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Der Fehlschluss der Atypikalität – Das schlechteste Argument der Welt?

on 31. Dezember 2013

David Stove veranstaltete einmal einen Wettbewerb, um das schlechteste Argument der Welt zu finden, aber er verlieh die Auszeichnung seinem eigenen Vorschlag, der obendrein seine eigenen Ansichten befürwortete. Die ganze Angelegenheit war also kein besonders objektiver Prozess. Wenn Stove das schlechteste Argument küren kann, dann kann ich das auch. Das schlechteste Argument der Welt lautet: „X befindet sich in einer Kategorie dessen prototypisches Element in uns eine bestimmte Emotion hervorruft. Deshalb sollten wir dieselbe Emotion auf X anwenden, auch wenn X ein atypisches Element der Kategorie ist.“

Nennen wir dies den Fehlschluss der Atypikalität. So ausgedrückt klingt das Ganze ziemlich dumm. Begeht diesen Fehlschluss überhaupt irgendjemand?

Der Fehlschluss klingt nur dumm, weil wir noch nüchtern über Kategorien und Eigenschaften reden. Sobald normale Wörter ins Spiel kommen, wird er derart überzeugend, dass viele, wenn nicht sogar die meisten aller schlechten Argumente in Politik und Philosophie auf die ein oder andere Weise einen Fehlschluss der Atypikalität darstellen. Aber betrachten wir zunächst ein einfacheres Beispiel.

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Angenommen jemand will zu Ehren Martin Luther Kings eine Statue errichten, um ihn so für seine Verdienste im gewaltlosen Widerstand gegen den Rassismus auszuzeichnen. Ein Kontrahent, der gegen den Bau der Statue ist, wirft ein: „Aber Martin Luther King war ein Krimineller!“

Jede Historikerin kann dies bestätigen. Rein fachlich betrachtet ist ein Krimineller jemand, der das Gesetz bricht, und King verstiess in der Tat wissentlich gegen ein Gesetz. Jenes nämlich, welches friedfertige Proteste gegen Rassentrennungen verbot.

Aber Martin Luther King war kein typischer Krimineller. Der prototypische Kriminelle ist ein Dieb oder ein Bankräuber.

Gier ist sein Antrieb, unschuldig seine Opfer und verheerend die Auswirkungen seiner Taten auf den Zusammenhalt der Gesellschaft. Da wir diese Dinge verurteilen, haben wir von einer Person natürlicherweise eine schlechtere Meinung, sobald wir erfahren, dass sie ein Krimineller ist.

Der Kontrahent sagt in etwa „Weil du Kriminelle verurteilst, und Martin Luther King ein Krimineller war, solltest du Martin Luther King ebenfalls verurteilen.“ Aber King war nicht habgierig und beutete keine Unschuldigen aus. Er wies nicht jene zentrale Eigenschaften eines typischen Kriminellen auf, aufgrund derer wir Kriminelle überhaupt erst geringschätzen. Daher gibt es keinen Grund, King gering zu schätzen, auch wenn er ein Krimineller war.

So dargestellt hört sich das alles logisch und überzeugend an. Unglücklicherweise ist dies unseren Instinkten gänzlich entgegengesetzt, denn im wirklichen Leben haben wir den starken Drang zu erwidern: „Martin Luther King ein Krimineller? Auf gar keinen Fall! Nimm das zurück!“ Deshalb ist der Fehlschluss der Atypikalität so erfolgreich. Sobald Sie dies tun, sind Sie in die Falle Ihres Gegners geraten. Es geht nicht mehr um die Vor- und Nachteile des Baus einer Statue; es geht darum, ob Martin Luther King ein Krimineller war. Da er einer war, haben Sie das Argument soeben verloren.

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Idealerweise sollten Sie einfach sagen können, dass King zwar ein Krimineller war, dass er aber ein „Krimineller von der guten Sorte“ war. Aber das mitten in einer Diskussion zu erläutern scheint wenig erfolgsversprechend. Und in manchen Fällen, in denen der Fehlschluss der Atypikalität für gewöhnlich zum Einsatz kommt, mag es sogar noch schwieriger sein.

