantitativ.

„Hauptsache, man spendet überhaupt.“
Dieses Kredo ist weit verbreitet und einer der Bereiche, in welchem selten quantitativ entschieden wird. Spendet jemand Geld für einen guten Zweck, so ist dies lobenswert und ein erster Schritt. Doch genauso wichtig wie die Entscheidung, überhaupt eine Geldmenge zu spenden, ist auch die Entscheidung, nach welchen Kriterien an welche Organisation diese geht. Hier rational zu entscheiden, kann viel bewirken und über Leben und Tod entscheiden. Quantifizierungen im Zuge einer Evaluation von Hilfsorganisationen haben gezeigt, dass eine Spende an die kosteneffektivste Stelle mehr als 1000-mal soviel bewirken kann wie dieselbe Spendensumme an eine ineffektive.

Freier & klarer denken

Dank der Kognitionspsychologie wissen wir heute, dass unser Gehirn einige suboptimale Abkürzungen im Denken verfolgt, welche sich in systematischen Denkfehlern, sogenannten kognitiven Biases, äussern. Lange Bias-Listen halten uns unsere eigene Fehlbarkeit vor Augen und man könnte meinen, es sei unmöglich, sich all dieser Biases bewusst zu werden und sie sich abzugewöhnen. Doch das sollte uns nicht davon abhalten, uns möglichst viele Biases klarzumachen und uns von möglichst vielen zu befreien. Selbst wenn es uns nicht gelingt, alle Biases komplett zu eliminieren, lohnt es sich doch, ihre Anzahl in unserem Denken zu verkleinern. Letztlich stellt jeder einzelne Bias, den wir loswerden können, eine Verbesserung hin zu klarerem Denkvermögen dar – das zu einem wahrscheinlicher wahren Weltbild und zu wahrscheinlicherer Zielerreichung führt. Es lohnt sich also auch hier, quantitativ zu denken. Und wenn wir von Mitmenschen auf verbleibende Biases oder falsche Weltsichten aufmerksam gemacht werden, sollten wir ehrlich mit uns selbst sein und nicht der Einheitsgrau-Strategie verfallen, um mit ihr auf argumentatives Unentschieden pochen. Wenn ich in einer meiner Weltsichten irre, kann ich ohnehin nur gewinnen, wenn ich mir dessen bewusst werde. Denn jeder eliminierte Fehler macht es wahrscheinlicher, dass mein Weltbild korrekt ist und dass ich aufgrund dieser korrekten Information über die Welt meine Ziele in der Welt erreichen werde.
Auch wenn es kein Schwarz und kein Weiss gibt, so gibt es doch hellere und dunklere Graustufen, an denen wir unsere Überzeugungen ausrichten sollten. Den Grau-Fehlschluss nicht zu begehen, heisst, den Erkenntnisgewinn nicht aufzugeben, sondern ihn graduell zu optimieren.

Quellenangabe
Yudkowsky, E. (2008). The Fallacy of Gray. LessWrong (3.1.2013).