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Das Problem mit der Natürlichkeit

on 22. Oktober 2013

Als veganer Medizinstudent gehören Diskussionen mit Bekannten und Unbekannten bei mir zur Tagesordnung. Ob es denn überhaupt möglich sei, ohne Fleisch und Milch zu überleben.

Und als medizinstudierender Veganer habe ich häufig eine andere Sicht auf gesundheitliche Themen als mein Gegenüber am veganen Stammtisch. Nicht selten geht es dabei um die Sinnhaftigkeit von Supplementen.

Im Grossen und Ganzen verlaufen diese Diskussionen sehr unterschiedlich. Eine Gemeinsamkeit teilen sie sich jedoch:

Das ist doch nicht natürlich!

Von Nicht-Veganen hört man oft, dass unsere Vorfahren schon Fleisch gegessen haben. Es sei deshalb natürlich. „Natürlich“ wird dabei mit gut oder notwendig gleichgesetzt. Kein Fleisch zu essen, ist nach dieser Logik unnatürlich und damit schlecht. Das Konzept hinter der Idee ist in der Regel der Mensch als biologische Maschine: Im Laufe der Evolution hat sich unser Körper seiner Umgebung angepasst. Die Idee: Weil es uns gelang, die natürliche Auslese weitgehend auszuschalten, sind unsere Gene irgendwann „stehengeblieben“. Nach dieser Theorie sind unsere Körper also noch auf dem Stand von vor mehreren tausend Jahren. Wobei das in der Regel nur für den Verdauungstrakt als wichtig erachtet wird. Dass vor 10‘000 Jahren kein Mensch ein Fahrrad benutzt hat, wird in der Regel nicht als Argument gegen Fahrräder akzeptiert. Obwohl das Bewegungsprofil beim Fahrradfahren äusserst „unnatürlich“ ist.

Schwierig ist es auch, den Zeitpunkt zu bestimmen, an welchem die Ernährung noch “natürlich” gewesen sein soll. In der Regel wird sich auf die Steinzeit bezogen, also auf die Zeit der Jäger- und SammlerInnen. Dass damals noch praktisch keine Milch konsumiert wurde, diese also “unnatürlich” ist, wird dabei grosszügig ignoriert. Die Milch ist auch ein gutes Beispiel dafür, dass unser Körper nicht vor ein paar tausend Jahren stehen geblieben ist. Damals lag vermutlich bei der gesamten erwachsenen Bevölkerung eine Laktoseunverträglichkeit vor, heutzutage bewegen sich in Europa die Zahlen noch zwischen 0 und 20 %.

Wie entscheiden wir also, welcher unserer Vorfahren noch „natürlich“ lebte? Oder auf die Zukunft bezogen: Wie lange muss eine Gesellschaft sich vegan ernähren, bis es “natürlich” ist? Es ist offensichtlich, dass es darauf keine (kluge) Antwort gibt. Jede Generation lebt in ihrer eigenen Zeit und unter anderen Umständen. Wir sollten das tun, was wir für richtig halten, nicht was unsere Vorfahren für richtig hielten, und uns weniger Gedanken darüber machen, was wir vor mehreren tausend Jahren gemacht hätten.

Was ist an der veganen Ernährung unnatürlich? Häufig wird Vitamin B12-Zufuhr erwähnt, da es in pflanzlichen Nahrungsmitteln nicht enthalten ist. Persönlich empfehle ich die Verwendung von hochdosierten Supplementen, sie sind meiner Meinung nach die sicherste, unkomplizierteste und kostengünstigste Methode. Natürlich kann man auch die angereicherte Zahnpasta verwenden oder angereicherte Produkte zu sich nehmen. Hergestellt und zugeführt wird das Vitamin bei allen Produkten auf die selbe Art und Weise. Diese Varianten haben aber noch etwas gemeinsam: sie sind in den Augen vieler „nicht natürlich“. Doch das Vitamin B12, das sich in den Mägen von Kühen findet, ist dasselbe Molekül wie jenes in Sprays oder Corn Flakes. Für die Bakterien, die das Vitamin produzieren, spielt es keine Rolle, ob sie sich im Verdauungstrakt einer Kuh oder einem sterilen Container befinden. Das Ergebnis ist dasselbe. Der Unterschied ist nur, dass bei einer Variante der Mensch den Prozess seinen Bedürfnissen angepasst hat.

Auch viele Vegane haben einen Natur-Bias. Im Zusammenhang von B12 zeigt er sich am Beispiel von Spirulina. Spirulina ist ein Bakterium, das früher fälschlicherweise als Alge eingestuft wurde und eine Form von Vitamin B12 produziert, die von Menschen vermutlich nicht genutzt werden kann. Es gilt deshalb nicht als sichere Quelle zur Bedarfsdeckung. Aber: Viele Vegane sehen darin eine „natürliche Alternative“. Weshalb? Spielt es eine Rolle, ob Bakterien in einem Becken kultiviert und in Pulverform verkauft werden, oder ob Bakterien in einem Becken kultiviert und das gewünschte Endprodukt herausgefiltert wird?

Auch in diesem Fall wird der Anspruch an Natürlichkeit nur an ausgewählte Lebensbereiche gestellt. Ein weiteres: Unser Gemüse gilt nicht als unnatürlich, es sei denn es ist genmanipuliert. Dabei hat unser Gemüse praktisch nichts mehr zu tun mit den Wildformen von Tomaten und Kartoffeln. Über Generationen hinweg wurden durch gezielte Auslese die Eigenschaften bevorzugt, die uns gelegen kommen. Die Natur hat nichts von süssen Karotten oder Kartoffeln mit tiefem Solaningehalt. Wir schon. Dabei ist Zucht nichts anderes als Genmanipulation durch den Menschen. Die Wildbane (Bild) haben wir durch diese indirekte Gentechnik (Züchtung) massiv verändert – und verbessert. Auch hier stellt sich also die Frage nach dem Zeitpunkt: Wie können wir definieren, ab welcher Züchtungsstufe unsere Nahrungsmittel nicht mehr natürlich waren?

Dabei ist es nicht so, dass ich das Bedürfnis nach frischem Gemüse aus einem lokalen Garten nicht nachvollziehen könnte. Selbstverständlich schätze ich selbstgekochtes Essen mehr als Fertiggerichte. Auch mich reizt die Vorstellung, nicht auf Supplemente angewiesen zu sein. Aber seine eigene Gesundheit zu riskieren oder Umwelt und Tiere zu opfern für eine Definition von Natürlichkeit, die eigentlich keinen Sinn ergibt?

Vielleicht hätten wir mehr Energie und Zeit für wichtigere Dinge, wenn wir akzeptieren würden, dass Natürlichkeit nichts ist, das wir jemals hätten verlieren können.

Dieser Artikel wurde ursprünglich bei Vegane Gesellschaft Schweiz publiziert.