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Das gute Leben tout court

on 8. Juni 2014

Wenn ich unspezifiziert und allgemein nach dem „guten Leben“ frage – d.h. nicht etwa nach dem guten Leben für mich selbst, sondern nach dem guten Leben tout court –, dann frage ich nach einer Antwort, die einer möglichst objektiven Sicht der Dinge genügen soll: Wie sieht ein Leben in dieser Welt aus, das – insgesamt, umfassend, objektiv betrachtet – möglichst gut ist?

Das Gesamtwohl in der Welt

Mir scheint, Dinge können für mich deshalb gut/schlecht sein, weil ich ein Wesen bin, das Glück/Leid empfinden kann oder das Wünsche hat, die erfüllt/unerfüllt sein können. Wäre „ich“ weder empfindungsfähig noch Träger von Wünschen, wäre ich in relevanter Hinsicht z.B. einem Stein gleich: Nichts könnte für mich gut/schlecht sein und es wäre hinsichtlich des Guten/Schlechten in der Welt gänzlich irrelevant, was mit „mir“ geschähe.

Trifft dies zu, dann ist es plausibel, das Gute in der Welt für eine Funktion dessen (und nur dessen) zu halten, wie gut es allen jemals existierenden Empfindungs- bzw. Wunschträgern in der Welt zusammen ergeht. Dazu gehören neben Menschen auch viele nicht-menschliche Tiere und in Zukunft vielleicht auch Roboter.

Die Argumentation muss an dieser Stelle skizzenhaft bleiben, doch wenn ich vor diesem Hintergrund möglichst objektiv beurteilen will, wie gut mein Leben ist, dann liegt es nahe, diese Frage wie folgt zu explizieren: Welchen Beitrag leistet mein Leben (nicht) zum Guten in der Welt, d.h. zum Wohl aller Empfindungs- und Wunschträger, die jemals existieren werden?

Überforderung ist unser Problem

Gegen dieses konsequentialistische Verständnis des guten Lebens wird oft eingewandt, es überfordere uns und könne daher nicht angemessen sein: Es kann nicht sein, dass wir unser ganzes Leben im Sinne einer bessern Welt einsetzen müssen, um gut zu leben. Doch dieser Einwand scheint ungültig: Aus der Tatsache, dass uns die Konklusion eines Arguments nicht gefällt (z.B. weil sie die Menschen bzw. Menschenhirne, die wir sind, überfordert), folgt nicht, dass das Argument fehlerhaft ist. Aufgrund unserer evolutionären Entstehung ist eine gewisse Überforderung auch zu erwarten: Weder biologisch noch kulturell wurden wir bis anhin dafür optimiert, das Gute in der Welt zu maximieren. Das ist nicht das Problem einer Ethik, die sich am Guten in der Welt orientiert. Es ist unser Problem. Es ist kein Einwand gegen den Konsequentialismus, sondern ein Einwand gegen unsere aktuelle kognitiv-psychische Konstitution, die sich durch das, was gut ist, überfordert fühlt.

Tun = Unterlassen?

Im Folgenden ein Argument, das uns motivieren kann, ein gutes Leben tout court anzustreben. Die Prämisse, dass es hochproblematisch ist, andere aus Eigennutz aktiv zu schädigen – sie etwa zu töten –, ist breit akzeptiert. Umstrittener hingegen ist die Frage, ob es ebenso problematisch ist, andere sterben zu lassen, d.h. ihnen nicht zu helfen, obwohl wir könnten.

Stellen wir uns dazu einen Schalter A vor, den wir betätigen können und der Folgendes bewirkt: Wir erhalten 2000 Franken; und ein Mensch leidet stark und stirbt, der ansonsten weitergelebt hätte. Kaum jemand würde bestreiten, dass wir es unterlassen sollten, einen solchen Knopf zu drücken. Wie können wir die Entscheidsituation analysieren, in der wir uns hier befinden? Wir wählen zwischen zwei künftigen Weltverläufen: In Welt_1 habe ich 2000 Franken und damit etwas Luxus mehr und ein Mensch leidet und stirbt; in Welt_2 habe ich 2000 weniger (als ich ansonsten gehabt hätte) und einem Menschen werden Leid und früher Tod erspart. Wir entscheiden uns für Welt_2, weil wir (zu Recht) urteilen, dass der Schaden, der uns durch den ausbleibenden 2000-Franken-Luxus erwächst, viel geringer ist als der Schaden, der ansonsten einem anderen Menschen widerführe.

Betrachten wir nun einen zweiten Schalter B: Betätigen wir ihn, wird unser Bankkonto-Stand um 2000 Franken reduziert, der Betrag wird einem effektiven Hilfswerk zugeführt und einem Menschen werden Leid und früher Tod erspart. Viele behaupten, es sei bedeutend weniger schlimm, Schalter B nicht zu betätigen, als Schalter A zu betätigen. Doch was rechtfertigt diese Behauptung? (Die Wishful-Thinking-Gefahr ist angesichts der lebenspraktischen Konsequenzen, die auf dem Spiel stehen, hier natürlich besonders gross.) Sieht die Analyse der Entscheidsituation bei Schalter B nicht gleich aus? Wiederum kann ich wählen zwischen einer Welt_1, in der ich 2000 Franken mehr habe und ein Mensch leidet und früh stirbt; und einer Welt_2, in der ich 2000 Franken weniger habe und einem Menschen die genannten Schäden erspart bleiben.

Wenn es mir bei Schalter A damit ernst war, dass ein bei mir ausbleibender 2000-Franken-Luxus viel weniger ins Gewicht fällt als das Leid und der frühe Tod eines anderen Menschen, dann gibt es bei Schalter B nur eine rationale Wahl: Ich muss ihn betätigen.

Wir können hunderte Menschenleben retten

Schalter B ist real, ja alltäglich. Wer hierzulande durchschnittlich verdient, kann monatlich 2000 Franken spenden, gehört damit immer noch zu den reichsten Menschen, die jemals auf diesem Planeten existierten. (Leute mit akademischem Abschluss verdienen meist überdurchschnittlich gut.) Oder zumindest jeden zweiten oder dritten Monat. Wissenschaftliche Hilfswerk-Evaluatoren wie etwa GiveWell weisen empirisch nach, dass ca. 2000 Franken – in die kosteneffektivsten, verfügbaren Interventionen investiert – in der Tat ein Menschenleben zu retten vermögen. Daraus folgt: Wenn wir hierzulande durchschnittlich verdienen und um die 10% spenden können, verfügen wir über die Macht, im Laufe unseres Lebens dutzende, ja hunderte Menschenleben zu retten – oder nicht.

 

Quellenangabe: 
Dieser Artikel wurde ursprünglich bei philosophie.ch publiziert.
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