Konkrete Beispiele

Im Folgenden seien einige dieser Fälle angeführt. Viele davon sind politisch1, was aus didaktischer Sicht suboptimal ist, aber es ist schwierig ein schlechtes Argument nur rein abstrakt und getrennt von konkreten Verwendungen zu analysieren. Die Beispiele sollen nicht andeuten, dass die Position abwegig ist, die durch das jeweilige Argument unterstützt wird. Ich will lediglich zeigen, dass einzelne Argumente mit gravierenden Mängeln behaftet sind.

„Abtreibung ist Mord!

Charles Manson bricht in Ihr Haus ein und erschiesst Sie. Dies wäre ein archetypischer Mord. Diese Art von Mord ist schlecht aus vielerlei Gründen: Sie bevorzugen es, nicht zu sterben; verschiedene Ihrer Hoffnungen und Träume blieben auf ewig unerfüllt; Ihre Familie und Freunde wären todunglücklich; und der Rest der Gesellschaft müsste in Angst leben bis Manson gefangen genommen wird.

Wenn man Mord als „Töten eines anderen menschlichen Wesens“ definiert, ist Abtreibung eigentlich Mord. Aber Abtreibung hat keine der Nachteile eines Mordes nach Manson-Art. Sicherlich, es mag so manche Gründe geben, welche sich gegen die Abtreibung ins Felde führen liessen. Doch der Ausdruck „Abtreibung ist Mord“ lädt dazu ein, Emotionen, welche durch einen grausamen Mord nach Manson-Art hervorgerufen werden, direkt auf eine Abtreibung anzuwenden. Aber einer normalen Abtreibung fehlen genau diejenigen Eigenschaften, aufgrund derer wir einen Mord überhaupt erst mit negativen Emotionen assoziieren2.

„Die Heilung von Krankheiten durch Gentechnik ist Eugenik!“

Ok, jetzt haben Sie mich erwischt. Da Eugenik das „Verbessern des Genpools“ bedeutet, ist diese Aussage offensichtlich richtig. Aber was ist eigentlich so schlimm an Eugenik? „Was schlimm an Eugenik ist? Hitler betrieb Eugenik! Die ganzen unmoralischen Wissenschaftler in den 1950er Jahren, die afroamerikanische Frauen ohne deren Einwilligung sterilisiert haben, betrieben auch Eugenik!“ – „Und was spricht nun gegen die Taten Hitlers und dieser unmoralischen Wissenschaftler?“ – „Was dagegen spricht? Sind Sie wahnsinnig? Hitler hat Millionen von Menschen umgebracht! Diese Wissenschaftler haben die Leben zahlloser Menschen ruiniert!“ – „Und das Heilen von Krankheiten durch Gentechnik führt auch dazu, dass Millionen von Menschen sterben und die Leben zahlloser Menschen ruiniert werden?“ – „Naja…nicht wirklich.“ – „Was spricht dann dagegen?“ – „Es ist Eugenik!“

„Evolutionäre Psychologie ist sexistisch!“

Wenn man Theorien, welche Unterschiede zwischen den Geschlechtern postulieren, als „sexistisch“ definiert, stimmt diese Aussage zumindest für einige Bereiche der evolutionären Psychologie. Zum Beispiel gilt dem Bateman-Prinzip zufolge, dass Männchen mehr um die Gunst der Weibchen konkurrieren als umgekehrt, falls die Weibchen dieser Spezies mehr Energie in die Nachkommen investieren. Dies setzt natürliche Differenzen zwischen den Geschlechtern voraus. „Aha, Sie gestehen also ein, dass die Theorie sexistisch ist!“ – „Und warum genau ist Sexismus noch einmal schlecht?“ – „Weil Sexismus behauptet, dass Frauen inhärent schlechter sind als Männer und weniger Rechte haben sollten!“ – „Folgt aus dem Bateman-Prinzip also auch, dass Frauen schlechter als Männer sind und weniger Rechte haben sollten?“ – „Naja…nicht wirklich.“ – „Aber was ist dann falsch daran?“ – „Es ist sexistisch!“

