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Opinion

Aber möglich ist es trotzdem, nicht?

on 22. November 2013

Vor einigen Jahren äusserte eine Person im Gespräch, dass sie nicht an die Evolutionstheorie glaube. Darauf entgegnete ich

Wir sind nicht mehr im 19. Jahrhundert. Als Darwin zum ersten Mal die Evolutionstheorie vorschlug, mag es vernünftig gewesen sein daran zu zweifeln. Aber nun schreiben wir das 21. Jahrhundert. Wir können Gene lesen. Menschen und Schimpansen teilen 98% ihrer DNA. Wir wissen, dass Menschen und Schimpansen verwandt sind. Es ist aus.

und es entstand folgender kurze Wortwechsel

Vielleicht ist es ja Zufall, dass die DNA so ähnlich ist.

Diese Wahrscheinlichkeit dürfte bei etwa 2^750’000’000 zu eins liegen.

Aber die Möglichkeit besteht doch noch, oder?

Nun gibt es einige Gründe, wieso ich keinen vollständigen moralischen Sieg meines damaligen Ichs beanspruchen kann. Zum einen kann ich mich nicht erinnern, woher ich die erwähnte Wahrscheinlichkeit habe, wobei es auf die richtige Meta-Grössenordnung treffen dürfte. Zum anderen verwendete ich damals nicht das Konzept des justierten Gewissheitsgrades. In der gesamten Geschichte der Menschheit, in der die Wahrscheinlichkeit von 2^(750’000’000):1 gegen etwas berechnet wurde, lagen die Menschen unumstritten mehr als einmal in 2^(750’000’000) falsch.  Zum Beispiel wurde mittlerweile die Höhe der geteilten Gene von 98% auf 95% revidiert – und diese Prozentangabe mag auch nur für die 30’000 bekannten Gene und nicht auf das gesamte Genom zutreffen, in welchem Falle es eine falsche Meta-Grössenordnung repräsentiert.

Aber ich denke immer noch, dass die Antwort dieser Person ziemlich seltsam war.
Ich weiss nicht mehr was ich darauf antwortete – wahrscheinlich etwas wie „Nein, tut sie nicht.“ – aber ich erinnere mich primär an dieses Ereignis, weil es mir verschiedene Einblicke in die Denkgesetze von Menschen ermöglichte, die weniger aufgeklärt sind.
Mir fiel zum ersten Mal auf, dass menschliche Intuitionen eine qualitative Unterscheidung zwischen „unmöglich“ und „eine winzig kleine Möglichkeit, bei der es sich nichtsdestotrotz lohnt, sie weiterzuverfolgen“ treffen. Diese Erkenntnis ist in der Lotterie-Debatte ersichtlich, wo jemand einmal sagte, dass ein grosser Unterschied bestünde zwischen einer Null-Wahrscheinlichkeit und einer Epsilon-Wahrscheinlichkeit zu gewinnen. Aber es gibt sehr wohl Unterschiede in der Reihenfolge von Epsilon; andernfalls wäre Epsilon mit eins über Googolplex (1:(1.0 x 1010100)) gleichzusetzen.

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Das Problem besteht darin, dass die Wahrscheinlichkeitstheorie uns Wahrscheinlichkeiten berechnen lässt, die teilweise tatsächlich zu klein sind, als dass es sich lohnen würde, ihnen mentalen Raum einzuräumen – aber zum Zeitpunkt dieser Erkenntnis hat man bereits die Berechnungen durchgeführt. Menschen verwechseln die Landkarte mit dem Territorium. Das Aufspüren einer symbolisch beschriebenen Wahrscheinlichkeit fühlt sich dadurch intuitiv an wie „eine Möglichkeit, dessen Weiterverfolgung sich lohnt“, auch wenn der Referent der symbolischen Beschreibung eine winzig kleine verschwindende Zahl darstellt. Wir können tatsächlich Wörter benutzen, um derart kleine Zahlen zu beschreiben, aber keine Gefühle – ein solch kleines Gefühl existiert nicht, es feuert nicht genug Neuronen oder setzt nicht genügend Neurotransmitter frei, als dass es gefühlt werden könnte. Aus diesem Grund kaufen Menschen Lotterielose – niemand kann die Geringfügigkeit einer solch kleinen Wahrscheinlichkeit fühlen.

Aber noch faszinierender ist die qualitative Unterscheidung zwischen „gewissen“ und „ungewissen“ Argumenten, die erlaubt, ungewisse Argumente zu ignorieren. Ist die Wahrscheinlichkeit gleich null, muss der Glauben aufgegeben werden. Liegt sie hingegeben bei eins über Googol, darf sie beibehalten werden.

Wir leben nun mal in einem freien Land und niemand sollte aufgrund illegalen Urteilsvermögens verhaftet werden. Aber wenn ein Argument für eine Sache ignoriert wird, dessen Wahrscheinlichkeit bei eins über Googol (1:(1.0 x 10100)) geschätzt wird, wieso sollte dann nicht auch ein Argument ignoriert werden, dessen Wahrscheinlichkeit auf 0 geschätzt wird? Solange ohnehin Beweise ignoriert werden, ist es schwer zu sagen, wieso es so viel schlimmer sein sollte sichere Beweise zu ignorieren als unsichere Beweise zu ignorieren.
Daraus kann geschlossen werden, dass wir Menschen, wenn wir schon eine Wahrscheinlichkeit von eins über Googol nicht ignorieren können (nur weil wir das wollen), wir auch eine Wahrscheinlichkeit von 0.9 nicht ignorieren können (nur weil wir das wollen). Beides repräsentiert die gleiche rutschige Klippe.

Vielleicht sollte man daran zurückdenken, wenn man sich in Diskussionen bei Gedanken ertappt wie: „Aber du kannst mir nicht das Gegenteil beweisen!“. Wenn man bereit ist, ein probabilistisches Gegenargument zu ignorieren, wieso sollte man dann nicht auch einen Beweis ignorieren?