Ein zweiter, subtilerer Gebrauch des Fehlschlusses der Atypikalität verhält sich ungefähr folgendermassen: „X ist in einer Kategorie dessen prototypisches Element in uns eine emotionale Reaktion hervorruft. Daher sollten wir dieselbe emotionale Reaktion auf X anwenden, selbst wenn X mehr Vor- als Nachteile mit sich bringt.“

„Todesstrafe ist Mord!“

Mord im Stile von Charles Manson ist grausam und hat keinerlei Vorteile, die die Nachteile aufwiegen könnten, weshalb diese Art von Mord sehr starke negative Gefühle evoziert. Die Befürworter der Todesstrafe glauben, dass sie die Kriminalität reduziere oder andere Vorteile aufweise. Anders formuliert glauben sie, dass die Todesstrafe „ein Mord der guten Sorte“3 sei. Also ähnlich wie das einführende Beispiel, welches zu dem Schluss kam, dass Martin Luther King „ein Krimineller der guten Sorte“ sei. Aber normaler Mord ist derart verpönt, dass es wirklich schwierig ist, die Wendung „Mord der guten Sorte“ ernst zu nehmen, geschweige denn sie in einer hitzigen Diskussion zu gebrauchen. Denn das blosse Äussern des Wortes „Mord“ kann negative Emotionen in derselben Intensität wie unser Charles Manson Beispiel hervorrufen. (Nebenbei: Aus der Tatsache, dass „Todesstrafe ist Mord!“ ein schlechtes Argument gegen die Todesstrafe ist, folgt natürlich nicht, dass es keine guten Argumente gegen sie gibt.)

„Steuern sind Diebstahl!“

Wenn man Diebstahl als „Geld von jemand anderem ohne deren Einwilligung wegnehmen“ definiert, mag das wohl stimmen. Aber ein typischer Fall von Diebstahl — wie beispielsweise in jemandes Haus einbrechen und alle Juwelen stehlen — hat eigentlich nur Nachteile. Normaler Diebstahl ist ungerecht und schadet der Gesellschaft. Es lässt sich argumentieren, dass Steuern auch in einem gewissen Sinne ungerecht sind, da Menschen, die hart für ihr Geld gearbeitet haben, dieses an Andere abgeben müssen. Aber die Etablierung einer Regierung, welche durch Steuern ja erst möglich wird, ist ein unbestreitbarer Vorteil von Steuern und mag wichtiger sein, als dass niemand Geld an die Allgemeinheit abgeben muss. Die Frage ist, ob die Vorteile die Nachteile überwiegen. Deshalb sollte man Steuern nicht einfach ablehnen, nur weil man Diebstahl im Allgemeinen verurteilt. Man müsste ebenfalls zeigen, dass die Vorteile dieser bestimmten Form von Diebstahl deren Nachteile nicht überwiegen.

„Förderungsmassnahmen zugunsten von Minderheiten sind rassistisch!“

Wenn man Rassismus als „bestimmte Menschen aufgrund ihrer Rasse bevorzugen“ definiert, mag dies der Wahrheit entsprechen, aber wieder muss festgehalten werden, dass unsere unmittelbare negative Reaktion auf das archetypische Beispiel von Rassismus, wie z.B. den Ku Klux Klan, nicht auf unsere Reaktion gegenüber Förderungsmassnahmen zugunsten von Minderheiten verallgemeinert werden sollte. Ehe wir verallgemeinern, müssen wir zuerst überprüfen, dass die Probleme, aufgrund derer wir den Ku Klux Klan verurteilen — Gewalt, Erniedrigung, Uneinigkeit, Ungerechtigkeit — auch auf Förderungsmassnahmen zugunsten von Minderheiten zutreffen. Und selbst wenn wir einige dieser problematischen Eigenschaften auch hier finden, wie beispielsweise mangelnde Berücksichtigung meritokratischer Prinzipien, müsste man auch hier zunächst zeigen, dass die Nachteile dieser Politik deren Vorteile überwiegen.

In der Praxis

In hitzigen und temporeichen Wortgefechten kann es dennoch nützlich sein, zu behaupten, dass „Abtreibung kein Mord ist!“ Denn stellen Sie sich vor, Sie würden in einer Diskussion im Debattierclub verlauten lassen, dass „Abtreibung Mord ist, aber trotzdem gut“. Denn nun kann die Gegenseite einfach entgegnen: „Unser werter Opponent denkt anscheinend, dass Mord gut sein kann; wir hingegen beziehen tapfer Stellung und lehnen jegliche Form von Mord ab.“ Und damit haben Sie eigentlich auch schon verloren, denn Ihnen wird wahrscheinlich nicht die Zeit bleiben, Ihrem Widersacher und dem Publikum Ihre Position und den Fehlschluss der Atypikalität en détail zu erläutern. Ähnliches gilt auch für Diskussionen im Alltag, wo Zeit und Motivation häufig ebenfalls begrenzt sind. Aber falls die Umstände intellektuelle Redlichkeit und philosophische Klarheit erlauben, täten Sie gut daran, oberflächlicher Rhetorik abzuschwören und den Dingen auf den Grund zu gehen.

Es mag Fälle geben, in denen obiges Argumentationsmuster nützlich ist. Sie könnten beispielsweise versuchen eine Diskussion zu entfachen, indem Sie mögliche Widersprüche in der Position Ihres Gegners aufzeigen: „Hast du bemerkt, dass Steuern wirklich einige Eigenschaften von typischem Diebstahl aufweisen? Vielleicht hast du noch nie wirklich darüber nachgedacht? Warum sind deine moralischen Intuitionen in diesen beiden Fällen unterschiedlich?“ Aber sobald Ihr Gegenspieler erwidert, dass er ihre Einwände bedacht hat und sich seiner Meinung nach die beiden Fälle hinsichtlich X, Y, und Z unterscheiden, sollte die Unterhaltung fortschreiten; es macht wenig Sinn weiterhin stumpfsinnig zu insistieren: „Aber es ist Diebstahl!“

Meiner Ansicht nach läuft der Fehlschluss der Atypikalität in den meisten Fällen jedoch auf emotionale Manipulation hinaus. Menschen empfinden Wörter automatisch als ewig währendes, monolithisches Ganzes, über-generalisieren folglich die mit einem Wort assoziierten Emotionen, und wenden diese auf alle mit diesem Wort bezeichneten Dinge an. Deshalb sitzen Sie in der Falle, sobald ihr Diskussionspartner Martin Luther King einen „Kriminellen“ nennt. Ihnen wird in den meisten Fällen die Zeit fehlen, zu erwidern, dass Martin Luther King ein „Krimineller der guten Sorte“ sei und daraufhin lang und ausgiebig zu erklären, was Sie damit eigentlich meinen. Sie wurden gezwungen, das archetypische Beispiel des Wortes als Ausgangspunkt der Diskussion zu verwenden und genau die entscheidenden Informationen zu ignorieren.

Und deshalb ist der Fehlschluss der Atypikalität das schlechteste Argument der Welt.

Fussnoten

  1. Es wurden absichtlich drei progressive und drei konservative Beispiele angeführt, um dem geneigten Leser zu ersparen, diese zusammenzuzählen und über die ideologische Gesinnung des Autors zu spekulieren.
  2. Dies sollte von deontologischen Theorien unterschieden werden, denen zufolge Mord immer moralisch verwerflich ist und dies durch ein beweisbares moralisches Prinzip begründet werden kann. Ich glaube nicht, dass diese Anmerkung wirklich wichtig ist, weil nur sehr wenige Menschen überhaupt so weit vorausdenken. Zudem stellt — meiner zugestandenermassen umstrittenen Meinung zufolge — der Grossteil deontologischer Theorien eigentlich nur den Versuch dar, den Fehlschluss der Atypikalität zu formalisieren und zu rechtfertigen.
  3. Manche Leute „lösen“ dieses Problem, indem sie Mord als „ungesetzliches Töten“ definieren. Das ist in etwa genauso kreativ wie „Krimineller“ als „eine Person, die das Gesetz bricht und nicht Martin Luther King ist“ umzudefinieren.